• @Nika

Rent an Ahmed

Diesen Sommer gab ich online mehrfach das Wort "rent", auf Deutsch "mieten", als Suche ein. Hotels, AirBnB, Apartments, Zimmer. In Dahab, München, Amsterdam, Berlin um herauszufinden, ob und wie eine Reise möglich wäre und was, wenn ein Coronatest mal positiv wäre. Dank Keyword, Suchmaschinenalgorithmus und Geotracking erhielt ich dann einige Male Werbung einer Seite "Rent a Friend". Einen Freund mieten? In Kairo? Mein erster Gedanke war, dass Prostitution in Ägypten verboten ist. Wie kann es dann sein, dass so eine Seite dann offiziell Werbung macht?


Ich wurde neugierig und entschied, der Sache auf den Grund zu gehen.


Ich fand "Rent a Friend", "Rent a local Friend" and "Friend for Rent". Alles internationale Seiten, "Friend for Rent" jedoch ganz offensichtlich auf den arabisch sprachigen Markt ausgerichtet. Gibt man in Google "Rent a friend" ein, dann lautet die Seitenbeschreibung "Rent a friend to meet new people and to find platonic relations. Rent a friend to go to an event or party with you, teach you a new skill or hobby, help you meet new people, show you around town, or just someone for ...", dann endet die Google-Vorschau. Mit "Rent a Friend" soll es ganz einfach sein, wenn man neu in der Stadt sei, neue Freunde zu finden. Und alles ganz platonisch. Dass die Google-Suchbeschreibung mit "just someone for..." endet, mag platzbedingt Zufall sein, entspricht jedoch auch meiner Vermutung und wohl auch der Realität.


Was kostet es, einen Freund zu mieten?


Um mehr herauszufinden, will ich mich bei einem der Dienste anmelden und hoffe auf eine Art Probemitgliedschaft. Leider Fehlanzeige. Bei "Rent a Friend" kaufe ich die Katze im Sack und das für 25 Dollar im Monat. Nachdem ich dem Unternehmen nicht traue, möchte ich denen auch keine Kreditkartendaten überlassen. Bei "Rent a local Friend" scheint die Mitgliedschaft kostenlos zu sein. Ich melde mich an und "Alice" schreibt mir. Um mich als Freund zu qualifizieren, will sie mit mir ein Interview führen, in dem sie abfragt, ob ich auch genug über Kairo wisse, um meinen neuen Freunden die Stadt zeigen zu können. Ich wollte mich gar nicht als Freund anbieten, sondern einen Freund zwecks Interview und Erfahrungsaustausch finden, anscheinend geht das nicht. Alice schreibt mir an einem Tag gleich sechs Mal mit der Aufforderung zum Interview.

Mir erscheint das merkwürdig und ich verzichte. Sowohl Alice, als auch die Internetseite, weisen mich darauf hin, ich möge bitte eine Spende für das Projekt einzahlen. Ein Freundprofil kann ich bislang immer noch nicht anklicken. Auch hier kaufe ich die Katze im Sack. Ich kann mir nicht sicher sein, dass die sogenannten Freunde echt und was ihre Absichten sind. Als Marketingprofi und Content-Writer bin ich da äußerst skeptisch."Friend for Rent" finde ich ausschliesslich in Facebook, die Internetseite existiert nicht. Die Facebookseite ist zwar auf Arabisch, gemäß Werbefotos zielt man aber wohl auf eine internationale Klientel. Wieder ein Hinweis für mich, dass man mit all diesen Seiten möglicherweise keine Freundschaften unter Ägyptern vermitteln will, die neu in eine Stadt ziehen. Möglicherweise klappt das in europäischen oder amerikanischen Städten, für Kairo und Dahab empfinde ich diese Seiten als sehr suspekt. Würde ich mich darauf einlassen, müsste ich pro Stunde an meinen neuen Freund oder meine neue Freundin 10 Dollar oder mehr bezahlen. Ich lese die Vorschauen verschiedener Freundeslisten sowie Facebook-Kommentare. Wiederholt finde ich den Kommentar "ich brauche diesen Job". 10 Dollar oder mehr scheint ein verlockendes Angebot zu sein. Und immer wieder lese ich, dass man sich erhofft, internationale Freunde zu finden. Noch immer scheinen internationale Freunde als Dooropener für ein besseres Leben zu stehen.


Die Freundschaftsversprechen sind groß.


Die Angebote der neuen Freunde gemäß Profilvorschau sind vielfältig.

