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In Erinnerung an Roman Bunka

In Erinnerung an Roman Bunka

Den Kontakt zu Roman Bunka bekam ich über den Münchner Schlagzeuger Harald Rüschenbaum, als ich anfing, regelmäßig nach Kairo zu fliegen und mit einem Bein schon in Kairo und mit dem anderen Bein noch in München stand. Das erste Mal traf ich Roman bei einem Spanier (Restaurant) in Haidhausen in München, gemeinsam mit Janek Romero, dem Regisseur von "City of Sounds". Das war 2012. Wie in Romans ganzem Leben geht es auch in dem Film um Musik, unter anderem über Musiker in Kairo. Wir sprachen über einen eventuellen Metal Battle für Wacken und über die Musikszene in Kairo. Mohamed Mounir kannte ich dato nur vom Namen, Fathy Salama gar nicht, und überhaupt wusste ich von Kairo nur sehr wenig. Das sollte sich aber schnell ändern. Roman war bekannt als deutscher Oud-Spieler mit zahlreichen Bands seit den 70er Jahren, einer der Pioniere der sogenannten Weltmusik. In Ägypten kannte ihn jeder als Oud-Spieler von Mohamed Mounir. Er trat jedoch auch mit Fathy Salama und anderen Musikern in Kairo auf. So beispielsweise im Frühjahr 2015, Roman Bunka und Friends: Das Konzert ist mir deshalb so gut in Erinnerung geblieben, weil wir, meine damalige Mitbewohnerin und ich, morgens mit genau diesen Musikern gemeinsam beim Frühstück auf Zamalek waren. Mein erstes Treffen mit Roman in Kairo fand jedoch bereits im Frühjahr 2013 statt. Das war damals eine für mich sehr merkwürdige Zeit. Ich konnte mit Garden City, wo ich damals wohnte, nicht so viel anfangen, und alles war irgendwie im Umbruch, bevor ich dann im Herbst als Musiklehrerin an der Deutschen Schule Beverly Hills begann. Roman traf sich mit mir in Garden City, weil Mounir damals dort auch noch sein Apartment hatte. Wir saßen in einem unscheinbaren Cafe und Roman erzählte etwas wehmütig von Kairo aus den 80er Jahren. Von Shisha-Bars, in denen es mehr zu rauchen gab als Apfeltabak, und von einer freien Musik- und Kulturszene. Im Laufe der Zeit lernte ich auch Romans Musikerfreund Fathy Salama kennen, Ägyptens einziger Grammy-Preisträger. Mit Fathy organisierte ich 2016 unter anderem einen Workshop beim Regionalwettbewerb Jugend Musiziert an der DEO in Kairo. Die Finalisten des Regionalwettbewerbs hatten die Möglichkeit, mit Fathy einen gemeinsamen Song einzustudieren, unabhängig vom Alter oder den jeweiligen Instrumenten der Musikerïnnen. Und Fathy nahm als Basis für den Song eine Melodie von Roman Bunka. Die Aufführung im Preisträgerkonzert abends war eine der musikalisch besten Darbietungen, die jemals in der DEO aufgeführt wurden. So begegneten mir Roman oder seine Musik sporadisch hier und da, man kannte sich. Er war aber immer Bestandteil eines jeden Gesprächs, wenn es um Musik in Kairo ging, beispielsweise auf dem Jazzfest. Roman Bunka verstarb gestern, am 12. Juni 2022 mit 71 Jahren an Leberkrebs. Online ist überall zu lesen, dass es kein Wunder sei, dass Ahram Online als erstes Medium über Romans Tod berichtete, denn er sei so sehr mit Ägypten verbunden gewesen. Roman ist ein großer Verlust für die Musikszene, nicht nur in Ägypten. Mir wird sein Gespräch mit ihm in Garden City immer in dankbarer Erinnerung bleiben. R.I.P.

Alle Tage wieder

Alle Tage wieder

Menstruationstage, Tampons und Mythen - nicht nur in Ägypten - und ein Interview mit Nour Hamdouni von Shemsi Als sich weiblicher Besuch aus Deutschland ankündigt und wir die Packliste besprechen, gebe ich den Tipp, Tampons mitzunehmen, weil man die in Ägypten nicht bekäme. So ganz stimmt das zwar nicht. In Apotheken in Touristengegenden, in großen Mall-Supermärkten und vor allem online sind durchaus auch in Ägypten Tampons zu finden. Nur üblich wie in Deutschland ist es hier nicht. Auf die Frage meiner Freundin nach dem „warum“ bin ich zunächst ratlos und gebe das weiter, was „man so hört“ - wegen der Jungfräulichkeit. Dass das kein Grund dafür sein kann, dass Tampons im Allgemeinen nur selten in Ägypten verwendet werden, wird im Gespräch klar. Verheiratete Frauen und Mütter müssen schließlich darauf keine Rücksicht nehmen. Ich mache mich auf die Suche nach Hintergründen, spreche mit verschiedenen Frauen im Alter zwischen 16 und über 70 verschiedener Nationalitäten.(1) Schnell wird deutlich, dass fast durchgehend alle westlichen Frauen ihre Tampons aus Deutschland oder Europa mitbringen. Bei den Gründen, die mir in Ägypten gegen Tampons genannt werden, wird schnell klar, dass es sich vor allem um Halbwissen handelt, das zu abenteuerlichen Antworten führt. Natürlich wird die Jungfräulichkeit für junge Frauen und Mädchen immer als erstes angeführt. Aber ich höre auch, dass man von Tampons Krebs im Unterleib bekäme, dass die Tampons sowieso nicht dicht seien und ägyptische Frauen diese gar nicht mehr wollen, weil sie es als unangenehm empfänden. Erfunden wurde der Tampon Ende der 30er-Jahr im letzten Jahrhundert in den USA In Deutschland wurden die ersten Tampons im März 1950 verkauft, ist in unterschiedlichen Quellen zu lesen. Seit der Verwendung eines Tampons erhielten die Frauen vor allem mehr Bewegungsfreiheit bei der Arbeit und beim Sport. Dennoch halten sich verschiedene Gerüchte um den Tampon nicht nur in Ägypten hartnäckig. In einem Artikel vom Bayerischen Rundfunk aus dem Jahr 2018 werden einige Tampon-Mythen erklärt. Öko-Test hat bereits im Jahr 2009 Tampons auf Schadstoffe untersucht und in etlichen Produkten unter anderem Dioxin festgestellt. In seinem letzten Bericht vom 21. April 2022 zum Thema Tampon gibt Öko-Test jedoch Entwarnung. Die meisten Hersteller hätten nachgebessert und die Tampons könnten mit „sehr gut“ bewertet werden. Der BR verweist zudem auf das BfR: "Es können Pestizidrückstände nicht ausgeschlossen werden. ... Das BfR ( ...) kam zu dem Ergebnis, dass die gemessenen Gehalte kein gesundheitliches Risiko darstellten." (Bundesinstitut für Risikobewertung, BfR ) Inzwischen sind auch Bio-Tampons erhältlich, die frei von Pestiziden und weiteren Giftstoffen sind. Krebserregend sind Tampons also nicht, und die Produkte haben sich in den letzten Jahren wesentlich verbessert. Öko-Test weist jedoch darauf hin, dass zum toxischen Schocksyndrom oft nicht ausreichend Aufklärung auf den Produkten vorhanden sei. Zum toxischen Schocksyndrom schreibt Öko-Test: „Das Bundesinstitut für Risikobewertung prüft regelmäßig, inwiefern Produkte gesundheitsschädlich sein könnten. Im Artikel des BR heißt es diesbezüglich:
Das toxische Schocksyndrom (TSS) ist ein seltenes, aber lebensbedrohliches Organ- und Kreislaufversagen, das durch bestimmte Keime hervorgerufen werden kann und das Mediziner mit der Verwendung von Tampons und Menstruationstassen in Zusammenhang bringen.“ Bleibt noch das große Geheimnis um die Jungfräulichkeit in Verbindung mit einem Tampon. Auf medizinischen Seiten, aber auch in zahlreichen Frauenzeitschriften, ist zu lesen, dass das sogenannte Jungfernhäutchen „Hymen“ heißt und es sich dabei nicht um eine dünne Haut im Inneren der Vagina handelt. Vielmehr ist das Hymen eine Korona, ein Kranz, aus einer Schleimhautfalte. Das Hymen ist elastisch, so dass es sich entsprechend ausdehnen und wieder zusammenziehen kann. Abgesehen davon, dass das Hymen bei der Verwendung eines Tampons in der Regel nicht verletzt wird, gibt es auch nicht zwingend Aufschluss darüber, ob eine Frau bereits Sex hatte oder nicht. Das Hymen ist so elastisch, dass es sich beim Sex ausdehnen kann. Wird es verletzt, kann es bluten. Blutet es beim Geschlechtsverkehr nicht, ist das aber im Umkehrschluss kein Hinweis darauf, dass die Frau keine sogenannte Jungfrau mehr ist, sondern dass beim Sex das Hymen nicht verletzt wurde.
Um das Hymen nicht länger in Verbindung mit Jungfräulichkeit zu bringen, haben die Schweden das Hymen kurzerhand umbenannt. So lesen Sie auf GoFeminin: „Und so hat die "Schwedische Vereinigung für aufgeklärte Sexualerziehung" (RFSU) den ideologiebeladenen Begriff des "Jungfernhäutchens", der eben das Wort "Jungfer" beinhaltet, durch den Begriff "vaginale Korona" ersetzt.“ Terres des Femmes gibt, ebenfalls auf GoFeminin, eine Erklärung dafür, warum es nicht alle Länder den Schweden gleichtun: „Der Mythos vom Jungfernhäutchen wird immer wieder dazu genutzt, Frauen in ihrer Lebensführung zu begrenzen und ihnen ihre sexuelle Selbstbestimmung zu verweigern. In streng traditionell patriarchal denkenden Familien wird die Ehre der Familie mit der Jungfräulichkeit ihrer Töchter in Zusammenhang gebracht. Dass die Jungfräulichkeit anhand des Jungfernhäutchens medizinisch fast nicht nachweisbar ist, wissen wenige.“ Junge Männer, vor allem völlig unerfahrene Männer, können beim Sex auch nicht spüren, ob die Frau noch Jungfrau ist, oder nicht. Ein Jungfernhäutchen, das es zu „durchstechen“ gäbe in der Hochzeitsnacht, existiert in der Form nicht. Somit sprechen für die Verwendung von Tampons wesentlich mehr Gründe, als die Mythen dagegen.

