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  • Autorenbild@Nika

Die KI ist heute sehr geschwätzig


Nicht nur in den Medien, auch im Co-Working, in der Consoleya in Downtown Kairo, ist KI, künstliche Intelligenz, oder AI, artificial intelligence, ein Thema. Die jungen Menschen um mich herum sind häufig Programmierer, und wenn ich sie frage, was sie denn arbeiten, dann lautet die Antwort häufig: "Ich erstelle eine Schnittstelle von einer KI zu unserem Unternehmen."


Auch an meiner Arbeit geht das Thema KI nicht spurlos vorbei, sodass ich heute ein wenig Licht ins Dunkel bringen möchte. Ganz praxisnah berichte ich aus meinem Alltag als Journalistin und aus dem Bereich der Content-Erstellung, die ab und zu anfällt - in Zusammenarbeit mit einer sogenannten künstlichen Intelligenz.


So ganz neu ist das Thema künstliche Intelligenz eigentlich gar nicht. Wer bereits einmal versucht hat, mit einem Mobilfunkanbieter oder einem Reisevermittler zu chatten, der wird vielleicht festgestellt haben, dass der Chat nicht persönlich beantwortet wird. Solche Chatbots werden bereits seit 1960 entwickelt, wurden aber erst etwa ab dem Jahr 2010 bekannt, als Siri und Alexa in unser Leben traten. Computergestützte Anwendungen funktionieren in der Regel so, dass sie auf eine Datenbank mit Informationen zugreifen, und auf Aufforderung, entweder durch einen Sprachbefehl, einen Chat-Text oder einen Prompt, wie die Arbeitsaufforderungen bei ChatGPT heißen, die gewünschte Information ausgeben. Besonders gängig sind neben Chat-Bots unter anderem Übersetzungsprogramme im Internet oder als App.


Auch ChatGPT macht im Wesentlichen nichts anderes, als auf eine Datenbank zuzugreifen und gewünschte Informationen auszugeben. Das Neue an ChatGPT sind jedoch zwei Dinge. Zum einen steht ChatGPT der Öffentlichkeit zur Verfügung und kann ohne Programmierung wie eine Suchmaschine bedient werden. Zudem kann ChatGPT Texte verfassen, die so klingen, als wären sie von Menschen geschrieben. Angeblich. Und dann kann ChatGPT Feedback aufnehmen uns sich merken, beispielsweise wenn man das Programm mit einem Daumen hoch für einen guten Text lobt oder mit Daumen runter kritisiert. Es ist auch möglich, einen Kommentar zur Qualität des Textes als Feedback zu verfassen.


Der größte Sprach-Bot neben ChatGPT ist Bing


Der Unterschied zwischen beiden liegt nicht nur beim Inhaber. ChatGPT ist eine OpenSource-Plattform OpenAI, Bing gehört Microsoft. Der Unterschied zwischen beiden Modellen liegt darin, dass Bing direkt auf das Internet zugreift, während ChatGPT die Oberfläche einer riesigen Datenbank ist. ChatGPT wird das aber ändern und kooperiert zukünftig mit Bing. Damit ist es dann auch möglich, mit Chat GPT aktuelle Daten zu erhalten. Bislang geht das nur über einen Umweg. Frage ich ChatGPT zu Informationen über die Krönung von Prinz Charles, dann bekomme ich folgende Antwort:

Beim ChatGPT-Seminar des Deutschen Journalistenverbandes wurde zudem erwähnt, dass es bei der Datenbankpflege von OpenAI in punkto Menschenrechte nicht immer ganz ordentlich zuginge. Im Internet finden sich Berichte, unter anderem basierend auf Recherchen der Times, dass unterbezahlte Kenianer brutale Internetinhalte für ChatGPT filtern müssten. So intelligent, dass das System von alleine lernt, ist es nämlich nicht. Es kann immer nur das, was in der Datenbank vorhanden ist. Abgesehen davon, dass derzeit ChatGPT nicht auf dem aktuellen Stand der Dinge ist, kann es wahr von falsch nicht unterscheiden. Und diesen Hinweis bekommt man auch immer dann, wenn man ChatGPT öffnet. Daher kommt es dann auch vor, dass ChatGPT von einem Thema gar keine Ahnung hat oder einfach Unsinn erzählt.


