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Normal ist das nicht

Am Anfang der Corona-Pandemie sprach man von der Zeit nach Corona noch von "the new normal". Inzwischen lese ich das viel weniger und muss dem auch heftig widersprechen. Zum einen wissen wir im Moment nicht, wann "danach" denn bitte sein soll. Zum anderen ist das, was wir gerade leben alles andere als normal und sollte somit auch für die Zeit nach der Infektionsgefahr aus meiner Sicht keinesfalls Standard werden. Der Mensch ist seit je her ein Rudeltier und somit ein soziales Wesen. Soziale Wesen leben nicht nur von Essen und Trinken, sondern auch von Berührungen und Kommunikation untereinander. Beides ist unter Coronabedingungen eingeschränkt. Und besonders zu spüren im Schulalltag. Maske, Abstand, Händewaschen ist eine einfache Coronaregel, wenn man schnell zum Einkaufen geht. Für einen Schulalltag bedeutet dieses logistische, disziplinarische und pädagogische Herausforderung und Umstellung. Es funktioniert. Weil es so gut wie keine Alternativen gibt. Ich spreche seit Beginn des Sommers regelmäßig mit Lehrerinnen, Lehrern und Mitarbeitern von amerikanischen, britischen und deutschen Schulen in und um Kairo. Eine Kollegin aus Berlin erzählt kurz nach den Sommerferien, dass in Berlin die Schulen quasi normal gestartet hätten, alle Kinder gingen zur Schule. Man trüge Maske und achte auf Hände waschen, lüften und Abstand halten. In Kairo hatten die staatlichen Schulen bis Mitte Oktober geschlossen. Privatschulen die Vorgabe, mit Online-Learning zu beginnen. Seit Mitte September läuft der Schulalltag geteilt. Sherif, der kleine Hausmeistersohn, hat nur drei Tage pro Woche Schule. Einige Schulen haben die Klassen geteilt, andere Schulen unterrichten wochenweise abwechselnd vor Ort und online. Sherif hat keinen Online-Unterricht. Wenn er nicht in die Schule geht, hat er frei. Er besucht eine staatliche Schule Downtown in Kairo. Für Online-Unterricht fehlen oft die Voraussetzungen, und so hatte das ägyptische Bildungsministerium angekündigt, Bildungsfernsehen anzubieten. Was daraus geworden ist, weiß ich leider nicht. Unterricht in besonderer Form, wie die derzeitige Situation gerne genannt wird, fordert Lehrer und Schüler gleichermaßen heraus. Sowohl online, als auch im Klassenzimmer vor Ort. Abstand zu halten wird einfacher, wenn nur die Hälfte der Schüler anwesend ist, daher abwechselnder oder geteilter Unterricht. Die Pausenaufsichten dürfen hauen, treten, schubsen und Haare ziehen derzeit doppelt rügen. Weil nicht nur der Akt an sich zu tadeln gilt, sondern gleichzeitig auch gegen die Abstandsregel verstößt. Das "Guten Morgen" vor Unterrichtsbeginn wird ergänzt um "Maske nicht vergessen", "Abstand halten", "Hände desinfizieren", "nicht ohne Maske den Platz verlassen", "immer nur zwei gleichzeitig in den Toilettenraum", "nicht am Wasserspender drängeln" und mehr. Nicht alles auf einmal, sondern das, was gerade aktuell ist, mehrfach täglich. Musikunterricht muss ohne Musikraum, ohne Singen und ohne Blasinstrumente auskommen. Und aufgrund von Unterricht im Klassenraum aus Platzgründen meist auch ohne Instrumente und Notenlinien an der Tafel. Die bunten Boomwhackers, gestimmte Plastikröhren, sind bei jüngeren Schülerinnen und Schülern besonders beliebt. Nachdem im Klassenzimmer kein Platz ist, kann man auf den Sportplatz ausweichen. Masken auf, Hände desinfizieren. Wer kein Desinfektionsmittel hat - meins ist leer, ich hab meines vergessen - bekommt die Hände von der Lehrerin eingesprüht. Hm, das riecht lecker. Einzeln aufstehen, einzeln die Instrumente abholen, mit Abstand und leise zum Sportplatz gehen, eine Boomwhackerlänge im Kreis Abstand halten und aufstellen. Bei den Rhythmusspielen vergessen die Schülerinnen und Schüler gottlob, dass sie eine Maske tragen. Sie sind anderweitig beschäftigt. Und wir machen ein Spiel daraus. Sich einen Rhythmus ausdenken und den gemeinsam spielen, ohne zu reden. Geht mit Maske sowieso schwierig. Und wie kann man die Boomwhackers sinnvoll sortieren und das herausfinden, nur durch den Klang der Boomwhackers, ohne dabei miteinander zu sprechen? Viel zu schnell ist die Zeit um. Leise und langsam zurück in das Klassenzimmer. Einzeln eintreten, den Boomwhacker in den Eimer stellen, Hände desinfizieren, langsam zum Platz gehen. Und natürlich gilt wie immer - nicht hauen, schubsen, treten, Haare ziehen. Alle halten sich gerne an alle Regeln, denn allzu oft muss der Unterricht aufgrund des einzuhaltenden Abstands frontal erfolgen. Da ist Musikunterricht trotz Einschränkung eine willkommene Abwechslung. Schwieriger ist es an der britischen Schule, an der nicht nur akademisch, sondern auch praktisch Musik unterrichtet wird. In sogenannten Streicherklassen, Pianoklassen, Bläserklassen u. a. lernen die Schüler neben Notenlesen und Musikgeschichte zusätzlich, ein Instrument zu spielen. Blasinstrumente und Singen ist in Schulen derzeit landesweit verboten. Auch das morgendliche Biladi, der Fahnengruß mit Nationalhymne, wird im Klassenzimmer vom Band angehört. Schmunzeln muss ich, wenn Einige dennoch aus Gewohnheit leise mitsingen. Schüler an britischen Schulen machen regelmäßige Examen nach Erreichen bestimmter musikalischer Level. Diese müssen auch in Corona eingehalten werden. Der Trompetenlehrer erzählt, er bereite online die notwendigen Übungen vor. Die Kinder üben das dann zuhause eigenständig und nehmen davon ein Video auf. Im Klassenzimmer hat jeder ein Tablet mit dabei. Schulstandard. Die Kinder müssen dem Trompetenlehrer vorspielen. Live geht das nicht, sondern sie spielen dann vom Platz aus das zuhause aufgenommene Video ab, und der Lehrer gibt Tipps zur Verbesserung. Es auf der Trompete vorspielen, wie es besser geht, darf auch er in der Schule nicht. Er sammelt die wichtigsten Dinge und macht daraus dann ein Video, das die Kinder dann wiederum online erhalten. Orchesterproben und Klassenmusizieren findet draußen mit ausreichend Abstand statt. Beispielhaft am Musikunterricht dargestellt, wird deutlich, dass das nur Notlösungen sein können, die Zeit, Disziplin und Geduld erfordern. Jeder andere Fachlehrer kennt für sein Fach spezifische, weitere Geschichten. Doch damit nicht genug. Präsenzunterricht ist derzeit nur das halbe Spiel. Die andere Schulhälfte hat Online-Unterricht. Einige Schulen streamen den Unterricht live mit. Andere beschulen nachmittags zusätzlich oder geben Aufgaben, oder es findet reiner Online-Unterricht statt. Google School, Microsoft Teams und Zoom sind die hierfür bekanntesten Plattformen, jede mit eigenen Vor- und Nachteilen, die sich aber mit wachsender Erfahrung zunehmend angleichen. Unabhängig vom jeweiligen System, sind die Schülerinnen und Schüler gefühlt sehr weit weg. Der ursprüngliche Begriff "Distance Learning" kommt nicht von ungefähr. Einige Kinder begrüßen es, auf lange Schulwege verzichten zu können. Und einigen tut der Online-Unterricht gut. Denn Online ist es manchmal etwas einfacher, auf individuelle Lerntempi einzugehen. Wer langsamer vom Whiteboard - anstatt Tafel - abschreibt, kann in Ruhe nachlernen, weil der Screenshot in das virtuelle Klassenzimmer eingestellt wird. Wer immer als erstes fertig ist, bekommt ein Experten-Online-Rätsel. Notenhefte werden fotografiert und gescannt und hochgeladen, so dass jedes einzelne Kind persönliches Feedback bekommen kann. Allerdings fängt da das Dilemma schon an. Das Feedback im Klassenzimmer kann beim Abschreiben der Tafel sofort erfolgen und korrigiert werden. In der Grundschule und beginnenden Gymnasium wird umgehend kontrolliert und Fehler sofort beseitigt. Online kann dieses erst nach dem Hochladen der Unterlagen erfolgen. Das bedeutet, der Schüler oder die Schülerin hat bereits einmal falsch etwas abgeschrieben und eingeübt. Und muss zur Korrektur einen erneuten Lernprozess beginnen. Anstrengend für Lehrende und Lernende gleichermaßen. Die Idee, die Schülerinnen und Schüler säßen alle pünktlich und brav von Stunde zu Stunde begeistert vor dem digitalen Gerät, musste schnell aufgegeben werden. Wer gerne den Unterricht stört, kann das auch online. Andere "muten", also das Mikrofon Mitlernender stumm zu schalten, war anfangs ein beliebtes Spiel. Inzwischen lässt sich das technisch ausschalten. Genauso, wie unkontrolliertes Reinrufen, von dem man noch nicht einmal weiß, wer gerade spricht. Das Internet ist meist bei denjenigen schlecht, die sowieso immer schon zu spät kamen. Die anderen schicken dann nämlich im Chat schnell eine Nachricht und Entschuldigung vom Handy. Dass der Bruder gerade den Computer braucht und die Schwester Unterricht am Handy macht, dass es im Hintergrund gerade laut ist weil weitere Geschwister im Zimmer Unterricht haben oder herumturnen, dass Eltern neben ihren Kindern sitzen und vorsagen oder regelmäßig den Unterricht kontrollieren, dass man neben dem Unterricht zu Mittag isst oder sich nach dem Einloggen wieder ins Bett legt, Netflix guckt, chattet oder Computer spielt und den Hund füttert - das alles ist sehr kreativ und aus Schülersicht auch nur allzu verständlich. Besser ist es geworden, als die ersten Klassenarbeiten geschrieben wurden. Aber neuer Standard wird das alles hoffentlich nicht. Wie es nach den Weihnachtsferien und im neuen Schulhalbjahr weiter gehen wird, ist noch ungewiss. Ab Februar werde ich das dann jedoch nur noch über Erzählungen mitverfolgen können und mich zukünftig auf meine journalistischen Herausforderungen konzentrieren.