Spreche ich Frauen in Ägypten auf Monatshygiene und Tampons an, dann sind selbst Frauen über 50 etwas verschämt bei den Antworten und kichern unsicher. Mit deutschen Frauen ist das Gespräch wesentlich einfacher, und auch in den Medien wird offen damit umgegangen. Weil Google ja immer genau weiß, wonach ich gerade recherchiere, stoße ich auf zwei Artikel der Zeitung WELT. Am 9. Mai berichten sie darüber, dass die Universität Bonn kostenlose Tampons anbieten wolle, um die Frauen finanziell zu entlasten und den Gang zur Universität auch während der Menstruationstage zu erleichtern. Am 12. Mai schreiben sie über Spanien, das einen dreitägigen Menstruationsurlaub einführen möchte. Da ist es im Vergleich dazu sehr befremdlich für mich zu hören, dass sich in Ägypten nicht alle Frauen Monatshygiene leisten können Eine Damenbinde kostet etwa 2 Pfund pro Stück, 10 Tampons online gut 100,— ägyptische Pfund. Auf meine Frage, was die Frauen dann täten, ist häufig Schulterzucken die Antwort. Es gibt Wäsche mit Fächern, die mit Watte gefüllt werden können. Häufig aber wird auch gar nichts verwendet, und die Frauen sind für einige Tage in ihren Aktivitäten extrem eingeschränkt. Wer sich zum Thema Monatshygiene in Ägypten und im Mittleren Osten besonders gut auskennt, ist Nour Hamdouni von der Firma Shemsi. Shemsi stellt sogenannte Periodenunterwäsche her, die während der Monatsblutung ohne weitere Einlagen getragen werden kann. Ich freue mich sehr, dass Nour sich bereit erklärte, meine Fragen zu beantworten. Hier ist das Interview mit Nour Hamdouni: Wie war das in Ägypten, bevor es die heutigen Hygienestandards gab, zu denen neben Tampons und Binden auch sogenannte Menstruationstassen gehören? Nour: Bereits die pharaonischen Zivilisationen kannten mit als erste in der Welt Hygieneartikel für Frauen. Die Königinnen verwendeten bereits Tampons und Pads, allerdings zunächst aus Papyrus, das im Laufe der Zeit von Baumwolle abgelöst wurde. Warum tragen auch verheiratete Frauen in Ägypten keine Tampons, vor allem bei der Arbeit und beim Sport? Nour: In Ägypten gibt es verschiedene Barrieren für Frauen, um Tampons zu tragen: Tampons schützen nicht zu 100 % und passen von der Form her nicht optimal, so dass sie immer noch auslaufen können Hinsichtlich des Hymens sollten junge Frauen keinerlei Dinge vor ihrer Hochzeit in ihre Vagina einführen. Es könnte ein Zeichen dafür sein, dass das Mädchen keine Jungfrau mehr sei Ein hygienischer Aspekt: Tampons enthalten Chemikalien genauso wie Pads, und im Inneren des Körpers könne es zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen kommen Es ist nicht komfortabel, einem Fremdkörper im Körper zu tragen, Frauen fühlen sich dabei unwohl Dennoch gibt es Frauen in Ägypten, die regelmäßig Tampons tragen. (Anmerkung: Nach meinen Recherchen muss ich etwas über ihre Antworten schmunzeln) Was sind die Alternativen zu Tampons für ägyptische Frauen? Nour: 90 % aller Frauen nutzen Damenbinden, einige wenige auch Menstruationstassen, und nun gibt es auch in Ägypten die Möglichkeit, Periodenunterwäsche zu tragen. Wie kam es zu der Idee von Shemsi, Periodenunterwäsche für Ägypten herzustellen? Nour: Die Idee wurde vor gut einem Jahr in Marokko, Casablanca geboren. Der Leidensdruck vieler Frauen war so groß, dass wir etwas Neues, Wirtschaftliches und Ökologisches schaffen wollten, ein revolutionäres Produkt für den Alltag von Frauen. Das Material ist ägyptische Baumwolle, und gemeinsam mit unseren besten Kunden dauerte die Entwicklung ein Jahr, um das beste Produkt und die beste Verpackung herzustellen. Wie wird die Periodenunterwäsche von den Frauen angenommen? Nour: Der Erfolg ist sehr groß, wir sind bereits ausverkauft (Anmerkung: Seit Februar 2022) und die ägyptischen Frauen haben das Produkt gut angenommen. Shemsi ist ein 100%ig arabisches Produkt mit Produktionsort in Ägypten. Der Produktionsstandort Ägypten ist sehr wichtig, ebenso wie die Produktqualität, die wir den Kunden anbieten.
Die Periodenunterwäsche wird im Mittleren Osten inklusive Marokko verkauft. Allerdings kann es sein, dass es zukünftig Konkurrenz von ausländischen Marken gibt. Ist die Periodenunterwäsche wirklich eine praktikable Lösung? Ich stell mir das sehr unkomfortabel vor, zumal die Wäsche bis zu 12 Stunden getragen werden kann? Nour: Die Frauen haben das Produkt sehr schnell angenommen, und die Mund-zu- Mund-Propaganda hat sehr gut funktioniert. Feedback findet sich in den Sozialen Medien. Die Produktlinie wird stetig weiter entwickelt und das Sortiment erweitert. Es ist das Gegenteil von unkomfortabel, was soll man Angenehmeres tragen? Die Panties bestehen aus Bambus, Baumwolle und einer wasserdichten Schicht. Es gibt keine Chemikalien und somit auch keine gesundheitlichen Risiken. Zudem ist es einfach zu verwenden und kann wie eine Unterhose angezogen werden und ist zudem von außen nicht zu erkennen. Es ist praktisch für die Arbeit, für Sport, beim Shopping und für nachts. Produziert Ihr ausschließlich Euer Sortiment, oder kümmert Ihr Euch auch um sexuelle Aufklärung? Nour: Nein, wir klären auch auf und informieren die Frauen. Das ist ein große Tabu-Thema in arabischen Ländern. Die Informationen erfolgen vor allem über die Sozialen Medien. Unter gesellschaftlichen Aspekten versuchen wir, eine Community rund um das Thema Monatsblutung zu erschaffen, um Verständnis und Aufklärung zu verbreiten. In der arabischen Welt sollen Tabus rund um die Menstruation abgeschafft werden, ebenso wie die sogenannte „Period Poverty“, also fehlendes Geld für Hygieneartikel oder die fehlenden Hygieneartikel selbst. Der Markenname „Shemsi“ (übersetzt: Sonne, Licht) steht dafür, das Leben der Frauen zu erhellen. Wir sind sehr neugierig, was passieren wird, wenn wir Frauen zum Mittelpunkt von Gesprächen, von Absatzmärkten und öffentlichen Räumen machen.
Derzeit suchen wir NGOs, die Periodenunterwäsche spenden möchten. In Marokko haben wir das bereits zwei Mal gemacht und wir wollen im 21. Jahrhundert endlich die „Period Poverty“ beenden. In Deutschland sprechen wir seit den 70er-Jahren offen auch in den Medien über Themen wie Menstruation und sexuelle Aufklärung. Wie ist die derzeitige Situation, und wird zukünftig offener über das Thema gesprochen werden können? Nour: Als erstes ist zu erwähnen, dass eine Angst in der Gesellschaft besteht, dass jemand merken könnte, wenn die Frau ihre Monatsblutung hat. Die Frauen wünschen sich 100 % Diskretion in arabischen Ländern über ihre Periode, wesentlich mehr als in westlichen Ländern. Wir haben das Gefühl, dass die Frauen während ihrer Periode alles unterdrücken müssen - ihr Blut, ihre Schmerzen und ihre Kleidung - und so diskret wie möglich mit allem umgehen müssen. Hintergrund sind Tabus und Stigmata in Verbindung mit der Monatsblutung, die über Jahre gewachsen sind. Meiner Meinung nach würde in arabischen Ländern niemand öffentlich darüber sprechen, aber einen Informationsfluss gibt es dennoch.
Es gibt inzwischen sogar Männer, welche die Periodenunterwäsche für ihre Freundin oder Ehefrau gekauft haben. So vermute ich, dass es im Wesentlichen die Gesellschaft ist, die das Thema niemals öffentlich ansprechen würde. Im Verborgenen sind Fakten jedoch bekannt. Das Gute ist, dass es inzwischen in Ägypten und arabischen Ländern Seiten auf Sozialen Medien auf Arabisch gibt, die mit Fakten aufklären, Tabus brechen und nach und nach auch das Schweigen brechen. Wir sind mit ihnen bereits in Kontakt. Selbst einige Männer ermutigen zu einer offeneren Diskussion und ich denke, in 5 Jahren wird das Thema letztendlich gesellschaftsfähig sein. Es ist nichts Unreines und keine Krankheit, lediglich eine natürliche Sache, die allerdings ausschließlich Frauen passiert. Das Interview mit Nour hat mich sehr berührt und zeigt einmal mehr, dass wir aus westlicher Sicht Kairo oft nur als Kulisse erleben Wir wissen häufig nur wenig aus dem Alltag der Menschen um uns herum, und wenn man nicht wie ich das Glück hat, darüber recherchieren und schreiben zu dürfen, bleibt uns der Zugang dazu häufig verwehrt. Der Vergleich der Situation zwischen Deutschland und Ägypten hat gezeigt, dass die Mythen zum Thema Tampons in beiden Ländern ähnlich sind. Dass es gesellschaftliche Tabus geben könnte, war erwartungsgemäß. Über die „Period Poverty“ allerdings wusste ich nichts. Ägypten ist damit nicht alleine. 500 Millionen Frauen sind weltweit davon betroffen, berichtet „Medical News Today“, viele davon in Afrika. Eine Umfrage von UNICEF in Kenia habe ergeben, dass Frauen mangels Hygieneartikeln Federn, Zeitungen, alte Teppiche oder Lehm verwenden. Im Juli 2021 schreibt Ahram Online darüber, dass selbst ein Land wie der Libanon seit der Finanzkrise mit „Period Poverty“ zu kämpfen habe, die Preise für Damenbinden seien um 500 % gestiegen. „Period Poverty“ bedeutet konkret, dass die Frauen am öffentlichen Leben nicht teilnehmen können und ihnen zudem der Zugang zur Schule, Universität und zur Arbeit an diesen Tagen verwehrt bleibt. Da bleibt nur zu hoffen, dass uns dieses und Ähnliches angesichts der derzeit politischen Entwicklung in Europa erspart bleiben wird.
(1) Die Namen werden aus Rücksicht auf die Frauen an dieser Stelle nicht genannt. [Schriftliches Interview 12. Mai 2022, aus dem Englischen übersetzt von Monika Bremer]