Neben Chatprogrammen und Sprachsteuerung wird sogenannte KI für Übersetzungstools, Bildgenerierung, Antivirusprogramme und jede Menge Spaßprogramme verwendet. Für seriös halte ich KI-Programme dann, wenn sie über eine Schnittstelle in einem Unternehmen integriert sind, zum Beispiels als Chatbot für eine Reiseagentur. Als absolute Abzocke sehe ich Bild- und Spaßprogramme im Internet oder als App an, mit denen sich zwar lustige Bildchen gestalten lassen, die aber sofort neben einer Registrierung auch einer Zahlung bedürfen.


Zu meinem Entsetzen wird eine KI-Software aber oft auch schon bei der Auswahl in einem Bewerbungsverfahren verwendet. Es gibt Screening-Software, die Lebensläufe auf bestimmte Keywords untersucht, beispielsweise wie "Bachelor" oder "Diplom". Sind diese Worte im Lebenslauf nicht enthalten, dann wird er gar nicht erst von einem menschlichen Wesen gelesen. Was für eine traurige Welt. So Firmen werden zukünftig dann auf künstliche Intelligenz etliche Aufgaben übertragen, und es wird eine immer größere Herausforderung für Verbraucher*innen und Leser*innen werden, um qualitativ hochwertig informiert zu werden.


Glaubt man der Werbung, dann wird unser Leben demnächst von künstlicher Intelligenz gemanagt


Wenn man derzeit jedoch tagtäglich mit einer sogenannten künstlichen Intelligenz zu tun hat, dann darf daran, zumindest zum derzeitigen Stand der Dinge, kräftig gezweifelt werden. Zum einen ist ChatGPT keine Suchmaschine. Im Zweifelsfall sind die gelieferten Informationen, auch, wenn sie in einem hübschen Text verpackt sind, schlichtweg falsch. ChatGPT kann nicht zwischen wahr und falsch unterscheiden. Für das Programm sind alle Informationen Daten, und das Programm rechnet mit den vorhandenen Daten ohne Bewertung.


Und dann kommt es immer auf den Befehl an, den die KI erhält, und ob sie diesen auch versteht. Dafür gibt es inzwischen einen neuen Beruf, nämlich den eines Prompt-Redakteurs. Ein Prompt-Redakteur schreibt Befehle für künstliche Intelligenzen, damit die Ergebnisse, die daraus entstehen, dann auch wirklich intelligent sind.


Dass sich die Suchergebnisse wirklich immer nur auf die Inhalte der Datenbank beziehen, wurde mir dieser Tage beim Chat mit einem Robot mit Vodafone Deutschland deutlich. Ich wollte wissen, wo ich bitte die PIN zu meinen Sprachnachrichten finde, wenn ich diese aus dem Ausland abhören möchte. Also frage ich: "Wo finde ich die PIN für meine Mobilbox?" Und werde darauf hin gefragt: "Benötigen Sie die PUK für Ihre SIM-Karte?" Der Chatbot hatte meine Anfrage mit einer verlorenen SIM-PIN assoziiert und wollte mir mit der Ensperr-PIN, der PUK, weiterhelfen. Selbst mein erneutes Nachfragen nach der PIN für die Sprachnachrichten brachte immer wieder das gleiche Ergebnis.


Was aber kann denn die künstliche Intelligenz nun? Sie kann zum Beispiel Texte schreiben, Texte umschreiben, Themen vorschlagen. Prima, dachte ich. Ich hatte gelernt, dass man dem ChatGPT sagen kann, es solle sich vorstellen, es sei ein Verbraucherjournalist. Ich frage also ChatGPT folgendes:

Du bist Verbraucherjournalist. Schreibe eine pfiffige Einleitung für einen Ratgeber zum Thema Kinderbett.

Und die Antwort, die ich bekam, lautete wie folgt:

Kinderbetten - die Schlafstätten, in denen Träume entstehen und Abenteuer wahr werden! Für Eltern ist die Wahl des richtigen Kinderbetts eine Entscheidung von großer Bedeutung. Schließlich soll es nicht nur gemütlich und sicher sein, sondern auch den kleinen Entdeckern den besten Start in die Welt des Schlafens ermöglichen. Aber keine Sorge, liebe Eltern! In diesem Ratgeber werden wir gemeinsam die geheimen Welten der Kinderbetten erkunden, von bequemen Matratzen über niedliche Designs bis hin zu praktischen Funktionen, die den Alltag erleichtern. Also schnallt euch an, denn es wird eine aufregende Reise durch die magische Welt der Kinderbetten!

Der Informationsgehalt dieses Textes liegt bei Null. Ich korrigiere mich und verbessere meinen Prompt:

Du bist Verbraucherjournalist. Schreibe eine sachliche Einleitung für einen Ratgeber zum Thema Kinderbett. Verwende dabei wichtige Kaufkriterien und schreibe nicht mehr als 100 Wörter.