Cairo-Jazz-Festival Backstage

Konzertoutfit. Schwarzes Kleid, Posaune im Gigbag auf dem Rücken und ein Trolley mit Instrumentenständer im Schlepptau. Zu Fuß zur AUC (American University Cairo) Tahrir in Downtown Kairo, direkt neben dem Tahrirplatz. Auf den Straßen, auf denen eine Gruppe vorbeiradelnder Fahrradfahrer schon eine Sensation ist, falle auch ich auf. Der gut 10-minütige Weg ist eher ein Spießrutenlauf als ein Spaziergang. Taxifahren lohnt sich aber nicht bei den vielen Einbahnstraßen, und es ist trotzdem schön, bei strahlendem Sonnenschein durch die lebendige Stadt zu gehen. Von der Seite Mohamed-Mahmoud-Straße kommt man auf das Gelände der AUC, das seit einigen Jahren Kulturzentrum ist, und man betritt eine andere Welt. Der große Garten ist umrandet von historischen Gebäuden. Der Khairy-Pasha-Palast wurde im Jahr 1870 von Khedive Ismail, der auch die erste Oper in Kairo errichten ließ, erbaut. Die Internetseite der AUC gibt Auskunft über die historische Entwicklung des Geländes. Der Palast bekam seinen Namen nach dem damaligen ägyptischen Bildungsminister, Ahmed Khairy Pasha. 1908 begann dort die Lehrtätigkeit, und die Universität wurde zunächst nach dem König, "King-Fouad-Universität", und später als "Cairo-Universität" benannt. Die Lehrtätigkeit endete erstmal in 1919, als Charles Watson, Gründer der zukünftigen Amerikanischen Universität Kairo, das Gelände erstand. Nach politischen Verwirrungen und zahlreichen Renovierungen, unter anderem wurde das Türkische Dampfbad in Sportduschen für die Studenten umfunktioniert, wurde 1920 mit 142 Studenten die Universität als AUC wiedereröffnet. 1928 und 1932 wurden die "Oriental-Hall" und die "Ewart-Memorial-Hall" dann renoviert, um die wachsende Studentenzahl bewältigen zu können. Seit diesem Zeitpunkt sieht sich die AUC nicht nur als Universität, sondern auch als kulturelles Zentrum im Herzen Kairos. Tarek Atia, Managing Director der AUC, betonte in seiner Eröffnungsrede zum Jazzfestival auf der großen Garden Stage, dass es ihm wichtig sei, mit dem Kulturzentrum Teil dieser Stadt und von Downtown zu sein. Es tönte Musik aus den Straßen bis auf das AUC-Gelände, und er verwies auch auf die neuerdings geschaffene Beleuchtung am Tahrirplatz, die vom Garten der AUC zu sehen ist. "Das alles gehört zur Stadt, und wir sind ein Teil davon", so seine Worte. Insbesondere seit dem Neubau vor zehn Jahren, dem AUC New Campus am Stadtrand Kairos, um der weiter wachsenden Studentenzahl gerecht zu werden, wuchs die kulturelle Bedeutung des Campus am Tahrir, betont Tarek Atia. Bereits das zweite Mal in Folge kooperiert die AUC Tahrir mit dem Cairo Jazz Festival und stellt die Logistik zur Verfügung. In diesem Jahr sei es ein kleines, fast schon privates Festival auf diesem tollen Gelände. Coronabedingt. An all das denke ich nicht, als ich an der Garden-Stage vorbei in den Innenhof zur Ewart-Hall gehe. Im Hof haben die "Bandmakers" eine kleine Bühne aufgebaut für ihren Jazzinino-Workshop. Das Festivalprogramm informiert darüber, dass es die Jazzinino-Workshops bereits seit 2009 auf dem Jazzfestival gibt, um junge Talente an Jazz heranzuführen und ihnen eine Bühne zu geben. Wie selbstverständlich stelle ich meine ganzen Sachen im Garderobenbereich der Ewart-Hall ab. Nicht nur, dass ich das Jazzfestival vom letzten Jahr her, als ich als Pressereferentin die Medien koordinierte, kenne. Die Ewart-Hall ist mir auch aus zahlreichen Proben und Konzerten mit der Cairo-Choral-Society bekannt. Flugs die wichtigsten Dinge eingeschlossen, Posaunenständer und Instrument sowie Noten schon mal auf die Bühne gebracht, um dann noch einige Momente vom Jazzinino-Auftritt zu erhaschen. Ich freue mich, als ich Schülerinnen und Schüler aus meinen Musikklassen wiedersehe. Winken, Eltern begrüßen, ankommen. Nach und nach treffe ich die ehemaligen Kollegen aus dem letzten Jahr und namhafte Musiker wie Ramy Attalah und Fathy Salama, meine Bigbandkollegen trudeln ein, und der NRJ-Kollege, der wie jedes Jahr für den Radiosender vor Ort ist, sagt "Hallo". Als ich meine Trinkflasche am Wasserspender fülle, nicke ich Sherif Watson von den "Bandmakers" zu und schmunzle. Alles wie immer, man kennt sich. In dem großem Baum vor dem Café müssen hunderte von Spatzen sitzen, die den jungen Leuten auf der Fountain-Stage lautstark Konkurrenz machen. Eine Oase inmitten der lebendigen Stadt. Neu ist, dass ich diesmal auf der Bühne mit dabei bin. Minna, eine junge Helferin, stellt sich als Betreuerin der Cairo-Bigband-Society vor. Der Soundcheck beginnt natürlich etwas später als angekündigt, aber nur etwas. Wir sind nur Wenige, denn etliche unserer Kollegen haben noch Probe in der Oper bis um fünf. Wie immer muss man selbst die Bühne noch nachjustieren. Die jungen Burschen, die die Bühne aufbauen, haben keine Ahnung, wo ein Notenständer stehen muss. Dafür kennen sie sich super mit der Technik aus. Mein Mikrofon wird ausgerichtet, und ich soll Soundcheck machen. Ob ich meinen Monitor hören kann. Ich bin vornehmlich Blasorchester und Schulensemble gewöhnt und hab vor zehn Jahren in München zuletzt regelmäßig Bigband gespielt. Ich bin verunsichert und weiß nicht, was ich genau spielen soll. Meine Einspielübungen sind mir peinlich. Hesham Galal, unser Bigbandleiter, merkt das und hilft mir aus der Patsche. Spiel "Beyond the Sea" ruft er, setzt sich ans Klavier und begleitet mich. Erleichtert stelle ich fest, dass mein Monitor gut funktioniert und wiederhole Gleiches für meinen Posaunenkollegen, der noch Probe hat. Eigentlich darf ich "Posaunenkollege" nicht sagen. Bigbandkollege, ja. Denn wenn wir Auftritte haben, spiele ich meine Stimme, dritte Posaune und er seine. Er allerdings erste Posaune und die Soli. Und das ist auch gut so und genau richtig, denn posaunentechnisch kann ich ihm bei Weitem nicht das Wasser reichen. Bei Auftritten merkt man das nur minimal, denn da spielt jeder seinen Part. Welcher Aufwand aber notwendig ist, damit jeder seinen Part spielen kann, macht den Unterschied aus. Zafar Asimov ist erster Posaunist im CSO (Cairo Symphony Orchestra). Meine Noten habe ich im Ordner nach Alphabet sortiert und die Auftrittsnoten nach Running Order. Seine Noten bekommt er in den Proben und zu den Auftritten auf den Notenständer gestellt. Bei neuen Noten, in den vierstündigen Proben mit den Sängerinnen und Sängern, schaut er sich schwierig aussehende Stellen kurz an, zieht sie einmal kurz durch, nickt und quatscht mit Kollegen. Ich schaue mir die schwierigen Stellen auch an, schüttel den Kopf, nehme die Noten mit nach Hause und übe täglich. Es bleibt sowieso nur eine Woche dafür Zeit. Im Jazzclub kommt er fünf Minuten vor dem Auftritt und fragt noch schmunzelnd "War heute Soundcheck?" Ich bin eine halbe Stunde vor Soundcheck da und frage nochmal nach den zu spielenden Stücken, die im Jazzclub eigentlich auf Zuruf aus dem Repertoire-Ordner gespielt werden. Für das Festival wurden für ihn noch Noten ausgedruckt, die er dann aber in der Garderobe vergisst. In aller Seelenruhe holt er sie, während die Bigband noch angekündigt und der Bassist als hervorragender Musiker ausgezeichnet wird. Als er während des Auftritts ein Stück in seinem Ordner nicht findet, blättert er, während wir schon spielen, in seinem Ordner hin und her und macht mich damit gleich mit nervös. Bis zum Auftritt dauert es aber noch. Nach uns hat ein portugiesisches Ensemble Soundcheck, und die haben ihren Auftritt dann in der Ewart-Hall vor uns. Die Ewart-Hall ist voll besetzt. Das heißt in Corona-Zeiten, sie ist halb besetzt. Amro Salah, Leiter des Cairo-Jazz-Festivals, kommt im Soundcheck zu uns auf die Bühne. Ich winke ihm zu und grinse. Er freut sich sehr, mich zu sehen und ist total überrascht, dass ich bei Hesham in der Bigband spiele. Wir begrüßen uns herzlich und wechseln ein paar Worte. Dann ist er, wie immer eilig unterwegs, auch erstmal wieder verschwunden. Er hat erzählt, dass aufgrund von Corona das Festival etwas schwieriger zu organisieren war. Stühle im Sicherheitsabstand vor die Garden Stage zu platzieren, Maskenpflicht für alle und nur jeden zweiten Stuhl in der Ewart Hall zu besetzen, ist dabei die leichtere Übung. Halbes Publikum bedeutet auch, halbe Einnahmen. Mit Hilfe zahlreicher Sponsoren ist es ihm dennoch gelungen, ein einwöchiges Festival mit internationalen Gästen auf die Beine zu stellen (www.cairojazzfest.com). Gespart wird dann bei Dingen, die das Publikum nicht mit bekommt. Beispielsweise haben wir Musiker Batches, also Teilnehmerausweise, aus dem letzten Jahr bekommen, auf denen das "19" der Jahreszahl geschwärzt wurde. Ebenso fehlten Künstlertaschen mit Poster und Merchandising, und es waren viel weniger helfende Hände vor Ort. Als Verpflegung gab es Obst und alkoholfreie Getränke anstatt einer Mahlzeit. Das Künstlerhotel war dieses Jahr nicht das 5-Sterne Semiramis, sondern das 4-Sterne Steigenberger am Tahrir. Wir waren mit allem zufrieden, denn wichtig ist nur, dass das Festival überhaupt stattfinden kann. Trotz Corona. In einer Zeit, in der in Europa die Kulturszene lahm gelegt ist. Corona bekamen an diesem Tag nur diejenigen zu spüren, die auf eine Abendkasse hofften. Fünf Kolleginnen und Bekannte mussten ohne Karten wieder von dannen ziehen, wir waren ausverkauft und hatten keine Gästekarten. Kurz vor dem Auftritt scherzten wir in der Garderobe. Gut für uns Nicht-Profis, denn wir mussten nicht mehr nach Noten fragen und uns nicht mehr sortieren nach Proben oder bereits gespielten Auftritten. Eine Kollegin brachte eine Thermoskanne mit, und ich fragte ganz naiv: "Kaffee?" Sie lachte und meinte "Ja, Irish Coffee", der sich als sehr Irish ohne Coffee herausstellte. Ich gönnte mir einen klitzekleinen Schluck vom Whiskey, und dann ging es endlich los. Der Auftritt war viel zu schnell zu Ende. So viel Aufregung, so viel Üben und Proben, und dann geht man auf die Bühne und spielt einfach. Ich saß neben Zafar und vor Tarek, den ich auch erst im Garderobenraum kennenlernte, als man ihm den Stapel mit den Konzertnoten in die Hand drückte. Sehr inbrünstig spielte er mir seine Trompete eine Stunde lang ins Ohr. Auf dem Programm standen "Beyond the Sea", "Feeling Good", "Cheek to Cheek", "Lullaby of Birdland", "Big Spender", "History Repeating" u.a., jeweils mit wechselnden Sängerinnen und Sängern. Fast wehmütig war ich, als Adam Roushdy das letzte Stück mit allen "All-Stars"-Sängerinnen unseres Konzertes ankündigte. Hervorzuheben unter den Sängerinnen und Sängern sind definitiv Adam Roushdy und Dalia Farid. Bei "Salma ya Salama" trafen sich alle nochmal zum Finale, und das Publikum hatte auf dem Jazzfestival endlich etwas zum Mitklatschen und Mitsingen. In meiner Loggia hängt jetzt bereits das zweite Jazzfestival-Programm, und da wäre auch noch Platz für mehr.

Kunst im Auge des Betrachters

Etwas trostlos liegt abgelegen im Halbdunkel in Downtown Kairo das ehemalige Townhouse, das unter anderem die Galerie, das Lädchen für Kunsthandwerk, den Buchladen und das bei Musikern und Künstlern beliebten Café beherbergte. Das sonst so emsige Treiben der Café-Besitzer ist einer unwirklichen Stille gewichen, nur vereinzelt stehen einige Plastikstühle mit wenigen Besuchern, und der Qualm der Shishas fehlt ganz. Corona-Zeit. Zudem gehört Townhouse jetzt einer Immobilienfirma, und übrig blieb nur ein einziges Gebäude gegenüber mit der ersten Etage mit Platz für Verkaufsfläche und Ausstellungsräume. Vor Jahren gab es hier noch einen Nubian-Shop, heute gibt es im Haus Ersatzteile für Autos und eine Café-Küche. Zwischen Garagen- und Hauswand in einer engen Gasse treffen sich unbeirrt ein paar alte Männer zum Kaffee und Tee, auch ohne Shisha. Einige abgetretene Stufen geht es hinauf bis in den ersten Stock. Ein kleines Plakat kündigt die Ausstellung "Voyeur" an, die im "Access - Art Space", wie die Location jetzt heisst, vom 4. Oktober bis zum 10. November 2020 zu sehen ist. In vier großzügigen Ausstellungsräumen zeigt Salam Yousry meist neue Werke aus 2020 in Öl und Pastellfarben sowie Zeichnungen. Die Bilder tragen Titel, weitere Informationen gibt es nicht. Salam erklärt, der Besucher möge sich selbst ein Bild machen, es läge alles im Auge des Betrachters. Auch die Titel helfen dem verunsicherten Besucher nicht. "Der Morgen danach". Nach was? Nach der ersten Nacht mit einer neuen Frau? Nach dem Weltuntergang? Nach dem Tod des Vaters? Die Antwort muss jeder selbst für sich im Bild finden. Ich assoziiere "Hals über Kopf", "Drunter und Drüber", "Salvador Dali und die Psyche", "Blick in das Innere", "Chaos", "Verwirrung" und einiges mehr bei dem Versuch, etwas Intelligentes in den Bildern zu finden. Ich bin kein Kunstkenner. Meine Gedanken kreisen wie zwei Ölgemälde, die an der Wand rotieren. Ich gehe mehrmals durch die Räume und lasse alle Eindrücke auf mich wirken. Es geht immer um Menschen. In üppigen Formen und Farben und oft unverhohlen freizügig. Eine kühle Brise weht durch das offene Fenster und trägt das Lachen der Männer aus der Gasse in die Galerie. Sind sie auch Motiv oder Inspiration für eines der Bilder? Es gibt so viel zu entdecken. Ich begrüße Evelyn Ashmallah, Salams Mutter, auch Künstlerin und ebenso Nachbarin in unserem Haus in Downtown. In Alexandria hatte ich im Frühjahr erstmals eine Gemeinschaftsausstellung von Salam, Evelyn und Bassem, dem Bruder Salams gesehen. In Verbindung mit dem Film "The Wardrobe Man" aus 2018 über einen dänischen Einsiedler von Bassem Yousry. Salam wurde 1982 in Algerien geboren und studierte Kunst an der "School of Fine Arts, Helwan University" in Kairo mit Abschluss in 2004. Er ist in der Theater- und Videoproduktion genauso zuhause wie in der Malerei. Zudem gründete er 2010 "The Choir Project". Die gemeinsame Website von Salam, Bassem und Evelyn lautet http://www.ebs-art.com,, angelehnt an Evelyn - Bassem - Salam als Künstlerfamilie. Salam ist der Jüngere der beiden Brüder. In den an die Ausstellung angrenzenden Verkaufsräumen lehnen unzählige Bilder, teils gerahmt, teils ungerahmt stapelweise an den Wänden. Einige haben einen Platz oben an der alten Mauerwand gefunden. Es gibt keine für mich erkennbare Ordnung und keinerlei Auszeichnung, weder über Künstler, noch über Preise. Moderne und native Malerei, orientalische und moderne Motive, Aktzeichnungen, Natur, Menschen. Alles bunt durcheinander. Man kann stundenlang stöbern und in eine andere Welt versinken. Ich kaufe wie üblich einige in Leder gebundene Notizbüchlein und schlendere gedankenverloren durch die trostlosen Gassen zurück in die quirligen Strassen Downtowns.