Die Einsamkeit eines Königs

Die Einsamkeit eines Königs

Letztes Jahr im Oktober hatte ich im Rahmen des DCAFs (Downtown Contemporary Art Festivals) in Kairo die Gelegenheit, eine Probe von „Memories of a Lord“ zu besuchen und den französischen Tänzer und Choreographen Olivier Dubois zu sprechen. Olivier Dubois wurde 2011 vom "Dance Europe Magazin" unter die 25 weltbesten Tänzer gewählt. Mit modernem Tanz und radikalen Choreographien machte er sich einen Namen nicht nur in Frankreich. Ich bereitete mich gewissenhaft auf das Interview vor Vor Ort musste ich dann feststellen, dass ich sowohl von Olivier Dubois als auch von dem Stück, basierend auf der Beschreibung des DCAF, völlig andere Vorstellungen hatte und meine Interviewfragen ziemlich schnell hinfällig wurden. Unter einem französischen Balletttänzer stellte ich mir eine imposante, hochgewachsene, dunkelhaarige etwas majestätische Persönlichkeit vor. Mädchenträume. Stattdessen traf ich mit Olivier einen etwas untersetzten aber vor Kraft und Energie strotzenden Mann mit viel Humor und einer ganz klaren Vorstellung von dem, was er tut und warum. Obwohl wir während des Gesprächs viel lachten, kamen wir auf interessante Themen zu sprechen. Das Stück „Memories of a Lord“ hat Olivier im Jahr 2015 entwickelt und wurde von einem Solisten und in Kairo mit 35 männlichen Amateurtänzern realisiert. Olivier wohnt nicht nur regelmäßig in Paris und Rom, sondern seit 15 Jahren auch auf Zamalek in Kairo. Für das Casting hatten sich über 100 Tänzer gemeldet, von denen Olivier 35 auswählte, der jüngste war 19. Die Arbeit mit Amateuren war Olivier wichtig, weil die Tänzer alle eine Chance darin sähen und positive Energie und Willenskraft mitbrächten, die sich auch auf der Bühne ausdrückten. Die Probe begann mit Ausdauer- und Krafttraining, und erst während der Aufführung wurde klar, warum. „Memories of a Lord“ sei kein schönes, sondern ein finsteres Stück, betonte Olivier. Es ginge um einen Tyrannen, um Terror, um Barbarei und deren Bekämpfung. Und um die Einsamkeit eines Königs. In drei Akten. Mir fiel auf, dass nur Männer in dem Stück mitwirkten und alle mit freiem Oberkörper. Einige Szenen verlangten sehr viel körperliche Nähe und ich sprach Olivier darauf an. Er musste lachen. Ja, die Angst sei groß gewesen, dass man sich hätte ganz ausziehen müssen. Ich schaute ihn verwundert an und stellte fest, dass ich bei meinen Recherchen auf Oliviers Blockbuster, wie er seine „Tragédie" gerne nennt, in Ägypten ohne VPN gar nicht gestoßen war. Das Stück "Tragédie" wird von 18 nackten Tänzern umgesetzt und erscheint auf YouTube nur, wenn man dem Computer mit einem VPN vorgaukelt, man sei beispielsweise in Deutschland. Ich hatte zwar „Revolution“ aus dem Jahr 2009 gefunden und war von der Intensität beeindruckt, von „Tragédie“ erfuhr ich erst im Falaki-Theater bei den Proben. Ich fragte Olivier, was wir denn von „Memories of a Lord“ erwarten dürfen und an wen sich sein Stück denn richte. Olivier war fast entsetzt über meine Frage und schon waren wir bei dem Thema, das mich seit Oktober beschäftigt. „Für wen hat denn Picasso gemalt?“ fragte Olivier mich etwas entrüstet und betonte dann sehr deutlich, er mache Kunst. Auf die Frage, wie er denn Unterhaltung von Kunst unterscheide war die Antwort: „Gute Unterhaltung weckt Emotionen, Kunst wirft Fragen auf". Auch in einer eher starren Gesellschaft wie der in Ägypten sei die Erreichbarkeit von Kunst durchaus gegeben. Olivier erzählte beispielsweise von einem Flashmob vor einigen Jahren in Alexandria, bei dem sie über 1.000 Menschen erreicht hätten. Und "Memories of a Lord" wurde in einer Sondervorstellung extra für Family & Friends der beteiligten Tänzer gezeigt. Dass das aber mit der Kunst und dem daraus resultierenden Fragen stellen in Ägypten doch nicht unbedingt weit verbreitet ist, zeigen unter anderem die Zahlen des DCAFs aus 2021. Das DCAF ist stolz auf insgesamt 3.800 Besucher aus allen Veranstaltungen in knapp einem Monat. Von etwa 20 Millionen Einwohnern in Kairo. Zwar habe ich selbst keinen Fernsehanschluss, hatte aber unlängst in den sozialen Medien gelesen, dass im ägyptischen Fernsehen vor allem Filme und Sendungen gezeigt würden, welche die gewünschte Moral und das Leben als Familie in Ägypten abbilden. Wie viel Widerstand es gibt, wenn es anders kommt, wurde Ende Januar deutlich. Karim El Gohary griff in einem TAZ- Artikel einen sogenannten Skandal auf, der durch die arabische Neuverfilmung von „Perfect Strangers“ entstand. In einer Szene zieht eine Frau ihren Slip aus und verlässt ohne das Wäschestück das Haus. Zum Entsetzen konservativer Ägypter, die daraufhin sogar den Verbot von Netflix in Ägypten forderten. Und dennoch, wenn man genau hinsieht, findet sich gerade in Kairo eine Kunst- und Musikszene, die sich nicht nur als Entertainment versteht und Aspekte der Gesellschaft und des Lebens in Kairo kritisch betrachtet und hinterfragt. Warum aber ist das Fragen stellen und das Hinterfragen so wichtig? Antworten darauf gibt unter anderem die Dokumentation „Die Lotterie des Lebens“ von Raoul Martinez und Joshua van Praag. Sie beschäftigt sich mit dem Thema, wie man Freiheit leben kann, die letztendlich zu einer gerechteren Gesellschaft führt. Die Dokumentation geht von zwei Thesen aus. 1. Der Mensch kann nicht entscheiden, ob er geboren werden will oder nicht. 2. Der Mensch kann den Ort seiner Geburt und das Umfeld, in das er hineingeboren wird, nicht bestimmen. Beide Voraussetzungen führen dazu, dass kein Mensch in Freiheit geboren wird. Sondern vielmehr in ein Umfeld, das ihn mit Werten, Wissen und Ideologien ausstattet. Auch in der Bildung würde nur sehr selten der Mensch dazu befähigt, immer sein Bestes zu geben, sondern vielmehr dazu erzogen, ein funktionierender Teil einer bestimmten Gesellschaft zu sein. Dem Thema „Hinterfragen“ wird ein eigenes Kapitel gewidmet und George Orwell eingangs zitiert: „Das zu sehen, was direkt vor einem ist, ist ein ständiger Kampf“. Der Sprecher fährt fort: „Die oberflächliche Realität einer Gesellschaft kann trügerisch sein. Die Vertrautheit kann dazu führen, dass wir die repressiven Strukturen unserer Welt nicht sehen“. Gezeigt werden dabei Bilder von Banken, Werbung und Medien. „Je mehr uns diese Strukturen beeinflussen, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir ihre Werte und Erwartungen verinnerlichen. Unser Wissen und unsere Werte entstehen aus den Interaktionen zwischen dem kognitiven Design unseres Gehirns und unseren Erfahrungen. Da es keinen politisch neutralen Weg gibt, um Leute zu sozialisieren, tendieren die Versionen der Realität, die uns vorgesetzt werden dazu, die Ziele von denen zu verfolgen, die kontrollieren, was uns vorgesetzt wird<..> Denken zu beeinflussen bedeutet, die Gesellschaft zu formen.“ Ohne Fragen ist Fortschritt unmöglich George Monbiot, Journalist, Autor und Umweltschützer, erläutert, dass sich viele Menschen ihrer Ideologien und Werte gar nicht bewusst seien, weil sie diese als selbstverständlich und gegeben annehmen. Ohne jedoch sich selbst und seine eigenen Ideologien zu hinterfragen, sei auch das Überprüfen einer Gesellschaft nicht möglich. „Alles beginnt damit, dass man sich selbst hinterfragt“ schließt er ab. Philosoph Daniell Dennett gibt ganz offen zu, dass es beängstigend sei, seine eigenen Werte und Ideologien in Frage zu stellen und man unter Umständen herausfinden könne, dass man mit einer Lüge gelebt habe oder ausgetrickst wurde. Es sei natürlich einfacher, an dem festzuhalten, was uns bekannt und für uns sicher ist. Es wird im weiteren Verlauf der Dokumentation verdeutlicht, dass wir vor allem dann keine Fragen stellen, wenn wir glauben, dass wir die Antworten schon kennen. Aber Tony Benn, ehemaliger britischer Parlamentarier und Autor sagt nochmal ganz klar: „Ohne Fragen ist Fortschritt unmöglich“. Bevor sich die Dokumentation der Kreativität in diesem Zusammenhang widmet, heißt es abschließend zu dem Thema: „Die Gesellschaft gibt uns die Wege vor, die wir gehen sollen. Veränderung ist nur möglich, wenn diese Wege in Frage gestellt und Alternativen geschaffen werden“. Nicht ohne Grund ist der Kreativität der abschließende Teil der Dokumentation gewidmet. "Menschen wählen von dem aus, was sie sehen können und was zur Verfügung steht. Weil man daran gewöhnt ist, vergisst man, dass man das komplette System (bezogen wird sich hier auf den Kapitalismus) verändern könne", heißt es unter anderem. Kunst, wie sie beispielsweise von Olivier Dubois verstanden wird, kann also, wenn sie Fragen aufwirft, dazu beitragen, dass die Menschen über ihren gewohnten Tellerrand hinaus schauen. Das muss nicht unmittelbar zu großen gesellschaftlichen Veränderungen führen. Ein Anfang ist schon gemacht, wenn das Hinterfragen der eigenen Identität und der eigenen Werte zu mehr Toleranz und einem besseren Miteinander führt. Die Einsamkeit eines Königs drückt somit nicht immer zwingend den großen Kampf gegen Terror oder einer Bedrohung von außen aus. Manchmal ist es auch der Kampf mit sich selbst, Gewohntes nicht einfach hinzunehmen, sondern unter anderem seine Werte, sein Wissen und seine Ideologien in Frage zu stellen und nach Alternativen zu suchen. Foto, Video: Ausschnitt aus "Memories of a Lord" Okt. 2021, Falaki Theater Kairo

Forever Is Now - erstmalig bieten die Pyramiden eine Kulisse für moderne Kunst dieser Art

Forever Is Now - erstmalig bieten die Pyramiden eine Kulisse für moderne Kunst dieser Art

