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Durchgefallen

Durchgefallen

Ein Begriff, der bislang in Kairo, zumindest im Zusammenhang mit einer Führerscheinprüfung, unbekannt war. Jedenfalls in meinem Bekanntenkreis. In den letzten Tagen begegnete ich jedoch zwei Personen, die, trotz des langjährigen Führerscheins in Deutschland, die Fahrprüfung in Kairo nicht bestanden hatten. Bei meinem ägyptischen Bekannten war die erste Reaktion ein schallendes Gelächter, bei allen anderen Personen ein ungläubiges Hochziehen der Augenbrauen. Mit dem Einverständnis der betroffenen Personen mache ich mich auf die Suche, wie man denn in Kairo einen Führerschein bekommt und spreche dazu mit etlichen Personen, ägyptischen und deutschen, einige derzeit noch in Kairo, eine andere zurück in Deutschland. In Downtown kann man alles kaufen Das war immer die Aussage kurz nach der Revolution Ende Januar 2011. Angeblich gab es in Downtown düstere Stübchen, wo illegal alle möglichen Ausweise und auch Führerscheine gedruckt und verkauft wurden. Das Stübchen gesehen oder jemanden getroffen, der dieses geheimnisvolle Stübchen kennt, habe ich nicht. Ich wohne mitten in Downtown und weiss von nichts. Was aber nicht viel aussagt, denn mir als Ausländerin würde man das bestimmt nicht als erstes verraten. Aber auch die ägyptischen Bekannten, die ich frage, wissen von nichts. Würde ich dieses Stübchen jedoch auftun, hätten sie etliche Bestellungen für mich. Mein ägyptischer Bekannter hat seinen Führerschein gemacht. Wie? Er sei hingegangen und hätte die Prüfung gemacht. Theorie sei ganz einfach gewesen. Er hätte in einem Raum gesessen mit weiteren Führerschein-Kanditaten. Dann wären Fragen gestellt worden zu Verkehrsregeln. Hätte jemand die richtige Antwort gewusst, hätte die Frage als bestanden gegolten für alle Anwesenden. Bei seiner Fahrprüfung musste er einmal vorwärts und einmal rückwärts um zwei Pylonen herum fahren, fertig. Fahren gelernt hatte er von einem Freund und seinem Vater. Das ist in Ägypten so üblich. Die meisten lernen Auto fahren vom Freund, vom Cousin oder vom Vater. Allerdings muss das nicht so sein. Auch in Kairo gibt es Fahrschulen Auf der Seite, die auch auf Englisch verfügbar ist und sich deutlich an weibliche Klientel richtet, weil sie mit weiblichen Fahrlehrerinnen werben, werden verschiedene Pakete angeboten. Für fortgeschrittene Fahrer, also diejenigen, die mit Vater und Cousin schon geübt haben, gibt es ein 6-Stunden Paket für 1.350,-- ägyptische Pfund, knapp 70,-- Euro. Man muss das ägyptische Pfund im Inland im Verhältnis jedoch zueinander sehen wie den Euro in Deutschland. In Deutschland entspräche der Preis im Inlandsverhältnis somit 1.350,-- Euro. Das können sich in Ägypten viele nicht leisten, so dass der Cousin weiterhin herhalten muss. Für das Geld bekommt man die besagten 6 Fahrstunden mit den Lernschwerpunkten Wiederholung von Grundlagen in der Fahrpraxis Fahren auf Hauptstraßen Einparken Wechsel der Geschwindigkeiten Verwendung der Autospiegel 8 Fahrstunden sind etwas teurer, 1.800,-- LE (ägyptische Pfund), und man bekommt dafür beigebracht, wie man im Auto Sitze und Spiegel einstellt, wie man die Spiegel und die Blinker beim Fahrspurwechsel verwendet, wie man einen U-Turn macht und auf einem großen Platz und auf Hauptstraßen fährt und wie man parkt. Diejenigen, die den Verkehr in Kairo kennen oder gar selbst fahren, werden jetzt schmunzeln und mir zustimmen, dass 99 % aller Fahrenden in Kairo diesen Kurs offensichtlich nicht besucht haben. Blinken beim Fahrspurwechsel und ein Blick in den Spiegel hätte ja mit Rücksicht zu tun. Damit kommt man aber anscheinend im Verkehr in Kairo nicht vorwärts. Einfach fahren wo Platz ist und im Zweifelsfalls laut schimpfen ist zwar nicht Lerneinheit einer Fahrschule, aber Praxis. Wer 10 Fahrstunden bucht, kann noch nicht fahren. Denn als Ergänzung zum 8-Stunden-Paket kommt das Starten des Motors und sowie vorwärts und rückwärts fahren sowie anhalten zum Lerninhalt dazu. Das 12-Stunden-Paket kostet dann regulär 2.640,-- LE und ergänzt das 10-Stunden-Paket, das 2.000,-- LE kostet, um die Vorbereitung zur Fahrprüfung und Hilfe, um den Führerschein zu erhalten. So heißt es auf deren Internetseite. Was unter "Hilfe, um den Führerschein zu erhalten" gemeint ist, wird nicht näher ausgeführt. Wer positiv denkt, denkt an intensiven Fahrunterricht sowie Vorbereitung auf die Theorieprüfung. Wer seinen Führerschein schon gemacht hat, hat eventuell etwas anderes im Hinterkopf. Wer Pylonen bei der Prüfung umfährt, fällt durch Eine meiner beiden Bekannten fährt seit Jahren mit einem internationalen Führerschein in Kairo, der jetzt abgelaufen ist, eine andere Bekannte hat sich neu ein Auto gekauft und möchte dazu den ägyptischen Führerschein machen. Eine ehemalige Kollegin ist ebenfalls zur Fahrprüfung angetreten, hat aber bestanden. Als ich 2012 auf das ägyptische Kreisverwaltungsreferat, die Mogamma, musste, um mein Visum zu verlängern, ging ich dort alleine hin. Ich war die einzige Ausländerin, die bei NokiaSiemens arbeitete und ich hatte mich mit allem alleine durchgewurstelt. Da und da musst Du hin, Du brauchst Fotos und Fotokopien vom Pass und dann gehst Du hin und fragst wo Du das alles ist. Also ging ich zur Mogamma, fragte, damals noch mehr mit Händen und Füßen als heute, wo ich hin muss, und machte das. Den Service, den es an allen ausländischen Schulen gibt, nämlich dass Lehrerinnen und Lehrer bei administrativen Angelegenheiten einen ägyptischen Kollegen an die Seite gestellt bekommen, den hatte ich auch erst in 2013 an meiner ersten deutschen Schule in Kairo kennengelernt. Seitdem war ich auch nicht mehr alleine auf einem Amt. So war es dann auch selbstverständlich, dass alle Nicht-Ägypter, die sich an der Fahrprüfung versuchten, eine ägyptische Begleitung an ihrer Seite hatten. Für Giza, also auf der westlichen Nilseite, ist die "Murur", die Zulassungsstelle für Kraftfahrzeuge und Führerscheinstelle nach Sheikh Zayed außerhalb der Stadt gezogen. Es soll dort alles neu und schick sein und es gäbe einen Platz, auf dem man die praktische Fahrprüfung ablegen müsse. Mit je 2 Pylonen werden drei Tore aufgebaut, durch die man einmal vorwärts und einmal rückwärts fehlerfrei durchfahren muss. Mit einem Auto der Kraftfahrzeugstelle, die jetzt alle neu sein sollen. Fährt man einen Pöller um oder setzt man zurück, um zu korrigieren, ist man durchgefallen, wie beide Bekannten erfahren mussten. Bei der einen Bekannten waren mit ihr noch 8 weitere Kandidaten am Start, vier davon ebenfalls durchgefallen. Dass man durchfällt, wenn man die Pöller umfährt, ist verständlich. Aber die Frage, die sich alle stellten, war eine ganz andere. Warum mussten sie überhaupt fahren? Ein junger Mann, inzwischen auch wieder in Deutschland, machte hier auch seinen ägyptischen Führerschein und berichtete auch, dass er um zwei Pylone fahren musste, einmal vorwärts und einmal rückwärts. Allerdings mit seinem eigenen Auto. Von drei Törchen hatte er nicht erzählt. Hinsichtlich der Theorie wurde er nur gefragt, ob er denn lesen könne, und damit war das Thema Theorie dann erledigt. Eine ehemalige Kollegin berichtet mir ausführlich, wie sie den Führerschein in Kairo gemacht hatte. Damals war die Zulassungsstelle noch in Dokki, direkt bei ihr um die Ecke. Sie erzählt mir halbwegs belustigt, dass sie des öfteren auf der Straße den armen Kandidaten bei der Führerscheinprüfung zugesehen hätten. Eine medizinische Untersuchung gehört mit zur Führerscheinprüfung Auch sie war mit mehreren damaligen Kolleginnen und Kollegen in männlicher ägyptischer Begleitung zur Zulassungsstelle gefahren. Die sogenannte ärztliche Untersuchung ähnelte mehr einer Befragung über Bauch und Augen durch einen Beamten, als einer ärztlichen Untersuchung. Letztendlich wurde sehr schnell jedoch die körperliche Fahrtauglichkeit bescheinigt. Nicht nur mein ägyptischer Bekannter, auch zahlreiche Kollegen, ägyptisch und nicht ägyptisch, berichteten von der Theorieprüfung immer das Gleiche. Die Fragen wurden kollektiv gestellt und kollektiv beantwortet. Als meine ehemalige Kollegin diesbezüglich nun nach ihren Arabischkenntnissen gefragt wurde und sie diese durch Vorlesen bestätigen konnte, stand nicht nur ihr, sondern der ganzen Gruppe eine schriftliche Theorieprüfung ins Haus. Die Begleitperson muss wohl ziemlich schockiert gewesen sein und wusste, dass die anderen mit diesen Arabischkenntnissen nicht mithalten konnten. Die Begleitperson setzte nun alle Hebel in Bewegung, damit die Gruppe der deutschen Führerscheinanwärter zur Prüfung nicht antreten musste. Die praktische Prüfung wäre gewesen, einmal vorwärts zu fahren und einmal rückwärts plus eine Kurve um eine Pylone herum. Meine ehemalige Kollegin war ein bisschen enttäuscht, dass sie lediglich 600,-- LE, gut 30,-- Euro bezahlen musste und dann den Führerschein erhielt - dank der Beziehungen und des Verhandlungsgeschicks und dem Bargeld der ägyptischen Begleitung. Mit Wörterbuch hätte sie sich ganz gerne auf das Abenteuer Führerscheinprüfung eingelassen, und vor dem vorwärts und rückwärts fahren hatte sie auch keine Sorge. In der deutschen Community entstanden Gerüchte, man könne den Führerschein einfach kaufen Grundsätzlich werden Geschichten im Gespräch ja nie so weiter gegeben, wie sie passiert sind. Entweder wird etwas weggelassen oder hinzu gedichtet. Die Geschichte mit dem Tenor "wir mussten gar keine Prüfung machen sondern nur Geld bezahlen" verbreitete sich schnell. Irgendwie hatte nach kurzer Zeit jeder von irgendjemandem davon gehört. Dass das so nicht die Regel ist und das Bemühen der Begleitperson vor allem darum ging, nicht arabisch sprechenden Kollegen eine schriftliche arabische Prüfung zu ersparen, das wurde in dieser Ausführlichkeit nicht deutlich. Manifestiert hatte sich nur der Gedanke, man könne in Kairo den Führerschein kaufen. Möglicherweise mag das auch Praxis gewesen sein. Ich kenne bislang aber nur Menschen aller möglichen Nationalitäten, die zumindest einmal vorwärts und rückwärts und um die Ecke fahren mussten. Eine Begleitperson ist jedoch sicherlich hilfreich, wenn es um Verständigung geht und auch, wenn es darum geht, einmal ein Auge zu zu drücken. In der neuen "Murur" fährt man jetzt also mit neuen Autos vorwärts und rückwärts durch drei Törchen. Die Theorie meines ägyptischen Bekannten lautet dahingehend, dass er vermutet, dass sie vermehrt Leute durchfallen lassen, damit mehr Leute in die der Zulassungsstelle angegliederten Fahrschule gehen. In Anbetracht der Verkehrssituation in Kairo sicherlich eine gute Idee. Angesichts der finanziellen Situation vieler Ägypter wird aber wohl der Cousin weiterhin der beliebteste Fahrlehrer bleiben. Es ist zu befürchten, dass die Lerninhalte "Verwendung von Blinkern und Spiegel" sowie "sicheres Wechseln der Fahrspur" in den privaten Lerneinheiten fehlen werden. Wohl, weil auch der Cousin das Fahren von Vater oder Cousin und die wiederum das Fahren von Vater oder Cousin erlernt haben. So, wie alles, was man in Ägypten nicht studieren kann, von Generation zu Generation weiter gegeben wird. Allerdings macht es oft den Anschein, dass so, wie bei dem Spiel "Stille Post", auf diesem Weg etliches an Information und Wissen verloren geht. Im Verkehr reduziert sich das Wissen um sicheres Fahren inzwischen somit auf eine praktische Prüfung, die mit vorwärts und rückwärts fahren bestanden werden kann. Wenn man nicht das Hütchen umfährt.