Beausoleil, what else

Eines der ersten Dinge, die ich regelmäßig bei Ankunft in München mache, ist Schweinsbraten essen. Und besonders erfreut bin ich, wenn ich obenauf noch ein Extrastück Kruste bekomme. Wurst und Fleischwaren und deren Zubereitung ist keine ägyptische Stärke. Das traditionelle Essen besteht aus Reis, Gemüse und Huhn. Mit zum Teil intensiven Gewürzen wir Kardamom, Koriander, Oregano, Rosmarin. Dazu gibt es Huhn, und traditionell wird von einer großen Tafel aus verschiedenen Schalen gegessen, das Essen wird dabei mit dem Brot aufgenommen. Eier, Foul, Koshary und Falafal sowie Salat mit Tomaten, Gurken, Zwiebel und Koriander gehört neben Mashi, mit gewürztem Reis gefüllte Auberginen oder Zucchini, ebenso zum ägyptischen Speiseplan. Mit der amerikanischen Sandwich-Kultur ist auch die Unart aufgekommen, alles ins Brot zu packen. Zudem wird viel frittiert. Foul im Brot, Pommes im Brot, Rührei im Brot, Shawerma im Brot. Wobei unter Brot das ägyptische dünne Fladenbrot zu verstehen ist oder lätschige kleine Weissbrotstangen. Selbst das sogenannte deutsche Brot, das hier angeboten wird, hat lediglich die Form und Farbe von deutschen Broten, die Konsistenz ist weit von entfernt von dem, was wir schätzen. Und selbstverstândlich gibt es Fast Food aller amerikanischen Marken sowie Chips und Aufgussnudeln. Man isst auf der Strasse oder bestellt Essen oder isst im Kreis von Familie und Freunden. Allerdings findet man die Tischkultur, wie wir sie in Deutschland kennen, in Ägypten selten. So vermisse ich mehrgänge kulinarische Experimente mit einem Aperitif und Digestif, mit einem passenden Wein zur Suppe, zum Pastagang, zur Hauptspeise und zum Dessert. Ein Sorbet zur Geschmacksneutralisierung zwischen Fisch- und Fleichgängen, und ich erinnere mich wehmütig an die Fensterbänke mit den Flaschenreihen nach einer Koch- und Dinnernacht mit Freunden. Noch heute tut mit der Hummer leid, dessen Kopf schon halb gegart war, der Schwanz aber noch zuckte, weil ich mich nicht traute, ihn lebendig in das kochende Wasser zu lassen. Ich entscheide, keinen "Müll" mehr zu essen, sondern, auch wenn es schnell gehen muss, qualitatives Essen zu mir zu nehmen. Es gibt so viele frische Sachen in Ägypten, dass es doch auch ohne Schweinefleisch möglich sein müsste, hochwertig und außerhalb des Reis-Huhn-Gemüsestandards und Schulmüslis zu kochen. Ich kombiniere deutsche Kochkunst mit Kräutern und frischen Früchten. Heraus kommt ein grüner Salat mit Ziegenkäse, Granatapfelkernen und frischen Mangostreifen in Honig-Balsamico-Dressing. In München gibt es sogenannte Gemüsekisten, die wöchentlich mit regionalen Zutaten und dazu passenden Rezepten bis an die Haustür geliefert werden. So ein Konzept könnte ich mir auch für Kairo gut vorstellen. Preiswertige, gesunde und pfiffige Gerichte mit Zutaten aus der Region. Ich probiere gedünstete Karotten in Knoblauch-Zimt-Honig-Sud an griechischem Joghurt und bin begeistert. Es geht also auch in Kairo. Nur das Einkaufen der exakt benötigten Zutaten erweist sich manchmal als langwierig in einem Land, in dem gelegentlich sogar Zucker knapp wird. Als ich das erste Mal mit einem Kollegen im "Crimson" in Zamalek einkehre, wähle ich Muscheln, und dazu gibt es einen Weißwein. Einen "Beausoleil". Im Restaurant bekommt man im Wesentlichen gehobene ägyptisch-libanesische Gerichte, amerikanische Burger und Speisen bekannt aus dem Mittelmeer-Raum. Und natürlich Pizza und Pasta. Über die Muscheln freue ich mich als Abwechslung und bin positiv überrascht vom fruchtigen Geschmack des weißen "Beausoleil". Bislang kannte ich die ägyptischen Weine als Tafelweine oder Mittelklasseweine. Diejenigen, die man im Drinkies-Store erhält oder in koptischen Alkoholbüdchen. Weine zu importieren ist laut ägyptischem Gesetz nicht erlaubt. Daher bekommt man ausserhalb des Duty-Free-Shops auch ausschließlich ägyptische Weine. Die Popularität der Weine wechselt immer mal wieder. Den roten "Omar Khayyam", den man im Land als erstes angeboten bekommt, kann man meines Erachtens nicht trinken, der taugt nur als Saucenzugabe zum Gulasch. Eine Zeit lang steht der "Grand Marquis" hoch im Kurs, sowohl weiß als auch rot ein angenehmer Mittelklassewein. Vom "Cape Bay" sagt man, er sei südafrikanisch, und er gewinnt dadurch an Beliebtheit bei denjenigen Expats, die auf ägyptische Produkte gerne verzichten möchten. Leider ist das ein Irrtum, denn auch der "Cape Bay" wird, wie die meisten Weine in Ägypten, von Gianaclis produziert. Lediglich die zugrunde liegende Rebe des "Cape Bay" ist aus Südafrika. Gianaclis gehört zur Ahram-Beverages-Gruppe, die Weinanbaugebiete finden sich im Wesentlichen im Nildelta westlich vor Alexandria. "Chateau de Grandville", "Castello die Trevi", "Cape Bay", "Grand Marquis", "Omar Khayyam", "Gianaclis 1882" und "Vermont", alles Marken der Ahram-Beverages Gruppe, zu der übrigens auch Heineken und Stella gehören. Seit 1882 wird auf Gianaclis Wein angebaut. Wesentlich jünger ist die Weinkellerei "Kouroum of the Nile" in El Gouna, etabliert in 2003 mit Samih Sawires als Hauptinvestor, Kellermeister sind Labib und Rania Kallas. Aushängeschild soll der weiße "Beausoleil" aus der Bannati-Traube sein, den ich erstmalig im "Crimson" probierte. Bei einem zweiten Crimson-Besuch mit einem Freund waren wir vom roten "Beausoleil" ebenso begeistert. Noch kräftiger der "Beausoleil" aus der Syria-Traube, den ein Bekannter aus dem Bestand seiner Eltern gerettet hat. Reinhard Rhaue widmet sich seit Jahren dem ägyptischen Wein und ist auch mit Labib und Rania befreundet. Er stellt europäische Weine neben die ägyptische Weine. Ausgezeichneten internationalen Ruf hat "Le Baron", ein im Champagnerverfahren hergestellter Wein, sowie der "Jardin du Nil". In Kairo erhältlich über den Weinladen "Cheers" aus El Gouna, der über Online-Bestellung auch in Kairo liefert, oder über ausgewählte koptische Läden. Ich bestelle den "Jardin du Nil" und bin gespannt, ob ich damit einen weiteren Wein für ein gutes Essen oder einen Abend am Kamin entdecke. Mangels Digestif soll es zukünftig auch ein guter Kaffee sein. Filterkaffee schmeckt mir nicht wirklich, Nescafé ist eine Notlösung. Den "French-Coffee-Maker" haben die Umzugsleute zerdeppert, beim türkischen Kaffee bleibt immer Prütt und er ist sehr stark. Gelegentlich ok. Ich liebäugle schon lange mit einem Kaffeevollautomaten, will aber keine 1.000 Euro dafür ausgeben. Meine Senseo-Maschine vermisse ich schmerzlich, erhalte hier aber keine Kaffe-Pads dafür. Lange habe ich ein schlechtes Gewissen bezüglich einer Nespresso-Maschine. Aber immer und immer wieder schleiche ich um die Läden und Maschinen drumherum. Es wird eine "Essenza Mini" in Grün. Und ich werde im Nespresso-Shop in Zamalek positiv überrascht. Eine sehr freundliche, junge Frau bedient mich, die sehr gut Englisch spricht. Sie berät mich gemäß meinen Anfragen und versucht nicht, mir das teuerste Modell aufzuschwatzen. Etwas hilflos stehe ich vor dem Regal mit den Kaffeekapseln. Farblich sortiert sieht der Laden mehr nach Galerie als nach Verkaufsraum aus. Ich erfahre, dass er nach Sorten und Kaffeestärken sortiert ist. Ich werde nach meinen Vorlieben gefragt und gehe mit einem Vanille-aromatisierten Baristakaffee nach Hause und mit einem Kaffee, der leicht nach Honig im Abgang schmeckt. Die Nespresso-Erfahrung erinnert mich an Degustation und ich denke, auch Kaffee ist eine Wissenschaft und Liebe für sich. Mit einer wiederverwendbaren Kapsel werde ich meinen Kaffeegenuss ergänzen und einige Sorten aus den Downtown-Kaffeeläden probieren, aus denen der Duft über die Strassen strömt. Das Leben ist zu kurz für schlechtes Essen, billigen Wein und Nescafé.

Wissenschaft forscht: Übertragung von Corona-Antikörpern mittels Sperma

Anfang September gab die Nachrichtenagentur RND die Meldung heraus, dass Coronaviren in Spermien überleben können und auch noch bei Genesenen nachgewiesen wurden. "Ein Team des Shangqiu Municipal Hospitals untersuchte in einer kleinen Studie 38 männliche Patienten, die während der Corona-Hochphase im Januar und Februar dort behandelt wurden. Bei rund 16 Prozent konnte das Coronavirus in ihrem Sperma nachgewiesen werden, so die Wissenschaftler in ihrer Studie. Ein Viertel der Patienten habe sich in einem akuten Stadium der Infektion befunden, rund neun Prozent seien auf dem Weg der Genesung gewesen." so die RND. Ob das Coronavirus über Sexualkontakt auch übertragen werden kann, wurde bislang nicht durch die WHO (World Health Organization) bestätigt. Ein Risiko der Tröpfcheninfektion sei jedoch beim Küssen gegeben. Enthaltsamkeit sei also in jedem Fall ratsam, wenn der Partner an Corona erkrankt ist. Bei Genesenden bilden sich Antikörper, die eine Corona-Immunität bewirken können. Allerdings fehlt laut deutschem Ärzteblatt hierzu noch die Langzeiterfahrung: "Aufgrund der Neuartigkeit von SARS-CoV-2 gibt es noch keine (Langzeit-)Studien dazu, ob Personen, die die Erkrankung durchgemacht haben, vor Neuinfektionen geschützt sind. In Labortests wurde aber gezeigt, dass Personen nach durchgemachter SARS-CoV-2-Infektion spezifische Antikörper entwickeln, die das Virus neutralisieren können. Und vieles spricht dafür, dass neutralisierende Antikörper gegen SARS-CoV-2 im Blut mit einer Immunität einhergehen. Laut Robert Koch-Institut deuten die Erfahrungen mit anderen Coronavirus-Erkrankungen wie SARS und MERS darauf hin, dass ein zumindest partieller Immunstatus bis zu drei Jahre anhalten könnte. Dennoch bleibt unklar, wie robust und dauerhaft eine potenzielle Immunität ist und ob es möglicherweise von Mensch zu Mensch Unterschiede gibt." Wissenschaftler sind jetzt jedoch optimistisch, dass nicht nur Corona-Viren, sondern auch Corona-Antikörper in Sperma vorkommen und auf den Sexualpartner übertragen werden können. Somit besteht die Möglichkeit, die Immunität versprechenden Corona-Antikörper auf natürliche Weise zu erhalten, ohne selbst erkrankt zu sein. Eine revolutionäre Entdeckung. Stopp! Bevor Sie sich jetzt auf Ihre männlichen Bekannten stürzen, die von Corona genesen sind, bitte kurz innehalten. Das ist kompletter Unsinn. Darauf reingefallen? Das ist durchaus möglich und durchaus gewollt. Alles in dem Artikel bis zum Absatz, der mit "Wissenschaftler sind jedoch.." beginnt, ist nämlich wahr und die Zitate echt. Das Erwähnen von ausländischen Namen, seriösen Instituten und Zitaten schafft Vertrauen. Warum also sollten Sie dann meinen ausgedachten Nachsatz nicht glauben? Oder ist Ihnen tatsächlich aufgefallen, dass ich in diesem Absatz niemanden zitiert und keine Namen genannt habe? Möglicherweise nicht, denn die wissenschaftlichen Namen und Fachbegriffe der vorangehenden Zeilen wirken noch nach. Eine entsprechende Überschrift, eine passende Zwischenzeile und eine Bildunterschrift verstärken diese Wirkung. Und ich bin gespannt, wie viele Klicks ich für diesen Artikel bekommen werde ausschließlich aufgrund der Überschrift mit dem Keyword "Corona". Mein Thema ist aber nicht Corona. Vielmehr sind es zwei Dokumentationen auf Netflix, an denen ich inhaltlich immer wieder hängen bleibe. In Staffel 2 der Serie "Explained" nimmt die Folge "Die nächste Pandemie" die Geschichte verschiedener Pandemien, deren Übertragungswege und potentielle Eindämmungsoptionen unter die Lupe. Unter anderem im Gespräch mit Bill Gates. Nachdem diese Folge im Herbst 2019 erschien und Bill Gates in der Folge eine wesentliche Rolle einnimmt, soll das - so munkelt man - der Ursprung der Verschwörungstheorie sein, Bill Gates hätte aus wirtschaftlichen Interessen Corona erfunden und in der Welt verbreitet. Um Verschwörungstheorien und Fake-News geht es am Rande auch in "Das Dilemma der Social Media", Hauptthema dieser Dokumentation aber ist die Manipulation. Unglaublich helle Köpfe und Ex-Mitarbeiter von Google, Facebook, Twitter, Snapchat, YouTube und anderen kommen hier zu Wort. Sie verraten, wie Algorithmen und Social Media Features dafür sorgen, dass wir, die Social Media Nutzer, möglichst lange online bleiben, so dass man uns möglichst lange Werbung zeigen kann. Die wirtschaftlichen Interessen sind somit mehr als deutlich. Wer glaubt, seine Timeline in Facebook zeige ihm die neuesten Nachrichten seiner Freunde, der irrt. Es werden diejenigen Nachrichten angezeigt, von denen ein Algorithmus berechnet hat, dass sie uns dazu verleiten, in Facebook zu bleiben. Die Dokumentation ist erschreckend. Aber gegen Ende verweisen die Macher auch auf eine Perspektive. Auf ein Besinnen auf ethisches Handeln auch im Business. Und sie fordern Nutzer auf, nicht einfach die vorgegebenen Inhalte zu akzeptieren, sondern aktiv nach den gewünschten Themen zu suchen. Aktiv zu sein, Inhalte zu vergleichen, abzuwägen und den gesunden Menschenverstand zu benutzen. Das Thema ist für mich unter anderem deshalb so spannend, weil ich mich immer noch auf der Suche befinde um folgende Frage zu beantworten: "Was will ich denn als Journalistin eigentlich für wen schreiben?" Und je mehr ich mich mit Journalismus und den Aufgabenfeldern beschäftige, desto tiefer steige ich auch in das Thema Fake-News und Social-Media-Dilemma ein. Und finde derzeit mehr Fragen als Antworten. Das Thema Ethik sollte für Journalisten eine Selbstverständlichkeit sein. Noch bevor ich überhaupt eine erste Überschrift, eine erste Nachricht oder gar ein Feature schreiben durfte, musste ich über Ethik und Wahrheitsverpflichtung und Objektivität lernen. Eigene Meinung und persönliche Perspektive ist als Journalistin ausschließlich in Kommentaren und Kolumnen erlaubt. Die Recherche das A und O der journalistischen Tätigkeit. Tageszeitungen sind dazu über gegangen, Themen jenseits der Lokalredaktion von Nachrichtenagenturen wie der obergenannten Agentur RND zu übernehmen. Daher kommt es vor, dass Sie den gleichen Wortlaut in bis zu 40 Tageszeitungen zu einem Thema lesen können. Fake-News entstehen in der Regel also nicht durch gut recherchierende Nachrichtenagenturen oder seriöse Journalisten. Allerdings kursieren im Internet und in den sozialen Medien viele Inhalte, die nicht journalistisch einzuordnen sind und die sich nicht an die journalistische Wahrheitsverpflichtung halten. Oft, weil sie sie überhaupt nicht kennen. Man spricht online dann auch nicht von Journalismus, sondern von Content (Inhalt) und Content-Writern. Und hier gibt es immense Unterschiede in der Qualität. Wie in einer vorherigen Kolumne bereits beschrieben, kann man eine Arbeit eben so oder so machen. Und ich rede hier nicht von SEO-optimierten Marketing-Texten, sondern von unseriösen Online-Seiten, die auf eine hohe Klickzahl angewiesen sind und sich bewusst an irreführenden Inhalten wie Texten, Schlagzeilen und Bildern bedienen. Damit Sie als Leser auf der Online-Seite bleiben. Letztendlich geht es immer nur darum, dass Sie Werbung sehen und letztendlich etwas kaufen. Sind also irreführende Inhalte bereits Fake-News? Wie entstehen Fake-News, wem nutzen sie und wie kann man ihnen auf die Schliche kommen? Ich wende mich an Philosophie-Professor Dr. Georg Meggle. "Gelogen wird schon seit dem Paradies". Professor Meggle hält im Wintersemester 20/21 gemeinsam mit Alessandro Topa ein Webinar an der AUC (American University Cairo) FAKE NEWS: A WEBINAR IN APPLIED EPISTEMOLOGY. Und mit dem Beginn der Recherche in dieser Richtung wurde meine Verwirrung zunächst komplett. Was bitte ist "Epistemology"? Und stelle ganz philosophisch fest, dass ich bislang immer nur an der Oberfläche gekratzt habe mit meinen Recherchen. Ich frage Professor Meggle unter anderem, was seine Motivation für das Seminar sei und wie er Fake-News bewerte. Naiv zu glauben, ein Philosophie-Professor hätte eine kurze Antwort in zwei Sätzen parat. Stattdessen erhalte ich Literatur und eine ausführliche E-Mail. Auf meine Frage, wie er selbst denn Fake-News bewerte, erhalte ich unter anderem folgende Antwort: "Nicht so schnell, liebe Monika. Dazu muss ich zuerst doch mal wissen, was FNs sein sollen - was man korrekterweise unter solchen versteht. Die mir bisher hilfreichste Antwort darauf gibt die mir persönlich bekannte Berlinerin Romy Jaster in ihrem mit David Lanius zusammen geschriebenen Reclam-Bändchen "Die Wahrheit schafft sich ab. Wie Fake News  Politik machen" (2019), in der CHECKLISTE, dort auf S. 32: Fake News: Die Checkliste (A) Mangel an Wahrheit Die Meldung zeichnet ein unwahres Bild der Wirklichkeit, denn ( )  ... die Meldung ist falsch. oder ( ) ... die Meldung ist irreführend. (B)  Mangel an Wahrhaftigkeit Die Verbreiter nehmen es mit der Wahrheit nicht so genau, denn ( ) ... sie wollen täuschen. oder ( ) ... ihnen ist die Wahrheit gleichgültig. Diese beiden Autoren sind auch die, die in der nächsten webinar-Runde (03. Nov) dran sind." Ich gebe mich geschlagen und erkenne, dass meine ursprüngliche Intention dieser Kolumne - ich erfinde eine Fake-Nachricht und zeige gemäß der Netflix-Dokumentation auf, wie wir manipuliert werden und gebe Tipps, Fake-News von echten Nachrichten zu unterscheiden - auf. Ich lese die Dokumente von Professor Meggle und will mich da einarbeiten. Ich verstehe bislang fast nichts. Ich schreibe seinen Kollegen, Alessandro Topa an und werde ihn bitten, mir Zugang zu dem Webinar zu gewähren und möchte meinen Philosophie-Fernlehrgang um dieses Webinar ergänzen. Ich stelle fest, dass meine eigene ausgedachte Fake-Nachricht völliger Unsinn ist. Nein, nicht nur inhaltlich. Sie hat keinerlei Nutzen. Ich verfolge mit diesem Blog keine wirtschaftlichen Interessen, und daher ist eigentlich auch völlig egal, wie viele Klicks ich für meine Kolumne bekomme. Ich freue mich, dass das Thema Philosophie so schön zum Thema Journalismus passt und erkenne nach und nach, dass das Thema Fake-News weit über die Sozialen Medien hinaus reicht. Nachdem ich die erste Sitzung des Webinars verpasst habe, muss ich jetzt nachlernen. Um möglichst vor dem dritten November zu wissen, was "Epistomology" ist. Fortsetzung folgt!