Guter Zuhörer, sportliche Aktivitäten und Ausgehen sind besonders beliebte Qualifikationen. Ich wundere mich. Sportliche Aktivitäten werden in Kairo vorrangig in Sportclubs ausgeübt. Dort trifft man Freunde und Familie. Ich kann mir schwer vorstellen, dass jemand, der beispielsweise im Gezira Sportclub für einige tausend Dollar im Jahr Mitglied ist, sich für 10 Dollar pro Stunde als Freund vermieten möchte. Wie also möchte mir mein neuer Freund Sport und Aktivitäten zeigen? Ausserhalb der Clubs kann man in Kairo in Cafés und Restaurants gehen und Spazieren. Alles andere ist nicht wirklich realistisch. Schmunzeln muss ich, als ich bei einem Ahmed - und Ahmeds gibt es auffällig viele - lese, er könne mein bester Freund werden, gut zuhören und alle meine Probleme lösen. Die Probleme, die dieser Ahmed lösen kann, die hätte ich gerne. Bislang sind Probleme immer diejenige Ausrede, die Ägypter benutzen, wenn sie nicht oder nicht pünktlich zu Terminen erscheinen oder Dinge erledigen. Jüngst diese Woche mit einem Kollegen erlebt, der zu spät kam weil er Probleme mit dem Auto hatte und erst gar nicht erschien, weil er Probleme mit der Familie hatte. Ich frage mich, was diesen Menschen durch den Kopf geht und was deren Vorstellungen sind, wenn sie so Dinge in ihr Profil schreiben und das womöglich wirklich ernst meinen. Ich habe Ägypter überwiegend als besonders freundlich und vor allem auch sehr hilfsbereit kennengelernt. Wenngleich die Lösungen oft eine Verschlimmbesserung als eine Lösung aus meiner Sicht waren. Meine Sicht gilt aber nicht immer als Benchmark.


Auf der Facebook-Seite finde ich auch Bilder, die auf die Überarbeitung der Internetseite hinweisen.


Nach platonischer Freundschaft sieht mir das nun wirklich nicht aus.


Ich kann es keinem Ägypter verdenken, der mit Hilfe einer solchen Plattform hofft, internationale, also in seiner Vorstellung reiche, Bekanntschaften zu machen oder Sexualpartner zu finden. Alle Menschen sind sexuelle Wesen, völlig unabhängig von Gesellschaft und Religion. Daher ist dieser Wunsch nur verständlich. Die Frage ist nur, was dann, und wie wird das dann in Ägypten geregelt? Gesetzlich darf Sex nur in der Ehe stattfinden, alles andere gilt als Prostitution und Prostitution ist in Ägypten illegal. Ägypter dürfen unverheiratet kein Hotelzimmer teilen und in einem Apartment nicht gemeinsam übernachten. Wenn jemand die Polizei ruft oder die Polizei Kontrollen vornimmt, können beide Beteiligten verhaftet werden. Auch, wenn ein Partner Nicht-Ägypter ist. Die Seite "Law Help in Egypt" gab im Februar Auskunft über die sogenannte Orfi-Ehe. Ein ziviler Ehevertrag, der bei der Behörde vorgelegt und legalisiert werden kann. Rechtlich offiziell heiratet man in Ägypten auf einer Behörde. Das Orfi-Papier ist auch als Sommer-Fick-Papier (Entschuldigung für den Ausdruck) bekannt. Zwei männliche, wohlgemerkt männliche Zeugen, sind notwendig, damit es gültig wird. Jeder Ehepartner bekommt zwei Ausfertigungen. Im Wesentlichen war das Papier als Schutz für die Frau gedacht, denn in dem Papier wird auch die Mitgift und die finanziellen Rechte der Frau bei Scheidung festgehalten. Oft wird dem Vertrag ein unterzeichneter Scheck beigelegt. Auf Erbrecht und Besitz hat dieser Vertrag, weil nicht als rechtskräftige Ehe anerkannt, jedoch keinen Einfluss. Ebenso besteht kein Recht auf Visum oder Staatsangehörigkeit. Schutz für die Frau scheint jedoch nur vordergründig finanziell gewährleistet, denn es gibt gemäß "Law Help in Egypt" drei Möglichkeiten einer Scheidung:

  1. Der Mann spricht die Scheidung aus

  2. Eine einvernehmliche Trennung, die dann als vollzogen gilt, wenn alle Vertragsexemplare vernichtet, beispielsweise verbrannt, sind

  3. Die Frau kann vor Gericht gehen, wenn der Mann die Scheidung verweigert

Hier kann also nicht unbedingt von Gleichberechtigung gesprochen werden. Zudem darf der Mann so viele Orfi-Ehen gleichzeitig eingehen wie er möchte, die Frau muss er noch nicht mal darüber informieren. Und wenn die Frau die Scheidung, auf Arabisch "Khula", verlangt, muss sie die Mitgift zurück zahlen. Dieser Vertrag wird zwar heute oft als zeitlich begrenzte Ehe abgeschlossen, war aber eigentlich nicht dafür gedacht. Der Vertrag war als erster Schritt und zivile Vereinbarung unter Ehepartnern gedacht, der unter anderem die Mitgift und die finanziellen Rechte der Frau sichern sollte. Er wird bei der offiziellen rechtskräftigen Hochzeit dann mit vorgelegt. Den Namen "Sommer-Fick-Papier" hat dieser Vertrag erhalten, weil sich damit wohlhabende Männer oft sexuelles Vergnügen auf Zeit legalisieren lassen. Daher gibt es eine Regelung, die besagt, dass, wenn ausländische Männer einen Orfi-Vertrag mit einer ägyptischen Frau abschliessen, die 25 oder mehr Jahre jünger ist als der Mann, der Mann einen Geldbetrag auf das Konto zugunsten der Frau überweisen muss. Im Jahr 2015 wurde die zu hinterlegende Summe auf 50.000,-- ägyptische Pfund erhöht. Nicht selten enden solche Ehen auch mit dem Sommer, nicht selten bleibt eine Schwangerschaft. Allerdings haben die unter Orfi-Vertrag gezeugten Kinder das Recht auf den Namen des Vaters, auf Alimente jedoch nicht. Rechtlich ist man mit so einem Vertrag erstmal auf der sicheren Seite. Über Moral darf ich mir hier kein Urteil erlauben. Ich habe nicht das Recht, diejenigen Familien zu verurteilen, die - und hier muss ich sagen angeblich - ihre Töchter über den Sommer an reiche Saudis vermieten. Dass ich das nicht gutheiße, ist hoffentlich klar.