Hippies mit Krankenversicherung

Hippies mit Krankenversicherung

Nicht jeder, der Homeoffice macht, ist ein digitaler Nomade, und nicht jeder digitale Nomade ein Hippie. Wer Homeoffice macht, kann trotzdem unfrei sein Bedingt durch Corona hat die Arbeit von Zuhause im Jahr 2020 laut Statista um 82 % zugenommen. Allerdings sind nicht alle diese Menschen digitale Nomaden. Manche machen nur schlichtweg ihre Arbeit derzeit von zuhause aus. Auch würden wir diejenigen, die sich an freien Tagen in einem schicken Hotel einmieten und sich dorthin Arbeit mitnehmen, nicht als digitale Nomaden bezeichnen. Der Grund ist ganz einfach. Digitale Nomaden sind frei, zu leben und zu arbeiten, wo sie möchten. Wer derzeit angestellt im Home-Office arbeitet, kann nach Corona jederzeit wieder verpflichtet werden, ins Büro oder in die Schule zurück zu kehren. Die Entscheidung liegt somit beim Arbeitgeber und nicht bei der Person selbst. Er oder sie hat also mit Hippie oder digitalen Nomaden nichts zu tun. Hippies wollen frei leben ohne gesellschaftliche Zwänge Sie tun das in Kommunen, in liberalen Städten, an Stränden und auf Festivals und wo immer es ihnen gefällt. Sie leben wie und mit wem sie möchten, tragen Kleidung die ihnen gefällt und befreien sich weitestgehend von gesellschaftlichen Normen. Dennoch kommen auch die meisten Hippies nicht ohne Geld aus. In Dahab trifft man sie als Schmuckhersteller und -verkäufer, Verkäufer von Reispudding oder Kuchen, Kaffeezubereiter, Musiker, Yogalehrer und Reikimaster. Sie leben am Strand oder in AirBnB-Wohnungen und haben eine wildromantische Aura, die auf ein beneidenswertes Leben schließen lässt. In Gesprächen erfahre ich, dass auch Hippies Sorgen haben. Einige von ihnen leben nicht am Strand, weil es cool ist, sondern weil sie kaum Geld haben. Von Krankenkasse oder Ersparnissen ganz zu schweigen. Sie sind zufrieden mit dem einfachen Leben, haben aber auch Ängste, wenn es um die Zukunft geht. Andere verdienen wiederum ganz gut und können von ihrem Einkommen leben und sehen das Hippie-Sein vor allem als innere Haltung. Diese ist bei vielen digitalen Nomaden auch zu finden. Digitale Nomaden sind häufig Hippies mit Krankenversicherung. Wenn sie feste Auftraggeber oder gar einen festen Arbeitgeber haben, dann können digitale Nomaden zwar arbeiten wo sie möchten, befinden sich jedoch in einem mehr oder weniger geregelten Arbeitsleben. Die meisten von ihnen sind im IT-Bereich tätig. Das ermöglicht ihnen ein weitestgehend gesichertes Einkommen, das wiederum eine Krankenversicherung und einen angenehmen Lebensstandard ermöglicht, vor allem, wenn der Arbeitsplatz ihrer Wahl im Vergleich zu Deutschland kostengünstig ist. Weltweit ist daher Südostasien sehr beliebt, in Europa ist es Zypern. Ein halbwegs gesichertes Einkommen bringt auch Verpflichtungen mit sich Wer deutscher Staatsbürger ist und für einen deutschen Arbeitgeber tätig ist, egal von wo aus, hat auch in Deutschland noch Verpflichtungen. Und die sind teilweise ganz schön kompliziert. Da ist es dann manchmal nicht mehr weit her mit einem Hippie-Feeling. Arbeit, die in oder für Deutschland geleistet und vor allem dort verwertet wird, muss auch in Deutschland besteuert werden. Wer in Deutschland gemeldet bleibt, ist sozialversicherungspflichtig. Wer länger pro Jahr als 183 Tage im Ausland lebt, darf eigentlich nicht in Deutschland gemeldet sein, es sei denn... Und diese "es sei denn" - Regelungen sind das, was es kompliziert macht. Da hilft dann nur ein kompetenter Steuerberater und sehr viel Recherche und der Austausch mit Gleichgesinnten. In Facebook gibt es unzählige Digital-Nomaden-Gruppen, deutsch und international. Viele Deutsche wollen für ihren Arbeitgeber mit Familie mal für zwei Jahre ins Ausland. Das sind dann aber Expats und keine Digitalnomaden. Andere sind völlig unbedarft und wollen nur irgendwas tun, was ihnen das Leben am Strand ermöglicht. Reisen zum Teil ohne Aufträge oder Ausbildung und ohne genaue Vorstellung und schreiben dann E-Books oder unseriöse Internetinhalte, um zu überleben. Krankenkassen haben noch immer kein Modell geschaffen, mit dem sich Digitalnomaden versichern können um nach ihrer Rückkehr in Deutschland wieder gesetzlich krankenversichert zu werden. So ein Modell sei für die kleine Zielgruppe derzeit nicht interessant, heisst es aus zahlreichen Online-Quellen. Die deutsche gesetzliche Krankenversicherung gilt aber nur in Europa. Nichts mit Südostasien. Mit deutscher Nationalität steht man im Zweifelsfall mit einem Bein immer noch mental in Deutschland und muss sich um Steuererklärung und Sozialabgaben kümmern. Die Vorteile eines geregelten Einkommens überwiegen aber den administrativen Sorgen, und so ist es ein angenehmes Gefühl, tagsüber mit dem Laptop mit allen anderen, die ähnlich leben, im Café zu sitzen und zu schreiben und dann entscheiden zu können, ob man den Abend am Strand oder auf dem Rooftop verbringen möchte. Außerdem wird Arbeit für deutsche Auftraggeber auch nach deutschen Konditionen bezahlt. Auf internationalen Arbeitsplattformen konkurriert man immer mit Indern und anderen Arbeitswilligen aus Niedriglohnländern, die auch für 4 - 5 Euro brutto pro Stunde arbeiten. Dafür bekommt man keine journalistische Qualität, wenn es ums Schreiben geht, aber die ist für viele sogenannte Content-Anbieter, die oft wirklich unseriös sind, auch nicht notwendig. Wenn der Arbeitsauftrag lautet, irgendwelche Bildtitel zu finden, die dazu führen, dass der Artikel angeklickt wird, egal ob der Text zum Bild passt und das Bild lizenziert ist, dann braucht es dazu keinerlei Ausbildung. Ich bin dankbar, dass ich auf solche Angebote derzeit nicht angewiesen bin. Ebenso muss ich mich nicht im Internet oder in den sozialen Medien prostituieren und Reiseblogs erstellen oder filmen, wie ich Produkte auswickle und damit Follower generieren. Ich glaube, wenn es mal so weit käme, dass ich mich so von den sozialen Medien abhängig machen würde und mit aller Macht meine Inhalte verkaufen müsste, dann würde ich lieber wieder als Musiklehrerin an einer Schule, als Sekretärin in einem Betrieb oder im Kundenservice einer Bank arbeiten. Von Twitter habe ich mich inzwischen sogar wieder abgemeldet. Ich habe derzeit nichts zu sagen, was man unbedingt auf Twitter lesen müsste. Als freiberufliche Journalistin bin ich eigentlich kein digitaler Nomade Ich habe ja meinen Wohnsitz in Kairo, von dem aus ich in die Welt starte. Wenn die Welt mich denn mal wieder lässt. Ich bin freiberuflich und arbeite Remote. Ich habe noch nie so perfekt funktionierende Digitalprozesse gesehen, wie bei meinem jetzigen Hauptauftraggeber. Die zu schreibenden Artikel kommen in Auftragspaketen mit einer Deadline. Diese sind mit Arbeitsaufträgen verbunden, die im Jira-System von Atlassian verbunden sind. In Jira weise ich mir den Artikel, den ich schreiben möchte, zu und sage dem System "Start Work". Mein Briefing, also was in dem Artikel alles enthalten sein muss, ist im Arbeitsauftrag verlinkt. Bin ich mit dem Schreiben fertig, erkläre ich das auch dem System und sage "Ready for Lektorat". Die Lektoren bekommen dann eine Nachricht, dass dieser Artikel von mir erstellt wurden und lektorieren ihn. Passt alles, veröffentlicht das Lektorat den Artikel, gibt es etwas zu korrigieren meinerseits, beispielsweise weil ich ein Bild vergessen habe, dann landet der Arbeitsauftrag als "In work over" wieder in meiner To-Do-Liste mit entsprechendem Kommentar. Ich erledige die Korrekturen, sage "Work over fertig", dann wird es nochmal im Lektorat angesehen und veröffentlicht. Kommuniziert wird über Slack oder per E-Mail. Schulungen für das neue Backend gab es per Zoom. Nachdem ich in meiner Banklehre noch Faxe versenden musste, bin ich davon absolut begeistert. Andere Auftraggeber können da nicht mithalten. Bei einem weiteren Auftraggeber, auch in Berlin, geht alles über E-Mail und mit Worddokumenten. Ein anderer Anbieter hat ein eigenes Backend, in dem die Order, also die Aufträge, einsehbar sind und man sich Aufträge schnappen kann. So professionell wie Jira und Atlassian ist es aber lange nicht. Auch in Kairo möchte ich nicht jeden Tag alleine zuhause arbeiten Für das Jahr 2020 hat Statista die Anzahl der Coworking-Arbeitsplätze auf 26.000 weltweit geschätzt. Dort treffen sich Freiberufler oder digitale Nomaden oder Leute, die keine Lust auf Home-Office alleine haben, um sich ein Büro zu teilen. In Downtown gibt es ein Coworking-Space in der Talaat-Harb-Straße und ein weiteres im Greek Campus. Aufgrund von Corona verzichte ich jedoch, derzeit in geschlossenen Räumen mit anderen zu arbeiten. Allerdings liebe ich das Greek Campus sehr und will, wenn es die Situation im Herbst erlaubt, mich der Gemeinschaft dort zum gelegentlichen miteinander arbeiten anschließen. Als Journalistin bin ich immer auch auf neue Erlebnisse, Gespräche und Begegnungen angewiesen, und die finde ich nicht in meiner Home-Office-Loggia. So mache ich mich in Downtown auf die Suche nach einem geeigneten Café, ähnlich wie in Dahab, wo ich Gleichgesinnte treffe, die ähnlich arbeiten wie ich. Das ist nicht ganz einfach. Zum einen ist Ramadan und vieles hat geschlossen. Zum anderen möchte ich mich nicht mit Corona anstecken. Dann darf es nicht zu heiß sein, im Moment sind in Kairo tagsüber um die 40 Grad. Es braucht stabiles WLAN und, für mich ganz wichtig, Tische in Schreibtischhöhe. An so Kleinigkeiten merke ich, dass ich oft wesentlich älter bin, als die vielen jungen Leute, die in Cafés oder am Strand mit dem Laptop auf den Knien schreiben. Nach meiner Augenoperation muss ich verhältnismäßig nah am Laptop sitzen, sonst seh ich nichts. Dann darf es nicht zu laut sein. In Dahab haben wir einige nette Locations gemieden, weil sie den ganzen Tag nervige Musik dudeln. Und es darf nicht zu teuer sein und erst recht keine Minimum-Charge erheben. Noch vor Dahab war ich gerne in der Orangette in Zamalek, da ist es mir draußen aber im Moment zu heiß, das wird wieder eine Option wenn es kühler wird. In Downtown finde ich das Eish-wa-Malh super. Ich sitze zwar drinnen, allerdings sind die Fenster weit geöffnet. Es gibt eine Klimaanlage und auch Ventilatoren. Ich bin nicht die Einzige mit Laptop, einige gesellen sich auch einfach mit einem Buch dazu. Der Kaffee ist bezahlbar, das Personal freundlich. Im Eish-wa-Malh erfahre ich ein urbanes Leben, wie ich mir das moderne Stadtleben vorstelle. Ob ich dabei Hippie oder Nomade oder einfach freie Journalistin bin, ist mir eigentlich egal. Für mich ist es derzeit gut, wie es ist. Und dafür bin ich dankbar.

Wenn die Handpan Arabisch spricht

Wenn die Handpan Arabisch spricht

Manchmal passt im Leben einfach alles zusammen. Es gibt Themen, die schreibe ich, weil sie auf der To-Do-Liste stehen. Und dann gibt es Themen, die mich eine Weile begleiten, weil sie gerade genau zu mir und den Momenten im Leben passen. So erging es mir in dieser Woche mit dem Thema zur Handpan. Wer hat's erfunden? Die Schweizer... Ich lasse die Tage an mir vorüber ziehen. Meine Bildschirmzeit habe ich gegen Spaziergänge am Meer eingetauscht. Meine Artikel schreibe ich unter anderem im Co-Working-Space, das offiziell eigentlich ein Restaurant ist, tagsüber aber als Co-Working-Platz benutzt wird. Ich treffe nicht nur Menschen, die etwas ähnliches tun wie ich, sondern auch Menschen, die so sind und etwas haben, von dem ich gerne ein bisschen mehr hätte. Ich bin in der glücklichen Lage, einen Jogalehrer gefunden zu haben, bei dem jeder Tag anders sein darf und die Dinge um uns herum und wir selbst wahrgenommen, aber nicht bewertet werden. Während ich beim Schreiben sitze und die wenigen vorbeigehenden Menschen beobachte, kommt ein Mann vorbei, der für mich die Freiheit verkörperte. Er hatte lange blonde Haare, einen langen blonden Bart, lief barfuß in Sandalen und war mit einer Shorts bekleidet. Der kräftige Wind zerzauste sein Haar und er unterhielt sich mit seinem Bekannten, der mit seinen langen Schritten kaum mithalten konnte. Dieser Unbekannte war auf sich und das Gespräch konzentriert und ließ sich weder vom Wind irritieren noch interessierte ihn, was rechts und links von ihm in dem Moment passierte. Er war bei sich und dem Gespräch und in diesem Moment dachte ich "so müsste es eigentlich immer sein". Jeder lebt wie er möchte, zieht an was er will, tut was er will und mit wem er will und geht seiner Wege, und alles ist friedlich. Als Regeln gibt es die zehn Gebote und gut ist. Dass das so nicht funktioniert, ist mir schon klar, aber die gesellschaftlichen, religiösen und politischen Zwänge vermisse ich im Moment nicht. Ich fange an, mich über alternative Lebensformen zu informieren, und in diesem Flow landet das Thema Handpan auf meinem Tisch. Im Jahr 2000 wurde von den Schweizern Felix Rohner und Sabine Schärer in Bern ein neues Instrument erfunden: Das Hang. Die Nachfrage nach dem Instrument wurde so groß, dass auch andere Instrumentenbauer das Hang nachbauten. Allerdings ist Hang eine Marke. Die Instrumentengruppe heißt Handpan. Und diese wiederum gilt es zu unterscheiden von einer Hang-Drum und von einer Steel-Drum. Eine Steel-Drum ist vor allem aus der Karibik bekannt. In einen Kessel werden Klangfelder eingehämmert, die mit der Hand oder mit Sticks bespielt werden. Eine Handpan entspricht mehr oder weniger einer umgedrehten Steelpan. Und ein Hang ist die Mutter aller Handpans von der Firma PANArt. Abgeleitet von der Steelpan besteht die Handpan aus zwei Schalen aus Stahl, die am Rand zu einem Instrument zusammen gefügt werden. Es erinnert ein bißchen an einen Wok mit Deckel. In die obere Hälfte werden die sogenannten Klangfelder eingehämmert. Ganz oben findet sich der Bass als tiefster Instrumententon, der von den Musikern als "Ding" bezeichnet wird. Die Klangfelder entsprechen einer Skala mit Tönen, die aus einer bestimmten Tonart entnommen sind. Meistens sind es Molltonarten. D-Moll ist besonders beliebt oder D-Amara als keltische Molltonart. Man kann mit diesen Handpans jedoch weder chromatisch noch komplette Tonleitern spielen. Die Handpan wird mit dem Daumen, dem Daumenballen, den Fingern oder der Hand gespielt. Zwar gehört dieses moderne Instrument zu den Percussioninstrumenten, ist jedoch keine Trommel. Man spielt mit der Handpan Melodien, die vor allem bei Joga und Meditation beliebt sind. Aber damit ist die Vielfalt des Instruments noch lange nicht ausgereizt. Inzwischen findet sich die Handpan auch als Remix in der Elektro- und Dance-Musik wieder und passt, wie ich finde, auch da ganz gut hinein. Lässt man sich eine Handpan individuell anfertigen, dann kann man übrigens die Töne der Klangfelder selbst bestimmen. Für so ein Instrument zahlt man aber auch einige tausend Euro. Günstiger ist eine sogenannte Hang-Drum, die auf Deutsch Stahlzungentrommel heißt. Die Oberfläche der oberen Schale umfasst auch die Klangfelder, allerdings sind diese als Zungen in das Metall geschnitten. Sie können maschinell gefertigt werden und sind daher um einiges günstiger. Allerdings erreichen sie bei Weitem nicht die Klangqualität einer Handpan und werden häufig mit Schlägeln gespielt. Eine Handpan kann mit anderen Handpans gemeinsam spielen, und ich entdecke ein großartiges Duo, Hang Massive, im Internet. Möchte man mit einer anderen Instrumentenart zusammen spielen, dann muss sich das andere Instrument stimmen lassen, denn eine Handpan kann man nicht stimmen. Handpan und Klavier wird daher meistens schwierig. Ich poste von Hang Massive ein Video in Facebook und erhalte viele Herzchen dafür von einer Freundin aus Alexandria, die ich jedoch auch aus Dahab kenne. Sie fragt mich, ob ich das schon mal probiert hätte, und leider muss ich das verneinen. Auf meine Nachfrage, wo ich denn eine Handpan in Ägypten finden könne, erhalte ich die frustrierende Nachricht "gar nicht". Nachdem ich das nicht so recht glauben möchte, mache ich mich auf die Suche. Sherif Elmoghazy ist ägyptischer Handpan-Spieler Leider muss ich feststellen, dass meine Bekannte Recht behalten sollte, aber ich treffe auf Sherif Elmoghazy. Nachdem er derzeit in Australien lebt, habe ich zumindest die Möglichkeit, über Facebook mit ihm zu sprechen. Er bestätigt, was ich nach einigen Recherchen vermutet habe. Man kann - außer über Amazon - keine Handpan in und aus Ägypten bekommen. Ein wenig wundert mich das, denn Handwerkskunst hat in Ägypten Tradition, auch wenn viele Chinakopien den Markt immer noch erobern. Ägyptische Lampen werden beispielsweise mit filigranen Mustern aus Metall geschnitten und gehämmert, und die großen runde Tischplatten aus Messing mit gehämmerten Motiven sind wahre Handwerkskunst. Da müsse es doch auch möglich sein, dass Ägypter Handpans hämmern, überlege ich. Sherifs Haltung dazu ist ganz deutlich. Handwerklich könne das grundsätzlich schon in Ägypten hergestellt werden. Allerdings dauere es Jahre, bis jemand Meister darin wäre, die Instrumente so zu hämmern, dass sie wirklich astrein gestimmt sind. Kommerzielle Handpans aus Bali oder die Billigdinger aus Amazon, die würden lediglich wie Handpans aussehen, aber nicht so klingen. Wolle jemand in Ägypten Handpans herstellen, so könne er das nur von jemandem lernen, der bereits manuell hochwertige Instrumente herstellt und auch stimmen könne. Ich frage Sherif, ob eine Handpan überhaupt zu Ägypten passen würde, zu den Menschen, der Kultur und ihrer Musik. Nachdem er mir erzählt, dass Handpan-Musik sehr facettenreich sei und vor allem in Entspannungs- und Meditationsmusik ihren Platz gefunde habe, beginnt er von sich zu schildern. Er spiele mit der Handpan sogar westliche Musik oder Rockmusik. Aber es wäre auch möglich, Handpans mit einer arabischen Skala, der Hijaz zu bekommen. Damit klinge die Handpan wie ein Nomadeninstrument. Er selbst habe viel experimentiert. Er sei zu 110% Ägypter, auch, wenn er gerade in Australien lebe. Er habe ägyptische Rhythmen und Melodien im Blut. Er spielt Handpan seit 2012, und nachdem das Instrument damals noch neu war, und ihn niemand unterrichten konnte, hat er sich selbst auf die Entdeckungsreise gemacht. Inzwischen, so sei er sicher, ist es ihm gelungen, eine Handpan Arabisch sprechen zu lassen. Auch mit Sufi-Musik hat er die Handpan kombiniert und schickt mir zwei Videos seiner Handpan-Performances. Dass Sherif zehn Jahre in Dahab gelebt hat, ist nur noch das i-Tüpfelchen, das die Begegnung mit dem Thema Handpan und Sherif perfekt macht.