Die Oper Kairo feiert sich mit Beethoven

Wenn ich in Kairo im Musikunterricht in der Grundschule frage, wer denn wisse, was eine Oper sei, dann gehen viele Hände in die Höhe. Ich bekomme dann erzählt, dass die Oper auf der Nilinsel Zamalek sei. Und muss dann korrigieren, dass ich mit einer Oper ein musikalisches Werk und nicht das Opernhaus meine. Korrekter- und peniblerweise müsste mein heutiger Titel auch heißen "Das Opernhaus Kairo...". Umgangssprachlich bezeichnet man jedoch auch ein Opernhaus als Oper, und somit liegen die Schüler damit nicht falsch. Das heutige Opernhaus wurde im Jahr 1988 eingeweiht, und daher verspricht das Plakat eine Feier zum 32-jährigen Bestehen des Opernhauses. Das erste Opernhaus in Kairo war "The Khedivial (Royal) Opera House", das im Jahr 1869 anlässlich der Einweihung des Suez-Kanals von Khedive Ismail in Auftrag gegeben wurde, so die Internetseite der Oper Kairo. Zur Einweihung des Opernhauses wurde Verdis "Rigoletto" aufgeführt. Khedive Ismail hatte jedoch eigens bei Verdi eine Oper in Auftrag gegeben, um die glorreiche Geschichte Ägyptens zu erzählen. Die berühmte Oper "Aida" wurde zwei Jahre nach Einweihung des Opernhauses fertig. Das Royal Opera House in Kairo war die erste Spielstätte in Afrika, in der berühmte Opern sowie sinfonische Werke aufgeführt wurden. Leider brannte es am 28. Oktober 1971 ab. Das heutige Opernhaus wurde im Jahr 1988 vom damaligen Präsidenten Hosni Mubarak und dem Prinzen Tomohito von Mikasa feierlich eingeweiht. Die Grundsteinlegung erfolgte drei Jahre zuvor, das Opernhaus wurde mit massiver Unterstützung durch das "Japan International Cooperation Agency (JICA)" errichtet. Das Opernhaus als "Nationales Kulturzentrum" beherbergt unterschiedliche Ensembles mit unterschiedlichen Musikrichtungen, westlich und arabisch. Den Vorsitz hat seit dem Jahr 2018 Magdy Saber. Zum "Nationalen Kulturzentrum" gehören heute (Reihenfolge Internetseite Oper Kairo): • Abdel Halim Nowera Ensemble for Arab Music (Ensemble für arabische Musik) • Cairo Opera Ballet Company (Ballett) • Cairo Opera Company (OpernsängerInnen) • Cairo Symphony Orchestra (Sinfonieorchester) • Cairo Opera Orchestra (Opernorchester) • The National Arab Music Ensemble (Nationales arabische Musikensemble) • Religious Song Ensemble (Religiöses Gesang-Ensemble) • The Heritage Ensemble for Arab Music (Ensemble für alte arabische Musik) • The Egyptian Modern Dance Theatre Company (Modernes Tanztheater) • Cairo Opera Choir (Opernchor) • A Capella Choir (Chor des Sinfonieorchesters) • Alexandria Opera Ensemble for Music and Arab singing (SängerInnen für Oper und arabische Musik in Alexandria) Wie bereits aus der Zusammenstellung der Ensembles erkennbar ist, verpflichtet sich das "Nationale Kulturzentrum" sowohl der westlichen Musik und deren klassischen und zeitgenössischen Werken, als auch der arabischen. Sie treten in Kairo und Alexandria regelmäßig und in ganz Ägypten und international zu Gastspielen auf. Mit Beethovens neunter Sinfonie wurde das Jubiläum gefeiert. Anlässlich des Jubiläums der Kairoer Oper und dem Jubiläumsjahr zum 250. Geburtstag Beethovens, wurde Beethovens neunte Sinfonie aufgeführt, eingegliedert in die Konzertreihe aller Beethoven-Sinfonien. Eigentlich war dieses Konzert bereits für März geplant, musste aber aufgrund von Corona verschoben werden. Der Nebeneingang von Seite Tahrir war dann auch wegen Corona geschlossen, nur der Haupteingang war zugänglich. Etwas mühsam, im schwarzen Kleid mit hohen Schuhen einmal um das gesamte Gelände zu laufen. Begrüßt wurde man sowohl zum Eingang des Geländes, als auch zum Eingang der Haupthalle mit einer Desinfektionsdusche, durch die man laufen musste. Die Helfer am Einlass waren freundlich, man scherzte und es war Maskenpflicht. Im Konzertsaal selbst war jeder zweite Sitz hoch geklappt und mit einem roten Bezug versehen, so dass man gar nicht in Versuchung kommen konnte, sich direkt neben seinen Nachbarn zu setzen. Im Sinfonieorchester saßen einige MusikerInnen mit Maske, im A Cappella Chor niemand. Ansonsten war alles fast wie immer. Das in 1959 gegründete Sinfonieorchester wurde von Ahmed Saedi dirigiert, der das Orchester bereits im Jahr 1990 als erster Dirigent übernahm und es somit bereits 30 Jahre leitet. In der Vergangenheit zuckte man bei einigen Aufführungen manchmal etwas zusammen. Sei es aufgrund Patzer in den Bläsern, oder weil man das Gefühl hatte, das Orchester fällt auseinander. Passiert ist es nie, in letzter Sekunde haben sie sich immer wieder gefangen. Diesmal hatte das Orchester einen wunderschönen Klang, und in den ersten beiden Sätzen stach die Virtuosität der Holzbläser hervor. Die Flöten, zum Teil in neuer Besetzung, die jedoch offiziell nirgendwo vermerkt ist, strahlten und verliehen dem Orchester Glanz. Mir ging es jedoch so, dass ich zwar die Sinfonie genoss, heimlich aber eigentlich nur auf den vierten Satz wartete. Mein Herz ging auf, als die Celli und Kontrabässe mit sanft sonorem Unisono das allseits bekannte Thema "Freude schöner Götterfunken" ausdrucksstark interpretierten. Emotionen. Als erster Solist beeindruckte der preisgekrönte Bass-Bariton-Star der Kairoer Oper, Reda El Wakil, der unlängst seinen sechzigsten Geburtstag feierte. Er sang seinen Part auswendig und artikulierte in einwandfreiem Deutsch, ein bisschen abgehackt, dafür aber verständlich. Amr Medhat als Tenor kannte ich ebenfalls bereits aus eigenen Aufführungen mit der Cairo Choral Society und freute mich über einen kraftvollen, souveränen Tenor. Jolie Fazit beeindruckte mit einem soliden Altpart und einer wunderschönen Stimme, ging aber leider neben Iman Moustafa ein wenig unter. Iman Moustafa, Sopran, ist die künstlerische Leiterin der "Cairo Opera Company" und wird auf der Internetseite der Oper als "Star" verehrt. Sich dessen bewusst sang sie leider auch so, ihre Sprache fast unverständlich und die hohen Töne mehr gejuchzt als gesungen. Sehr theatralisch, in meinen Augen für Beethoven's Neunte aber ein bisschen zu viel des Guten. Der A Cappella Chor in gewohnter Weise souverän und mit erfreulich flüssigem Deutsch. Beeindruckt haben dann zum Finale die Blechbläser, besonders von der Bassposaune war ich fasziniert. Alle Posaunisten sind Schüler des ersten Posaunisten, Zafar Asimov, der in Beethoven an der selten zum Einsatz kommenden Altposaune agierte. Leider ist es etwas schwierig, auf den unübersichtlichen Internetseiten der Oper Kairo und des Sinfonieorchesters das Programm ausfindig zu machen und Tickets zu buchen. Für diesen gelungenen Abend danke ich daher Zafer, dass er mit einer "Invitation" für die Loge aushalf. Über weitere tolle Konzerte des Sinfonieorchesters, das übrigens von 2003 bis 2012 von Inès Abdel Daïm, der heutigen ägyptischen Kulturministerin und Flötistin geleitet wurde, wird Zafer mich dann sicher auch auf dem Laufenden halten. Denn in der Cairo Bigband Society darf ich unter anderem mit ihm als Kollegen Posaune spielen. Daher übe ich derzeit täglich, unsere nächsten Konzerte sind nämlich Anfang und Mitte November im Jazzclub Kairo und auf dem Cairo Jazzfestival.

Herausforderung westliche Großstadt

Nach viereinhalb Jahren das erste Mal wieder in München. Wohnen in neuer Umgebung. Schwabing anstatt Au. Dank meiner Freunde in München ist die Stadt bald wieder vertraut. Allerdings wundere ich mich doch über einige Dinge, die ich so nicht erwartet hätte. Im Supermarkt ist es proppenvoll. Ich witzele noch, dass die Schlange möglicherweise nur deswegen so lang sei, weil man ja Corona-Abstände einhalten müsse. Und freue mich dennoch über Mettwurst und sonstige Schweinereien. Bezahlt wird ob der langen Schlange dann an einer Selbstbedienungskasse, und ich schmunzle. Wir müssen alles selbst scannen und einpacken. Ich kann mich kaum daran erinnern, wann ich in Kairo mal selbst etwas eingepackt habe. Auf Mon-Cheri muss ich verzichten, lerne ich, denn da ist Alkohol drin und das darf man wegen Altersbegrenzung nur an einer echten Kasse kaufen. Beim Spaziergang mit dem Nachbarshund muss das Häufchen eingesammelt werden. Die Ägypter würden sich kaputt lachen. Dafür ist die Luft klar und frisch. Autos können an Elektroladestationen am Strassenrand aufgeladen werden, und als ich nicht aufpasse, werde ich beinahe von einem Elektroroller angefahren. Diese Roller stehen immer wieder am Strassenrand, und ich werde neugierig. Allerdings ist meine deutsche Telefonkarte im Zweithandy und nicht im Smartphone, somit bin ich immer, wenn ich unterwegs bin, offline. Dass das unpraktisch ist, merke ich schnell. Mal schnell auf Google Maps nachschauen, wo es lang geht, den Fahrplan für den MVV aufrufen, oder sich per QR-Code-Scan obligatorisch für den Restaurantbesuch registrieren, all das geht am schnellsten online. Offline geht manchmal auch, aber es dauert. Nach dem Weg zu fragen, ist je nach Stadtviertel auch schwierig. Ich wundere mich über die Vielzahl der ausländischen Mitbürger und höre vor allem osteuropäische Sprachen oder arabisch, welches ich oft verstehe. In Tram und S-Bahn schätze ich ungefähr ein Drittel aller Fahrgäste auf ausländischen Hintergrund. Viel mehr wundert mich jedoch die angespannte Situation aufgrund von Corona und das schlechte Benehmen auf der Strasse. Da habe ich den Ägyptern wohl unrecht getan, als ich dachte, auf die Strasse spucken, lauthals öffentlich telefonieren und YouTube-Videos ohne Kopfhörer hören wäre typisch für ein Land mit niedrigem Bildungsstand. Und ich gebe zu, ich bin etwas entsetzt. Auch von der Unfreundlichkeit vieler Menschen. Und selbst in München werde ich auf der Strasse bei helllichtem Tage angequatscht mit einem Kommentar, wie er auch in Kairo vorkommen könnte. Von einem Mann, der vom Aussehen her auch in Kairo zuhause sein könnte. Ich finde das bitter, denn ich spreche hier von Schwabing und nicht von einem Sozialviertel. Auf dem Kreisverwaltungsreferat bin ich die einzige Deutsche, deutsch wird es dann aber bei der Bearbeitung auf dem Amt, und ich gehe unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Vertraut ist München dann vor allem beim Treffen mit Freunden in Restaurants und Kneipen und in der Natur. Dann macht München wieder Spass. Seit Tagen liebäugele ich mit den Elektrorollern. Inzwischen bin ich auch mit dem Smartphone online und lade mir die Voi-App herunter. Ein bisschen komisch komme ich mir schon vor, aber ich bin mutig und entscheide, dass ich den Elektroroller unbedingt ausprobieren möchte. Schließlich bin ich Motorradfahrerin und da wird das schon nicht so schlimm werden. In München stehen sogenannte E-Scooter von fünf Anbietern zur Verfügung: Voi, Dott, Tier, Lime und Bird. Tier gehört zu den Münchner Verkehrsbetrieben, Lime zu Uber. Allerdings ist Uber in München gar nicht Uber. Sie haben keine eigenen Fahrer. Uber darf nicht als Taxiunternehmen fungieren, sie sind offiziell ein Mietwagenunternehmen. Daher dürfen die Autos nicht am Strassenrand auf Fahrgäste warten und müssen nach jeder Fahrt an den Unternehmensstandort zurück. Nachdem das so nicht funktioniert, tritt Uber ausschliesslich als Fahrvermittler auf und übernimmt zudem die Abrechnung mit ihrem Subunternehmen. Die Lima-Elektroroller können über die Uber-App aktiviert und gemietet werden. Selbstverständlich ist geregelt, wo die Roller abgestellt werden dürfen, und wie viele Roller im Einsatz sind. Im Innenraum des Mittleren Rings dürfen die Anbieter maximal 1.000 Roller aufstellen. Maximal drei Roller dürfen an einem Standort, beispielsweise an einer U-Bahnstation, angeboten werden. Auf dem Gehweg müssen noch 1,60 m Platz für Fußgänger bleiben. Ich frage mich, woher ich wissen soll, wie viel Platz 1,60 m genau sind. Die Startgebühr kostet pro Fahrt bei jedem Anbieter 99 Cent, danach variiert die Minute zwischen 15 und 19 Cent. Das kann ganz schön teuer werden. Voi bietet daher einen Monatspass und einen Tagespass an, den Tagespass beispielsweise für 9,99 Euro. Für regelmäßige Fahrer sicherlich eine Alternative. Ein Bekannter erzählt, dass die Roller von vielen gehasst werden. Offiziell sollen sie auf den Fahrradwegen fahren. In München gibt es sogar inzwischen Fahrradstrassen, auf denen Autos zwar fahren, Fahrräder jedoch Vorrang haben. Allerdings fahren auch viele mit den Rollern auf den Gehwegen, was die Fußgänger oft nicht mögen. Auf der Strasse selbst sind sie mit ihrer limitierten Geschwindigkeit von 15 km/h jedoch eher ein Hindernis. Auf meiner App schaue ich nach, wo ich - diesmal im Westend - einen Roller finden kann. Und finde erstmal keinen, obwohl auf der App einige in fussläufiger Distanz verzeichnet sind. Ein bisschen peinlich ist mir das schon, als ich an einer Strassenecke endlich einen Scooter finde und umständlich die App öffne und den Code scanne. Dann geht es aber einfach mit "entsperren" und ich kann los fahren. Es wird zuvor noch angezeigt, wie der Batteriestand ist. Je nach Anbieter können mit voller Batterieladung 35 bis 50 Kilometer gefahren werden. Nachts werden von Mitarbeitern, die sich beispielsweise Juicer oder Hunter nennen, die Roller aufgeladen und desinfiziert. Ich klappe also den Ständer ein und erinnere mich, dass man mit zwei, drei Tritten den Roller selbst anschieben soll. Die Strasse ist gottlob menschenleer, und ich stelle mich auf die Trittfläche. Gas gebe ich nicht über den Griff wie beim Motorrad, sondern über einen Daumenhebel, gebremst wird wie beim Fahrrad. Vorsichtig probiere ich alles aus und siehe da, hurra, es klappt. Nasse Blätter, Kurven, Bordsteinkanten, alles kein Problem. Ich freue mich und lasse mir den Fahrtwind um die Ohren säuseln. Auf glatter Strasse schnurrt der Roller problemlos. Unbequem wird es auf Kopfsteinpflaster. Der Roller ist recht instabil und es ruckelt gewaltig. Gefährlich finde ich es nicht. Sobald ich den Antriebshebel loslasse, wird der Roller schnell langsam. Auf Fahrradwegen fehlt mir eine Fahrradklingel, denn ich kann mich weder langsamen Fahrradfahrern noch Kindern auf dem Weg verständlich machen ausser durch Rufen. Das ist unpraktisch. Ich fahre einige Male. Ein einziges Mal hat dabei ein Roller nicht funktioniert, ansonsten war der Umgang mit der App unkompliziert. Ich fahre mal eben zur U-Bahn, auf der Theresienwiese oder an der Isar entlang. An der Isar und auf der Theresienwiese hat es am meisten Spass gemacht. Da war kein Verkehr. Auf dem Fahrradweg im Strassenverkehr finde ich es ok, aber anstrengend. Das Tempo ist limitiert, und mit Fahrradfahrern kann ich nicht mithalten, auf dem Gehweg störe ich. Auf langer Strecke wird es unbequem und zugegeben auch ein wenig langweilig. Man steht halt rum und hat nicht viel zu tun und ist angewiesen auf gepflasterte Wege. Als Alternative zum zu Fuss gehen mal eben um die Ecke oder an der Isar entlang macht es total Spass, eine Alternative zum Fahrrad ist es aber nicht. Tier bietet auch Leih-Motorroller an. Ich muss mal herausfinden, ob sich in den Sitzen jeweils ein Helm versteckt, oder ob man einen eigenen Helm benötigt. Auf Motorroller fahren hätte ich ja auch mal wieder Lust. In Kairo oder eher in "Middle East" gibt es jetzt auch eine App für Elektroroller, die SlydApp. Ob die funktioniert und in Kairo zur Verfügung steht, kann ich von München allerdings nicht ausprobieren.