Prostitution ist in Ägypten verboten.


Die Frage ist, wo die moralische Grenze ist. Und offiziell spricht auch niemand darüber. Daher sind die Geschichten, die "man so hört" lediglich Geschichten, deren Wahrheitsgehalt ich nicht überprüfen kann. Allerdings gibt es einen Blogbeitrag, dessen Verfasser ich aus Vorsichtsgründen lieber nicht nennen möchte, der sich nach der Revolution in 2011 auf die Suche nach bezahltem Sex in Kairo gemacht hat. Er beschreibt, dass man ihn an die großen Hotels verwiesen habe. Im Marriott möge man in das Casino gehen. Er wäre dort auch direkt angesprochen worden und man habe über einen Preis von 400 Dollar pro Nacht verhandelt, als Ausländer sei er ja reich. Er habe abgelehnt. Cool fand ich seine Geschichte aus dem Vier-Jahreszeiten-Hotel. Im Hotel habe man ihm erklärt, wie die Sache funktioniere. An der Bar möge er sein Bluetooth am Handy einschalten. Unter den verfügbaren Bluetooth-Namen könne man sich dann jemanden aussuchen. Ich war verdutzt und fand das sehr kreativ, möglicherweise bin ich aber in diesem Punkt auch einfach sehr naiv. Anscheinend gibt es jedenfalls für alles eine Möglichkeit und eine Lösung.


Nachdem Sex gegen Geld jedoch illegal ist, hört man auch immer wieder Geschichten, die für die Frauen nicht so gut ausgehen. Die Frauen haben keinerlei Schutz und rechtlichen Rückhalt, und nicht jeder Mann benimmt sich gut oder bezahlt was vereinbart war. Die Frau ist dann der Situation ausgeliefert.


Leider gelingt es mir bei meinen Recherchen nicht, mit einem "Freund" aus Kairo ins Gespräch zu kommen. In den Facebook-Kommentaren finde ich jedoch Eduardo aus New York und schreibe ihn an. Er hatte sich quasi beschwert, dass auf "Rent a Friend" niemand sein Freund sein wollte. Ich schreibe ihn über sein Facebook-Profil an und bitte ihn um Auskunft und seine Erfahrung. Anfangs erzählt er bereitwillig, dass er einsam sei und nach Freunden suche. Aber niemand wolle sein Freund sein. Er erkläre sich das damit, dass er recht radikale Ansichten habe. Er fände die Polizei in Amerika toll und hasse die Initiative "Black life matters". Außerdem würde er nicht arbeiten und sein ganzes Leben spiele sich online ab. Bereits zu diesem Zeitpunkt wundert mich nichts mehr. Als ich ihm tags darauf nicht umgehend im Messenger antworte, wünscht er mir - ich zitiere - meine Muschi möge verrotten. Ich blockiere ihn und möchte ihn noch nicht mal zum Freund haben, wenn er mir 10 Dollar pro Stunde zahlen würde.


Das soziale Leben in Ägypten spielt sich großteils in Familien ab. Das, was hier unter "Freund" verstanden wird, verstehen wir in Deutschland unter Bekanntschaften. Vertrauensvolle Freundschaften, die jahrelang gewachsen sind, sind zu Ausländern selten. Oft liegt es daran, dass die Zeit in Kairo für uns Ausländer begrenzt ist, oft sind kulturelle Unterschiede zu groß. Singlehaushalte wie in München, Hamburg oder Berlin gehören in Kairo nicht zur typischen ägyptischen Gesellschaft. Vertraute Freundschaften als Familienersatz sind unüblich. Aber nette Bekanntschaften kann man in Kairo in jedem Café, im Chor, beim Sport und mit Musik und auf Konzerten machen. Oft einfach aus Interesse und ohne irgendwelche Absichten, oft kurzfristig. Wer neu nach Kairo kommt, hat oft Kollegen oder findet in der Expat-Group-for-Women auf Facebook erste Kontakte. Einen Freund lade ich gerne zum Kaffee oder Glas Wein ein. Aber einen Freund zu mieten halte ich, zumindest für Kairo, für die schlechteste aller erdenklichen Alternativen. Und ich konnte bei meinen Recherchen nichts entdecken, was mich vom Gegenteil überzeugen konnte.

© 2020 Monika Bremer