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Alle Tage wieder

Menstruationstage, Tampons und Mythen - nicht nur in Ägypten - und ein Interview mit Nour Hamdouni von Shemsi


Als sich weiblicher Besuch aus Deutschland ankündigt und wir die Packliste besprechen, gebe ich den Tipp, Tampons mitzunehmen, weil man die in Ägypten nicht bekäme. So ganz stimmt das zwar nicht. In Apotheken in Touristengegenden, in großen Mall-Supermärkten und vor allem online sind durchaus auch in Ägypten Tampons zu finden. Nur üblich wie in Deutschland ist es hier nicht. Auf die Frage meiner Freundin nach dem „warum“ bin ich zunächst ratlos und gebe das weiter, was „man so hört“ - wegen der Jungfräulichkeit. Dass das kein Grund dafür sein kann, dass Tampons im Allgemeinen nur selten in Ägypten verwendet werden, wird im Gespräch klar. Verheiratete Frauen und Mütter müssen schließlich darauf keine Rücksicht nehmen.

Ich mache mich auf die Suche nach Hintergründen, spreche mit verschiedenen Frauen im Alter zwischen 16 und über 70 verschiedener Nationalitäten.(1) Schnell wird deutlich, dass fast durchgehend alle westlichen Frauen ihre Tampons aus Deutschland oder Europa mitbringen. Bei den Gründen, die mir in Ägypten gegen Tampons genannt werden, wird schnell klar, dass es sich vor allem um Halbwissen handelt, das zu abenteuerlichen Antworten führt. Natürlich wird die Jungfräulichkeit für junge Frauen und Mädchen immer als erstes angeführt. Aber ich höre auch, dass man von Tampons Krebs im Unterleib bekäme, dass die Tampons sowieso nicht dicht seien und ägyptische Frauen diese gar nicht mehr wollen, weil sie es als unangenehm empfänden.

Erfunden wurde der Tampon Ende der 30er-Jahr im letzten Jahrhundert in den USA


In Deutschland wurden die ersten Tampons im März 1950 verkauft, ist in unterschiedlichen Quellen zu lesen. Seit der Verwendung eines Tampons erhielten die Frauen vor allem mehr Bewegungsfreiheit bei der Arbeit und beim Sport. Dennoch halten sich verschiedene Gerüchte um den Tampon nicht nur in Ägypten hartnäckig. In einem Artikel vom Bayerischen Rundfunk aus dem Jahr 2018 werden einige Tampon-Mythen erklärt.

Öko-Test hat bereits im Jahr 2009 Tampons auf Schadstoffe untersucht und in etlichen Produkten unter anderem Dioxin festgestellt. In seinem letzten Bericht vom 21. April 2022 zum Thema Tampon gibt Öko-Test jedoch Entwarnung. Die meisten Hersteller hätten nachgebessert und die Tampons könnten mit „sehr gut“ bewertet werden. Der BR verweist zudem auf das BfR:

"Es können Pestizidrückstände nicht ausgeschlossen werden. ... Das BfR ( ...) kam zu dem Ergebnis, dass die gemessenen Gehalte kein gesundheitliches Risiko darstellten." (Bundesinstitut für Risikobewertung, BfR )

Inzwischen sind auch Bio-Tampons erhältlich, die frei von Pestiziden und weiteren Giftstoffen sind. Krebserregend sind Tampons also nicht, und die Produkte haben sich in den letzten Jahren wesentlich verbessert. Öko-Test weist jedoch darauf hin, dass zum toxischen Schocksyndrom oft nicht ausreichend Aufklärung auf den Produkten vorhanden sei. Zum toxischen Schocksyndrom schreibt Öko-Test:

„Das Bundesinstitut für Risikobewertung prüft regelmäßig, inwiefern Produkte gesundheitsschädlich sein könnten. Im Artikel des BR heißt es diesbezüglich: Das toxische Schocksyndrom (TSS) ist ein seltenes, aber lebensbedrohliches Organ- und Kreislaufversagen, das durch bestimmte Keime hervorgerufen werden kann und das Mediziner mit der Verwendung von Tampons und Menstruationstassen in Zusammenhang bringen.“