Pizza macht schlank

Zumindest, wenn man sie über den ägyptischen Lieferservice Talabat, ehemals Otlob, bestellt. Otlob wurde im Jahr 1999 von Ayman Rasheed gegründet. Die ursprüngliche Idee war, Angestellten, die aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens oft erst spät nach Hause kamen, ihre Mahlzeit im Büro zu ermöglichen. Otlob startete den Lieferservice in die Büros als einer der ersten E-Commerce Startups in Ägypten. Man konnte telefonisch ordern, und Otlob-Mitarbeiter gaben die Bestellung telefonisch an die Restaurants weiter. Erst in den letzten Jahren wurde der gesamte Orderprozess inklusive Order-Tracking automatisiert. Zumindest theoretisch. Otlob hatte gemäß verschiedener Meldungen zahlreiche Geschäftsführer. Im Jahr 2015 wurde Otlob von Rocket Internet, in 2017 von Delivery-Hero übernommen, für 170 Millionen Dollar erworben. Das Firmenpotential sollte laut Wamda.com bei rund 250 Millionen Dollar gelegen haben und ein Schnäppchen gewesen sein. Missmanagement und fehlende Investitionen werden als Gründe für den niedrigen Marktwert angegeben. Bereits sieben Monate nach Gründung wurde Otlob an iTWorkx verkauft. Allerdings gab es damals unterschiedliche Aussagen über den Geschäftserfolg. Zu Beginn waren 30 Order am Tag ein guter Businesstag. Kurz vor dem Verkauf an iTWorkx gab der damalige Geschäftsführer Wael Amin an, täglich 1.000 Bestellungen zu verzeichnen, Otlob selbst korrigierte diese Zahl jedoch auf 200 täglich. Womöglich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Größter Konkurrent in Middle East war die in Kuwait gegründete Firma Talabat, eine Lieferservice-Marke im arabischen Raum, jetzt zugehörig zur Delivery-Hero-Gruppe aus Berlin. Im Jahr 2010 konnte Talabat bereits 700 Bestellungen täglich sowie 20.000 Kunden verzeichnen. Bis zum Jahr 2015 stieg die Zahl der Bestellungen auf täglich 25.000 mit 500.000 Kunden verteilt auf 6 Golfstaaten. Die Delivery Hero übernahm Otlob im Jahr 2017 mit rund 1.500 Restaurants unter Vertrag und entschied sich zum Rebranding, also zur Weiterführung von Otlob unter dem Namen Talabat, zum 1. September 2020. Es gibt große Pläne. In den nächsten Monaten sollen Kooperationen mit 2.000 neuen Lieferpartnern geschlossen werden. In Zeiten von Corona und Lockdown sicherlich kein schlechter Schachzug. Im Angebot finden sich in Kairo neuerdings nicht nur Essens-Lieferdienste, sondern auch Apotheken, Supermärkte und Health-Shops. Zudem will Talabat 50.000 Freelance-Auslieferer-Jobs schaffen. Sie werben damit, dass man als Freelancer seine Zeit selbst einteilen könne. Ich assoziiere damit eher schlecht bezahlte Zusteller wie freie Paketzusteller in Deutschland. Tomaso Rodriguez ist seit 2019 der CEO von Talabat, und er sieht laut menabytes.com in Ägypten ein riesiges Marktpotential mit rund 100 Millionen Einwohnern. Insbesondere setzt er auf günstige Angebote wie die 30-Pfund-Mahlzeiten, umgerechnet für zirka 1,60 Euro. Sein Ziel ist der Erweiterung des Lieferservices in acht ägyptischen Städten, und damit möchte er zukünftig 55 Millionen Kunden erreichen. Ein Blick aus Kundensicht zeigt jedoch die Herausforderungen. Betrachtet man den Order- und Lieferprozess, dann wird schnell klar, wie viele Beteiligte und Prozessschritte miteinander vereinbart werden müssen. Da ist auf der einen Seite der Kunde, Leute wie ich. Hungrige Kunden, die oft kein Arabisch sprechen und dankbar sind für einen Lieferservice mit englischsprachiger Internetseite. In den Anfangstagen wurde die Bestellung jedoch nicht online, sondern telefonisch aufgegeben. Und Otlob-Mitarbeiter riefen dann stellvertretend für den Kunden die Restaurants an. Was zur Folge hatte, dass alle Telefone immer besetzt waren. Entweder kamen die Kunden nicht durch zur Bestellannahme, oder die Bestellungen konnten nicht an die Restaurants weiter geleitet werden. Das Set-Up schien nicht gut durchdacht. Dass das als Gesamtprozess nicht durchdacht ist, lässt auf mangelndes Know-How oder Unbedarftheit schliessen. Dass immer wieder Überraschungen auftreten können oder einzelne Prozessschritte schlichtweg vergessen oder unterschätzt werden, kenne ich aus eigener Erfahrung. Ende der 90iger Jahre war ich Projektleiterin und brachte die damalige Direkt Anlage Bank als erste Bank Deutschlands mit Online-Wertpapiergeschäft ins Internet. Basierend auf AOL ohne manuelle Schnittstellen direkt bis ins Ordersystem. Zudem richteten wir eine E-Mail-Adresse als Kundenservice ein, falls Fragen auftreten. Womit wir nicht gerechnet hatten war, dass die Kunden diese E-Mail-Adresse tatsächlich in Anspruch nehmen. Wir waren die ersten mit diesem Angebot, wen hätten wir fragen können? Ok, eine vorsichtige Schätzung hätte vielleicht geholfen, ich hatte es komplett vergessen. Am ersten Tag erhielten wir 800 E-Mails. Und wir hatten niemanden, der diese hätte beantworten können. Meterweise Flow-Charts zur Prozessdefinition hatte ich erstellt, aber erst im Alltag erlebten wir die Online-Realität. Otlob installierte eine Online-Order-Plattform. Sowohl Otlob als auch Talabat bieten die Bestellung über einen Webbrowser oder eine eigene App an. Beides in Englisch. Kontaktiert man jedoch den Kundenservice, dann ist mit Englisch schnell Schluss. E-Mails wurden oftmals gar nicht beantwortet, auf Facebook bekam ich manchmal eine Antwort, der Live-Chat schien die beste Alternative. Für Otlob und für Talabat gleichermassen. Klickt man den Live-Chat an, wird man freundlich begrüsst: "Wir verbinden Sie mit einem unserer Kundenservice-Mitarbeiter". Dieser schreibt dann sowohl auf Englisch als auch auf Arabisch sowas wie "Herzlich willkommen, wie kann ich Dir helfen?" Antwortet man, kommt als Standardantwort: "Dieses ist der Live-Chat auf Arabisch. Wenn Du mit mir sprechen willst, antworte auf Arabisch, ansonsten wirst Du zum englischsprachigen Chat weitergeleitet." Zack, Verbindung unterbrochen. Wenn man Glück hat, meldet sich jemand aus dem englischen Chat. "Hello how can I help you?" und dann schreibt man sein Anliegen nochmal. Besonders veralbert kam ich mir beim Textbaustein vor: "Hallo, wie kann ich Deinen Tag heute schöner machen?". Essen wär super! Mein häufigster Grund, die Hotline zu kontaktieren, war ein Ausbleiben der Lieferung. Oder verspätete Lieferung. Und die Begründungen, oder ich behaupte, Ausreden, waren vor einiger Zeit noch: "Es ist Peak-Zeit im Restaurant" oder "Es ist viel Verkehr". In Kairo ist immer viel Verkehr. Das ist genauso eine Überraschung wie Weihnachten am 24. Dezember. Huch, schon wieder? In Wahrheit hakt es auch hier am nicht durchdachten Prozess sowie am fehlenden Lieferantenmanagement. Es ist doch bekannt, dass die Strassen am Freitag morgens leer sind und Donnerstagabend kurz vor dem Wochenende besonders voll. Und nach zwanzig Jahren Businesserfahrung sollte doch ein Restaurant wissen, wann viele und wann wenige Kunden kommen. Das scheint nicht der Fall zu sein oder niemanden zu interessieren. Die Lieferzeiten werden meistens gleich angegeben, oft mit einer Stunde. Eine realistische Einschätzung wäre hier wünschenswert. Die Order kann man online nachverfolgen, mit Talabat sogar auf der Internetseite, nicht nur in der App. Bei Verspätung gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder bleibt das Tracking auf "das Essen kommt in zwei Minuten" stehen, oder die Order wird einfach als "ausgeliefert" gekennzeichnet, und es erscheint der Hinweis "Guten Appetit". Wenn dann doch niemand erscheint, dann liegt das entweder daran, dass der Fahrer noch gar nicht los gefahren ist, oder aber den Weg nicht findet. Da kann man im Info-Feld der Order Wegbeschreibungen in allen möglichen Sprachen eingeben. Bei telefonischer Orderweiterleitung wurden diese schlichtweg nicht weiter gegeben. Weder Wegbeschreibungen, noch die Bitte für Wechselgeld. Woher ich das weiss? Auf den Rechnungen steht ein Kommentarfeld. Manchmal stand dort ein Stichwort, meistens nichts, meine Informationen jedenfalls niemals. Macht laut eigener Auskunft der Hotline auch keinen Sinn, denn viele Fahrer können nicht lesen. Weder Arabisch noch Karten, Englisch schon gar nicht. Sie rufen dann an, aber leider verstehe ich weder Uber- noch Otlobfahrer, die mich am Telefon anschreien oder mir etwas ins Ohr rülpsen. Und nach dem Weg fragen ist in Ägypten erstens unmännlich und zweitens sinnlos. Niemals würde ein Ägypter zugeben, den Weg nicht zu kennen, eher schickt er den Fragenden ins Nirvana. Nachdem die Fahrer, wie mein Kollege es neulich so diplomatisch ausdrückte, meist nicht auf akademische Bildung zurückgreifen können, kommt das Essen dann in der Regel zu spät. Ausnahmen bestätigen diese Regel. Zu spätestes Essen ist oft kalt, Pommes lätschig, Getränke zu warm, Eis geschmolzen, Sushi verdorben. Die Freude "Hurra McDonalds liefert" hatte ich mir bereits vor Jahren wieder abgewöhnt. Vor einigen Tagen erschien der Lieferboy mit einer Stunde Verspätung. Bei 40 Grad mit Sushi in einer Plastiktüte. Die durfte er dann gleich wieder mitnehmen. Zirka 30 offene Stellen in Ägypten ausgeschrieben. Delivery-Hero sucht Mitarbeiter. Für IT, Kundencenter und Sales in Ägypten. Die Frage ist, was sie auf Basis einer Ma3lesh-Businesskultur und dem Ausbildungsstand der Mitarbeiter ausrichten können. In Downtown hatte ich mir den Lieferservice komplett abgewöhnt und war dann im Sommer in Dahab auch richtig fit. Mit dem Stress des Schulbeginns und zur Recherche war ich dann zu faul zum einkaufen und kochen und gab Talabat eine Chance. Nachdem das meistens nicht zu meiner Zufriedenheit geklappt hat, wählte ich, wenn es schnell gehen sollte, dann die Downtown-Lösung: Koshary vom Baba Abdou, direkt bei mir gegenüber, pro Koshary 10 Pfund, ca. 60 Cent. Etwas entsetzt war ich ob einer neuen Werbetafel: "Bei Baba Abdou über Talabat online bestellen". Ich sah das Schild an und warf dann einen Blick in das Kellerabteil, das als Ausgabeküche herhalten muss. Ich sah das Schild, betrachtete die nicht akademisch ausgebildeten Mitarbeiter, die mit einer Schöpfkelle die Koshary-Zutaten in einen Plastikbecher und dann mit einem Beutel scharfer Sauce und Knoblauchsauce alles in eine Plastiktüte packen. Während ich warte, schweift mein Blick wieder auf die Werbetafel, dann zurück in die Koshary-Küche und ich stelle mir einen ebensowenig akademisch ausgebildeten Fahrer vor, der mit dem Tütchen Koshary durch Downtown irrt, bis das Essen kalt ist. Ich weiss nicht, ob ich den Kopf schütteln oder schmunzeln soll. Mir wird aber sehr deutlich bewusst, dass niemand bei Baba Abdou auch nur annähernd eine Ahnung von Prozessen oder Lieferantenmanagement hat, wie ich es hier erwähne und kritisiere. Ich nehme meine Tüte mit Koshary, bedanke mich freundlich, halte ein bisschen Smalltalk und bin in zwei Minuten zuhause. Und für den Fall, dass ich mal keine Lust auf Koshary oder selber kochen habe - Joghurt ist auch lecker. Wenn er nicht aus ist.