Grüne Flossen und Geistertaucher

Grüne Flossen und Geistertaucher

Ein bisschen unheimlich klang das zwar schon, was Hesham mir auf der Fahrt nach Dahab im Bus erzählte, aber zugegebener Maßen hatte das mit Geistern natürlich nichts zu tun. Vielmehr geht es um umweltbewusstes Tauchen, Müll in den Meeren und Aktionen der Scuba Seekers in Dahab. Nachdem ich beim Clean-Up-Day im letzten Sommer in Alexandria bereits dabei war, wollte ich das Thema aufgreifen, bekam den Kontakt zu den Scuba Seekers und durfte den wöchentlichen Clean-Up-Dive begleiten. Leider ging das noch nicht unter Wasser, der Taucharzt muss erst sein ok geben, aber ich bin ja auch noch eine Weile hier. Kyle Power stellt mir freundlicherweise sein Unterwasser-Video zur Verfügung, so dass ich dann doch einen entsprechenden Einblick in die Müllsammelaktion unter Wasser geben kann. So wirklich aufgeregt war ich für letzten Montag eigentlich nicht, denn ich dachte, ach, was wird das schon anderes sein, als Müll sammeln anstatt am Strand dann eben im Meer. Ich wurde positiv überrascht. In verlorenen Fischernetzen sterben noch immer Fische Gegen halb neun treffe ich mich mit Kristen Sarra, die bei den Scuba Seekers in Dahab die Clean-Up-Dives verantwortet. Die Überraschung ist groß, denn wir kennen uns von Begegnungen aus dem letzten Sommer. Während Kristen noch einige Vorbereitungen trifft, lerne ich Kim kennen. Kim und Sameh leiten die Tauchbasis und Kim erzählt, wie es zu den geheimnisvollen Ghostidives kam. In Asien wurde ihr beim Wrack-Tauchen das erste Mal bewusst, welchen Schaden verlorene Fischernetze im Meer immer noch anrichten können. Sie erzählt, dass sich ein etwa 6 m breites Netz im alten Wrack verfangen hatte und in der Strömung wehte und dabei immer noch Fische in diesem Netz hingen blieben. Sie versuchten, die armen Tiere zu befreien, aber viel ausrichten konnten sie bei dem Tauchgang nicht. Mitte 2019 schlossen sich Sameh und Kim den Ghost-Dives an. Seit 2007 gibt es diese weltweite Initiative, die in Kooperation mit Umweltorganisationen vorrangig Fischernetze aus dem Wasser birgt. Vorsitzender und Gründer ist der Niederländer Pascal van Erp. Sameh erzählt, dass Pascal im April eventuell noch nach Dahab kommen wird. Sameh Sokar ist Koordinator der Ghost-Dives in Ägypten. Während die baltische See beispielsweise voll mit alten Fischernetzen sei, hätten sie rund um Dahab nur ungefähr 10 Netze gefunden. Einige alte Ankerleinen seien noch zu bergen und vor allem Reifen. Nördlich von Dahab, bei Assala, hätten um die 50 Autoreifen im Meer gelegen, 35 haben sie bereits heraufgeholt. Ursprünglich dachte man, in Autoreifen könne neues Leben entstehen, quasi als Spielplatz für Fische, der irgendwann mit Korallen überwachsen wäre. Und tatsächlich ist dieses auch bei vielen Autoreifen passiert. Inzwischen weiss man aber, dass Autoreifen nach und nach giftige Stoffe abgeben, die der Umwelt schaden können. Die bereits bewachsenen und belebten Reifen auf dem Meeresgrund lässt man aber wo sie sind. 2 Ankerleinen, 2 große Traktorreifen und 15 Autoreifen stehen noch auf dem Projektplan der Taucher in Dahab, die als technische Taucher zertifiziert sein müssen. Ein Freizeitsportler darf als Fortgeschrittener nur bis zu 30 Metern tief tauchen, doch das reicht oft nicht aus. Dennoch kann man sich den Aktionen als Helfer anschließen, es werden immer helfende Hände auf den begleitenden Booten und unter Wasser benötigt. Die schweren Traktorreifen bekommt man auch nur geborgen, wenn man sie mit Luftkissen an die Oberfläche befördern kann. Clean-up-Dives sind bei den Scuba-Seekers immer montags Kurz nach den ersten Ghost-Dives in Ägypten begannen dann im Herbst 2019 auch die ersten Clean-Up-Dives bei den Scuba Seekers. Positiv überrascht bin ich, als Kristen mir ihre Dokumentation zeigt. Jeder Clean-Up-Tauchgang wird dokumentiert. Wie viele Taucher, wie viele Minuten und vor allem, wie viele und welche Art von Müll sie aus dem Meer holen. Gesammelt wird vor allem Plastik. Lebensmittelverpackungen, Flaschendeckel und Flaschendeckelsiegel, aber auch Dinge, von denen man eigentlich denkt, sie seien umweltverträglich. Beispielsweise sind sogenannte Pappbecher, die wegen Corona überall verwendet werden, gar nicht aus Pappe, sondern kunststoffbeschichtet. Im Meer lösen sich die Becher nicht auf, sondern landen auf dem Meeresboden. Dahab sollte eigentlich plastikfrei sein. Im letzten Mai bekam man in den Kiosken und Märkten einfache Gewebetaschen, anstatt Plastikbesteck und Styropor gab es Holzbesteck und Pappteller. Inzwischen hält sich kaum noch jemand daran und bekommt, wenn man nicht, so wie ich, mit einem Rucksack zum einkaufen geht und dabei belächelt wird, Plastiktüten. Diese und auch Chipstüten beispielsweise und alles was leicht ist, wird selten beim Müllsammeln unter Wasser gefunden. Der Wind weht alles über das Meer und Plastiktüten bleiben beispielsweise in der Bucht von Laguna hängen. In 2021 gab es bereits 8 Clean-Up-Dives mit Kristen und insgesamt 43 Tauchern mit 429 Tauchminuten. 4.798 Müllteile wurden gesammelt. Im Unterschied zu 2020 findet man derzeit so gut wie keine Mundstück-Sicherheitsriegel von Shisha-Schläuchen, denn Shisha ist wegen Corona in Ägypten verboten. Ansonsten hat sich nicht viel verändert, und Kristen erzählt, dass die Müllsammlerei manchmal ganz schön frustrierend sein kann. Vor allem, weil es zum einen am staatlichen Müllmanagement mangelt und bei den Leuten das Umweltbewusstsein einfach fehlt. Allerdings gibt es auch Hoffnung. Tauchzentren sollen in Ägypten standardmäßig umweltbewusst und nachhaltig arbeiten Die internationale Organisation "Green Fins" - grüne Flossen - erarbeitet einheitliche Richtlinien für das Tauchen und Schnorcheln, um die Korallenriffe und die Unterwasserwelt zu schützen. Dabei werden mitmachende Tauchzentren nicht nur alle 6 Monate überprüft und zertifiziert, sondern auch ausgebildet. Wohin mit alten Batterien und wie wird das Motoröl der Kompressoren für die Tauchflaschen entsorgt? Die Tauchzentren bekommen Checklisten, was sie verbessern können und ein halbes Jahr Zeit, das umzusetzen. Scuba Seekers waren in Dahab die ersten bei "Green Fins", H2O folgte. Lina, die Verantwortliche der "Green Fins" in Ägypten, arbeitet, so erzählt Kristen, für das Wassersport-Ministerium. Wenn auffällt, dass es keine Möglichkeit gibt, Batterien außer im Hausmüll fachgerecht zu entsorgen, dann kann sich die Regierung nicht mehr herausreden, sie hätten davon nichts gewusst. So ist man voller Hoffnung, dass das Müllmanagement für Dahab weiter verbessert werden wird. Kristen ist Archäologin und ihre Kollegin, Christina, Meeresbiologin. Gemeinsam geben sie Schulungen über das, was im Wasser lebt und beim Tauchen zu sehen ist. Einfach zu sagen, wirf den Müll nicht ins Meer, führe zu nichts, lerne ich. Wenn den Menschen jedoch bewusst wird, dass im Meer eine ganz eigene, schützenswerte Welt existiert, dann, so ist die Hoffnung, wird man auch von Land aus damit zukünftig achtsamer umgehen. Solange aber aus den Cafés von unbedarften oder auch unwilligen Gästen der Müll vom Tisch direkt ins Meer geworden wird, muss er auch wieder heraufgeholt werden. Und nach all den vielen Informationen geht es dann auch endlich los mit Vorbereitungen und Briefing. Überall zischt es aus den Beatmungsapparaten und es riecht nach nassem Gummi. Beim Briefing erfahren wir, was beim Müll sammeln unter Wasser wichtig ist. Jeder Taucher und eine Taucherin bekommen feinmaschige Netze, in denen Zigarettenkippen drinnen bleiben, Wasser aber abfließen kann. Auf keinen Fall soll der Meeresboden aufgewirbelt werden, weil dort Tiere leben. Von daher ist vorsichtiges und langsames Tauchen angesagt. Anfänger dürften sich mit dem Ausbalancieren unter Wasser und dem gleichzeitigen Sammeln etwas schwer tun. Gesucht wird vor allem nach Plastik und Zigarrettenresten. Tabakreste zu fressen bekommt den meisten Meeresbewohnern nicht, und je kleiner der Müll ist, desto eher wird er von Tieren verschluckt. Glasscherben soll man lieber liegen lassen, und wenn man Plastik findet, das für jemanden unter Wasser ein neues Zuhause wurde, dann nimmt man ihm das auch nicht wieder weg. Es wird noch kurz die Tauchrichtung und -tiefe erklärt, und dann werden Teams gebildet. Immer ein erfahrener Taucher mit einem weniger erfahrenen. Die Teams, die fertig sind, stapfen in ihrer Tauchermontur los Richtung Brücke, unter der der Einstieg in das Riff ist. Insgesamt sind es 10 Taucherinnen und Taucher, 3 Ägypter, 3 Deutsche, 1 Jordanier, 1 Kanadier, 1 Amerikaner und 1 Engländer, also ein internationales Team. Die Clean-Up-Dives sind kostenlos, lediglich, wenn man sich Equipment leihen muss, muss dafür eine Gebühr bezahlt werden. Insbesondere in Corona-Zeiten kann sich nicht jedes Tauchzentrum leisten, kostenlose Clean-Up-Dives durchzuführen. Für diejenigen Taucher:innen, die als Weltenbummler unterwegs und meistens knapp bei Kasse sind, sind Clean-Up-Dives eine gute Gelegenheit für kostenlose Tauchgänge. Ausgenutzt würde das jedoch nicht, bekomme ich bestätigt. Nach gut einer Stunde sind alle wieder da, und was sie mitgebracht haben, ist wirklich eklig. Als ich Kristen vom Clean-Up-Day in Alexandria berichtete fragte ich auch, was sie denn in Dahab mit dem gesammelten Müll machen. Die Ghost-Diving-Reifen werden im Activity-Haus in Dahab recycelt, den Müll aus dem Meer kann man nur noch wegwerfen in der Hoffnung, dass er nicht erneut im Meer landet. Abgesehen davon, dass alles durchweicht ist, können sich auch Bakterien in dem Müll unter Wasser angesammelt haben, erfahre ich. Jeder muss seinen eigenen Beutel sortieren. Getrennt wird nach Textilien, Essensverpackungen, Flaschen und Dosen, Flaschenversiegelungen, Zigarettenkippen, Glas und Restmüll. Wie viele Teile am 5.4. gesucht wurden, die Zahlen liegen mir noch nicht vor. Aber die Videodokumentation von Kyle Power zeigt eindrucksvoll, wie das Müllsammeln am Riff und auf der Seegraswiese unter Wasser aussieht und wie sortiert wird. Wer nächsten Montag dabei sein möchte, kann sich über Facebook oder über die Internetseite bei den Scuba Seekers melden. In der nächsten Zeit wird es leider keine Montage geben, an denen die freiwilligen Helfer unter Wasser mit leeren Händen zurückkommen. (c) Kyle Power | Facebook, Instagram: @discoverlifethroughmyeyes Scuba Seekers Dahab: www.scubaseekers.com