Seit ihrer Erbauung vor 4.500 Jahren bieten die Pyramiden in Giza erstmalig die Kulisse für moderne Kunst dieser Art und laden zum Dialog ein Am Donnerstag, den 21. Oktober 2021, eröffnete Art D’Egypt die Ausstellung „Forever Is Now“ auf dem Plateau der Giza-Pyramiden vor den Toren Kairos. Aus der Innenstadt von Kairo, Downtown vom Tahrir-Platz, sind es nur gut 30 Minuten mit dem Auto über die zum Teil neu ausgebaute Ring-Road bis nach Giza. Rund um die historischen Stätten wurde nicht nur das „Grand Egyptian Museum“ neu errichtet, sondern auch die Zufahrtswege. Noch schlängelt man sich an Baustellen vorbei an dem neuen Museum, das zwar imposant vor den Pyramiden ruht, aber in seinem Vorgarten immer noch Baufahrzeuge beherbergt und auf seine Eröffnung wartet. Noch sind auch einige U-Turns notwendig, um letztendlich am alteingesessenen Hotel Mena-Haus vorbei zum Eingang der Pyramiden zu gelangen. Um „Forever Is Now“ zu erreichen, fährt man auf dem Pyramidengelände an allen drei Pyramiden vorbei hinauf auf das Giza-Plateau. Während sich in Richtung Osten eine gewaltige historische Kulisse mit Blick auf alle Pyramiden auftut, rückt die Stadt vor allem im Westen erschreckend nah an das Plateau heran. Von der bisherigen Weite über das Land ist nur wenig geblieben. Diesen Ort hat sich Art D’Egypt ausgesucht, um unter der Schirmherrschaft des Ägyptischen Ministeriums für Antiquitäten und Tourismus, des Ägyptischen Außenministeriums sowie der UNESCO erstmalig seit Erbauung der Pyramiden vor 4.500 Jahren eine internationale Ausstellung für moderne Kunst verschiedener Künstler zu realisieren. Es ist die vierte Ausstellung der in 2016 von Nadine Abdel Ghaffaris ins Leben gerufene Art D’Egypt. Nadine Abdel Ghaffaris betonte bei der Eröffnung, dass die Pyramiden seit je her eine Inspiration für Künstler aus aller Welt waren und sie sehr dankbar sei, dass Art D’Egypt die einmalige Gelegenheit erhalten habe, eine Ausstellung vor dieser gewaltigen Kulisse zu realisieren. Ihr Team besteht aus sieben jungen ägyptischen Frauen. Art D’Egypt ist auch die Organisatorin der bis zum 27. Oktober 2021 laufenden Ausstellung CIAD, moderne Kunst in Downtown Kairo. Kurator Simon Watson aus New York wurde vor 18 Monaten von Nadine Abdel Ghaffaris angesprochen und eingeladen, das einmalige Kunstprojekt mit zu realisieren. Er gratulierte nicht nur Art D’Egypt zur der nicht immer ganz einfachen Umsetzung, sondern bedankte sich auch für die großartige und einmalige Gelegenheit, bei diesem Projekt dabei sein zu dürfen. Er war beeindruckt von der Vielzahl der Gäste zur Eröffnung und sieht die Ausstellung als Dialog zwischen der Vergangenheit und dem Heute. Die Ausstellung umfasst zehn Objekte von internationalen Künstlern (siehe Diashow): Alexander Ponomarev (Russland) | Ouroboros Gisela Colón (USA) | Eternity Now João Trevisan (Brasilien) | Body that Rises JR (Frankreich) | Greetings from Giza Lorenzo Quinn (Italien) | Together Moataz Nasr (Ägypten) | Barzakh Sherin Guirguis (Ägypten/USA) | Here Have I Returned Shuster + Moseley (England) | (Plan of the Path of Light) In the House of Hidden Places Stephen Cox RA (England) | Interior Space: Khafre HRH Prince Sultan Bin Fahad (Saudi Arabien) | RIII Im Gespräch mit einigen vor Ort anwenden Künstlern wird schnell deutlich, dass die Pyramiden nicht als Kulisse dienen, sondern jeweils im Dialog mit allen Kunstwerken stehen. Immer wieder wird auf die Menschen verwiesen, die vor 'zig tausend Jahren die Pyramiden errichtet haben. „Forever Is Now“ sei eine Möglichkeit, die Zeit für eine Weile anzuhalten. Stephen Cox RA kennt Ägypten schon seit vielen Jahren. Seine Skulptur besteht aus Granit, und er ließ sich von den Gräbern der Apis-Bullen aus Saqqara inspirieren. Lachen musste er, als er erzählte, dass das Toilettenhäuschen in der Nähe seiner Skulptur aufgebaut wurde und seinem Kunstwerk zumindest von der Form her ähnelt. Lorenzo Quinn ist zur Ausstellung das erste Mal in Ägypten. Er habe sein Kunstwerk mit viel Respekt für die Pyramiden und ihre Erbauer geschaffen. Heute, nach zwei schweren Jahren mit der Corona-Pandemie, träfen sich an diesem Ort die Menschen erneut, initiiert durch die Kunst und dadurch in einer sehr respektvollen Weise. Normalerweise verwende er für seine Kunstwerke Bronze, für die sich berührenden Hände, eine weiblich, eine männlich, habe er jedoch Drahtgeflecht benutzt. Die Produktion hat neun Monate gedauert und ein Team von 25 Leuten verknüpfte über 36.000 Verbindungspunkte zu dieser Skulptur. Die Skulptur sei, wie alle anderen Kunstwerke auch, bis zum 7. November (update 6.11.2021: verlängert bis 17.11.2021) in der Ausstellung zu sehen, danach verbliebe sie in unserer Erinnerung. Vielleicht aber findet sie nach der Ausstellung irgendwo einen neuen Platz. Um die Ausstellung zu sehen, muss man sich auf einen gut 5 km langen, quasi schattenlosen Weg machen. Ausgebaute Straßen auf dem Plateau ermöglichen eine Rundfahrt mit dem Auto, bei der man auch ohne auszusteigen an den Skulpturen entlang fahren kann. Alternativ wählt man die Fahrt mit einer Kutsche oder einen Ritt auf einem der prächtig geschmückten Kamele. Der Weg führt über das gesamte Plateau, lässt die 9- Pyramids-Lounge rechter Hand liegen, und während man bereits auf dem Rückweg vorbei an der Sphinx zum Ausgang ist, begegnet man noch der Skulptur von JR und der leuchtenden Sonne von Gisela Colón. Ein Aussteigen pro Exponat aber lohnt sich. Trittplatten führen die Besucher jeweils auf eine Holzplattform, die eine ideale Position für den Dialog zwischen den Pyramiden und dem Kunstwerk ermöglicht. Weitere Informationen gibt es pro Kunstwerk ganz modern per QR-Code über eine Informationstafel. Noch bis zum 17. November 2021 ist die Ausstellung „Forever Is Now“ an den Pyramiden zu sehen. Der Eintritt zu den Pyramiden kostet für Nicht-ÄgypterInnen 160 EGP, knapp 9 Euro. Die Ausstellung selbst ist dann frei. Fotos: (c) Kathrin Schwarz | Diashow: (c) mo4network update: 06.11.2021