Ein halbes Leben lang Jungseniorin

Wählt man bei der Erstellung von Zielgruppen vorgegebene Altersgruppen aus, dann lauten diese in der Regel 18 - 29 oder auch 18 - 49, je nach Produkt. Menschen, die man erreichen will, die älter als 65 sind, werden schlichtweg als "+", z.B. 65+ bezeichnet. 18- gibt es hingegen beispielsweise nicht. Um die Kernzielgruppen herum haben sich altersbedingt Kinder- und Jugendmarketing sowie Seniorenmarketing etabliert. Im Marketing kommt es vor, dass Menschen ab vierzig Jahren als Jungsenioren bezeichnet werden. Meine Eltern sind beide um die achtzig. Gehe ich davon aus, dass ich ähnliche Gene habe und genauso alt werden darf, dann bin ich marketingtechnisch ein halbes Leben lang Jungseniorin und einen Lebensabschnitt davon dann irgendwann auch ohne "jung". Jetzt bin ich also alt. Aus Marketingsicht bin ich nun also alt, und das schon eine ganze Weile. Und für den Arbeitsmarkt in Deutschland angeblich uninteressant. Tatsächlich finden sich hinreichend Berichte in namhaften Medien über qualifizierte Manager, die im Alter von über fünfzig tatsächlich auch keine Festanstellung mehr gefunden hätten. HR-Manager bestätigen, dass es vorkäme, dass Bewerbungen von Menschen über fünfzig ohne weitere Ansicht auf dem "nein"-Stapel landen. Offiziell ist das laut Gleichstellungsgesetz in Deutschland verboten. In Deutschland soll das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) unter anderem auch Arbeitnehmer vor Benachteiligungen schützen, die sie aufgrund ihrer Rasse oder ethnischen Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, ihrer sexuellen Identität, aber auch wegen ihres Alters ausgesetzt sein könnten. Eine solche Benachteiligung kann dabei gemäß § 3 AGG unmittelbar oder auch mittelbar erfolgen. Zudem sind Stellenausschreibungen in Deutschland auch sehr gender-neutral, und insbesondere Behörden und öffentliche Einrichtungen weisen immer öfter darauf hin, dass beeinträchtigte Menschen und Frauen bei gleicher Qualifikation bevorzugt würden. Verbeamtet werden kann man aber meines Wissens auch nur bis vierzig. Bereits Stellenausschreibungen, die davon sprechen, der Bewerber (und natürlich auch die Bewerberin) würde in einem jungen Team arbeiten, werden bezichtigt, gegen das Gleichstellungsgesetz zu verstossen. Denn ein nicht mehr junger Bewerber würde dadurch nicht angesprochen und somit diskriminiert. In Ägypten hätte man zumindest vor einigen Jahren darüber noch laut gelacht. Facebook erinnerte mich vor ein paar Tagen daran, wie ich mich lautstark aufgeregt hatte über eine Stellenausschreibung in Kairo, die ganz klar definierte: Bewerber müssen männlich und maximal 27 Jahre alt sein. In Deutschland auch vor einigen Jahren einfach undenkbar. Bei meinen Recherchen wollte ich Geschichten von Frauen erzählen, denen Altersdiskriminierung widerfahren ist. Möglichst aus Kairo. Und ich frage in einer Gruppe mit mehreren tausend Frauen. Und bekomme keine einzige Geschichte. Weil es so gut wie keine Geschichten gibt. Zum einen ist Ägypten ein sehr junges Land. Das Durchschnittsalter bewegt sich im Laufe der Jahre laut Statista zwischen zwanzig und dreißig Jahren. Zum anderen sind in Ägypten die gesellschaftlichen Rollen weitestgehend definiert. Die kollektivistisch geprägte Gesellschaft gibt Rollen und Werte vor, und es braucht viel Stärke und finanzielle sowie emotionale Unabhängigkeit, um aus den vorgegebenen Rollen auszubrechen. Ein fehlendes Sozialsystem mit beispielsweise Arbeitslosen- und Sozialhilfegeld, verhindert oft die Selbständigkeit und die Suche nach einem eigenen Lebensentwurf. Wenn die Familie der Schlüssel für unter anderem soziale Sicherheit ist, sollte man es sich damit nicht verscherzen. Oder sich zumindest bewusst sein, dass man zukünftig gegebenenfalls auf dieses Netzwerk verzichten muss. Laut CAPMAS sind nur rund 25% aller Erwerbstätigen in Ägypten weiblich, die Hälfte davon in der Landwirtschaft tätig. Der Arbeitsmarkt wird somit von den Männern dominiert, und den Frauen wird die klassische Rolle der Mutter und Hausfrau zuteil. Und dieses Lebenskonzept wird dann, unter anderem auch aus oben genannten Gründen, nicht hinterfragt. Altersdiskriminierung auf dem Arbeitsmarkt ist somit so gut wie kein Thema. Wer mit fünfzig, egal ob männlich oder weiblich, arbeitet, hat seine Position gefestigt. Im Beruf und in der Gesellschaft und in der Familie. Expats, also in Ägypten lebende Ausländer, haben entweder durch die Heirat mit einem Ägypter den ägyptischen Lebensentwurf adaptiert oder eine Position in Schule oder ausländischer Firma mit entsprechendem Stellenwert. Auch die Gesellschaft in Ägypten erlebt Wandel. Bei meinen Recherchen in diesen Tagen konnte ich in LinkedIn keine Position für Ägypten finden, die Alters- und Geschlechtervorgaben bestimmten. Vielmehr wurde inzwischen die notwendige Berufserfahrung angegeben. Junge, gut qualifizierte Frauen sind auch in Ägypten heutzutage berufstätig, etliche davon haben im Ausland studiert und eine neue Perspektive erfahren. Der Zulauf zu internationalen Schulen, die ein internationales Studium ermöglichen, ist ungebrochen. Wer sich für seinen eigenen Lebensentwurf, egal in welchem Land, entscheidet, wird die Erfahrung machen, dass das nicht immer einfach und oft sehr anstrengend ist. Auch mein Lebenslauf ist kein Standard-Lebenslauf, und ich war immer darauf angewiesen, Vorgesetzte zu treffen, die mein Potential erkannten und förderten. Ob ich jetzt ein paar Jahre älter oder jünger bin, spielt meines Erachtens dabei nur bedingt eine Rolle. Mein Lebenslauf fällt bei jedem Standard-Screening durch, alleine schon mangels Studium, Bachelor oder Master. Bei der Überarbeitung meines Lebenslaufs in ein modernes Design hatte ich kurzzeitig überlegt, meinen Familienstand sowie mein Foto weg zu lassen. Bis mir auffiel, dass das absoluter Quatsch ist. Wenn ich schreibe "Abitur 1987" kann jeder nachrechnen, wie alt ich in etwa bin. Natürlich bin ich mit fünfzig nicht mehr so biegsam wie mit Mitte zwanzig. Ich bin nicht mehr so formbar und lasse mir nicht mehr alles gefallen. Ich arbeite auch nicht für 5 Euro pro Stunde oder gar als Praktikantin. Ich bringe meine Berufs- und Lebenserfahrung und meine durchgehende Weiterbildung und -entwicklung mit. Ja, es gibt Jobs, die ich mit fünfzig nicht machen kann. Ganz schrecklich finde ich beispielsweise das Format "PUR" vom Bayerischen Rundfunk mit gewollt jugendlicher Sprache. Ich empfinde das auch für Jugendliche als Verdummung und unangemessen. Ich will auch nicht Influencerin sein oder Youtuberin. Es wäre mir super peinlich, mich selbst zu filmen und Leuten halbscharige Erklärungen abzugeben, beispielsweise wie sie einen tollen Liebhaber finden. Oder zu filmen, wie ich Produkte auswickele und teste. Es mag sein, dass ich dafür zu alt bin. Letztendlich aber passt irgendwas immer nicht, wenn man es nicht wirklich will oder wenn es nicht sein soll. Frauen zwischen 25 und 40 werden oft nicht eingestellt, weil die Familienplanung dazwischen kommen könnte. Wichtig ist aus meiner Sicht vielmehr, nicht stehen zu bleiben. Neugierig zu sein, zu lernen und seinen Weg zu suchen. Und mit ein bisschen Glück zu finden. Ich stelle gerade fest, dass man als sogenannte Jungseniorin ziemlich cool und glücklich sein kann.