Und siehe an, was ich dann erhalte, ist gar nicht mal so schlecht:

Ein Kinderbett ist ein wichtiger Bestandteil der Kinderzimmerausstattung, der sowohl Komfort als auch Sicherheit gewährleisten sollte. Bei der Auswahl des richtigen Kinderbetts sind verschiedene Kaufkriterien zu beachten, wie zum Beispiel die Größe des Betts, die Qualität der Matratze, die Stabilität des Rahmens und die Verwendung schadstofffreier Materialien. Dieser Ratgeber bietet einen Überblick über die wichtigsten Aspekte beim Kauf eines Kinderbetts, um Eltern bei der Entscheidung zu unterstützen und ihren Kindern einen sicheren und erholsamen Schlaf zu ermöglichen.

Das zeigt, wie wichtig der Mensch ist, der dem System einen Befehl gibt. Eine künstliche Intelligenz ist derzeit oft nur so intelligent wie der Mensch, der sie nutzt.


Dabei ist so eine KI manchmal trotzig wie ein kleines Kind und versteht das Wort "nicht", "ohne", "keine" oder "nein" beispielsweise nicht. Beim Umschreiben von Texten sollte die KI nicht werblich sein. Heraus kamen Texte wie "die überaus hohe Leistung des Produktes XY überraschte uns, und daher empfehlen wir dieses Produkt für ich-weiß-nicht-was-Enthusiasten." Mich hat ein Rasenmäher oder eine Küchenmaschine jedenfalls noch nie überrascht. Mit solchen Texten sind die KIs dann auch nicht kompetenter, als sogenannte Content-Writer, die oft nur angelernt sind und für ein paar Cent pro Wort Texte schreiben, bei denen sich die Nackenhaare aufstellen. "Dieses Produkt bietet enorm viele Vorteile, welche wenn Sie das Produkt nutzen entstehen. In unserem Ratgeber erklären wir Ihnen warum das Produkt besser ist wie andere und Sie finden genau das Produkt für ihre Bedürfnisse". Leider ist das Internet voll mit so einem Unsinn. Enorm viele Vorteile können konkretisiert und mit Zahlen unterfüttert werden. Es heißt immer noch besser als, und für welche Bedürfnisse soll ich ein Produkt denn sonst aussuchen, wenn nicht für mich.


Ich wollte die Fragen einer meiner Ratgeber umschreiben lassen. Ich fand, ich hatte zu oft das Wort "welche" verwendet: Welche Arten von diesem Produkt gibt es, auf welche Ausstattung sollte man achten, und welche Tipps gibt es zur Verwendung dieses Produktes. Das hat ChatGPT einfach nicht kapiert, und bei jeder Textumschreibung kam immer noch das Wort "welche" vor. Trotzig wie ein kleines Kind.


KI kann zum Erstellen von Content genutzt werden


Um zu verstehen, wozu man eine KI halbwegs sinnvoll einsetzen kann, ist es wichtig zu verstehen, was ein Content-Writer und was ein Journalist tut. Content bedeutet Inhalt, und so könnte man meinen, Content-Writer sind alle, die irgendwas ins Internet stellen. Aber Content-Writer erhalten Informationen, beispielsweise von einem Hersteller zu einem Produkt, und bereiten diese Informationen für das Internet auf. Content-Writer schreiben beispielsweise Produktzusammenfassungen, Bildbeschreibungen oder Gebrauchsanweisungen.


Wenn eine Produktbeschreibung nun nicht nur auf einer Internetseite, sondern auf mehreren erscheinen soll, wäre es blöd, wenn auf jeder Internetseite zu dem Rasenmäher 123 der gleiche Text stünde. Also kann eine KI den Text ja einfach ein paar Mal umschreiben. Allerdings muss man eine KI dabei ganz schön im Auge behalten und jeden Text manuell korrigieren. Ab und zu schreibt die KI dann nämlich plötzlich auf Englisch. Oder sie schreibt unter den Text: "Dieser Text wurde ganz ohne werbliche Ausdrücke erstellt". Brav. Will aber niemand lesen. Auch sind die Keywords, die in einem Text eventuell vorkommen, für den Leser wirklich nicht interessant und sollten nicht am Ende des Textes aufgelistet werden. Sieht dann komisch aus. Der Hinweis eines Kollegen, die KI sei heute sehr geschwätzig, bezog sich dann auf die Länge eines Textes. Ein Text mit bis zu 60 Wörtern wurde mit 170 Wörtern umgeschrieben, natürlich nur mit bla bla.