Medien und Wissenschaft in turbulenten Zeiten

Medien und Wissenschaft in turbulenten Zeiten

Veranstaltung im Goethe-Institut Kairo am 18. und 19. September 2021 Ich halte ein gerade eine Anleitung in der Hand mit dem Titel „Handbuch für Wissenschaftsjournalismus“, das ich am letzten Wochenende auf einer Veranstaltung beim Goethe-Institut in Kairo erhielt. In diesem Manual findet sich Grundlagen für journalistisches Arbeiten. Welche Art von Artikeln es gibt, wie recherchiert und zitiert wird und ähnliches. Grundlagen, die ich zumindest in meiner Journalistenausbildung gelernt habe, was aber nicht selbstverständlich ist, wie ich am letzten Wochenende erfahren konnte. Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Media and Science in Turbulent Times“ - Medien und Wissenschaften in turbulenten Zeiten. Es war eine hybride Veranstaltung, also zum Teil online und zum Teil vor Ort im Goethe-Institut in Kairo. Ich hatte das Glück, an beiden Tagen je eine beziehungsweise zwei Veranstaltungen vor Ort besuchen zu können und so ein bisschen Normalität mit echten Menschen im Berufsleben zu erfahren. Die Momente, die ich aus den Veranstaltungen für mich mitgenommen habe, sind Inhalt der heutigen Kolumne. Am 18. September ging es für mich los mit dem Thema „Journalism, Media and Misinformation during the Covid-19 Pandemic“ - Journalismus, Medien und Misinformationen während der Corona-Pandemie Moderiert wurde diese Veranstaltung von Dr. Hanan Badr von der Freien Universität in Berlin. Als Referenten waren Prof. Dr. Ingrid Volkmer von der Universität Melbourne (Australien), Mona Yassin von der WHO (Ägypten), Dr. Nouha Belaid, Journalistin aus Tunesien und Zeinab Ghosn vom Roten Kreuz (Ägypten und Libanon) eingeladen. Die Veranstaltung lief so ab, dass jeder Referent seine Präsentation zu dem Thema vorstellte und anschließend sowohl online als auch schriftlich aus dem Saal Fragen an die Referenten gestellt werden konnten. Dr. Volkmer war online vertreten, die anderen Referenten auf dem Podium vor Ort in Kairo. Auf das Thema war ich sehr gespannt. Die Corona-Pandemie hat zwangsläufig auch den Journalismus verändert Nicht nur, dass häufig im Home-Office gearbeitet wurde, auch inhaltlich. Medizinische Themen sind eigentlich Themen, die vom Wissenschafts-Journalismus bislang bedient wurden. Mit Beginn der Corona-Pandemie musste sich jeder Journalist, sowohl Lokalredakteure als auch politische Korrespondenten als auch Verbraucherjournalisten und Kolumnisten mit dem Thema auseinandersetzen. Es wurde von einem Tag auf den anderen eine Fachkompetenz von allen Journalisten gefordert, die aber auf die Schnelle nicht machbar war. Umso wichtiger wurden die Quellen, auf die man sich bei der Recherche stützen konnte. Dennoch entstanden rund um das Thema Corona zahlreiche Misinformationen und zudem entstand Misstrauen gegenüber den Medien. Prof. Dr. Volkmer präsentierte Ergebnisse aus einer weltweiten Studie mit 24 beteiligten Ländern, die gemeinsam mit der WHO durchgeführt wurde. Dank Internet, Sozialer Medien, klassischer Medien und Content-Anbietern wie Bloggern leben wir in einer Zeit, in der uns Informationen aus zahlreichen Quellen zur Verfügung stehen. Informationen werden aber nur von vertrauenswürdigen Quellen akzeptiert. Interessant war zu hören, dass religiöse Führer, Informationen aus sozialen Medien, Informationen über Messenger-Diensten und - je nach Region - auch Informationen der Regierung als nicht vertrauenswürdig empfunden werden. Sehr wohl hingegen aber Informationen direkt von der WHO, Informationen aus Zeitungen und von wissenschaftlichen Seiten und Magazinen, wenn es um das Thema Corona geht. Misstrauen und Skepsis sind dennoch weiterhin weit verbreitet. Zum Thema Corona werden Informationen gelesen, wenn folgende Fragen mit ja beantwortet werden können ist es ein wissenschaftlich? betrifft es mich? ist es wichtig? ist es ein Artikel? sind Videos oder Bilder enthalten? gibt es eine Geschichte / Story dazu? Wenn festgestellt wird, dass sich eine Information als sogenannte Fake-News entpuppt, dann liegen die Reaktionen zwischen besorgt und interessiert. Irgendwie scheinen Fake-News ja doch interessant zu sein. Ich erinnere mich gerade, dass im Laufe der Konferenz ein Zitat genannt wurde: „Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht.“ - Mark Twain (1835 - 1910). Die Aussage ist klar - wenn man Aufmerksamkeit möchte, ist man damit mit einer Lüge schneller im Rampenlicht, als mit der Wahrheit, die unter Umständen auch erst sorgsam erforscht und recherchiert werden muss. Die Aktionen, die auf die Reaktion bei Fake-News folgen, teilen sich in den Sozialen Medien auf in ich melde die Fake-News als solche ich ignoriere sie ich kommentiere sie ich folge der Informationsquelle nicht länger Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass durch die Corona-Pandemie eine neue Herausforderung für den Journalismus entstanden ist und eventuell die Rolle des Wissenschafts-Journalismus neu überdacht werden muss. Mona Yassin von der WHO bestätigte, dass es zum Thema Corona eine exzessive Informationsflut gibt, selbst, wenn es sich bei allen Informationen um korrekte Informationen handeln würde Die ersten Informationen welche die WHO zur Corona-Pandemie herausgegeben hatte, waren Verhaltensregeln, die vor allem in Twitter, Instagram und Facebook verbreitet wurden neben den traditionellen Medien. Interessant war, dass Twitter als wichtiger erachtet wurde im Informationsranking als Facebook, obwohl Facebook wesentlich größer ist. Fake News aus Sicht der WHO entstanden vor allem zum Thema Symptome und rund um das Thema Impfung. Vor allem liegt das Risiko darin, dass Informationen nicht richtig verstanden werden und dann falsch verstanden in den Sozialen Medien weitergetragen werden. Mona Yassin hat hier drei Risikoebenen angeführt, wie gefährlich Misinformationen auch für die interne Sicherheit werden können. Wird beispielsweise herumerzählt, Corona wäre nicht schlimmer als eine Grippe, dann ist das weder richtig noch schön, für die innere Sicherheit aber wenig relevant. Wird aber fälschlicherweise erzählt, die Regierung wolle alle zwangsimpfen lassen, und wenn dann noch Diskussionen und Vermutungen entstehen, wie das denn wohl realisiert werden soll, dann ist diese Falschmeldung eine Nachricht mit einem besonders hohen Risiko. Zuverlässiger, verantwortlicher und unabhängiger Journalismus könne verhindern, dass es zu solchen riskanten Nachrichten käme, so schloss Mona Yassin ihre Ausführungen. Dr. Nouha Belaid gab einen Überblick, wie sich der Journalismus in Tunesien in den letzten Jahren entwickelt hatte, auch in Zeiten des sogenannten Arabischen Frühlings und von Corona. Eine Infektion mit Corona ist oft immer noch ein Stigma Einen Aspekt, den ich selbst bislang zum Thema Corona-Pandemie völlig vernachlässigt hatte, brachte Zeinab Ghosn in die Veranstaltung ein. Das Rote Kreuz hat unter anderem die Aufgabe, die Zivilpersonen in Krisensituation zu beschützen. Auch sie konnte feststellen, dass unter den Stichwörtern „Covid19“ und „Corona“ zahlreiche Misinformationen verbreitet wurden. Das Rote Kreuz habe dann eigene Kommunikationswege genutzt, um korrekte Daten publizieren zu können. Zum einen führte sie an, dass das Rote Kreuz viel Erfahrung auch mit Toten hätte, von denen man nicht kommuniziert hätte, dass sie an Corona verstorben seien. Eine Infektion gelte in vielen Teilen der Bevölkerung immer noch als Stigma und würde daher verschwiegen. Sie betont, dass, wie