Weg mit Plastik und Kippen

Morgen, am 19. September, findet weltweit der dritte offizielle Weltaufräumtag - Cleanup Day - statt. Nachdem in Ägypten das Wochenende bereits freitags beginnt, hat man hier den Weltaufräumtag auf den 18. vorverlegt, aber auch am 19. finden noch verschiedene Aufräumaktionen statt. 2018 wurde dieser Tag offiziell ins Leben gerufen. Seit 2008 gibt es dank der Initiative "Let's do it" immer wieder Aufräumtage, seit 2018 regelmässig jeden dritten Samstag im September. Vorrangig geht es um das Sammeln von Plastik. In Alexandria veranstaltet "Banlastic" eine Aktion am Strand "Al Anfushi" in Bahayra. Sie beschreiben auf ihrer Facebookseite, dass die Strände von Alexandria Sammelbecken für Plastikmüll sind. Und das nicht nur für den Müll, den die Ägypter selbst ins Wasser werfen. Wind und Strömung treiben aus dem Mittelmeer Plastikreste an Alexandrias Strände zusammen. Ein weiteres Problem hinsichtlich Umweltverschmutzung sind Zigarettenkippen. Eigentlich ist es traurig, dass es so Aufräumtage überhaupt geben muss. Es wäre einfacher, wenn jeder seinen Müll umweltgerecht entsorgt und nicht einfach in das Wasser oder auf die Strasse würfe. Aber das Verständnis dafür fehlt, und ich stehe dem auch ohnmächtig gegenüber. In Dahab sitzen Menschen im Café direkt am Meer, öffnen die Wasserflasche und werfen den Plastikverschluss direkt ins Wasser. Der Fahrer, der mich von Dahab nach Hause bringt, trinkt seine Safttüte und wirft sie danach während der Fahrt aus dem Fenster. Mein Kommentar dazu wird nur belächelt. Einige Jahre zuvor sprach ich Menschen darauf noch an, das habe ich inzwischen aufgegeben. Seit dem letzten Jahr sollte es in Dahab eigentlich gar keine Plastiktüten und Plastikverpackungen mehr geben, aber durch Corona hatte sich das leider wieder geändert. Ein Taxifahrer, der seinen Dreck auf die Strasse warf, kommentierte meine Aussage "die Strasse ist doch kein Mülleimer" grinsend mit "der andere hat das aber auch gemacht". Der Blogartikel und Buchtitel "Vorleben und die Klappe halten" entstand unter anderem durch solche Erlebnisse. Dass das jedoch keine ägyptische Unart, sondern ein weltweites Problem ist, dokumentiert derzeit eine aktuelle ZDF-Sendung "Plan B". Hier werden kreative Lösungsansätze gegen Plastik in Meer und Flüssen aufgezeigt. Als Beispiel dient hier Südostasien, die Müllsammelboote, die von einem Kieler entwickelt wurden, im Einsatz haben. Frankreich versucht, der Ölschicht auf dem Wasser Herr zu werden mit Schläuchen aus Haar-Resten aus Friseurläden, die völlig ökologisch Öl absorbieren. Und es heisst auch Welt-Aufräumtag und nicht Ägypten-Aufräumtag. Ganz habe ich die Hoffnung aber noch nicht aufgegeben. Auf die Initiative hat mich Asmaa, eine Freundin aus Alexandria, die ich in Dahab kennen lernte, aufmerksam gemacht. Sie ist Anfang 20 und ihr ist die Aktion wichtig. Wichtig, sich zu zeigen, wichtig, dabei zu sein, wichtig, den eigenen Lebensraum sauber zu halten. Wichtiger, als mit mir Kaffee trinken zu gehen. "Komm mit", sagt sie "und schreib in Deinem Blog etwas darüber". Sie muss mich nicht lange überzeugen, und so sind wir dann heute um 16.00h am Al-Anfushi-Strand zur Aufräumaktion, veranstaltet durch Banlastic, verabredet. Angeblich werden 100 Leute erwartet, ich bin gespannt! Banlastic Egypt wurde 2018 von den Ingenieuren Manar Ramadan und Ahmed Yassin und dem Betriebswirtschaftler Abdelkader Alkhaligi gegründet. Ihr Slogan ist "Reduce - Reuse - Recycle", es geht um das Reduzieren von Plastikmüll. Erreichen wollen sie dieses durch Aufklärung und die Entwicklung von biologischen Verpackungsalternativen. Etwas aufgeregt sitze ich dann kurz vor vier im Taxi, an der Corniche geht es am Meer entlang, an der Zitadelle vorbei und kurz danach stehe ich an dem vereinten Treffpunkt. Ich gehe einen Weg durch zwei Café-Hüttchen durch an einen öffentlichen Strand. Asmaa sehe ich schon von Weitem winken. Sie steht inmitten einer Traube von jungen Leuten, die alle eine grüne Weste mit dem Banlastic-Logo und dem Sponsor "Banque du Caire" tragen. Alle sind freundlich, und wir kommen gleich ins Gespräch. Welche Nationalität ich denn hätte, und man wäre auch schon in Deutschland gewesen, und der Vater hätte umweltfreundliche Baumwolltaschen nach Deutschland exportiert. Sprachs und zeigt stolz eine Mehrwegtasche von Apollo-Optik. Schnell stellt sich heraus, dass Asmaa nicht nur Teilnehmerin ist, sie ist auch Gruppenleitung von Gruppe 4. Zirka 15 junge Leute und ich, mit Abstand die Älteste, bilden unsere Gruppe, stehen im Kreis und stellen sich vor. Mit Namen und ihrer Motivation. Fast alle leben in Alexandria, lieben ihr Land und möchten aktiv etwas für Umweltschutz tun. Engagierte junge Leute um die zwanzig mit genau der Energie, etwas in Schwung zu bringen und positiv zu verändern. Auch ich stelle mir vor und kann mit meinen Sprachkenntnissen mitteilen wer ich bin, und dass ich neugierig bin und Asmaa mich eingeladen hat und ich gerne helfe. Auch ich bekomme eine grüne Weste und bin damit Teammitglied. Jeder bekommt einen Handschuh und einen Müllsack, ich ergattere eine halbe kleine Wassergallone, die mit Zigarettenkippen zu füllen ist. Mohammed von der Initiative "Let's do it" ist clever und hat eine Harke dabei. Da spricht die Erfahrung. Ich wate mit meinen Sandalen durch den heissen Sand und bücke mich für jede Zigarettenkippe. Kleine Plastikverschlüsse und Plastikbesteck, oft zerbrochen, sammle ich gleich mit und tausche die bei meinen Kolleginnen gegen Kippen, die sie mitgesammelt haben. Die offizielle Temperatur sind 32 Grad, wie warm es am Strand in der Sonne wirklich ist, will ich gar nicht wissen. Nach einer halben Stunde bücken aufstehen bücken aufstehen verfluche ich jeden, der jemals eine Kippe in den Sand gedrückt hat. Nach einer knappen Stunde wird mein Kreislauf wackelig und ich möchte etwas trinken. Wir posieren für die YouTube-Dokumentation, und ich zeige stolz mein Ergebnis. Asmaa schickt mich zu den kleinen Tischen, an denen HelferInnen die vollen Säcke und Kippen entgegen nehmen. Ich möchte nur einen Schluck Wasser, den ich dann auch bekomme. Ich setze mich ein paar Minuten dazu und erfahre, dass das gesammelte Plastik gewogen wird. Je nach Gewicht werden Punkte vergeben, die gegen Baumwolltaschen, Holz-Einwegbesteck, Süssigkeiten und gegrillten Mais getauscht werden können. Einer der jungen Burschen hat 17,8 kg Müll eingesammelt. Für meine weit über hundert Kippen erhalte ich 30 Punkte. Noch nie habe ich mich so sehr über eiskalten gesüssten Karkardi (Hibiskussaft) gefreut und wollte erfrischt gehen, bis ich erfuhr, dass Karkardi nur fünf Punkte sind und ich noch 25 Punkte einlösen könne. Ich entscheide mich für zwei Baumwolltaschen und verschenke einen Becher Karkardi. Wohin mit dem Plastik? Nach und nach trudeln immer mehr an den Rückgabetischen ein. Eine Gruppe bringt sogar ein altes Fischernetz, in dem sich allerlei Unrat verheddert hat. Ich frage einen der Helfer, was sie mit dem ganzen Plastik machen. Und da zeigt sich dann die Grenze so einer Aktion. Es gibt keinen Wertstoffhof oder ähnliches, zu dem man das Plastik offiziell bringen könne. Daher kooperiere man mit einer gemeinnützigen Initiative, die aus dem Müll Kunstobjekte macht. Den arabischen Namen konnte ich mir beim besten Willen leider nicht merken. Am Strand konnte, wer Lust hatte, gleich damit anfangen. Aus Flaschenverschlüssen und Kippen wurden Bilder geklebt. Das ist zwar ganz hübsch, aber sicherlich keine Dauerlösung. In der Sendung "Plan B" wurde berichtet, dass es derzeit Forschungsprojekte gäbe, aus Plastik wieder Öl oder zumindest eine Art Ölgemisch zu machen. Obwohl wir alle durch die Wärme erschöpft waren, hatten wir viel Spaß und ich hatte sehr interessante Begegnungen. Viele der jungen Leute waren schon etliche Jahre dabei. Die Jahre zuvor beispielsweise in Sahel an der Nordküste. Da sei es viel einfacher gewesen, denn der öffentliche Strand in Alexandria sei schon sehr vermüllt. Gegen halb sechs füllte sich der Strand dann auch mit Besuchern und Badegästen. Es wurden zudem Plastiktische und -stühle aufgestellt. Unsere Initiative wurde argwöhnisch beäugt, ins Gespräch kam niemand. Lediglich die kleinen Kinder fanden es toll und halfen beim Einsammeln. Dass aber Kinder im Kindergartenalter Zigarettenkippen einsammelten, fanden wir jetzt aber nicht ganz so toll. Etwas enttäuscht war ich beim traumhaft schönen Sonnenuntergang, dass man dem Strand eigentlich gar nicht ansah, dass fünf Gruppen engagierter junger Leute zwei Stunden lang in der Hitze Plastik aufgehoben hatten. Für den Strand war es nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Man riet mir auch ab, ins Wasser zu gehen. Auf der Oberfläche gäbe es einen leichten Ölfilm und man sei sich nicht sicher, ob nicht auch Abwasser ins Meer geleitet würde. Von dem Tag war ich dennoch begeistert, denn ich traf das schöne, motivierte, engagierte Ägypten. Und konnte diesmal allen neuen Bekannten gerne glauben, wenn ich mit "es war schön, Dich getroffen zu haben" strahlend verabschiedet wurde. Ägypten braucht meines Erachtens viel mehr solcher Initiativen und sollte die Energie der jungen Leute positiv nutzen. Wie wäre es denn, wenn jede Schulklasse einmal im Monat eine Aufräumstunde am Strand machen würde? Um Bewusstsein zu schaffen und um zu merken, dass das, was man weg wirft, nicht weg ist, sondern mühsam aufgeräumt werden muss. Ich werde jedenfalls nie wieder meine gelegentliche Urlaubszigarette im Sand am Strand lassen.

Rent an Ahmed

Diesen Sommer gab ich online mehrfach das Wort "rent", auf Deutsch "mieten", als Suche ein. Hotels, AirBnB, Apartments, Zimmer. In Dahab, München, Amsterdam, Berlin um herauszufinden, ob und wie eine Reise möglich wäre und was, wenn ein Coronatest mal positiv wäre. Dank Keyword, Suchmaschinenalgorithmus und Geotracking erhielt ich dann einige Male Werbung einer Seite "Rent a Friend". Einen Freund mieten? In Kairo? Mein erster Gedanke war, dass Prostitution in Ägypten verboten ist. Wie kann es dann sein, dass so eine Seite dann offiziell Werbung macht? Ich wurde neugierig und entschied, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich fand "Rent a Friend", "Rent a local Friend" and "Friend for Rent". Alles internationale Seiten, "Friend for Rent" jedoch ganz offensichtlich auf den arabisch sprachigen Markt ausgerichtet. Gibt man in Google "Rent a friend" ein, dann lautet die Seitenbeschreibung "Rent a friend to meet new people and to find platonic relations. Rent a friend to go to an event or party with you, teach you a new skill or hobby, help you meet new people, show you around town, or just someone for ...", dann endet die Google-Vorschau. Mit "Rent a Friend" soll es ganz einfach sein, wenn man neu in der Stadt sei, neue Freunde zu finden. Und alles ganz platonisch. Dass die Google-Suchbeschreibung mit "just someone for..." endet, mag platzbedingt Zufall sein, entspricht jedoch auch meiner Vermutung und wohl auch der Realität. Was kostet es, einen Freund zu mieten? Um mehr herauszufinden, will ich mich bei einem der Dienste anmelden und hoffe auf eine Art Probemitgliedschaft. Leider Fehlanzeige. Bei "Rent a Friend" kaufe ich die Katze im Sack und das für 25 Dollar im Monat. Nachdem ich dem Unternehmen nicht traue, möchte ich denen auch keine Kreditkartendaten überlassen. Bei "Rent a local Friend" scheint die Mitgliedschaft kostenlos zu sein. Ich melde mich an und "Alice" schreibt mir. Um mich als Freund zu qualifizieren, will sie mit mir ein Interview führen, in dem sie abfragt, ob ich auch genug über Kairo wisse, um meinen neuen Freunden die Stadt zeigen zu können. Ich wollte mich gar nicht als Freund anbieten, sondern einen Freund zwecks Interview und Erfahrungsaustausch finden, anscheinend geht das nicht. Alice schreibt mir an einem Tag gleich sechs Mal mit der Aufforderung zum Interview. Mir erscheint das merkwürdig und ich verzichte. Sowohl Alice, als auch die Internetseite, weisen mich darauf hin, ich möge bitte eine Spende für das Projekt einzahlen. Ein Freundprofil kann ich bislang immer noch nicht anklicken. Auch hier kaufe ich die Katze im Sack. Ich kann mir nicht sicher sein, dass die sogenannten Freunde echt und was ihre Absichten sind. Als Marketingprofi und Content-Writer bin ich da äußerst skeptisch."Friend for Rent" finde ich ausschliesslich in Facebook, die Internetseite existiert nicht. Die Facebookseite ist zwar auf Arabisch, gemäß Werbefotos zielt man aber wohl auf eine internationale Klientel. Wieder ein Hinweis für mich, dass man mit all diesen Seiten möglicherweise keine Freundschaften unter Ägyptern vermitteln will, die neu in eine Stadt ziehen. Möglicherweise klappt das in europäischen oder amerikanischen Städten, für Kairo und Dahab empfinde ich diese Seiten als sehr suspekt. Würde ich mich darauf einlassen, müsste ich pro Stunde an meinen neuen Freund oder meine neue Freundin 10 Dollar oder mehr bezahlen. Ich lese die Vorschauen verschiedener Freundeslisten sowie Facebook-Kommentare. Wiederholt finde ich den Kommentar "ich brauche diesen Job". 10 Dollar oder mehr scheint ein verlockendes Angebot zu sein. Und immer wieder lese ich, dass man sich erhofft, internationale Freunde zu finden. Noch immer scheinen internationale Freunde als Dooropener für ein besseres Leben zu stehen. Die Freundschaftsversprechen sind groß. Die Angebote der neuen Freunde gemäß Profilvorschau sind vielfältig. Guter Zuhörer, sportliche Aktivitäten und Ausgehen sind besonders beliebte Qualifikationen. Ich wundere mich. Sportliche Aktivitäten werden in Kairo vorrangig in Sportclubs ausgeübt. Dort trifft man Freunde und Familie. Ich kann mir schwer vorstellen, dass jemand, der beispielsweise im Gezira Sportclub für einige tausend Dollar im Jahr Mitglied ist, sich für 10 Dollar pro Stunde als Freund vermieten möchte. Wie also möchte mir mein neuer Freund Sport und Aktivitäten zeigen? Ausserhalb der Clubs kann man in Kairo in Cafés und Restaurants gehen und Spazieren. Alles andere ist nicht wirklich realistisch. Schmunzeln muss ich, als ich bei einem Ahmed - und Ahmeds gibt es auffällig viele - lese, er könne mein bester Freund werden, gut zuhören und alle meine Probleme lösen. Die Probleme, die dieser Ahmed lösen kann, die hätte ich gerne. Bislang sind Probleme immer diejenige Ausrede, die Ägypter benutzen, wenn sie nicht oder nicht pünktlich zu Terminen erscheinen oder Dinge erledigen. Jüngst diese Woche mit einem Kollegen erlebt, der zu spät kam weil er Probleme mit dem Auto hatte und erst gar nicht erschien, weil er Probleme mit der Familie hatte. Ich frage mich, was diesen Menschen durch den Kopf geht und was deren Vorstellungen sind, wenn sie so Dinge in ihr Profil schreiben und das womöglich wirklich ernst meinen. Ich habe Ägypter überwiegend als besonders freundlich und vor allem auch sehr hilfsbereit kennengelernt. Wenngleich die Lösungen oft eine Verschlimmbesserung als eine Lösung aus meiner Sicht waren. Meine Sicht gilt aber nicht immer als Benchmark. Auf der Facebook-Seite finde ich auch Bilder, die auf die Überarbeitung der Internetseite hinweisen. Nach platonischer Freundschaft sieht mir das nun wirklich nicht aus. Ich kann es keinem Ägypter verdenken, der mit Hilfe einer solchen Plattform hofft, internationale, also in seiner Vorstellung reiche, Bekanntschaften zu machen oder Sexualpartner zu finden. Alle Menschen sind sexuelle Wesen, völlig unabhängig von Gesellschaft und Religion. Daher ist dieser Wunsch nur verständlich. Die Frage ist nur, was dann, und wie wird das dann in Ägypten geregelt? Gesetzlich darf Sex nur in der Ehe stattfinden, alles andere gilt als Prostitution und Prostitution ist in Ägypten illegal. Ägypter dürfen unverheiratet kein Hotelzimmer teilen und in einem Apartment nicht gemeinsam übernachten. Wenn jemand die Polizei ruft oder die Polizei Kontrollen vornimmt, können beide Beteiligten verhaftet werden. Auch, wenn ein Partner Nicht-Ägypter ist. Die Seite "Law Help in Egypt" gab im Februar Auskunft über die sogenannte Orfi-Ehe. Ein ziviler Ehevertrag, der bei der Behörde vorgelegt und legalisiert werden kann. Rechtlich offiziell heiratet man in Ägypten auf einer Behörde. Das Orfi-Papier ist auch als Sommer-Fick-Papier (Entschuldigung für den Ausdruck) bekannt. Zwei männliche, wohlgemerkt männliche Zeugen, sind notwendig, damit es gültig wird. Jeder Ehepartner bekommt zwei Ausfertigungen. Im Wesentlichen war das Papier als Schutz für die Frau gedacht, denn in dem Papier wird auch die Mitgift und die finanziellen Rechte der Frau bei Scheidung festgehalten. Oft wird dem Vertrag ein unterzeichneter Scheck beigelegt. Auf Erbrecht und Besitz hat dieser Vertrag, weil nicht als rechtskräftige Ehe anerkannt, jedoch keinen Einfluss. Ebenso besteht kein Recht auf Visum oder Staatsangehörigkeit. Schutz für die Frau scheint jedoch nur vordergründig finanziell gewährleistet, denn es gibt gemäß "Law Help in Egypt" drei Möglichkeiten einer Scheidung: Der Mann spricht die Scheidung aus Eine einvernehmliche Trennung, die dann als vollzogen gilt, wenn alle Vertragsexemplare vernichtet, beispielsweise verbrannt, sind Die Frau kann vor Gericht gehen, wenn der Mann die Scheidung verweigert Hier kann also nicht unbedingt von Gleichberechtigung gesprochen werden. Zudem darf der Mann so viele Orfi-Ehen gleichzeitig eingehen wie er möchte, die Frau muss er noch nicht mal darüber informieren. Und wenn die Frau die Scheidung, auf Arabisch "Khula", verlangt, muss sie die Mitgift zurück zahlen. Dieser Vertrag wird zwar heute oft als zeitlich begrenzte Ehe abgeschlossen, war aber eigentlich nicht dafür gedacht. Der Vertrag war als erster Schritt und zivile Vereinbarung unter Ehepartnern gedacht, der unter anderem die Mitgift und die finanziellen Rechte der Frau sichern sollte. Er wird bei der offiziellen rechtskräftigen Hochzeit dann mit vorgelegt. Den Namen "Sommer-Fick-Papier" hat dieser Vertrag erhalten, weil sich damit wohlhabende Männer oft sexuelles Vergnügen auf Zeit legalisieren lassen. Daher gibt es eine Regelung, die besagt, dass, wenn ausländische Männer einen Orfi-Vertrag mit einer ägyptischen Frau abschliessen, die 25 oder mehr Jahre jünger ist als der Mann, der Mann einen Geldbetrag auf das Konto zugunsten der Frau überweisen muss. Im Jahr 2015 wurde die zu hinterlegende Summe auf 50.000,-- ägyptische Pfund erhöht. Nicht selten enden solche Ehen auch mit dem Sommer, nicht selten bleibt eine Schwangerschaft. Allerdings haben die unter Orfi-Vertrag gezeugten Kinder das Recht auf den Namen des Vaters, auf Alimente jedoch nicht. Rechtlich ist man mit so einem Vertrag erstmal auf der sicheren Seite. Über Moral darf ich mir hier kein Urteil erlauben. Ich habe nicht das Recht, diejenigen Familien zu verurteilen, die - und hier muss ich sagen angeblich - ihre Töchter über den Sommer an reiche Saudis vermieten. Dass ich das nicht gutheiße, ist hoffentlich klar. Prostitution ist in Ägypten verboten. Die Frage ist, wo die moralische Grenze ist. Und offiziell spricht auch niemand darüber. Daher sind die Geschichten, die "man so hört" lediglich Geschichten, deren Wahrheitsgehalt ich nicht überprüfen kann. Allerdings gibt es einen Blogbeitrag, dessen Verfasser ich aus Vorsichtsgründen lieber nicht nennen möchte, der sich nach der Revolution in 2011 auf die Suche nach bezahltem Sex in Kairo gemacht hat. Er beschreibt, dass man ihn an die großen Hotels verwiesen habe. Im Marriott möge man in das Casino gehen. Er wäre dort auch direkt angesprochen worden und man habe über einen Preis von 400 Dollar pro Nacht verhandelt, als Ausländer sei er ja reich. Er habe abgelehnt. Cool fand ich seine Geschichte aus dem Vier-Jahreszeiten-Hotel. Im Hotel habe man ihm erklärt, wie die Sache funktioniere. An der Bar möge er sein Bluetooth am Handy einschalten. Unter den verfügbaren Bluetooth-Namen könne man sich dann jemanden aussuchen. Ich war verdutzt und fand das sehr kreativ, möglicherweise bin ich aber in diesem Punkt auch einfach sehr naiv. Anscheinend gibt es jedenfalls für alles eine Möglichkeit und eine Lösung. Nachdem Sex gegen Geld jedoch illegal ist, hört man auch immer wieder Geschichten, die für die Frauen nicht so gut ausgehen. Die Frauen haben keinerlei Schutz und rechtlichen Rückhalt, und nicht jeder Mann benimmt sich gut oder bezahlt was vereinbart war. Die Frau ist dann der Situation ausgeliefert. Leider gelingt es mir bei meinen Recherchen nicht, mit einem "Freund" aus Kairo ins Gespräch zu kommen. In den Facebook-Kommentaren finde ich jedoch Eduardo aus New York und schreibe ihn an. Er hatte sich quasi beschwert, dass auf "Rent a Friend" niemand sein Freund sein wollte. Ich schreibe ihn über sein Facebook-Profil an und bitte ihn um Auskunft und seine Erfahrung. Anfangs erzählt er bereitwillig, dass er einsam sei und nach Freunden suche. Aber niemand wolle sein Freund sein. Er erkläre sich das damit, dass er recht radikale Ansichten habe. Er fände die Polizei in Amerika toll und hasse die Initiative "Black life matters". Außerdem würde er nicht arbeiten und sein ganzes Leben spiele sich online ab. Bereits zu diesem Zeitpunkt wundert mich nichts mehr. Als ich ihm tags darauf nicht umgehend im Messenger antworte, wünscht er mir - ich zitiere - meine Muschi möge verrotten. Ich blockiere ihn und möchte ihn noch nicht mal zum Freund haben, wenn er mir 10 Dollar pro Stunde zahlen würde. Das soziale Leben in Ägypten spielt sich großteils in Familien ab. Das, was hier unter "Freund" verstanden wird, verstehen wir in Deutschland unter Bekanntschaften. Vertrauensvolle Freundschaften, die jahrelang gewachsen sind, sind zu Ausländern selten. Oft liegt es daran, dass die Zeit in Kairo für uns Ausländer begrenzt ist, oft sind kulturelle Unterschiede zu groß. Singlehaushalte wie in München, Hamburg oder Berlin gehören in Kairo nicht zur typischen ägyptischen Gesellschaft. Vertraute Freundschaften als Familienersatz sind unüblich. Aber nette Bekanntschaften kann man in Kairo in jedem Café, im Chor, beim Sport und mit Musik und auf Konzerten machen. Oft einfach aus Interesse und ohne irgendwelche Absichten, oft kurzfristig. Wer neu nach Kairo kommt, hat oft Kollegen oder findet in der Expat-Group-for-Women auf Facebook erste Kontakte. Einen Freund lade ich gerne zum Kaffee oder Glas Wein ein. Aber einen Freund zu mieten halte ich, zumindest für Kairo, für die schlechteste aller erdenklichen Alternativen. Und ich konnte bei meinen Recherchen nichts entdecken, was mich vom Gegenteil überzeugen konnte.