Männlich, weiblich, Taucher

Männlich, weiblich, Taucher

Sprache ist ein emotionales Thema. Nicht nur in Deutschland wird das "gendern" in den und durch die öffentlichen Medien heftig und mit viel Leidenschaft diskutiert. Je mehr ich darüber recherchierte, desto mehr stellte ich fest, wie kompliziert das Thema eigentlich ist, und wie gespalten die Meinungen darüber sind. Ich sah mir zur Recherche Dokumentationen an und sprach mit Männern und Frauen, deutschen und ägyptischen, zu diesem Thema. In den letzten Tagen liefen mir zwei Facebook-Meldungen über den Bildschirm, die unter anderem Auslöser dafür waren, das Thema aufzugreifen. Eine befreundete Musikerin fragte öffentlich, warum denn eine Veranstaltung in Kairo, eine Fotoausstellung, nur auf Englisch beworben würde, ob man damit eine Selektion der Zielgruppe bereits über die Sprache vornähme. Um Besucherqualität zu garantieren, denn Englisch setze einen gewissen Bildungsstandard voraus. Diese Frage konnte in der Diskussion nicht geklärt werden, aber es war deutlich zu spüren, dass Sprache eben nicht nur ein Mittel zur Kommunikation, sondern auch zur Selektion und zur Identifizierung ist. Als Genderwahnsinn nahm ein ehemaliger Kollege einen Text wahr, in dem der Verfasser zum Thema Biber diese im Text als "BiberInnen" bezeichnete. Das klingt auf den ersten Blick lustig, zeigt aber, was dabei herauskommt, wenn man nicht verstanden hat, worum es bei dem Thema "gendern" überhaupt geht. Es geht um Gleichberechtigung der Geschlechter und um Wahrnehmung des sogenannten dritten Geschlechts Meine ursprüngliche Meinung war ganz eindeutig. Mich nervt es. Und das ist auch immer noch so, wenn ich sehe, wie mit dem Gender-Sternchen oder ähnlichen Hilfsmitteln vor allem gender-neutral gesprochen wird. Dass nicht nur mir das so geht, bestätigt eine Presseerklärung der ZDF-Doku "plan b". Sie sind, unter anderem aufgrund des zahlreichen negativen Feedbacks, beim Schreiben wieder von der Sternchen-Variante abgerückt und zeigen Alternativen auf. Mit der gender-neutralen Schreib-, und aus meiner Perspektive leider, auch Sprechweise, sollen alle Geschlechter gleichermaßen adressiert werden. Folgende Varianten werden dabei akzeptiert: Da gibt es das Gender-Sternchen und das Gender-Gap, als Doppelpunkt oder Unterstrich, beispielsweise "Journalist*innen", "Journalist:innen" oder "Journalist_innen". Ebenso ist das sogenannte Binnen-I geläufig, indem das mittlere "i" als Großbuchstabe geschrieben wird, "JournalistInnen". Der Schrägstrich ist nur noch dann genderneutral, wenn er die weibliche Form ohne Bindestrich anhängt, also "Journalist/innen". Ich selbst verwendete gelegentlich in einem Fließtext, in dem das Ausschreiben beider Geschlechterformen, also "die Journalistinnen und Journalisten" im Lesefluss gestört hätte, den Doppelpunkt. Ich fand, der sah einfach am besten aus. Allerdings habe ich zum einen Schelte aus dem Verlagslektorat dafür bekommen, zum anderen finde ich, zerhackstückt es die deutsche Sprache. Es stört meinen Lesefluss und mein Sprachempfinden. Jetzt können Genderbefürworter argumentieren, dass ich mich daran gewöhnen und mein Sprachempfinden umtrainieren könne. Allerdings beschäftige ich mich täglich mit Sprache, und irgendetwas in mir weigert sich. Unter anderem deshalb, weil es mit den Substantiven nicht getan ist. Zum einen werden die allgeschlechtlichen Wörter aus meiner Sicht unkorrekt. Beispiel: Kund*innen. Es gibt Kunden und Kundinnen, es gibt aber keine "Kund". Mit Gender-Sternchen oder -Gap ist das Wort meines Erachtens einfach falsch. Die einzig annähernd richtige Schreibweise wäre Kunden/innen, aber so ganz korrekt ist auch das nicht. In der ZEIT las ich über "Gästinnen" in der Philharmonie. Man hatte das Genderzeichen vergessen. Jetzt käme ich mir da aber als Mann blöd vor, denn so sieht es aus, als wären nur weibliche Zuhörer im Konzert gewesen. Ferner las ich von "Pat*innen" und es dauerte einen Moment, bis mein Gehirn begriff, dass Paten und Patinnen gemeint waren. Das Wort "Pat" gibt es genausowenig wie das Wort "Kund", nur, dass wir bei Kund*innen bereits daran gewöhnt sind. Im Plural, wenn wir mehrere Personen meinen, gibt es nur einen bestimmten Artikel für Plural, nämlich "die". Es heißt "die Journalisten", "die Journalistinnen". Im Singular jedoch sind die Artikel unterschiedlich. Spreche ich also von einer unbekannten Person und weiss nicht, ob diese männlich oder weiblich ist und möchte das gendern, dann wird es kompliziert. Ich möchte sagen: "Zu meinem Interview treffe ich dann auf einen Journalisten oder eine Journalistin". Will ich das gendern, dann muss ich den unbestimmten Artikel mitgendern, beispielsweise "eine/n Journalist/in". Nachdem insbesondere im Sprachgebrauch das Gender-Sternchen oder -Gap durch eine kurze Pause oder Hüsterchen mitgesprochen wird - also "Journalist"hust"innen", oder "Journalist"luftschnapp"innen" - stört es nicht mehr nur das Lese-, sondern auch das Hörempfinden. Alternativen sind beispielsweise die Benennung beider Geschlechter, also "die Journalisten und Journalistinnen", oder die Verwendung geschlechtsneutraler Nomen oder substantivierter Adjektive als Personenbezeichnung, "die Berichtenden", "die Schreibenden", "die Studierenden", "die Lesenden". Als weitere Alternative zeigt "plan b" unter anderem die Beschreibung mit Adjektiven auf, beispielsweise "fachkundiger Rat", anstatt das Wort "Fachmann" zu verwenden. Ebenso funktioniert ein Sachbezug, "liebes Kollegium", anstatt "liebe Lehrerinnen und Lehrer". Die E-Mail-Anrede "liebe Alle" hat sich inzwischen auch durchgesetzt, da kann man wenigstens nichts falsch machen. Es geht nämlich nicht nur um die Gleichbehandlung von männlichen und weiblichen Personen, sondern auch um die Einbeziehung derjenigen Personen, die sich nicht binär geschlechtlich identifizieren können. Das sind zum einen Personen, die vom Geschlecht her entweder männlich oder weiblich geboren wurden, sich jedoch im falschen Körper fühlen. Dann gibt es Personen, die beide Geschlechter in sich vereinen. Dazu muss man wissen, dass das Geschlecht zum einen über die Chromosomen definiert wird und sich zum anderen in der Körperlichkeit durch Geschlechtsorgane zeigt. Jetzt gibt es Menschen, die weibliche, also XX-Chromosomen, besitzen, bei denen sich jedoch männliche Geschlechtsteile entwickelt oder mit entwickelt haben. Ebenso gibt es Menschen mit männlichen, also XY-Chromosomen, bei denen sich auch weibliche Geschlechtsorgane gebildet haben. Das Ärzteblatt nennt in 2019 für Deutschland ungefähr 250 betroffene Personen, die beiderlei Geschlecht in sich tragen. Mit dem Gender-Sternchen und dem Gender-Gap sollen sowohl im Schreib-, als auch im Sprachgebrauch diese Menschen mit einbezogen werden. Die Geschlechtsbezeichnung für diesen Personenkreis lautet "divers". Was dabei heraus kommt, wenn man seine Internetseite von einem Robot oder Sprachcomputer oder auch von einer etwas suboptimal informierten Person übersetzen lässt, zeigt das Beispiel einer Internetseite. Ein Benutzer konnte dort bei Geschlecht auswählen zwischen "männlich", "weiblich" oder "Taucher". "Divers" im Englischen heißt auf Deutsch "Taucher" im Plural. Soviel dann dazu. Gleichberechtigung ja, Gendersprache eher nein In zahlreichen öffentlich-rechtlichen Dokumentationen kamen Menschen zum Thema Gerndergleichheit in der Sprache zu Wort. Die Meinungen der interviewten Personen unterschieden sich im Wesentlichen nicht von den Meinungen derjenigen, mit denen ich sprach. Das sind natürlich keine repräsentativen Aussagen, ich finde sie jedoch sehr interessant, denn ich traf niemanden, der mir gesagt hat "ja, finde ich super". Einig sind sich die Menschen im Wesentlichen, dass sie Gleichberechtigung wichtig finden. Den Ausdruck der Gleichberechtigung in der Sprache durch Gender-Sternchen und Gender-Gap befürworten jedoch nur Wenige. Dafür wurden vor allem zwei Gründe genannt. Die Gender-Sprache mit Sternchen oder Gap oder in welcher Form auch immer, hat sich nicht entwickelt, sondern wurde aus politischen Gründen der Sprache aufgezwängt. Daher wird die Sprache zwanghaft missbraucht, um ein Ungleichgewicht der Gesellschaft auszugleichen. Die Sprache soll die Vielfalt der Gesellschaft in eine Homogenität zwängen, die der Gesellschaft jedoch in dieser Form nicht entspricht. Ich bin mir beispielsweise sicher, dass viele Menschen gar nicht wissen, dass mit dem Sternchen oder der Sprechpause auch das dritte Geschlecht mit angesprochen werden soll. Zum Zweiten werden die Genderausdrücke, wenn überhaupt, nur von einer Elite-Blase der Gesellschaft mit entsprechender Ausbildung verwendet. Kritiker merken häufig an, dass dadurch die Gesellschaft eher geteilt, als geeint wird. Im Alltag ist dieser Sprachgebrauch fremd. Niemand spricht davon, "zum/r Bäcker"hust"in" zu gehen. Die Leute gehen zum Metzger, zum Bäcker, zum Arzt. Zumal auch "zum" dann in "zum/r" geändert werden müsste. Das ist sprachlich unpraktikabel. Verwendet wird im Sprachgebrauch das sogenannte generische Maskulinum. Der Arzt ist hier nicht als Person, sondern als Beruf oder Gattung gemeint, und es gehören auch die weiblichen oder sonstgeschlechtlichen Personen dazu. Im Arabischen gibt es die Bezeichnung der Gattungen ebenfalls. "El Samak" ist die Gattung Fisch wenn man gefragt wird, ob man Fleisch oder Fisch gegessen habe. Der eine spezifische Fisch, der Hering, ist dann "El Samaka", ja ich hatte einen Fisch, einen Hering. Gendern wäre in der ägytischen Sprache schon möglich. Man könnte ein Gender-Dings einbauen und die weibliche Form, die oft durch ein angehängtes "a" gebildet wird, dahinter schreiben. Hilfreich ist, dass der ägyptische Artikel auch immer "el" lautet. Beispiel: "El Mudaris", der Lehrer. "El Mudarisa", die Lehrerin. Gegendert hieße es dann "el mudaris*a". Als ich meinen ägyptischen Bekannten und in Ägypten lebende Leute darauf ansprach, wurde ich für verrückt erklärt. Auf die Frage, ob man sich das zukünftig vorstellen könne, hieß es "Auf gar keinen Fall!" und war etwas entsetzt, wie ich denn auf diese Idee kommen könne. Im Ägyptischen wird für alle das männliche Plural verwendet, "und damit meinen wir alle, auch weibliche Personen", war die Antwort. Diskussion beendet. Das mag zum einen mit der Gesellschaftsform, als auch mit der Religion zu tun haben. Die Religion definiert ganz klar ein männliches und ein weibliches Geschlecht. Alles andere wird als Fehler der Natur betrachtet. Ich weiss von einem ehemaligen Biologie-Kollegen, dass deutsche Biologiebücher, in denen das Kapitel Homosexualität behandelt wird, an deutschen Schulen in Ägypten wieder eingesammelt und die entsprechenden Seiten zugeklebt werden. Die meisten Leute hier werden nicht bestreiten, dass es Homosexualität gibt, in der Gesellschaft gewünscht ist es nicht. Über die Rolle der ägyptischen Frauen zu sprechen in einem Land, in dem Beschneidung zwar verboten ist, auf dem Land aber trotz aller Warnungen wohl immer noch praktiziert wird, ist ein Kapitel für sich. Ein Gendersternchen wird es wohl in Ägypten in naher Zukunft nicht geben. Interessant fand ich auch die Diskussion darüber, ob es sprachlich überhaupt sinnvoll ist, die "Taucher" mit einem Sternchen oder Hüsterchen überhaupt in dieser Form sprachlich zu berücksichtigen. Damit werden alle Personen, die sich - aus welchem Grund auch immer - als nicht eindeutig männlich oder weiblich sehen, in einen Topf geworfen und einer Gesellschaftsgruppe zugeordnet, zu der sie eventuell gar nicht gehören wollen oder sich dort gar nicht sehen. Auffällig in zahlreichen Interviews war auch, dass betroffene Personen der nicht binären Geschlechtergruppe, sich sehr ein Gesehen werden in der Gesellschaft auch durch Sprache wünschen, alle nicht Betroffenen diesen Argumentationspunkt jedoch gar nicht betrachteten.

Frühlingsgefühle dank Bike-Doctor

Frühlingsgefühle dank Bike-Doctor

"Fahrradfahren verlernt man nicht", heißt es im Volksmund. Da bin ich aber froh, denn obwohl ich - siehe Beweisfoto - schon sehr lange Fahrrad fahren kann, habe ich es einige Monate nicht getan. Umso glücklicher war ich dann heute morgen, als ich über den Tahrirplatz und über den Nil an der Kairoer Oper entlang zum Schwimmen radeln konnte. Eigentlich etwas ganz Normales, aber in Ägypten keine Selbstverständlichkeit. Wenn überhaupt Fahrradfahren in Ägypten Tradition hat, dann bei den Männern. Meistens in den frühen Morgenstunden mit einer Palette Brot auf dem Kopf oder mit einem Karren, um Wertstoffe einzusammeln. Früher nannte man das in Deutschland Lumpensammler. Das Fahrrad als alternatives Transportmittel hat sich - auch in den neuen Compounds rund um Kairo - immer noch nicht durchgesetzt. Wenn man in Kairo Fahrrad fährt, dann ist das gleichzusetzen mit Sport. Der "Bike Doctor" war sehr erfolgreicher Radrennfahrer in Ägypten Ich kam gestern mit meinem "Bike Doctor", Sherif Yhiya, ins Gespräch. Über eine Kollegengattin hatte ich von ihm gehört und gelesen und jetzt, wo es in Kairo endlich wieder schön warm wird, wollte ich auch mein leider eingestaubtes Fahrrad wieder nutzen. Hier in Downtown bei mir um die Ecke gibt es die sogenannte Fahrradstraße, die "Shara Roushdy Basha", in der sich ein Fahrradladen neben den anderen reiht. Wenn ich meine Internetgebühr bezahlen gehe, komme ich jedes Mal daran vorbei, und jedes Mal überlegte ich, ob ich mir einfach irgendeinen Laden aussuche und dort hin gehe. Verschiedene Kolleg:innen berichteten über verschiedene Erfahrungen, und wenn die ehemaligen Kolleg:innen Abi-Klausuren korrigieren müssen, kommen sie sowieso zu nichts. Leider reichen meine Sprachkenntnisse nicht für fahrradtechnisches Fachvokabular. Ich bin ja schon froh, wenn ich auf Deutsch Bremsen, Gangschaltung, Kette und andere Details fehlerfrei beschreiben kann. Wie soll ich denn da einem ägyptischen Handwerker erklären, er möge meine Gangschaltung reparieren, mal den Fahrradschlauch überprüfen, warum ich immer viel Luft verliere und zudem die Kette entrosten und ölen. Und das auch noch alles, ohne mich über das Ohr zu hauen. Eine Freundin meinte sofort spontan, als ich ihr davon erzählte: "Och ne, das kann mein Fahrradladen aber nicht." Luft aufpumpen kann ich auch alleine, und ich habe sogar Fahrradkettenöl im Haus. Also war es Zeit für den "Bike Doctor". Per WhatsApp hatte ich Kontakt aufgenommen und stellte erfreut fest, dass er fließend Englisch spricht. Pünktlich war er zum vereinbarten Termin da und hatte zu meiner Verwunderung Reinigungsmittel, allerlei Werkzeug und eine Fahrradmontierstange dabei, so dass er damit das Fahrrad für die Arbeit im Stehen aufbocken konnte. In unserem kleinen Innenhof war er gut eine Stunde beschäftigt, bis mein Fahrrad wie neu erstrahlte. Alles erledigt und eventuell bekommt das Fahrrad noch eine Fahrradgarage gegen Wind und Sand. Vorsichtig fragte ich an, ob er kurz Zeit hätte, sich mit mir zu unterhalten. Ich wollte ihn gerne fragen, woher er denn seine Kenntnisse habe und wie sein Geschäft so läuft und wie er die Radfahrsituation in Ägypten einschätzt. Sherif erzählte mir, dass er 6-facher Radrennmeister von Ägypten war. Er fuhr zunächst für das "National Team of Egypt", für das er sich seiner Zeit bewerben und etliche Tests bestehen musste. Woher er seine Fachkenntnisse hat, war danach eine hinfällige Frage. Ich war neugierig, und das geplante kurze Gespräch endete als einstündiges gemeinsames Kaffeetrinken. Professionellen Radsport gibt es derzeit in Ägypten nicht. Alles drehe sich immer nur um Fußball, erzählt Sherif. Es fehle an Sponsoren und oft auch an Disziplin und Loyalität in den jeweiligen Radsportteams. Als Amateursport bzw. semiprofessionell sei der Radrennsport jedoch beliebt, und es gäbe einige Teams. Trainiert wird natürlich nicht in der Stadt, sondern auf den Highways. Besonders frequentiert ist die Sokhna-Road, die vor allem Freitagmorgens voll mit Radfahrern sei. Sherif ist auch zuversichtlich, dass es in den nächsten 5 bis 10 Jahren wieder professionelle Teams in Ägypten geben wird. Derzeit seien es ungefähr 60 Radsportler:innen, die ernsthaft trainieren. Bis zum Jahr 2017, bis er seine Karriere als aktiver Radfahrer beendete, hatte Sherif sein eigenes Radsportteam, "The Nitrous Cycling Team", das auf Facebook zwar noch zu finden aber nicht mehr aktiv sei. Tatsächlich stöbere ich interessiert auf der Seite und bekomme die Angaben von Sherif bestätigt. Das Nitrous-Team 2016 auf der Sokhna-Road beim Training, wie ich finde, sehr beeindruckend: Schulen sollten das Fahrradfahren unterstützen Natürlich interessiert mich auch die Fahrradfahrsituation in Ägypten für normale Leute wie mich. Sherif sieht derzeit einen Höhepunkt des Radfahrens in Ägypten, das sich in den letzten sieben Jahren entwickelt habe. In den Jahren nach der 2011-Revolution hätten private Gruppen angefangen, sich freitags zum Fahrradfahren zu treffen, vorrangig in Maadi und in Zamalek. Inzwischen könne man freitags irgendwo auf die Straße gehen und sich einer Radfahrgruppe anschließen, es gäbe unzählige. Und zwar zum einen sogenannte Sportgruppen und zum anderen die Charity-Gruppen, die ein konkretes Ziel haben und beispielsweise Ramadanboxen oder ähnliches verteilen. Tatsächlich sehe ich heute morgen um kurz nach sieben mehrere Gruppen junger Leute, Frauen wie Männer, die sich auf das Radfahren vorbereiten. Die Fahrräder werden auf kleinen Transportern gebracht und den Fahrwilligen ausgeliehen. Die Teilnehmer bekommen knallgelbe Sicherheitswesten und werden von den Guides an den Kreuzungen über die Straße begleitet. Hat mich ein wenig an die Blade-Nights in München erinnert. Schmunzeln musste ich über einen Pickup mit Rädern, deren Sättel mit roten Flauschbezügen überzogen waren. Dabei fiel mir dann auch wieder ein, was Sherif mir erzählt hatte. In den Compounds gäbe es inzwischen auch Fahrradwege, aber die Leute wüssten gar nicht, was das soll und würden dort dann parken. Seine Nachbarn zu einer Fahrradtour zu bewegen, sei fast unmöglich. Was das denn solle und außerdem sei das doch bestimmt unbequem auf den Sätteln. Sherifs drei Kinder, zwischen 3 und 15 Jahren alt, können zwar Radfahren, aber selbstverständlich sei es noch lange nicht. Ich frage, was denn in Ägypten passieren müsse, damit Kinder wie selbstverständlich wie wir früher mit dem Fahrrad zur Schule führen. Dabei denke ich an die nationalen Schulen, nicht an internationale Schulen, die oft 'zig Kilometer entfernt sind. Dass der Verkehr gefährlich ist, klar, keine Frage. Aber je selbstverständlicher Radfahren wäre, umso selbstverständlicher wären auch Fahrradfahrer im Verkehr. Sherif nennt zwei weitere Gründe. Fahrräder seien zum einen für wirtschaftlich schwache Leute unerschwinglich. Ich erinnere mich jedoch an einen Laden im Baladi in Dokki, der alte Fahrräder aufbereitet und bestimmt für die gebrauchten Räder keine Foreigner-Preise verlangt. Zum anderen müsse jeder, so Sherif, an der Schule Angst haben, dass man ihn zum einen auslache und zum anderen die Fahrräder an der Schule keinen Platz hätten. Er fände es eine gute Idee, wenn die Schulen Fahrradständer und einen sicheren Platz zur Verfügung stellten, damit die Räder sicher und vor allem auch willkommen seien. Ich schlage ihm ein Crowdfunding-Projekt vor, und Sherif überlegt, einen seiner ehemaligen Lehrer auf so ein Projekt anzusprechen. Vor allem auf dem Land, das vom Verkehr noch nicht so gebeutelt ist, könnten solche Projekte erfolgreich sein. Die Vorbildfunktion würde sich dann auch auf die Städte auswirken, überlegt Sherif, denn in der Stadt wolle man sich ungern ansehen, dass man auf dem Land etwas besser könne. Und sei es nur Fahrradfahren. Während beispielsweise in Dahab Fahrräder zum normalen Straßenbild gehören, wird es trotz freitäglicher Aktivitäten in Kairo sicherlich bis dahin noch ein weiter Weg. Mein Fahrrad ist natürlich super geworden, und für nächsten Freitag bin ich mit einem Kollegen zum Radfahren verabredet. Sollte das nicht klappen, schau ich mal, ob ich eine Gruppe finde, die mich mitradeln lässt.