Bleibt noch das große Geheimnis um die Jungfräulichkeit in Verbindung mit einem Tampon. Auf medizinischen Seiten, aber auch in zahlreichen Frauenzeitschriften, ist zu lesen, dass das sogenannte Jungfernhäutchen „Hymen“ heißt und es sich dabei nicht um eine dünne Haut im Inneren der Vagina handelt. Vielmehr ist das Hymen eine Korona, ein Kranz, aus einer Schleimhautfalte. Das Hymen ist elastisch, so dass es sich entsprechend ausdehnen und wieder zusammenziehen kann. Abgesehen davon, dass das Hymen bei der Verwendung eines Tampons in der Regel nicht verletzt wird, gibt es auch nicht zwingend Aufschluss darüber, ob eine Frau bereits Sex hatte oder nicht. Das Hymen ist so elastisch, dass es sich beim Sex ausdehnen kann. Wird es verletzt, kann es bluten. Blutet es beim Geschlechtsverkehr nicht, ist das aber im Umkehrschluss kein Hinweis darauf, dass die Frau keine sogenannte Jungfrau mehr ist, sondern dass beim Sex das Hymen nicht verletzt wurde. Um das Hymen nicht länger in Verbindung mit Jungfräulichkeit zu bringen, haben die Schweden das Hymen kurzerhand umbenannt. So lesen Sie auf GoFeminin:

„Und so hat die "Schwedische Vereinigung für aufgeklärte Sexualerziehung" (RFSU) den ideologiebeladenen Begriff des "Jungfernhäutchens", der eben das Wort "Jungfer" beinhaltet, durch den Begriff "vaginale Korona" ersetzt.“

Terres des Femmes gibt, ebenfalls auf GoFeminin, eine Erklärung dafür, warum es nicht alle Länder den Schweden gleichtun:

„Der Mythos vom Jungfernhäutchen wird immer wieder dazu genutzt, Frauen in ihrer Lebensführung zu begrenzen und ihnen ihre sexuelle Selbstbestimmung zu verweigern. In streng traditionell patriarchal denkenden Familien wird die Ehre der Familie mit der Jungfräulichkeit ihrer Töchter in Zusammenhang gebracht. Dass die Jungfräulichkeit anhand des Jungfernhäutchens medizinisch fast nicht nachweisbar ist, wissen wenige.“

Junge Männer, vor allem völlig unerfahrene Männer, können beim Sex auch nicht spüren, ob die Frau noch Jungfrau ist, oder nicht. Ein Jungfernhäutchen, das es zu „durchstechen“ gäbe in der Hochzeitsnacht, existiert in der Form nicht.

Somit sprechen für die Verwendung von Tampons wesentlich mehr Gründe, als die Mythen dagegen. Spreche ich Frauen in Ägypten auf Monatshygiene und Tampons an, dann sind selbst Frauen über 50 etwas verschämt bei den Antworten und kichern unsicher. Mit deutschen Frauen ist das Gespräch wesentlich einfacher, und auch in den Medien wird offen damit umgegangen. Weil Google ja immer genau weiß, wonach ich gerade recherchiere, stoße ich auf zwei Artikel der Zeitung WELT. Am 9. Mai berichten sie darüber, dass die Universität Bonn kostenlose Tampons anbieten wolle, um die Frauen finanziell zu entlasten und den Gang zur Universität auch während der Menstruationstage zu erleichtern. Am 12. Mai schreiben sie über Spanien, das einen dreitägigen Menstruationsurlaub einführen möchte.

Da ist es im Vergleich dazu sehr befremdlich für mich zu hören, dass sich in Ägypten nicht alle Frauen Monatshygiene leisten können


Eine Damenbinde kostet etwa 2 Pfund pro Stück, 10 Tampons online gut 100,— ägyptische Pfund. Auf meine Frage, was die Frauen dann täten, ist häufig Schulterzucken die Antwort. Es gibt Wäsche mit Fächern, die mit Watte gefüllt werden können. Häufig aber wird auch gar nichts verwendet, und die Frauen sind für einige Tage in ihren Aktivitäten extrem eingeschränkt.

Wer sich zum Thema Monatshygiene in Ägypten und im Mittleren Osten besonders gut auskennt, ist Nour Hamdouni von der Firma Shemsi. Shemsi stellt sogenannte Periodenunterwäsche her, die während der Monatsblutung ohne weitere Einlagen getragen werden kann. Ich freue mich sehr, dass Nour sich bereit erklärte, meine Fragen zu beantworten.


Hier ist das Interview mit Nour Hamdouni:


Wie war das in Ägypten, bevor es die heutigen Hygienestandards gab, zu denen neben Tampons und Binden auch sogenannte Menstruationstassen gehören?