Geld ausgeben schwer gemacht

Kurz vor Schulbeginn wurde bekannt, dass ausländische Schulen in Ägypten Corona bedingt am 1. September starten dürfen und das ausschließlich als Unterricht in besonderer Form, also online. Mein treuer Laptop ist inzwischen über 11 Jahre alt, der Akku funktioniert nicht mehr, Bluetooth kennt er nicht und von Leichtigkeit keine Spur. Ich liebäugle schon lange mit einem Apfellaptop, doch aus zwei Gründen konnte ich mich bislang nicht dafür entscheiden. Zum einen sind Apfelprodukte wirklich richtig teuer, zum anderen bekomme ich in Kairo keine Geräte mit deutscher Tastatur. Die Tastatur ist englisch, das Y und das Z sind nach deutscher Betrachtung vertauscht. Zudem sind Sonderzeichen wie [, ], <, > u.a. an anderer Position, die ich jedoch für die html-Programmierung in Wordpress benötige und somit eine neue Schreibroutine notwendig wird. An eine unterschiedliche Tastenbelegung kann man sich im Laufe der Zeit gewöhnen, Sorgen aber machten mir die Umlaute. Ich schreibe fast ausschließlich auf Deutsch und englische Tastaturen kennen kein ä, ö, ü. Apple wäre aber nicht Apple, wenn es dafür keine Lösung gäbe. Ganz daran gewöhnt habe ich mich noch nicht, aber wie zu erkennen ist, funktioniert es. Man drückt auf dem Buchstaben, mit dem ein Umlaut gewünscht ist, die Taste etwas länger, und schon erscheint eine Auswahl mit französischen Akzenten und Umlauten. Dass ich heute meine Kolumne auf einem Apple-Laptop schreiben kann, daran wagte ich am Montagnachmittag dann irgendwann nicht mehr zu glauben. Am späten Nachmittag entschied ich mich, in Downtown nach einem neuen Tragecomputer Ausschau zu halten. Ich suchte Online nach entsprechenden offiziellen Apple-Shops. Das ist in Downtown ein bisschen gemein, denn es gibt auch eine Fashion-Marke namens Apple. Der erste Apple-Store war ein typischer Telefonladen, der wohl auch Ladekabel und ähnliches Zubehör für iPhones im Angebot hatte. Keine Spur von Computern. Computer in Downtown und alles an Zubehör kauft man jedoch sowieso im Bustan-Shopping-Center. Dass es dort keinen reinen Apple-Store gibt, hatte ich schon längst herausgefunden. Dennoch meinte ich mich zu erinnern, in all dem Gewusel von Shop an Shop mit fast ausschließlich männlicher Kundschaft einen Laden mit MacBooks im Schaufenster gesehen zu haben. Zielsicher steuerte ich darauf zu. Keine Kontrolle, ich die Einzige mit Maske. Im unteren Geschoss tatsächlich MacBooks im Schaufenster. Trau ich mich oder trau ich mich nicht? Ich traute mich. Ein kleines mit Technik vollgestopftes Büdchen, laut diskutierende Männer die alle unterschiedliche Ersatzteile und Kabel über einen Mini-Tresen reichten. Mein Anblick war aufgrund meiner Maske und meiner Weiblichkeit ungewöhnlich, so dass die Diskussionen verstummten und man mir bereitwillig den Laden überließ. Ein junger Mann blickte mich freundlich an, und ich machte ihm mit meinem Strassenarabisch klar, dass ich mich für ein MacBook interessiere. Bereitwillig öffnete er verschiedene Laptops und zeigte mir jeweils die Systemdaten. Ein bisschen kenne ich mich aus und fragte nach verschiedenen Prozessortypen, RAM-Größen und Modellen. Das schien ihn beeindruckt zu haben, denn er war sehr geduldig und zeigte mir Modell für Modell. Mein Herz hüpfte, als ich erfuhr, dass die meisten Modelle generalüberholt sind und ein halbes Jahr Garantie haben. Somit verringerte sich für mich das Risiko eines Fehlkaufs in einem Downtownbüdchen mit einem teuren MacBook, das eventuell sogar ein Fake sein könnte. Ich war beruhigt und entschied mich für ein MacBook Air von 2017. Nachdem ich vorrangig online arbeite und nicht mit Grafik, sollte die Leistung locker ausreichen, bekam ich erklärt. Ich dachte, der spannendste Teil des Tages wäre geschafft. Ich ahnte nicht, dass mein Abenteuer jetzt erst beginnen sollte. Ich fragte höflich, ob ich mit Kreditkarte bezahlen könne. Meine ägyptische Bank hatte um die Zeit schon zu. Täglich kann ich mit meiner ägyptischen Debitkarte 7.000 Pfund, ca. 365 Euro am Geldautomaten abheben und nochmal für die gleiche Summe mit der Karte im Geschäft bezahlen. Das Limit meiner deutschen Kreditkarte ist wesentlich höher. Und damit fing der kreative Teil des Tages an. Mein freundlicher Verkäufer musste zunächst den Ladeninhaber anrufen, ob es in Ordnung sei, wenn ich nicht in bar bezahle, sondern mit Karte. Bargeld ist in Ägypten das Hauptzahlungsmittel. Miete, Strom, Gas, Lebensmittel, alles gegen Bargeld. Die sogenannten Kreditkarten sind häufig Debitkarten, also nicht gegen Kreditlinie sondern gegen Guthaben. Für eine Kreditkarte bot mir meine Bank an, diese gegen ein Deposit auszugeben. Online-Zahlungen mit Debitkarten oder Kreditkarten funktionieren meistens nicht, mit ausländischen Kreditkarten schon gar nicht. MyFawry, ein Online-Zahlungsportal für Strom, Telefonrechnungen und Konzertkarten, hat mir gleich mein ganzes Account gesperrt, weil sie sich eines Tages - natürlich ohne Information an die Kunden - entschieden, keine ausländischen Kreditkarten mehr zu akzeptieren. Von Diskussionen mit sogenannten Supportcentern kann ich jedem nur abraten. Für Online-Zahlungen gibt es sogenannte Surfer-Cards. Das sind Karten mit einer Art Kreditkartenfunktion, jedoch nur für die Zahlung online. Die Karte muss zuvor durch die Bank-Hotline aufgeladen werden. Verständlich, dass diese Karte nur selten zum Einsatz kommt. Dabei ist das E-Commerce-Potential in Ägypten nicht zu vernachlässigen. Gut 35% der 100 Millionen Ägypter hat Internetzugang, Kosten pro Monat im Durchschnitt 12 Dollar, 61% beteiligen sich am Mobilfunk, der Technologiestandard liegt hier bei 3G und 4G. Online-Zahlungen werden durch Banken kaum oder kompliziert angeboten, so dass über 90% des E-Commerce bar bei Lieferung bezahlt wird. Hier wird meines Erachtens ein riesiges Umsatzpotential verspielt. Statistiken geben an, der ägyptische E-Commerce-Markt hätte ein Potential von 5,4 Milliarden Dollar, pro Kopf würden derzeit knapp 500 Dollar pro Jahr im E-Commerce ausgegeben. Das sind ungefähr 10% eines durchschnittlichen ägyptischen Jahresgehaltes. Für Konzertkarten und andere Online-Bestellungen gibt es auch MyFawry. Man bucht eine Konzertkarte, erhält eine sogenannte Fawry-Nummer, muss dann zu einem Kiosk gehen der Fawry-Service anbietet und bezahlt das Ticket dann in bar am Kiosk, die Bestätigung kommt per SMS und E-Mail. Von hinten durch die Brust ins Auge würden wir auf Deutsch dazu sagen. Der Shopinhaber war jedenfalls einverstanden, dass ich meine knapp 700 Euro, 13.000 Pfund, per Karte bezahle. Mit deutscher Karte, weil die ägyptische ja limitiert ist. Es zeigte sich sodann nicht nur die ägyptische Hilfsbereitschaft, sondern auch Kreativität. Der Shop selbst hatte gar kein Kartenzahlgerät, daher verschwand mein freundlicher Berater und nach einigen Minuten kam er zurück und meinte "come". Ich folgte verdutzt in einen anderen Shop um zwei Ecken und bekam erklärt, bezahlen müsse ich hier. Allerdings gaben wir nach fünf Versuchen auf. Karte zurückgewiesen da ausländisch. Mit Händen und Füßen erklärte ich, dass ich zwar noch eine ägyptische Karte hätte, die jedoch auf 7.000 Pfund begrenzt sei. Da musste ich auch nicht viel erklären, das kannten sie schon und nickten. Wir entwickelten die Idee, 7.000 Pfund am Geldautomat auf einem Flur in der Shopping-Mall abzuheben und den Restbetrag dann per ägyptischer Karte zu begleichen. Mein freundlicher Berater ging mit mir zum Geldautomat - kein Service. Etwas hilflos seufzte er und wir sprachen noch mit zwei weiteren Shopinhabern und traten einen weiteren Kartenzahlversuch in einem weiteren Laptopladen an. Erstaunlicherweise war niemand genervt oder verwundert. Wenn Dinge schwierig sind, muss man sich eben gegenseitig helfen, und darin sind Ägypter großartig. So hatten wir jede Menge Spass und ich weiss nicht, wie oft ich mir anhören durfte, wie schön Deutschland und wie toll die Autos seien. Bezahlen konnte ich nirgendwo. Ich sah mich schon am nächsten Tag vor Schulbeginn zur Bank hetzen, Geld abheben an der Kasse und wieder zum Laden laufen. Aber nicht mit freundlichen Ägyptern Downtown. Wir verließen das Einkaufszentrum und gingen von Geldautomat zu Geldautomat. Geduldig warteten wir in Schlangen und sagten bei jedem "Out of Service" - Hinweis "ma3lesh". Es dauerte eine Stunde, bis ich an vier verschiedenen Automaten mit zwei verschiedenen Karten den Betrag in bar in den Händen hielt. Noch bevor ich das erste Wort auf dem MacBook schrieb, hatte es schon eine ägyptische Geschichte und ich hoffe, noch viele gute Geschichten mit ihm schreiben zu dürfen. Das hier war die erste.

© 2020 Monika Bremer