Ein Ü-belisk in Tanis

Ein Ü-belisk in Tanis

Halb sieben ist für ein Wochenende wirklich früh, doch unser Ziel Tanis liegt im Nildelta beim Städtchen San Al-Hagar, 119 km von Kairo entfernt. Die Straßen im Großraum Kairo sind gut ausgebaut, aber die sandigen Landstraßen winden sich durch die kleinen Bauerndörfer. Mit unserem Minibus erregen wir Aufsehen, denn wir haben lautstarke Begleitung. Wir durchqueren mehrere Regierungsbezirke und erhalten Polizeieskorte in jedem Bezirk, die sich mit ihren Polizeisirenen lautstark bemerkbar macht. Einige Kollegen finden es ganz cool. So ganz ist uns auch nicht klar, warum wir diese Begleitung benötigen, und auch Dalal, unsere Reiseleiterin, weiß nicht wirklich Antwort. Sie erzählt über das Anbaugebiet im Nildelta. Im Moment werden am Straßenrand vor allem Kartoffeln, Mandarinen und Erdnüsse verkauft. Der Regierungsbezirk Al-Sharqqiya sei aber nicht nur bekannt für Landwirtschaft, sondern auch für erstklassige Pferdezucht. So gegen zehn erreichen wir San Al-Hagar. Eine Weile fahren wir bereits an der Mauer der Ausgrabungsstätte entlang, passieren noch einen kleinen Viehmarkt und fahren dann den Hügel hinauf. Von dort blickt man auf das Städtchen, dessen goldene Moscheekuppel prächtig in der Sonne blinkt. Daneben das weite Ausgrabungsfeld, auf dem erstmalig 1860 Ausgrabungen stattfanden, ragen vereinzelt Säulen 'gen Himmel, die von Ferne zwar zu sehen, jedoch nicht zu erkennen sind. Vier Tempel sollen hier einmal gestanden haben, im Zentrum ein Tempel von König Amun. Die goldene Totenmaske von ihm soll im ägyptischen Museum zu besichtigen sein, erzählt uns Dalal. Der erste Weg führt uns über die dunkle, noch regenfeuchte Erde zu unterirdischen Grabkammern. Viele Herrscher der 21. und der 22. Dynastie haben hier ihre Ruhestätte gefunden, und es wurden einige noch ungeöffnete Gräber mit allen Grabbeigaben entdeckt. Tanis kann nicht mit so prunkvollen Tempeln und Gräbern aufweisen wie beispielsweise Luxor. Aber die Ausgrabungen stehen hier auch noch am Anfang, und die Rekonstruktion hat erst begonnen. Dort, wo man die Fundstücke entdeckt, werden sie erstmal liegen gelassen, nach und nach sortiert und dann rekonstruiert. Wir lachen, als Dalal uns eine Reihe von Obelisk-Fragmenten zeigt. Eine Schulter, ein Bein, ein Stück vom Kopf. Wie ein riesiges 3D-Puzzle sieht es aus, und über den Kommentar "ein Übelisk", "zum Selberbauen" muss ich schmunzeln. Dalal beginnt mit uns den Rundgang über das Feld und erzählt über Tempel, Könige, Bauweisen und den angeblichen Macho, König Ramses II. "Eine Tempelanlage ist das Haus des Gottes und besteht immer aus Stein - Kalkstein, Sandstein, Granit, Basalt. Niemand wohnt in dem Tempel, vielmehr birgt der allerheiligste Raum die Statue des entsprechenden Gottes. Die Menschen glaubten, dass die Seele des Gottes durch die Statue in den heiligen Raum kommt. Der allerheiligste Raum wird als erstes gebaut und es führt immer ein gerader Weg nach draußen. Diese Achse soll einen Sonnenstrahl darstellen - irgendwie geht es meist immer um Götter und die Sonne. Entlang der Achse werden Nebenräume errichtet und abschließend der Eingang, der von zwei Pylonen eingefasst ist. Dieses sind Obelisken und Statuen von Königen Ägyptens. Zum Schutz des Tempels wird um ihn herum eine Mauser aus ungebrannte Ziegeln errichtet, ohne großartige Befestigung. Nachdem der Tempel einem Gott und keinem König gehört, kann jeder König kommen und in dem Tempel regieren. Natürlich möchte jeder König seine Spuren hinterlassen und eine Erinnerung an sich selbst hinterlassen. Damit der Bereich um den Tempel herum erweitert werden konnte, durfte die Tempelmauer nur in leichter Bauweise errichtet werden. Entlang der Mauer standen zudem die kleinen Häuser der Priester und der Handwerker, die beispielsweise den Schmuck für den König herstellten. Auf dem Gelände befindet sich zudem der zweitgrößte heilige See zur Reinigung für die Priester, der größte See gehört zum Karnak-Tempel. Das Waschen vor dem Gebet kennen die Muslime bis heute. Gebete und Gottesdienste gab es im Tempel in Tanis drei Mal täglich, vor Sonnenaufgang, mittags und bei Sonnenuntergang." Tanis wurde erst bekannt in der 21. Dynastie. Ramses II. war der dritte König in der 19. Dynastie im neuen Reich, 1.300 Jahre vor Christus, und Dalal kommt etwas in Rage, als sie von ihm erzählt. "Ramses hat Ägypten 77 Jahre regiert. Der war doch verrückt und ein Mafiosi und ein Romeo. Überall hat er Tempel gebaut, insgesamt wurden bislang 19 Tempel-Anlagen von ihm gefunden. Wo er nicht selbst gebaut hat, hat er seinen Namen in Form einer Kartusche hinterlassen. Außerdem hatte er viele Frauen. Seine Hauptfrau war Nefertari (Nafret-Ari). "nafret" ist ein weibliches Adjektiv für "schön", ein "ari" angehängt die Steigerungsform, das Superlativ, also "die Allerschönste". Ramses stammt aus einer kleinen Stadt, 30 km entfernt von Tanis, "Berramisu", dem heutigen Qantir. Ramses hat in Tanis zwar seinen Namen hinterlassen, und es finden sich auch Statuen von ihm, gearbeitet hat er in Tanis jedoch nie. Seine Statue entspricht der Idealvorstellung von einem Menschen. Die ägyptische Kunst hat immer Idealvorstellungen hervorgebracht und kein Abbild der Realität. Zudem ging man davon aus, dass man entsprechend des Abbildes wiedergeboren würde. Daher wurde auch beispielsweise immer darauf geachtet, dass zum Beispiel alle Finger der Hand zu sehen sind, auch, wenn man dafür zwei linke Hände darstellen musste". Während ich das gerade so schreibe, überlege ich bei dem Gedanken an den ein oder anderen ägyptischen Handwerker, ob einige davon bereits wiedergeboren sind, aber das wäre ja gemein, so etwas zu denken. Dalal hat unzählige Informationen und Geschichten für uns. Über Respekt und Kunst, über Kartuschen und Namen und wie man Granit für die Säulen aus dem Boden gewonnen hat. Wir besuchen den Platz der allerheiligsten Halle mit den bereits errichteten Obelisken, schauen uns den heiligen See an und einen alten Brunnen, der aber als Nilometer gedient hat. Bei schönstem Sonnenschein machen wir uns gegen Mittag dann wieder auf den Weg zu unserem Bus und fahren weiter nach Tell Basta, einer weiteren Ausgrabungsstätte in Al-Sharqiyya. In dem 2017 fertiggestellten Museum erregen wir einiges an Aufsehen, denn wir sind seit langem die ersten ausländischen Gäste, wenn gar wegen Corona überhaupt die ersten Gäste seit langem. Entsprechend möchte man mit uns Fotos machen und mit uns werben. Etwas mürrisch willigen wir dann ein. Im Museum bestaunen wir Schmuck, Katzenfiguren und kleine Särge. Im Außenbereich liegen viele Ausgrabungsstücke nummeriert an ihrer Fundstelle und sollen demnächst zum Tempel rekonstruiert werden. Nur die Merit-Statue, die Tochter Ramses II., blickt erhaben über das Areal und die Stadt im Hintergrund. Der Brunnen, aus dem Maria, die Mutter Jesu, auf ihrer Reise durch Ägypten getrunken haben soll, wurde bereits gemauert und liegt inmitten der Fundstücke. Man will wohl den Weg, den die Heilige Familie durch Ägypten gegangen ist, wieder ausbauen. Auch Tanis ist heiliges Land. Moses soll dort gewesen sein und der Platz wird im Alten Testament erwähnt. Unsere Kollegen kannten Tanis natürlich aus dem Film "Indiana Jones", der dort die Bundeslade findet. In Ägypten führt so vieles immer und immer wieder auf die Heilige Schrift zurück. Wir fahren nach einem üppigen ägyptischen Essen mit Polizeisirene zurück nach Kairo. Die Polizisten verabschieden sich am Rand von Kairo, wo wir vom alten Ägypten über das landwirtschaftliche Ägypten zurück in die Stadt gelangen. Ein lohnenswerter und spannender Tag, fernab vom nervigen Massentourismus, liegt hinter uns.

Artischocken - und nun?

Artischocken - und nun?

Bereits vor etlichen Jahren hatte meine damalige Mitbewohnerin Artischocken gekocht und mir dann berichtet, dass sie die Blätter "gezuzelt" hätte. Bis heute konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, was sie damit meinte. Eine Kollegin erzählte dann dieser Tage ebenfalls vom Artischocken-Zuzeln mit Senfsauce, und ich wurde endgültig neugierig. Artischocken, die auf arabisch "artishuk" heißen, kosten bei meinem Gemüsemann in Downtown pro Stück 4 ägyptische Pfund, das sind 20 - 25 Eurocent. Importiert können die nicht sein. Und tatsächlich werden Artischocken auch in Ägypten angebaut. Es findet sich nur wenig darüber, aber das Stichwort Damietta fällt, so dass auch die Artischocken wahrscheinlich im fruchtbaren Nildelta zuhause sind. Artischocken sind kultivierte Disteln, und genauso hübsch blühen sie auch. Ich erkundige mich weiter, wie das denn mit den Artischocken so geht und muss schmunzeln, als mir ein ehemaliger Kollege sinngemäß erzählt: "Erst stelle ich sie zur Deko in eine Vase, dann lutsche ich die Blätter mit Pfeffer und Salz, und dann esse ich den unteren Rest." Ok, das klingt merkwürdig und ähnlich wie das, was alle anderen auch erzählen, nur das mit der Deko war mir neu. Allerdings war das dann auch der unspektakulärste Part zum Thema Artischocken. Im Internet lese ich von Rezepten mit Kapern und Weisswein, aber für Kapern müsste ich bis nach Zamalek oder Dokki fahren, Wein ist mir zu schade. Ich überlege mir eine Würzmayonnaise als Dip mit "gebna beda", dem cremigen Feta-Käse, Kardamom und Knoblauch und für die Artischockenherzen ein Dressing mit Granatapfelsirup und Zimt. Beides hat mich total begeistert! Die restliche Mayonnaise kann mit Joghurt verlängert zu Pellkartoffeln gegessen werden, das Dressing ist super für jeden Salat. Die Blätter der Artischocken sollen um etwa ein Drittel gekürzt werden. Ich benutze dazu meine Küchenschere und bin glücklich, dass es besser klappt, als mein Eigenversuch mit einer Haarschneidemaschine. Man kann ganz gut erkennen, wo die Blattspitze aufhört. Angeblich kann man den Stengel mitkochen. Ich finde, er sieht nicht so lecker aus und schneide ihn so ab, dass ungefähr ein halber Zentimeter an der Artischocke bleibt. Den Rest vom Stiel werfe ich weg. Frische gestutzt kommen die Artischocken in einen großen Topf mit Salzwasser. In sprudelndem Wasser koche ich das Gemüse eine gute halbe Stunde. Ich piekse mit einer Gabel in den Stielansatz, und wenn dieser weich ist, dann ist das Gemüse gar. Jetzt kommt der spannende Teil und endlich löst sich das Rätsel. Ich gieße das Wasser ab, was wahrscheinlich ein Fehler ist. Artischocken sind gesund und sollen gegen Bluthochdruck, Hepatitis-C und hohen Cholesterinspiegel helfen. Wahrscheinlich kann man aus dem Artischockensud eine gesunde Brühe oder etwas Heilendes herstellen, aber dazu habe ich keine Lust. Ich zupfe vorsichtig von außen nach innen die Blätter ab und stelle fest, dass an jedem Blatt ein bisschen Artischockenfleisch mit hängen bleibt. Und dieses Stückchen Fleisch wird mit dem Blatt in den Dip gegeben und dann vom Blatt "gezuzelt". Die inneren Blätter sind dann zunehmend zarter, so, dass fast das halbe Blatt mit gegessen werden kann. Also das ist definitiv Slow-Food und eine wunderbare Vorspeise für ein geselliges Dinner mit Freunden. Das Artischockenherz, das, was im Inneren der Blätter übrig bleibt, kann als Salat mit Dressing gegessen werden. Ich bin beeindruckt und frage mich, wer wohl als Erstes auf diese Idee gekommen ist. Zutaten für die Gewürzmayonnaise als Dip 50 ml Öl, z.B. Sesam- oder Rapsöl 1 Ei 1 kleiner Becher Naturjoghurt 1-2 EL Gebna Beda (cremiger Fetakäse) 1 kleine Knoblauchzehe 3 Kapseln Kardamom 2 TL Senf __ Salz Pfeffer Koriander zum Abschmecken Zutaten für das Granatapfel-Zimt-Dressing 2 EL Olivenöl 2 EL Granatapfelsirup 8 EL Wasser 1 kleine oder 1/2 rote Zwiebel 1 kleine Scheibe Ingwer eine Prise bis max. 1/2 TL Zimt __ Salz Pfeffer zum Abschmecken Für die Gewürzmayonnaise das Öl, das Ei und den Joghurt glatt rühren. Die Kardamom-Kapseln öffnen und die Samen in die Mayonnaise geben, die Knoblauchzehe schälen und durch die Knoblauchpresse drücken. Vorsichtig den Fetakäse unterheben und alles cremig rühren. Wenn der Käse direkt aus dem Kühlschrank kommt und fester ist, kann das ein wenig dauern. Nicht aufgeben und rühren, bis keine Klümpchen mehr übrig sind. Den Senf hinzufügen und mit Pfeffer, Salz und Koriander abschmecken und nochmals kräftig durchrühren. Der Dip sollte eine cremige Konsistenz haben und nicht flüssig sein. Olivenöl, Granatapfelsirup und Wasser für das Dressing schaumig schlagen. Die Zwiebel sehr fein würfeln und dazu geben. Den Ingwer habe ich geschält und auch durch die Knoblauchpresse gequetscht. Mit Zimt, Salz und Pfeffer abschmecken. Guten Appetit.