Nour: Bereits die pharaonischen Zivilisationen kannten mit als erste in der Welt Hygieneartikel für Frauen. Die Königinnen verwendeten bereits Tampons und Pads, allerdings zunächst aus Papyrus, das im Laufe der Zeit von Baumwolle abgelöst wurde.

Warum tragen auch verheiratete Frauen in Ägypten keine Tampons, vor allem bei der Arbeit und beim Sport?

Nour: In Ägypten gibt es verschiedene Barrieren für Frauen, um Tampons zu tragen:

  • Tampons schützen nicht zu 100 % und passen von der Form her nicht optimal, so dass sie immer noch auslaufen können

  • Hinsichtlich des Hymens sollten junge Frauen keinerlei Dinge vor ihrer Hochzeit in ihre Vagina einführen. Es könnte ein Zeichen dafür sein, dass das Mädchen keine Jungfrau mehr sei

  • Ein hygienischer Aspekt: Tampons enthalten Chemikalien genauso wie Pads, und im Inneren des Körpers könne es zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen kommen

  • Es ist nicht komfortabel, einem Fremdkörper im Körper zu tragen, Frauen fühlen sich dabei unwohl

Dennoch gibt es Frauen in Ägypten, die regelmäßig Tampons tragen.

(Anmerkung: Nach meinen Recherchen muss ich etwas über ihre Antworten schmunzeln)

Was sind die Alternativen zu Tampons für ägyptische Frauen?

Nour: 90 % aller Frauen nutzen Damenbinden, einige wenige auch Menstruationstassen, und nun gibt es auch in Ägypten die Möglichkeit, Periodenunterwäsche zu tragen.

Wie kam es zu der Idee von Shemsi, Periodenunterwäsche für Ägypten herzustellen?

Nour: Die Idee wurde vor gut einem Jahr in Marokko, Casablanca geboren. Der Leidensdruck vieler Frauen war so groß, dass wir etwas Neues, Wirtschaftliches und Ökologisches schaffen wollten, ein revolutionäres Produkt für den Alltag von Frauen. Das Material ist ägyptische Baumwolle, und gemeinsam mit unseren besten Kunden dauerte die Entwicklung ein Jahr, um das beste Produkt und die beste Verpackung herzustellen.

Wie wird die Periodenunterwäsche von den Frauen angenommen?

Nour: Der Erfolg ist sehr groß, wir sind bereits ausverkauft (Anmerkung: Seit Februar 2022) und die ägyptischen Frauen haben das Produkt gut angenommen. Shemsi ist ein 100%ig arabisches Produkt mit Produktionsort in Ägypten. Der Produktionsstandort Ägypten ist sehr wichtig, ebenso wie die Produktqualität, die wir den Kunden anbieten. Die Periodenunterwäsche wird im Mittleren Osten inklusive Marokko verkauft. Allerdings kann es sein, dass es zukünftig Konkurrenz von ausländischen Marken gibt.

Ist die Periodenunterwäsche wirklich eine praktikable Lösung? Ich stell mir das sehr unkomfortabel vor, zumal die Wäsche bis zu 12 Stunden getragen werden kann?

Nour: Die Frauen haben das Produkt sehr schnell angenommen, und die Mund-zu- Mund-Propaganda hat sehr gut funktioniert. Feedback findet sich in den Sozialen Medien. Die Produktlinie wird stetig weiter entwickelt und das Sortiment erweitert. Es ist das Gegenteil von unkomfortabel, was soll man Angenehmeres tragen? Die Panties bestehen aus Bambus, Baumwolle und einer wasserdichten Schicht. Es gibt keine Chemikalien und somit auch keine gesundheitlichen Risiken. Zudem ist es einfach zu verwenden und kann wie eine Unterhose angezogen werden und ist zudem von außen nicht zu erkennen. Es ist praktisch für die Arbeit, für Sport, beim Shopping und für nachts.

Produziert Ihr ausschließlich Euer Sortiment, oder kümmert Ihr Euch auch um sexuelle Aufklärung?