in Europa, immer wieder Dialoge notwendig seien, um aufzuklären. Allerdings gab sie auch zu bedenken, dass nicht alle Menschen Zugang zu Informationen und erst recht nicht zu Impfungen hätten - sie erwähnt Syrien, Irak und den Jemen. Aber nicht nur in der arabischen Welt, überall auf der Welt gäbe es Menschen, die bei dem Thema Abstandsregeln und Hände waschen nur bitter lachen und den Kopf schütteln können. Menschen weltweit in Camps, in Flüchtlingslagern, in Gefängnissen. Sie forderte Journalisten auf, nicht nur über das zu schreiben was sie sähen, sondern auch über Situationen zu berichten, die nicht für jeden allgegenwärtig wären. Da kann ich ihr nur recht geben Ich frage mich aber gleichzeitig, wie wir hier in dieser Region - und ich meine tatsächlich Region und nicht Land - an solche Informationen kommen sollen. Das Thema „Wie komme ich an Informationen“ beherrschte dann auch weitestgehend den zweiten Tag. Zuvor gab es aber als Abschluss dieser Veranstaltung noch die Fragerunde. Bei mir kam die Frage auf, wie man denn den Teil der Misinformationen handhaben wolle, die wir Journalisten nicht beeinflussen können. Das niedrige Bildungsniveau in Ägypten ist hinreichend bekannt und die Frage ist, wie viele Menschen lesen denn Zeitung oder schauen sich in Facebook die Information des Gesundheitsministeriums über Abstandsregeln an? Die Frage, die sich dahinter verbirgt, lautet ja auch, wie viele lesen denn wirklich in der Bevölkerung und wen erreiche ich wie? Fernsehen ist natürlich ein wichtiges Medium. Aber im Tagesgeschehen findet die Kommunikation hier Downtown in Kairo im Kiosk statt. Und ich stelle mir vor, dass es funktioniert wie die berühmte stille Post. Jemand kommt in den Kiosk und erzählt, was er von jemandem über das Impfen gehört hat dem Kioskbesitzer. Dieser erzählt es weiter an den nächsten, der in den Kiosk kommt und den er gut kennt. Möglicherweise hat der aber schon von anderer Seite wieder etwas anderes gehört. Dann wird heftig diskutiert zu dem Thema, von dem Beide eigentlich nichts oder nur wenig vom Hörensagen kennen, und dann wird es weiter und weiter erzählt und wird zu einer eigenen Wahrheit. Dagegen haben wir Journalisten, glaube ich, einfach keine Chance Am nächsten Tag stand das Thema „Wasser“ mit seinen Chancen und Herausforderungen für den Journalismus auf der Tagesordnung sowie "Wissenschaft und Inklusion". Für mich konnte der zweite Tag mit dem ersten in keinster Weise mithalten. Dabei hatte ich mir gerade zum Thema Wasser etliches versprochen, denn ich hatte im Rahmen meiner Journalistenausbildung zum Thema Wissenschaftsjournalismus mit der GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) am Thema Nil und Wassermanagement in Ägypten gearbeitet. Frau Dr. Tahani Sileet vom Ägyptischen Ministerium für Wasser Ressourcen und Bewässerung brachte spannende Zahlen zum Thema Wasser, Umwelt, Klima, Auswirkung auf die Wirtschaft sowie Verwendung und Wiederverwendung von Wasser in Ägypten mit. Das ist ein mehr als interessantes Thema für einen eigenen Artikel. Ägypten ist zum Beispiel das trockenste Land der Welt und zu 97 % in der Wasserversorgung vom Nil abhängig. Wasser wird in Ägypten drei Mal wiederverwertet. Nur 3,5 % des Landes sind kultiviert und über 60 % an Lebensmitteln müssen importiert werden. Es gibt, unter anderem auch durch die Überbevölkerung Ägyptens, mehr Nachfrage an Wasser, als derzeit vorhanden ist. Sie gab einen kurzen Überblick zum Thema Nil und die Herausforderungen durch die verschiedenen Staaten die am Nil partizipieren und gab Ausblick auf mögliche Projekte und Lösungen für die Zukunft. Eine Krise oder gar die Idee, einen eventuellen Konflikt zum Thema Wasser mit Waffen zu lösen, gäbe es nicht. Journalisten, so der Wunsch von Dr. Tahani, mögen positive Meldungen zum Thema Wasser in den Medien verbreiten, um mögliche Krisen dadurch abzuwenden. Ich habe mich in dem Moment gefragt, ob das denn wirklich die Aufgabe der Journalisten sei. Als Dr. Dawood im Anschluss anfing, Journalisten zu belehren, dass die Journalisten dies tun und jenes tun müssten, wurde ich fast ein bisschen sauer. Ich kenne die Aufgaben in meinem Beruf und muss mir nicht vorhalten lassen, dass es in exemplarischen Berichterstattungen von Journalisten Fehler in Zahlen gegeben hätte, die zu Misinformationen geführt hätten. Was nicht im Podium und in den Veranstaltungen diskutiert wurde, aber in den Gesprächen darum herum beim Kaffee oder Mittagessen immer wieder aufkam, waren nämlich zwei Fragen. Wie wird die Aufgabe des Journalismus zwischen Wissenschaft als Informationslieferant und Journalisten als Medien verstanden, und wie kann eine konstruktive Verbindung zwischen beiden erfolgen? In der westlichen Welt wird Journalismus als vierte Gewalt verstanden Das ist aber in anderen Teilen der Welt nicht so. Oft wird Journalismus als Marketingabteilung von Firmen und Regierung erwartet. Dass wir Journalisten eine Pressemeldung zwar als Impuls lesen, dann aber gerne noch mit weiteren Beteiligten sprechen möchten, andere Quellen hinzuziehen oder gar einen Kommentar dazu schreiben, ist oft nicht bekannt oder auch nicht gewollt. In vielen Ländern soll die Presse mit dazu beitragen, die Stabilität im Land durch entsprechende Nachrichten aufrecht zu halten und Unruhen zu vermeiden. Das ist aus Sicht dieser Länder sicherlich verständlich, und eventuell muss ich da als westliche Journalistin auch umdenken. Dennoch bleibt es schwierig, an Informationen zu kommen, das bestätigen mir immer wieder Kolleginnen und Kollegen. Oft werden vorhandene Nachrichten in den Medien auch einfach nur weiterverwertet. Egyptianstreets beispielsweise publiziert häufig Artikel mit dem Hinweis „abgeschrieben aus Ahram Online“. Abgeschrieben sagen sie nicht, aber es ist de facto so. Eine junge Kollegin auf der Veranstaltung erzählt mir beim Mittagessen, sie habe Dr. Tahani genau zu diesem Thema angesprochen, wie sie denn für das Nature Magazin, für das sie schreibe, an Informationen zum Thema Wasser in Ägypten kommen könne. Sie habe den Rat bekommen, sie solle doch die Presseabteilung anschreiben. Na, das sei ja mal eine ganz tolle Idee, darauf wäre sie ja selbst nie gekommen, hatte sie sich bei dieser Antwort gedacht. Geantwortet habe sie nur, dass ihr niemand geantwortet hätte, erzählt sie halb schmunzelnd. Die gleiche Erfahrung hatte ich auch im Rahmen meiner Recherche mit der GIZ. Ich saß in der Verwaltung des Wasser-Ministeriums einer Mitarbeiterin der GIZ gegenüber, stellte meine Fragen, die ich durchaus berechtigt und interessant fand, und bekam zu jeder zweiten Frage die Antwort, dazu würde sie nichts sagen. Die Veranstaltung im Goethe-Institut mit allen Referenten und dazugehörigen Gesprächen hat wieder einmal sehr deutlich gemacht, dass ich hier in Kairo in einer ganz anderen Welt lebe. Unter anderem mit einer Business-Kultur, in der man zwar um Mitternacht noch geschäftlich angerufen wird, E-Mails in der Regel aber nicht beantwortet werden und man Informationen und Kontakten ewig hinterherlaufen muss. An Tagen wie diesen stellt sich mir persönlich auch immer wieder die Frage, ob und wie lange ich mich den Herausforderungen hier noch stellen möchte. Oder ob ich mir einen neuen Lebensmittelpunkt suche oder gar in eine Redaktion nach Deutschland wechsle, oder ob ich hier leben bleibe und mich auf den risikolosen Verbraucherjournalismus konzentriere und in Kairo das schöne Wetter genieße. Und wie immer lautet die Antwort in Kairo „hanshouf“ - wir werden sehen.