Ein Hokkaido als Gastgeschenk.

Ein Hokkaido als Gastgeschenk.

Ich bekomme Besuch und als Gastgeschenk einen Kürbis. Einen Hokkaido, der etwas Besonderes sei. Hokkaido ist die zweitgrößte Insel Japans. Von dort stammt ursprünglich der gleichnamige Kürbis, der inzwischen auch in Deutschland sehr beliebt ist. Er wiegt im Durchschnitt ein bis zwei Kilo, und die Schale wird beim Kochen weich und kann mit verzehrt werden. Hätte ich das vorab gelesen, hätte ich mir das mühsame Schälen sparen können. Man merkt gleich, dass ich Kürbis unerprobt bin. Im Bekanntenkreis frage ich nach Erfahrungen und Tipps. Nudelsauce wäre eine gute Idee oder auch als Suppe. Mit Orange würzen ist ein Tipp, den ich erhalte, als wir auf einem Ausflug kiloweise Mandarinen einkaufen. Ich entscheide mich letztendlich für eine Hokkaido-Suppe mit Ingwer, Rosmarin und arabischen Gewürzen. Mit der Kokosmilch oder den Kokosflocken, wenn man keine Kokosmilch findet, sollte man nach meinem Empfinden lieber etwas sparsam umgehen, sonst übertönt Kokos den feinen Kürbisgeschmack. Orange als zusätzliches Aroma hat mich nicht überzeugt. Frisches Rosmarin und Ingwer hat mein Gemüsestand frisch geliefert bekommen, Kokosflocken oder Kokosmilch gibt es in größeren Supermärkten mit internationalen Produkten. Meine Kokosflocken gehören eigentlich in mein Müsli und sind von El-Abd in Downtown. In meinem lokalen Supermarkt gab es Kokosmilch nicht, dafür hatten sie Sahne. Ich ziehe Schlagsahne der sogenannten Sahne zum Kochen vor, dann kann ich den Rest noch für die frischen Erdbeeren zum Nachtisch verwenden. Zutaten für die Suppe aus einem Hokkaido-Kürbis (2 Personen) 1 Hokkaido-Kürbis 2 gekochte Kartoffeln 1 mittelgroße Zwiebel 1 Knoblauchzehe 2 EL Kokosflocken oder Kokosmilch frischer Rosmarin frischer Ingwer 4-5 Kardamom-Samen 3 EL Sahne 2 EL Öl zum Anbraten __ Salz Pfeffer Koriander Kurkuma
zum Würzen nach Belieben Zwiebel, Knoblauch, Rosmarin und ein etwa 2 x 2 cm großes Stück Ingwer fein hacken. Die Kardamom-Samen hacken und die Schale entfernen. Alles vorsichtig in Öl anschwitzen und das feine Aroma, das durch die Küche zieht, genießen. Den Kürbis in zwei Hälften zerteilen und mit einem Esslöffel die Kerne ausheben. Danach den Kürbis - mit Schale - in Würfel schneiden. Zu den Gewürzen in den Topf und so viel Wasser hinzu geben, dass der Kürbis gut bedeckt ist. Nachdem das Wasser in Kairo recht chlorhaltig ist, verwende ich zum Kochen Mineralwasser. Kokosflocken oder Kokosmilch können sofort mitgekocht werden, alternativ kommen sie beim pürieren dazu. Gekochte Kartoffeln pellen und in Würfel schneiden. Nach etwa 7 - 10 Minuten die Kartoffeln dem Kürbis beigeben. Mit ungefähr 1/4 Liter Wasser auffüllen und nochmal aufkochen lassen, bis der Kürbis weich ist. Dann den Topf vom Herd nehmen und alles mit einem Zauberstab pürieren. Mit Salz, Pfeffer, Kurkuma und Koriander vorsichtig abschmecken. Wer mag, seiht die Suppe in einem Sieb ab, ich mag es, gelegentlich auf Kardamom oder Rosmarin zu beißen. Die Suppe in einer Suppenschüssel anrichten und mit flüssiger Schlagsahne garnieren. Guten Appetit!

Produktnutten: Fotografie zwischen Kunst und Kommerz.

Produktnutten: Fotografie zwischen Kunst und Kommerz.

Es ist viele Jahre her, dass ich erstmals einen Fotografen traf, der sich für seinen Beruf schämte. Er fotografierte Türklinken für Kataloge - ja, damals gab es erst wenig Internet. Das war die erste sogenannte Produktnutte, der ich begegnete. Der Begriff lief mir erneut vor kurzem in einem Fernsehfilm über den Weg. Der Fotograf in dem Film schoss Produktfotos für Werbung und bezeichnete sich selbst als Produktnutte, was nicht als Kompliment gemeint war. Der Begriff bringt etwas Entwürdigendes, Herablassendes und Beschämendes mit sich. Demzufolge scheint Künstler:in etwas Erstrebenswertes, für Werbung und Auftraggeber zu arbeiten, etwas Beschämendes zu sein. Ich habe das Glück, mit den Fotografinnen Diana Dau und Sally Mire über ihre Arbeit sprechen zu dürfen, und ihre Sicht darauf könnte unterschiedlicher nicht sein. 35.500 Fotograf:innen gibt es laut Statista per Stand Ende 2019 in Deutschland. In Deutschland ist Fotograf:in ein anerkannter Ausbildungsberuf, der drei Jahre dauert. Er gilt als „Duale Ausbildung im Handwerk“ und wird im Ausbildungsbetrieb und an der Berufsschule gelehrt. Die Bundesagentur für Arbeit beschreibt die Arbeit als Fotograf:in wie folgt: „ Fotografen und Fotografinnen erstellen je nach Schwerpunkt Porträt-, Produkt-, Industrie- und Architektur- oder wissenschaftliche Fotos. Darüber hinaus werden Fotografien auch im Film und in der Videotechnik eingesetzt. …“ Sie arbeiten in einem Fotostudio oder für Verlage. Von „Ein Fotograf ist ein Künstler“ steht da nichts. Anders ist das im Libanon und auch in Ägypten. Ausbildungsberufe gibt es in diesen Ländern nicht. Wer einen Beruf erlernen will, macht das nach dem Prinzip „Ich übe so lange, bis ich es kann und schau es mir vom Vater ab“, oder muss studieren. Sally Mire beispielsweise hat an der ALBA studiert, der Libanesischen Hochschule für Schöne Künste. Der Ausbildungsschwerpunkt von Sally ist Grafikdesign und Werbung, von Diana Grafikdesign und Fashion. Diana Dau - p.ro.duct.shots Auf Diana, eine junge Fotografin, stoße ich in Instagram, denn ihre Seite dort heißt „p.ro.duct.shots“. Genau das, wonach ich suche. Diana hat lange in London gearbeitet und möchte demnächst nach Berlin ziehen. Wegen Corona ist das zur Zeit jedoch nicht möglich, und so telefoniert sie mit mir aus Cluj-Napoca in Rumänien. Sie bewirbt sich selbst als Grafikdesignerin, Art Direktorin und Fotografin, jeweils mit Fashion-Background. Ihre Definition von Kunst und Marketing für Fotograf:innen ist ganz klar. Kunst ist der Ausdruck des eigenen Ichs, im Marketing steht das Produkt im Vordergrund. Es muss im Fokus des Bildes stehen, und alles im Bild konzentriere sich darauf, das Produkt gut aussehen zu lassen. „Geld ist nicht sehr künstlerisch“, sagt sie lachend. Aber es dauert, bis die eigene Kunst anerkannt würde und Menschen bereit seien, dafür Geld auszugeben. Diana sieht keinen Widerspruch zwischen Kunst und Marketing. E-Commcerce-Shootings findet sie langweilig, denn da käme es ausschließlich darauf an, technisch korrekte Bilder abzuliefern. Sie vergleicht das mit dem Schreiben. Grammatikalisch richtig bedeutet nicht automatisch, dass es sich gut liest. Genauso sei das bei den Fotos. Sie liebt es, ihre eigenen Ideen und künstlerischen Fähigkeiten auch in Produktfotos mit einzubringen; eine andere Perspektive mit einem anderen Winkel, Licht und Farben beispielsweise. Zudem lernt sie dabei die Kunden und den Markt kennen, was wiederum ein Spiegel von den Menschen und der Gesellschaft sei. Diese Kenntnisse seien für Künstler wichtig, betont sie. Wie könne man als Künstler sonst neue Perspektiven aufgreifen, wenn man mit den Menschen und der Gesellschaft nicht in Kontakt ist. Dass sich heute jeder als Fotograf:in bezeichnen und in den Sozialen Medien auch darstellen kann, sieht Diana nicht als Problem. Jeder müsse an einem Punkt irgendwie beginnen, relevant sei letztendlich das Ergebnis, und das sei das, was zählt. Photoshop ist für sie ein Tool, keine Bedrohung für die Fotografie. Sie vergleicht es mit einem Werkzeug wie z.B. ein Stift für eine:n Journalist:in. Wenn damit Blödsinn geschrieben würde, sei das nicht die Schuld des Stiftes. Ihr Umfeld zeigt sich positiv gegenüber ihrer Arbeit. Es sei mit ausschlaggebend für ihre jetzige Tätigkeit gewesen, denn sie habe dadurch Motivation erfahren, sich nicht ausschließlich um Kunst, sondern auch um ihren Lebensunterhalt zu kümmern. Es war eher ein innerer Konflikt, bis sie sich entschied, dass sie nicht länger arm sein möchte. Heute liebt sie ihren Beruf, und auch ich habe das Gefühl, mit einer selbstbewussten und zufriedenen jungen Frau gesprochen zu haben. (c) Diana Dau
Facebook: https://www.facebook.com/dianaspacedau/ | Instagram: dianadau Sally Mire - Sally Mire Photography Sally Mire kenne ich persönlich und traf sie in Beirut und in Wacken. Im Lockdown in Beirut spricht sie mit mir per Messenger. Sowohl ihr Umfeld als auch sie selbst sieht sich ganz klar als Künstlerin - als Sängerin und Fotografin. Besonders stolz ist sie auf ihr Fotoshooting mit der Band „Black Sabbath“ und die Präsentation dieser Fotos in der Black-Sabbath-Ausstellung in Birmingham. Sie unterscheidet ganz klar zwischen „Fine-Art“-Fotograf:innen und kommerziellen Fotograf:innen. Sie kennt den Ausdruck „Slave of the Market“, wie es auf Englisch heißt, auch, bevorzugt aber, von unterschiedlichen Berufskategorien zu sprechen. Kommerzielle Fotograf:innen seien aber definitiv keine Künstler:innen. Deren Aufgabe wäre es, Produkte technisch ins rechte Licht zu setzen. "I would never burn my passion for a piece of paper." Für sie selbst kommt diese Aufgabe nur in besonderen Notfällen in Frage. Sie habe das Gefühl, dafür mit ihren Händen und ihren technischen Fähigkeiten zu arbeiten, jedoch nicht mit ihrer Seele. Dabei sei sie voll Gefühl und Leidenschaft und wolle das auch in ihrer Arbeit erleben. In ihre Projekte tauche sie ganz ein und entwickelt Ideen, und sie muss die Projekte unbedingt mögen. „Für einige Menschen steht der finanzielle Aspekt im Vordergrund. Mir reicht es, wenn ich von meinen Projekten und meiner Leidenschaft leben kann. Und wenn das nicht möglich ist, dann arbeite ich lieber ganz etwas anderes, beispielsweise in einem Büro“. Wortwörtlich fügt sie hinzu: „I would never burn my passion for a piece of paper“. Und wenn immer es möglich ist, lehnt sie rein finanzielle Projekte - sie nennt diese „money-shootings“ - ab. Einige Kunden würden gezielt nach künstlerischen Produktfotograf:innen suchen, doch diese Kunden seien leider selten. Das Gespräch mit Sally ist mit mehr Emotionen verbunden, als das Gespräch mit Diana. Bei Sally ist ein bisschen Kampfgeist für ihre Projekte und ihre Leidenschaft zu spüren, und auch sie tritt sehr selbstbewusst und auch ein bisschen stolz auf. (c) Sally Mire Facebook: https://www.facebook.com/Sallymirephotography | Instagram: sally.mire Wahrscheinlich ist das, was die jungen Fotografinnen machen, für jede Einzelne genau das Richtige. Und eigentlich wissen wir, dass es darauf ankommen sollte. Künstler:in hin oder her.