Nour: Nein, wir klären auch auf und informieren die Frauen. Das ist ein große Tabu-Thema in arabischen Ländern. Die Informationen erfolgen vor allem über die Sozialen Medien. Unter gesellschaftlichen Aspekten versuchen wir, eine Community rund um das Thema Monatsblutung zu erschaffen, um Verständnis und Aufklärung zu verbreiten. In der arabischen Welt sollen Tabus rund um die Menstruation abgeschafft werden, ebenso wie die sogenannte „Period Poverty“, also fehlendes Geld für Hygieneartikel oder die fehlenden Hygieneartikel selbst. Der Markenname „Shemsi“ (übersetzt: Sonne, Licht) steht dafür, das Leben der Frauen zu erhellen. Wir sind sehr neugierig, was passieren wird, wenn wir Frauen zum Mittelpunkt von Gesprächen, von Absatzmärkten und öffentlichen Räumen machen. Derzeit suchen wir NGOs, die Periodenunterwäsche spenden möchten. In Marokko haben wir das bereits zwei Mal gemacht und wir wollen im 21. Jahrhundert endlich die „Period Poverty“ beenden.

In Deutschland sprechen wir seit den 70er-Jahren offen auch in den Medien über Themen wie Menstruation und sexuelle Aufklärung. Wie ist die derzeitige Situation, und wird zukünftig offener über das Thema gesprochen werden können?

Nour: Als erstes ist zu erwähnen, dass eine Angst in der Gesellschaft besteht, dass jemand merken könnte, wenn die Frau ihre Monatsblutung hat. Die Frauen wünschen sich 100 % Diskretion in arabischen Ländern über ihre Periode, wesentlich mehr als in westlichen Ländern. Wir haben das Gefühl, dass die Frauen während ihrer Periode alles unterdrücken müssen - ihr Blut, ihre Schmerzen und ihre Kleidung - und so diskret wie möglich mit allem umgehen müssen. Hintergrund sind Tabus und Stigmata in Verbindung mit der Monatsblutung, die über Jahre gewachsen sind. Meiner Meinung nach würde in arabischen Ländern niemand öffentlich darüber sprechen, aber einen Informationsfluss gibt es dennoch. Es gibt inzwischen sogar Männer, welche die Periodenunterwäsche für ihre Freundin oder Ehefrau gekauft haben. So vermute ich, dass es im Wesentlichen die Gesellschaft ist, die das Thema niemals öffentlich ansprechen würde. Im Verborgenen sind Fakten jedoch bekannt. Das Gute ist, dass es inzwischen in Ägypten und arabischen Ländern Seiten auf Sozialen Medien auf Arabisch gibt, die mit Fakten aufklären, Tabus brechen und nach und nach auch das Schweigen brechen. Wir sind mit ihnen bereits in Kontakt. Selbst einige Männer ermutigen zu einer offeneren Diskussion und ich denke, in 5 Jahren wird das Thema letztendlich gesellschaftsfähig sein. Es ist nichts Unreines und keine Krankheit, lediglich eine natürliche Sache, die allerdings ausschließlich Frauen passiert.

Das Interview mit Nour hat mich sehr berührt und zeigt einmal mehr, dass wir aus westlicher Sicht Kairo oft nur als Kulisse erleben


Wir wissen häufig nur wenig aus dem Alltag der Menschen um uns herum, und wenn man nicht wie ich das Glück hat, darüber recherchieren und schreiben zu dürfen, bleibt uns der Zugang dazu häufig verwehrt. Der Vergleich der Situation zwischen Deutschland und Ägypten hat gezeigt, dass die Mythen zum Thema Tampons in beiden Ländern ähnlich sind. Dass es gesellschaftliche Tabus geben könnte, war erwartungsgemäß. Über die „Period Poverty“ allerdings wusste ich nichts. Ägypten ist damit nicht alleine. 500 Millionen Frauen sind weltweit davon betroffen, berichtet „Medical News Today“, viele davon in Afrika. Eine Umfrage von UNICEF in Kenia habe ergeben, dass Frauen mangels Hygieneartikeln Federn, Zeitungen, alte Teppiche oder Lehm verwenden. Im Juli 2021 schreibt Ahram Online darüber, dass selbst ein Land wie der Libanon seit der Finanzkrise mit „Period Poverty“ zu kämpfen habe, die Preise für Damenbinden seien um 500 % gestiegen. „Period Poverty“ bedeutet konkret, dass die Frauen am öffentlichen Leben nicht teilnehmen können und ihnen zudem der Zugang zur Schule, Universität und zur Arbeit an diesen Tagen verwehrt bleibt.

Da bleibt nur zu hoffen, dass uns dieses und Ähnliches angesichts der derzeit politischen Entwicklung in Europa erspart bleiben wird. (1) Die Namen werden aus Rücksicht auf die Frauen an dieser Stelle nicht genannt.

[Schriftliches Interview 12. Mai 2022, aus dem Englischen übersetzt von Monika Bremer]