ABBA - Oma und Opa singen wieder

ABBA - Oma und Opa singen wieder

Ein Kommentar zum Comeback der Popgruppe ABBA Nach Schneewittchen und Hanni & Nanni war "Souper Trouper" von ABBA meine erste Schallplatte. Sie wurde noch spät abends heimlich mit dem Plattenspieler ohne Lautsprecher nur mit der Nadel angehört, und die Songs von ABBA kannten selbst meine Eltern. 1982 war die Erfolgsgeschichte von ABBA erstmal vorbei. Ein GOLD-Album als Best-of-Edition und ein ABBA-Musical "Mamma-Mia" folgten als Wiederverwertung bestehender Songs. Neues schufen Benny Andersson und Björn Ulvaeus mit zwei Musicals, "Chess" und "Kristina fran Duvemala". Wer sich an Chess nicht erinnert, kennt möglicherweise aber den Song "One night in Bangkok", und die Kristina im gleichnamigen Musical wurde von Helen Sjöholm gesungen, die wir in Deutschland aus "Wie im Himmel" mit "Gabriellas Song" kennen. Auch im Schlagerbereich arbeiteten die ABBA-Männer mit Helen Sjöholm und Peter Jöbeck zusammen. Die Mitglieder von ABBA sind heute alle zwischen 71 und 76 Jahre alt. Und nach knapp 40 Jahren tauchen sie am Markt wieder mit einem neuen Album auf. Dabei hieß es jahrelang, dass ein Combeback von ABBA unbdenkbar sei. Alle Welt ist gespannt, und es werden Live-Streams weltweit zur Präsentation organisiert. Hier in Kairo haben wir davon nicht viel mitbekommen, aber in der Presse ist es überall präsent. Und mein schwedischer Promoter-Kollege postet in unserer Facebookgruppe mehr als stolz, dass sogar Nachrichten unterbrochen wurden, um den neuen Song von ABBA ja nicht zu verpassen. Während die Welt jubelt, bin ich enttäuscht Das neue Album heißt "Voyage" und die ersten Songs, die vorgestellt werden "I still have faith in you"sowie "Don't shut me down". Ich höre den Sound von ABBA, aber ich höre nicht ABBA heute. Ich höre ABBA von vor 40 Jahren. Ich war neugierig, wie ABBA heute klingen würden, denn 40 Jahre hinterlassen Spuren. Im Leben und in der Stimme. Und das hätte ich gerne gehört und gesehen. Stattdessen höre ich Studioaufnahmen, von denen jeder weiß, dass mit der heutigen Technik auch meine Stimme wie ABBA klingen könnte. In den Videos sind bis auf die letzte Minute ABBA aus den 70ern und 80ern zu sehen. Das kenne ich schon. Das habe ich schon mal gesehen und gehört. Dennoch hat "I still have faith in you" auf youtube mehr als 17 Millionen Klicks in wenigen Tagen. Die letzten Videominuten in "I still have faith in you" vermitteln, wie das angekündigte Konzert des Voyage-Albums aussehen könne. So, wie Golum in den Herr-der-Ringe-Filmen mit einer Digitalversion abgebildet wurde, soll auch das ABBA-Konzert realisiert werden. Die Bandmitglieder tragen Anzüge, und deren Bewegungen werden auf die eigenen, digitalen Abbilder übertragen. ABBA aus den 70er- und 80er-Jahren werden damit auf der Leinwand oder als Hologramm wieder lebendig. Ich bin fasziniert, was technisch alles möglich ist. Und vor dem Hintergrund der aktuellen Coronapandemie und zahlreicher ausfallender Konzerte besteht, neben der Faszination über die technischen Möglichkeiten, die Befürchtung, dass diese Digitalkonzerte einen Teil der zukünftigen Konzertwelt ausmachen könnten. In einem Livekonzert gehört immer aber auch die Interaktion zwischen Publikum und Musikern mit dazu, was in einem Hologramm-Konzert in der Form aber nicht möglich ist. Das Ende vom Video "Don't shut me down" zeigt endlich das, was ich sehen möchte. ABBA, wie sie heute im Studio arbeiten. Leider nur eine einzige Minute. Liebenswerte ältere Leute, aber immer noch unverkennbar ABBA. Ich kann mir vorstellen, dass für über 70-Jährige die Arbeit im Studio und vor allem ein stundenlanges Live-Konzert sehr anstrengend ist. Ein digitales Hologramm-Konzert ist technisch unglaublich beeindruckend und eine perfekte Marketing-Idee. Aus musikalischer Sicht kann ich aber darauf verzichten. Ich hätte ABBA lieber in Erinnerung behalten, wie ich ABBA aus meiner Jugendzeit kannte. Und wenn ABBA wirklich nochmal gemeinsam auf die Bühne kommt, dann aber so, wie sie heute sind. In Würde gealtert und mit einer Lebensgeschichte, die sich in ihren Stimmen und Liedern widerspiegelt. Vielleicht klingt ABBA dann wie ABBA, die alt geworden sind, aber dann wäre es wenigstens authentisch. Björn und Benny sind aus meiner Sicht hervorragende Musical-Komponisten. Eine Hologramm-Show hätte man sich für neue Musicals und Kompositionen aufheben können. "Du Maste Finnas" aus Kristina von Benny Andersson und Björn Ulvaeus - Konzertversion
Musik, die mich wesentlich mehr berührt, als die neuen ABBA-Videos