Szenario "Endgame Corona" in Ägypten

Szenario "Endgame Corona" in Ägypten

Ägypten hat den Vorteil, dass bereits Ende Januar - wenn es nicht gerade Unwetterwarnung gibt - die Temperaturen in der Mittagssonne um die 25 Grad betragen. Eine Dokumentation im ZDF erklärte, man habe Coronaviren in eine speichelähnliche Lösung gemischt und für zwei Wochen verwahrt. Einmal bei einer Temperatur von 4 Grad und einmal bei einer Temperatur von 22 Grad. Nach zwei Wochen waren noch fast alle Viren, die bei 4 Grad gelagert waren, vorhanden. In der Lösung, die bei 22 Grad verwahrt wurde, waren fast alle Viren verschwunden. Auch ich hoffe, dass das warme Wetter einen positiven Einfluss auf das Virus haben wird und es mit der Sonne verschwindet. Das mag naiv gedacht sein, und die Realität sieht derzeit auch anders aus. Einen Lockdown gibt es derzeit in Kairo nicht. Aber es gibt Maskenpflicht und das Gebot der Abstandshaltung wie überall auf der Welt. Seit dem 3. Januar wurden die Maßnahmen verschärft. Auskunft darüber geben neben dem ägyptischen Gesundheitsministerium beispielsweise auch die Botschaften in Kairo und die Aussenhandelskammer (AHK). Nachstehend einige Beispiele: „Indoor“ und in Taxis bzw. in öffentlichen Verkehrsmitteln gilt eine Maskenpflicht. 50 ägyptische Pfund (EGP) (ca. 2,50 Euro) beträgt die Strafe, wenn keine Maske getragen wird. Hochzeiten, Beerdigungen, Festivals und andere Massenveranstaltungen sind verboten. Schulen sind bis zum 20. Februar geschlossen, und der Unterricht findet online statt. Halbjahresferien gibt es vom 16. Januar bis zum 20. Februar für staatliche Schulen, also ohne jeglichen Unterricht. Für Universitäten wurde eine E-Learning-Plattform eingerichtet, die ab dem Sommersemester für alle Universitäten Pflicht sein wird. Lebensmittelläden dürfen immer öffnen, andere Läden von morgens um 7h bis abends um 22h, im Sommer bis 23h. Ok, für Kairo ist das fast wie ein Lockdown. Restaurants und Cafés dürfen mit 50% Kapazität bis Mitternacht geöffnet haben, im Sommer bis nachts um 1h. Sommer ist definiert von Ende April bis Ende September. Shisha ist zu meinem Leidwesen verboten. Wer als Café- oder Restaurantbesitzer gegen die 50%-Kapazitäts-Regel verstößt, muss mit einer Strafe von 4.000 EGP rechnen (ca. 200 Euro). Die Reisevorschriften wurden verschärft. Schon lange gilt, dass man ohne negativen PCR-Test nicht nach Ägypten einreisen darf. Ausgenommen hiervon seien jedoch Sharm-El-Sheikh und Hurghada als Ferienziele. Man könne bei Einreise dort vor Ort einen Test machen und müsse bis zum Erhalt des Testergebnisses in Quarantäne. Wenn man also derzeit nicht gerade reisen oder heiraten möchte, könnte der Alltag relativ normal in Kairo gelebt werden. Mit Maske und entsprechendem Abstand zu fremden Menschen. Eigentlich. Im Vergleich zu letztem Frühjahr tragen vom Gefühl her in diesen Tagen wesentlich mehr Menschen eine Maske. Dennoch sehe ich mich tagtäglich Situationen ausgeliefert, in denen es räumlich eng ist und erstmal keine Maske getragen wird. Zum Alltag gehören derzeit wiederkehrende Diskussionen. Jeden Taxifahrer frage ich seit Jahren „mumkin...?“ und das Ziel meiner Fahrt, beispielsweise nach „Dokki“ (also ob ich mit ihm nach Dokki fahren kann). Antwortet er mit „ja“ oder winkt mich ins Taxi, kommt die nächste Frage: „Funktioniert der Tachometer?" Hinzugekommen ist seit Wochen nun die Frage: „Mumkin kemama?“ was soviel bedeutet wie „Hast Du eine Maske und bist Du auch willig diese ordnungsgemäß zu tragen?“. Nachdem drei Fragen mit „ja“ beantwortet wurden, steige ich ein und fahre ausschließlich mit offenem Fenster. Wenn ich dann den Taxifahrer oft noch bitte, sein Gedudel im Radio leiser zu machen, dann bekomme ich sehr häufig grummelige Kommentare. Ich bin für ihn anstrengend. So gut es sich organisieren lässt, vermeide ich seit langem Innenräume mit vielen Menschen oder trage dort die FFP2-Maske. An meinem Obststand trägt der Verkäufer auch keine Maske, aber das ist wenigstens draußen. Er stellt meine abgewogenen Waren in seinen Kartoffelkorb, und so kann ich weitestgehend Abstand halten. In dem kleinen Kiosk bei uns im Haus, wo es ausser frischen Sachen irgendwie alles gibt, von Toilettenpapier über Käse, Nutella und Getränken, Milch, Nudeln und Reis, da ist es oft voll und eng. Drei Brüder betreiben den Kiosk. Ayman trägt immer Maske wenn er mich sieht, Mohammed nie. Den dritten sehe ich kaum. Die Jungs, die im Kiosk aushelfen, die tragen auch keine Maske, haben aber täglich Kontakt zu sehr vielen Menschen auf engem Raum. Komme ich in den Kiosk und sehe Ali, 14 Jahre, ohne Maske, frage ich ihn, warum er keine trägt. Er grinst und setzt sich die Maske auf. Kommen Gäste ohne Maske in den Kiosk und ich bezahle gerade, sagt Ayman ihnen, sie mögen warten bis ich weg sei. Mohamed hingegen lacht mich immer aus und macht Witze. Inzwischen aber betrete ich den Kiosk nicht mehr, wenn Mohamed ohne Maske da und es voll ist. Er kommt dann zu mir raus, bringt mir was ich möchte, und ich zahle bei ihm. Die US-Botschaft beschreibt auf ihrer ägyptischen Internetseite, dass die Kapazitäten der intensivmedizinischen Versorgung in Ägypten zu 90% ausgelastet seien. Wirklich lustig finde ich das dann eigentlich nicht mehr. Aber wie soll ich mich da verständlich machen? Zum einen ist mein Arabisch nicht gut genug für medizinische Ausdrücke. Und diejenigen, denen ich mich verständlich machen kann, verstehen es oft trotzdem nicht. Viele Menschen sind nur einige Jahre zur Schule gegangen, das Bildungsniveau ist niedrig. Laut Statista lag im Jahr 2017 die durchschnittliche Analphabetenrate bei 71,17 %. Wie soll man da Corona erklären - ein Virus das man nicht sieht und ohne Symptome ansteckend ist? Wie Corona enden könnte, erklärt Mai Thi Nguyen-Kim in einer ARD-Sendung. Wie das mit der Herdenimmunität und den Impfungen funktioniert, wie das alles berechnet wird und wie aus einer Pandemie eine Endemie werden kann, ist Inhalt der Sendung. Ziel wäre eine Endemie, in der Corona quasi heimisch wird, beschreibt Mai, so, wie eine Erkältung oder eine Grippe. Risikopatienten wären durch Impfung geschützt, diejenigen die sich anstecken haben keine schlimmeren Symptome als bei einer Erkältung, und eine Coronaimpfung würde für Kinder im Kindergartenalter automatisch mit angeboten. Das Video hat auf YouTube inzwischen über 1,8 Millionen Klick. Für mich sehr nachvollziehbar, denn die Erklärung kommt verständlich, sachlich und ohne erhobenen Zeigefinger. Ein Virenträger kann 3 bis 4 weitere Personen anstecken. Die Infektionszahlen sinken erst dann, wenn ein Virenträger weniger als einen Menschen ansteckt. Dieses wird erreicht durch eine sogenannte Herdenimmunität, die für das Coronavirus weit über 50% der Gesamtbevölkerung liegen muss. Man könnte dieses auch erreichen, wenn alle diejenigen, die infiziert sind, sich auskurieren und zuhause bleiben und niemanden mehr anstecken. Leider gibt es auch Corona ohne Symptome, und entweder müssten alle getestet werden oder alle zuhause bleiben. Dann wäre Corona quasi weg. Das mit der Herdenimmunität kostet Zeit. Das mit dem„alle bleiben zuhause bis niemand mehr jemanden anstecken kann“ ist unrealistisch. Außerdem muss es dann nur eine einzige Person geben, die übersehen wurde, dann geht alles wieder von vorne los. Mit Impfungen werden diejenigen zuerst geschützt, bei denen Corona einen schweren Verlauf nehmen kann oder die einer besonders hohen Ansteckungsgefahr ausgesetzt sind. So weit, so gut. Aber wie funktioniert das in Ägypten? Ägypten hatte am 3. Februar offiziell 512 neu positiv geteste Personen und 53 Todesfälle. Gezählt werden offiziell die Coronafälle der staatlichen Krankenhäuser. Private Tests, private Krankenhäuser und Militärkrankenhäuser werden nicht mitgezählt. Und diejenigen, die infiziert sind aber sich nicht testen lassen, auch nicht. Somit geben die Zahlen eine Tendenz an. Anfang Januar waren es täglich noch über 1.000 neu positiv getestete Personen. Ich wollte wissen, wie viele Menschen sich an das Tragen der Masken halten und wie viele nicht. Ich habe Momentaufnahmen gemacht ohne Anspruch darauf, repräsentativ zu sein. Ich zählte und beobachtete im Taxi, im Kiosk, im Café, von meinem Fenster aus, bei den Essenständen auf der Straße. Ich kam zu dem Ergebnis, dass sich das ziemlich genau drittelt. Ein Drittel aller in etwa trug die Maske vorschriftsmäßig, ein Drittel hatte die Maske unter dem Kinn, ein Drittel hatte keine Maske sichtbar bei sich. Die meisten Beobachtungen dabei waren Menschen draußen. Ohne Sortierung nach Geschlecht oder Alter. Einfach so, wie sie mir begegneten. Die Verkehrspolizei überprüft Taxis und zum Teil öffentliche Verkehrsmittel. Weitere Kontrollen konnte ich bislang nicht beobachten. Basierend auf der Erklärung der ARD-Sendung fürchte ich, dass das, was Ägypten gerade macht, rechnerisch die schlechteste aller Lösungen ist. Aber vielleicht die einzig mögliche. Nachdem der Großteil der Ägypter nach meinen Zufallsbeobachtungen keine Maske trägt und nicht immer ausreichend Abstand einhält, überträgt sich das Virus in diesem Personenkreis immer weiter. Am einfachsten wäre es, niemand trüge eine Maske und alle steckten sich irgendwie an und eine Herdenimmunität würde schnell erreicht. Leider hätte das dann viele Kranke, auch schwer Erkrankte und auch viele Todesfälle zur Folge. Eine Lösung, die man niemandem mit gutem Gewissen vorschlagen kann und will. Nur Theorie. Die andere Lösung, alle bleiben jetzt einige Wochen zuhause bis die Ansteckungsgefahr drastisch reduziert ist, ist genauso unwahrscheinlich und wirtschaftlich undenkbar. Muss es demnach in Ägypten genauso funktionieren wie in Deutschland? In Deutschland bleiben - bedingt durch den Lockdown - derzeit viele Menschen zuhause. Diejenigen, die das Haus verlassen, halten sich weitestgehend an Abstandsregeln und tragen Maske. Die Impfungen haben begonnen. So sollte es zumindest sein. Am 11. Januar berichtete Egypt Today darüber, dass das ägyptische Gesundheitsministerium eine Seite einrichten werde, auf der man sich online für die Corona-Impfung registrieren könne. Egypt Independent berichtete am 10. Januar, die Seite sei live gegangen. Am 25. Januar sollten gemäß Berichterstattung diverser Medien die Impfungen bei medizinischem Personal in Ägypten begonnen haben. Ich finde die Seite http://mohpegypt.com, kann aber nirgendwo einen Link zur Dateneingabe finden. Es heißt dort übersetzt „Registrieren Sie sich bald“. Ein Corona-PCR-Test bei einer privaten Ärztin oder Arzt kostet ungefähr 1.500 - 2.000 EGP, ca. 75 - 100 Euro. Das Durchschnittseinkommen Ägyptens lag laut Statista pro Kopf bei ca. 2.600 US-Dollar (2017). Die Zahlen von 2018 der Seite Länderdateninfo sprechen von 200 Euro monatlich oder 2.400 Euro jährlich als Durchschnittseinkommen. In den staatlichen Krankenhäusern zahlt man nichts für die Behandlung, die Kapazitäten und Mittel sind jedoch begrenzt. Wie hoch die Kosten für die Impfung in Ägypten sein werden, oder ob diese kostenlos für die Ägypter erfolgen wird, konnte ich nicht herausfinden. Meine Befürchtung ist, dass nur für ca. 1/3 der Bevölkerung die Corona-Lösung aussehen wird wie in Deutschland. Sie halten Abstand, sie tragen Masken, sie lassen sich impfen. Sollten sich die wirtschaftlich Schwächeren keine Impfung leisten können und sie eventuell dann noch zu der von mir beobachteten Gruppe „Menschen ohne Maske“ gehören, dann wird für diese Gruppe die Herdenimmunität die Lösung sein müssen. Mit allen traurigen Eventualitäten und der Zeit, die es dauern wird. In diesem Fall würde es dann noch lange eine Maskenpflicht und Verzicht auf Shisha geben. Die Maskenpflicht noch strenger zu kontrollieren, wäre eine andere Möglichkeit, stößt aber auf organisatorische Grenzen und oft auf Unverständnis. Anfang Januar hatte die ägyptische Regierung angekündigt, zumindest die notwendige Quarantäne von positiv Getesteten schärfer zu kontrollieren. Das Bewusstsein ist vorhanden. Eine völlig pragmatische Lösung wäre, Corona für beendet zu erklären. Wenn es wieder wärmer wird und erste Impfungen vorgenommen wurden und möglich sind. Eine Lösung, die einige Ägypter:innen aus meinem Bekanntenkreis durchaus für möglich halten. Auch das liefe letztendlich für Ungeimpfte und Maskenlose dann auf Herdenimmunität hinaus. "Hanshouf" sagen die Ägypter voller Gottvertrauen - wir werden sehen. Mir wäre meine naive Lösung am liebsten: Das Virus verschwindet mit der zunehmenden Wärme.