Hier zur Unterhaltung einige nervige KI-Formulierungen, die einfach nur gestrichen gehören:

  • Bei unserem Vergleich ist uns aufgefallen, dass die Dosierung möglicherweise nicht für jede Person ausreichend ist. (ach was, echt jetzt?)

  • Das hat uns überrascht. (nö, ehrlich gesagt nicht)

  • Unsere Beobachtungen zeigen, dass dieses Produkt für bestimmte Anwender von Interesse sein könnte. (das ist genauso sinnvoll wie "enorm viele Vorteile", außerdem beobachten wir nichts)

  • Einziger Nachteil ist... (nun kommt eine eigene Ergänzung) (schön, dass der Leser nun die Nachteile selbst einsetzen darf)

Journalisten sind keine Werbeabteilung für Politiker, Firmen oder Künstler


Journalisten hingegen, sowohl Verbraucherjournalisten als auch politische Korrespondenten oder Kultur- oder Reisejournalisten, recherchieren, analysieren, ordnen ein und informieren sachlich. Als Verbaucherjournalistin schaue ich mir zum Beispiel nicht ein Produkt an, sondern mehr als zehn. Ich lese Ergebnisse der Stiftung Warentest und von Öko-Test und schaue Hersteller-Videos, wie man Bohrmaschinen verwendet. Manchmal frage ich auch Menschen, die sich damit auskennen, wie zum Beispiel eine Dekupiersäge genutzt wird. Dann ordne ich das ein und gebe sachliche Informationen. Ich bewerbe niemals bestimmte Produkte. Sondern schreibe zum Beispiel: "Wenn Sie einen Garten mit einer Rasenfläche von 1.000 qm haben, dann ist ein Rasenmäher mit einer Schnittbreite von über 50 cm eine gute Wahl. Möchten Sie zudem verhindern, dass Sie mit dem Rasenmäher über das Stromkabel fahren, dann bietet sich ein akkubetriebener Rasenmäher an". Ich sage nie, nimm den Rasenmäher von Hersteller A oder Hersteller B. Ich gebe aber den Hinweis, dass der Akku im Zweifelsfall mehrere Stunden durchhalten muss, weil es sonst inklusive Akkuladezeit drei Tage dauern kann, bis man mit dem Rasenmähen fertig ist. Etwas lapidar gesagt. Auch ein politischer Korrespondent macht im Wesentlichen nichts anderes. Er recherchiert und analysiert Informationen, ordnet diese ein und informiert. Content-Writer schreiben für bestimmte Firmen oder Produkte. Journalisten aber sind nicht die Marketing-Abteilung für Politiker oder Regierungen, Firmen oder Produkte, Künstler oder Veranstaltungen.

Leider sind Computerprogramme wesentlich günstiger als Mitarbeiter. Das wird dazu führen, dass im Bereich der Werbung, der Social Media und der Content-Erstellung vermehrt KI eingesetzt wird. Je nachdem, wie sich die KIs entwickeln, kann das zum einen dazu führen, dass die Texte immer gleichtöniger werden. Dass Informationen nicht auf Wahrheitsgehalt überprüft werden und es noch mehr Fake-News geben wird. Und dass diese Informationen dann wild kommentiert und diskutiert werden, ohne, dass es eine sachliche Grundlage dafür gibt. Einige KIs können aber ganz schön kreativ sein und in Sekundenschnelle Ideen entwickeln, aus denen sich etwas machen lässt. Songtexte, Themenvorschläge, Formulierungen, Aufzählungen, Tabellen, Bewerbungstexte und mehr. Und das oft gar nicht so schlecht.


Qualitativen, also gut recherchierten und sorgfältig geschriebenen oder in Bild und Ton aufbereiteten Journalismus wird, meiner Meinung nach aus heutiger Sicht, die KI so schnell nicht ersetzen können. Die KI ist nicht dabei, wenn ein Konzert gespielt wird. Sie erfasst keine Emotionen, die während eines Konzertes entstehen. Eine KI kann keine Emotionen. Sie führt auch keine Interviews, bei denen es auf die feinen menschlichen Nuancen, auf ein Stirnrunzeln oder ein verschmitztes Lächeln, ankommt. Und eine KI wird unser Leben nie beherrschen, wenn wir das nicht wollen. Denn eine KI ist ein Computer, und den kann man ausschalten und sich stattdessen mit echten Menschen unterhalten oder ein Stück spazieren gehen. Die Tipps für den Spaziergang gibt dazu aber gerne Alexa, Siri oder ChatGPT.

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