Jugend Musiziert 2021 in Kairo

Jugend Musiziert 2021 in Kairo

Eigentlich sollte ich gerade in der Jury für „Jugend Musiziert“ sitzen, entweder für Kairo-Ost oder für Kairo-West. Denn heute, am Freitag, den 29. Januar 2021 findet an den deutschen Auslandsschulen in Kairo der Regionalwettbewerb für Jugend Musiziert statt. Der diesjährige Wettbewerb kann Corona bedingt nur unter erschwerten Voraussetzungen stattfinden. Dennoch ist es möglich, den rund 20 Kindern und Jugendlichen das Vorspiel im Regionalwettbewerb zu ermöglichen. Mit meiner Juryteilnahme hat es sich anders ergeben, so dass anstatt einer Kolumne aus der Jugend-Musiziert-Jury heraus eine kleine Reportage zum Thema entstanden ist. „Jugend Musiziert“ (JuMu) findet in Deutschland seit dem Jahr 1964 statt. Neben allen 16 Bundesländern sind die internationalen Regionen „Nord-/Osteuropa“, „Spanien/Portugal“ sowie „Östlicher Mittelmeerraum“ vertreten. Die Wettbewerbe werden von deutschen Musikschulen oder deutschen Auslandsschulen organisiert. Unterstützt wird „Jugend Musiziert“ durch den Bund und private Förderer. Auf der Internetseite von „Jugend Musiziert“ www.jugend-musiziert.org ist zu lesen, dass der Wettbewerb „einer der gesamtstaatlich geförderten Schüler- und Jugendwettbewerbe (ist). Er ist im Kinder- und Jugendplan der Bundesregierung verankert und von der Kultusministerkonferenz anerkannt. Damit gehört „Jugend Musiziert" zu den Einrichtungen, für die die Länder und der Bund am 14.9.1984 eine gemeinsame Erklärung zur Förderung bundesweiter Wettbewerbe im Bildungswesen abgegeben haben. Bund, Länder, Gebietskörperschaften, Kommunen und Fachverbände laden gemeinschaftlich zur Teilnahme ein.“ Kinder und Jugendliche, die in Deutschland wohnen oder eine deutsche Auslandsschule besuchen, können bis zu einem Alter von 21 Jahren teilnehmen und treten in entsprechenden Altersgruppen an. Allerdings dürfen sie noch keine musikalische Berufsausbildung begonnen haben. Für jedes Jahr werden vom JuMu-Beirat mit Mitgliedern aus Musikschulen, Medien und der Musikwirtschaft wechselnde Wettbewerbskategorien für die Ausschreibung definiert, sowohl für Soloinstrumente mit und ohne Begleitung und für Ensembles. Im Laufe der Jahre sind immer wieder neue Kategorien hinzugekommen. So sind Musical und Popgesang bei den Jugendlichen besonders beliebt. Erstmalig in diesem Jahr findet das sogenannte JuMu-Open statt. Eigenen Kompositionen, moderner Musik lebender Komponisten, Kreativem und Innovativem soll dadurch ein Raum auch bei „Jugend Musiziert“ gegeben werden, so der Gedanke von Professor Ulrich Rademacher als JuMu-Vorsitzender. Der Anmeldeschluss ist jährlich am 15. November. Trotz Corona verzeichnet Deutschland die Anmeldung von 15.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, insgesamt haben in allen Jahren über eine Million Kinder und Jugendliche teilgenommen. Nachdem der Bundeswettbewerb im Jahr 2020 ausfallen musste, ist der 58. Bundeswettbewerb in 2021 bereits in Planung, trotz erschwerten Bedingungen und aktuellem Lockdown. Die Jugend-Musiziert-Verantwortlichen begründen dieses wie folgt: „Den Verantwortlichen für den Bundeswettbewerb 2021, der ja vom 20 bis 27. Mai in der Hansestadt Bremen und Bremerhaven stattfinden soll, ist bewusst, unter welchem Druck Musikpädagog*innen derzeit bei der Vorbereitung ihrer Schüler*innen stehen. Die Verschiebung der landesweiten Wettbewerbe in den März sollen allen Akteur*innen wertvolle zusätzliche Zeit für die Vorbereitung verschaffen. Denn gemeinsames Üben ist angesichts der sehr eingeschränkten Möglichkeiten für Präsenzunterricht – besonders für Ensembles – aktuell nur schwierig zu organisieren, weil Musikschulen geschlossen sind und Menschen verschiedener Haushalte sich nicht treffen dürfen. Es sind die Erfahrungen und das Know-How vieler pragmatisch denkender Menschen, die dennoch einen Wettbewerb „Jugend Musiziert 2021“ möglich machen wollen, den es in dieser Form noch nie gegeben hat. Ihre Zuversicht, ihre Entschlossenheit beziehen sie aus dem Wissen um all die Kinder und Jugendlichen und ihre Lehrkräfte, für die der Wettbewerb „Jugend Musiziert" ein fester Termin im Jahresverlauf ist und ein Ziel, auf das sie hinarbeiten. Auch, wenn diese Vorbereitung derzeit durch den Lockdown extrem erschwert wird.“ Wie wichtig „Jugend Musiziert“ als Motivation und Ziel für junge Menschen sein kann, bestätigen auch Farida Abdelhady und Farida Tamer, ehemalige Schülerinnen der ESK (Europaschule Kairo) und der DSB (Deutsche Schule der Boromäerinnen) in Kairo. Farida Abdelhady studiert heute Klavier an der Folkwang-Schule in Essen. Doch ihr Weg dorthin war nicht einfach. Sie erzählt, dass sie in Kairo zunächst Klavierunterricht hatte bei einem Klavierlehrer, der den Unterricht auch nur quasi hobbymäßig gemacht hätte. Als sie es dennoch in die zweite Runde zum Landeswettbewerb geschafft hatte und Mitstreiterinnen und Mitstreiter aus anderen Ländern treffen konnte, beispielsweise aus der Türkei und aus Italien, da wurden ihr die Augen geöffnet. Sie erlebte Musik plötzlich auf einem ganz anderen Niveau, als sie es aus Kairo gewohnt war, berichtet sie. Zurück in Kairo hatte sie sich eine neue Klavierlehrerin gesucht, mit der sie anfing, an ihrer Technik und an der Musik zu arbeiten. „Jugend Musiziert“ war alljährlich nicht nur Highlight, sondern auch Motivation. Sie hat es dann auch bis zum Bundeswettbewerb in Deutschland geschafft. Zwar war ihr bewusst, dass „Jugend Musiziert“ ein Wettbewerb sei, die Atmosphäre sei jedoch eher unterstützend als giftig gewesen. Auch nach ihrer Teilnahme an JuMu hätte sie von den ehemaligen Juroren weiterhin Unterstützung erfahren, beispielsweise hätte man ihr weiterführende Workshops empfohlen. Trotz ihrer Erfolge bei „Jugend Musiziert“ musste Farida Rückschläge hinnehmen. Durch vier Aufnahmeprüfungen für ein Musikstudium sei sie gefallen, erzählt sie. Sie entschied sich daraufhin, nach Deutschland zu ziehen, Musikwissenschaft zu studieren und Unterricht zu nehmen, der sie für die Aufnahmeprüfung für ihr Musikstudium qualifizieren sollte. Dass sie heute Klavier in Deutschland studieren kann, ist ihrer Zielstrebigkeit, ihrem Fleiß und ihrem Ehrgeiz zuzuschreiben. „Jugend Musiziert“ hat sie jedoch wesentlich auf ihrem Weg dorthin begleitet. Kairo, unterteilt in West und Ost, gehört neben Alexandria, Athen, Israel/Palästina, Istanbul, Mailand, Rom und Thessaloniki zur internationalen Region „Östlicher Mittelmeerraum“ mit Lorenzo Rüdiger (Rom) als Vorsitzenden. Meine ehemalige Kollegin, Birgit Härling-Schwarz, erinnert sich, dass es „Jugend Musiziert“ in dieser Region seit 1987 gibt, im nächsten Jahr stünde das 35-jährige Jubiläum an. Genua sei im Laufe der Jahre irgendwann ausgestiegen, erzählt sie, Talita Kumi und Jerusalem seien dazu gekommen. An den deutschen Auslandsschulen sei die Aufgabe hinsichtlich Jugend Musiziert eine ganz andere, als in Deutschland. Als Schulmusiker habe man in Deutschland mit JuMu so gut wie nichts zu tun, außer eventuell Talente aufzuspüren, die Umsetzung von JuMu in Deutschland läge in der Hand der Musikschulen. Eine Jugend-Musiziert-Schule im Ausland steht finanziell und organisatorisch in der Pflicht. In Kairo sind das in Kairo-Ost die Europaschule (ESK) und die Deutsche Schule der Boromäerinnen (DSB), in Kairo-West die Deutsche Evangelische Oberschule (DEO). Schülerinnen und Schüler der Beverly-Hills-Schule dürfen als Gäste am Regionalwettbewerb der DEO teilnehmen, jedoch sind weder die Beverly-Hills-Schule noch die Rahn-Schulen in Kairo offizielle Jugend-Musiziert-Schulen. Die Herausforderung für die den Regionalwettbewerb ausrichtende Schule geht weit über die organisatorischen Aufgaben hinaus, insbesondere in Ägypten. Birgit beschreibt „… Auf jeden Fall in Ägypten hat man die Diskrepanz zwischen oft unzureichenden Instrumentallehrern und begabten und motivierten Schülern auszugleichen. Das heißt, man muss Aufgaben des Instrumentallehrers übernehmen, also Stücke, die zum Schüler und zur Ausschreibung passen, auswählen, das Üben begleiten, Ensembles zusammenstellen und proben. Ganz wichtig: Man muss die Schüler motivieren, ihnen aber auch deutlich machen, wie hoch die Messlatte liegen kann. Dazu gehört auch, dem einen oder anderen zu sagen, wann etwas nicht präsentabel ist. Die Lehrkraft muss wissen, wo es hingeht. Also nicht - Hauptsache wir machen was, egal was. Und das ist somit viel mehr Verantwortung, als lediglich eine Veranstaltung zur Außenwirkung einer deutschen Auslandsschule.“ Wenn sich die Mühe dann auszahlt und die jungen Musikerinnen und Musiker die nächste Runde, den Landeswettbewerb, oder gar das Finale im Bundeswettbewerb in Deutschland erreichen, dann bleiben auch für die Schulen und Lehrkräfte positive Momente in Erinnerung. Birgit beispielsweise schwärmt: „So habe ich in besonderer Erinnerung die Brüder Nour und Abu Bakr Shawky, die im Duo an zwei Klavieren bis zum Bundeswettbewerb gekommen sind. Abu Bakr (übrigens der Regisseur von dem Film „Yomeddine“) war im gleichen Wettbewerb in Klavier Solo Bundespreisträger und Nour als Liedbegleiter. Ich durfte die Beiden 1999 zum Bundeswettbewerb nach Köln begleiten“. Noch heute hält Birgit Kontakt zu den Brüdern und hat Nour im letzten Sommer in Deutschland getroffen. Der Landeswettbewerb im Ausland ist interkulturelle Begegnung. Während Landeswettbewerb in Deutschland lediglich „die nächste Runde“ bedeutet, so bringen die internationalen Regionen auch interkulturelle Begegnungen mit sich. Spannend sowohl für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, als auch für die begleitenden Lehrkräfte. Die DEO hat im Jahr 2000 und im Jahr 2016 für die Region „Östlicher Mittelmeerraum“ den Landeswettbewerb ausgerichtet. Von dem Spirit, der im Jahr 2000 zum Landeswettbewerb an der DEO herrschte, ist Birgit bis heute begeistert: „Grundsätzlich war JuMu eine Herzensangelegenheit der ganzen Schule. Viele Kollegen haben sich engagiert (zum Flughafen fahren, Gastfamilien, Fahrdienst, Freizeit organisieren u.a.). Bei der Eröffnungsfeier und dem Abschluss waren alle Kollegen da, es war ein ganz anderer Geist an der DEO“. Dass das Thema Musik und auch „Jugend Musiziert“ im Laufe der folgenden Jahre an Bedeutung verloren hat, ist bis heute deutlich zu spüren. Neuntklässler Omar, im Jahr 2019 erfolgreicher Bundespreisträger im Popgesang, erzählt mir, dass er oft von Gleichaltrigen gefragt würde, warum er denn sänge. Das würde oft als uncool angesehen, beispielsweise im Vergleich zu Sport, der im Land einen wesentlich höheren Stellenwert erfährt. Bildungspolitische und gesellschaftliche Entwicklung der letzten zwanzig Jahre zu betrachten und in Relation zu Kunst/Kultur und Sport zu stellen, wäre sicherlich ein ausführliches und spannendes Thema. In meinem ersten Jahr an der DEO fand der Landeswettbewerb dort statt unter der organisatorischen Leitung von Benno Grupp und Jürgen Schober. Ich konnte mich noch einbringen als Jurymitglied und Organisatorin des Ausflugs der 100 Gäste an die Pyramiden. Ausserdem erinnere ich mich neben allen Konzerten gerne an den Workshop mit Fathy Salama. Ein Landeswettbewerb besteht immer aus einem Eröffnungskonzert, den die gastgebende Schule gestaltet. Es folgen Tage der Wertungsspiele mit Juryarbeit und Beratung der Teilnehmenden, die darauffolgenden Tage geben Raum für diverse Workshops und einen Abschlusstag mit Ausflug und Preisverleihung. Krönender Abschluss ist jeweils das Preisträgerkonzert am letzten Abend. Im Landeswettbewerb in Athen in 2019, als ich als Musiklehrerin mit in der Jury war und Sarah, Farida und Omar auf diversen Bühnen stehen sah, da ging mir das Herz auf. Alle hatten ihre ersten musikalischen Gehversuche mit mir in diversen Konzerten in der Schule unternommen, mit Soloparts im Weihnachtsmusical, im Noah-Musical oder im Sommerkonzert mit Songs aus „Die Kinder des Monsieur Mathieu“. Die Schülerinnen und Schüler bekommen ein anderes Gesicht, wenn man sie in Konzerten, hinter der Bühne, auf Ausflügen und bei Preisverleihungen erleben darf. Ein besonderer Bonus für Musiklehrerinnen und -lehrer. Musiklehrer sind manchmal Talent-Scouts. Auch Farida Tamer wurde an der DSB durch ihren damaligen Musiklehrer, Dirk Boysen, ermutigt, sich bei „Jugend Musiziert“ zu beteiligen. Farida erzählt ausführlich von ihren vielen und vor allem auch erfolgreichen Erlebnissen bei und mit „Jugend Musiziert“, die ihre nun beginnende Karriere als Sängerin mit gestaltet haben. Sie war 16, als sie 2016 das erste Mal teilgenommen hat. Sie war von ihrem ersten Jahr ein klein wenig enttäuscht. Zum einen hat sie, wie sie heute schmunzelnd erzählt, „nur“ einen zweiten Preis beim Landeswettbewerb erzielt. Außerdem sei der Landeswettbewerb dann in Kairo gewesen, und sie wäre viel lieber auch nach Rom oder in die Türkei geflogen. Seit 2016 hat sie jedes Jahr den Landeswettbewerb in verschiedenen Kategorien mit Gesang erreicht, Highlight war dann das Jahr 2019. Im Bundeswettbewerb in Halle/Saale wurde sie Bundespreisträgerin eines ersten Platzes in der Kategorie „Klassik Ensemble“ mit 25 von 25 Punkten. Auch in diesem Jahr ist Farida wieder mit dabei und wartet heute gespannt auf ihre Wertung Bevor sie bei „Jugend Musiziert“ mitgemacht hatte, kannte sie nichts von klassischer Musik, erzählt Farida. Sie hatte lediglich an Schulwettbewerben teilgenommen. „Jugend Musiziert“ half ihr, sie selbst zu werden und sich selbst musikalisch zu finden, gibt sie offen zu. Sie wurde motiviert, sich eine Gesangslehrerin zu suchen. Inzwischen ist sie Ensemble-Mitglied bei „Fabrica“ unter Leitung der bekannten Opernsängern Neveen Allouba, von der Farida unter anderem unterrichtet wurde. Farida blickt heute, unter anderem mit „Fabrica“, bereits auf über 200 nationale und internationale Konzerte zurück, beispielsweise auf dem „Internationalen Filmfestival El Gouna“ und in der Oper in Kairo. Neben der Klassik hat sie inzwischen auch den Jazz für sich entdeckt und erste Konzerte in Kairo gegeben. Für junge Leute birgt ihr Erfahrungsschatz aus „Jugend Musiziert“ einige Tipps: Jährlich an „Jugend Musiziert“ teilzunehmen, sei eine enorme Motivation für das eigene Üben und die Vorbereitung, denn es gäbe ein Ziel, auf das man hin arbeite. Wichtig wäre, sich nicht entmutigen zu lassen. Die Beratung der Jurymitglieder nach den Wertungsspielen seien wichtige Hinweise und Übetipps. Auch sie habe die Wettbewerbe niemals als besonders konkurrierend, sondern eher als fördernden Austausch und Motivation erlebt. Zudem rate sie Jedem, sich auf die Musik unterschiedlicher Kulturen einzulassen, miteinander zu musizieren und voneinander zu lernen und natürlich möglichst viele Freundschaften zu schließen. Am 29.01.2021 finden die Regionalwettbewerbe in Kairo unter Coronabedingungen statt. Farida wartet heute gemeinsam mit allen weiteren Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Regionalwettbewerbe in Kairo Ost und West auf ihre Wertung. Der letzte Regionalwettbewerb in Kairo konnte Anfang 2020 stattfinden, ebenso wie das Preisträgerkonzert aller deutschen Schulen in Kairo, organisiert von der Musikfachschaft der DEO unter Leitung von Birgit Härling-Schwarz. Danach war erstmal Schluss mit Musik, denn es kam Corona. Der Landes- und Bundeswettbewerb 2020 konnte nicht stattfinden. In diesem Jahr finden in Kairo die Wettbewerbe online statt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben ihre Beiträge zuvor per Video aufgezeichnet und per USB-Stick oder online über YouTube/Vimeo eingereicht. Heute sitzen die Musiklehrerinnen und Musiklehrer der jeweiligen Schulen online oder unter Berücksichtigung der Hygienevorschriften zusammen und bewerten als Jury die Beiträge, die sie gemeinsam ansehen. Die Juryrichtlinien sind die gleichen geblieben, wurden aber um Richtlinien bei Durchführung von Online-Wertungen ergänzt. Bewertet wird mit einem Punktesystem, von teilgenommen über den dritten, zweiten und ersten Preis bis hin zu einem ersten Preis mit Weiterleitung zum Landeswettbewerb. Lorenzo Rüdiger, Landesvorsitzender der Region Östlicher Mittelmeerraum, betonte, dass man wohlwollend bewerten wolle unter Coronabedingungen. Das gemeinsame Üben sei erschwert und über Dinge, die man in zwei Monaten bis zum Landeswettbewerb beheben könne, dürfe man im Regionalwettbewerb ein wenig hinweg sehen. So sehen die offiziellen Richtlinien beispielsweise vor, dass eine Toleranzgrenze von 20% gewährt wird bezüglich zu präsentierender Spielzeit. Wenn regulär in der Altersgruppe und Kategorie 15 Minuten Spielzeit Pflicht seien, so sind in diesem Jahr 12 Minuten auch ok. 3 Minuten ist vor allem bei den Jüngeren oft ein ganzes Musikstück oder ein Satz aus einer Sonate oder Konzert. Die deutsche Schule in Rom hatte ihren Regionalwettbewerb bereits am 20. Januar. Auch anders als in den Jahren zuvor, aber präsent. Die Mitwirkenden durften live vorspielen, jedoch war kein Publikum anwesend. Der Landeswettbewerb wird - wie eigentlich schon für das letzte Jahr geplant - in diesem Jahr von der deutschen Schule in Rom ausgerichtet. Der Termin ist der 18. bis 24. März. Wie immer der Wettbewerb dann auch aussehen wird - für den heutigen Regionalwettbewerb wünsche ich viel Erfolg und drücke die Daumen, dass ich möglichst viele Nachrichten erhalte „Hurra, weitergeleitet zum Landeswettbewerb“.