Amina ElFeky - 16 jährige ägyptische Schülerin qualifizierte sich kurzfristig für Olympia

Amina ElFeky - 16 jährige ägyptische Schülerin qualifizierte sich kurzfristig für Olympia

Auf Ägypten und Olympia wurde ich diesmal zugegebenermaßen erst aufmerksam, als die ägyptischen Handballer gegen Deutschland gewannen. Immer auf der Suche nach Themen, die Deutschland und Ägypten miteinander verbinden, hörte ich mich um, ob ich jemanden kenne, der jemanden kennt, der in Olympia für Ägypten teilnimmt. Mein Herz hüpfte vor Freude, als ich von einer ehemaligen Kollegin erfuhr, dass Amina ElFeky in diesem Jahr bei Olympia mit dabei sei. An Amina erinnere ich mich gut, denn sie ist eine meiner ehemaligen Schülerinnen im Musikunterricht an der DEO (Deutschen Evangelischen Oberschule) in Kairo. Meine erste Erinnerung an Amina geht zurück in das Jahr 2015, als sie in der fünften Klasse war. Es war mein erstes Jahr an der DEO, und Amina spielte im Weihnachtsmusical die Wirtin in Bethlehem. Ich war damals ganz begeistert, wie resolut sie mit dem den Wirt spielenden Omar, ihrem damaligen Klassenkameraden, auf der Bühne umsprang, als es darum ging, Maria und Josef wenigstens einen Platz im Stall anzubieten. Im Laufe der Jahre begegneten wir uns neben dem Musikunterricht immer wieder auf der Bühne bei Schulveranstaltungen und später auch bei Jugend Musiziert. Amina ist nicht nur Sportlerin, sondern spielt auch Klavier und qualifizierte sich im Jahr 2019 für den Landeswettbewerb Jugend Musiziert in Athen - Klavier vierhändig, gemeinsam mit ihrer Klassenkameradin und Freundin Sara. Etwas verdattert waren meine Kollegin und ich in Athen dann, als Amina kurz nach ihrem Auftritt Hals über Kopf abreiste, um an einer Schwimm-Qualifikation teilzunehmen. Mehr erfuhren wir damals so schnell nicht und ahnten nicht, dass Amina einmal bei Olympia teilnehmen sollte. Umso mehr freute ich mich, als Amina mir nach ihrer Rückkehr aus Tokio ein Interview zusagte, um aus ihrer persönlichen Sicht über die Olympischen Spiele zu erzählen. Die Corona-Pandemie war für Amina ein Glücksfall Ich verabrede mich mit Amina per Zoom und treffe auf eine strahlende junge Frau am Strand im wohlverdienten Urlaub an der Nordküste, denn noch sind in Ägypten Schulferien. Nach dem ersten „Hallo“ kommen wir ins Gespräch und ich erfahre, dass die Qualifikation, für die sie damals aus Athen abgereist war, für einen anderen Wettbewerb und nicht für Olympia war. Die Qualifikation für Olympia fand erst sehr spontan und kurzfristig statt, und wäre Tokyo 2020 nicht wegen der Corona-Pandemie auf 2021 verschoben worden, hätten die Spiele in Tokio ohne Amina stattfinden müssen. Amina erzählt, dass sich ein Mädchen aus dem bestehenden Team verletzt hätte und operiert werden musste, so dass fünf Monate vor Olympia ein Ersatz gesucht wurde. Drei Mädchen durften zur Qualifikation antreten, und Amina, mit ihren 16 Jahren als Jüngste, wurde für das Olympia-Team ausgewählt. Von da an begann eine intensive Vorbereitungszeit, die neben der Schule, die Corona bedingt online stattfand, auch täglich sechs Stunden Training bedeutete. Aminas Disziplin ist Wasserballett, das auch als Synchronschwimmen bezeichnet wird und in Tokio 2020 als „Artistic Swimming“ als Disziplin vertreten war. Dazu zählen Mannschaftswettbewerbe und Duo-Wettbewerbe, jeweils in Technik und in Kür. Zu einer Mannschaft gehören immer acht Personen, und Amina war als Neunte als Reserve qualifiziert und überall aktiv mit dabei. Sie erzählt, dass der Altersunterschied im Team enorm sei, mit 16 sei sie die Jüngste, und die Älteste im Team sei bereits 24. Aminas Herausforderung war nicht nur sportlicher Natur. Sie kam als die Neue in das Team, wurde aber freundlich aufgenommen und von allen unterstützt, berichtet sie. Das Training sei sehr abwechslungsreich gewesen, aber auch unglaublich stressig und für sie sehr schwer. Es hätte immer auch wieder Besuche von Profis aus dem Wasserballett gegeben, die mit dem Team trainiert hätten. Zum Training gehört nicht nur die Zeit im Wasser, sondern auch Fitness- und Krafttraining mehrmals pro Woche Im Internet finden sich zahlreiche Berichte und Videos, was in einem Synchronschwimmtraining im Wasser absolviert wird. Begonnen wird das Training häufig mit Schwimmen und Gleiten auf dem Wasser sowie Atemtechnik und Training senkrecht unter Wasser mit dem Kopf nach unten. Zahlreiche Standard-Figuren gehören ebenso dazu wie das möglichst hohe Herausschnellen aus dem Wasser. Erst danach geht es an technische und kreative Formationen. Wasserballett klingt irgendwie niedlich, erfordert aber eine Menge Disziplin, und die Regeln sind strikt. Niemand darf während des Wettbewerbs aufhören zu schwimmen und auch nicht den Boden berühren, was besonders bei Hebefiguren und Artistik eine Herausforderung ist und ausschließlich aus der Kraft der Körper heraus erfolgt. Die richtige Musik, Zeitmanagement, perfektes Outfit, wasserdichtes Make-up und ein Dauerlächeln über Wasser gehören neben den sportlichen Leistungen im Wasser ebenfalls mit dazu. Jedes Team tritt zwei Mal an, einmal in technischer Disziplin und einmal in der Kür. Nach fünf Monaten täglichen Trainings ging es dann nach Tokio. Amina erzählt weiter, dass die ESF, die "Egyptian Swimming Federation", alles organisiert und bezahlt hätte, von den Outfits und den Accessoires über Flug und Aufenthalt. Zur ESF gehören alle Wassersportarten - konkret sind das Schwimmen, Tauchen (gemeint ist Synchronspringen, bei dem man in das Wasser eintaucht), Wasser-Polo, Synchronschwimmen sowie Freiwasser- Schwimmen. Mit schriftlichem Einverständnis der Eltern und in Begleitung der Trainerinnen Nour Elafandi und Anastasiya Chepak ging es dann am 27. Juli endlich los. Ich frage Amina, wie es mit Corona in Tokio ging. Sie spricht davon, dass immer und überall, auch draußen, Maske getragen wurde und der Tag jeden Morgen mit einem Spucktest begann. Tatsächlich konnte das griechische Artistic-Swimming-Team am Wettbewerb nicht teilnehmen, weil eine Teilnehmerin positiv auf Corona getestet wurde. Für die Ägypterinnen ging gottlob alles gut. In Tokio war das Team, wie alle anderen Sportlerinnen und Sportler auch, im Olympischen Dorf unter gebracht. Für das tägliche Training mussten sie mit dem Bus fahren, alles andere aber fand innerhalb des Olympiadorfes statt, so zum Beispiel auch alle Mahlzeiten in der großen Dining-Hall. Dort waren die Tische an drei Seiten durch Scheiben voneinander getrennt, und überall gab es Spender mit Alkohol, also mit Desinfektionsmittel. Wir lachen beide. Der Alltag in Tokio startete vor allem für Aminas Teamkolleginnen etwas anstrengend. Viele von ihnen hatten mit dem Jetlag zu kämpfen und wachten nachts auf. Amina hatte das Problem nicht. Sie ging allmorgendlich zum Corona-Spucktest, dann zum Frühstück und anschließend mit dem Bus zum Training. Ich war etwas verwundert, als Amina mir berichtet, dass sie bei der Eröffnungsfeier gar nicht dabei gewesen wären Die Team-Wettbewerbe für Artistic-Swimming fanden am 6. und 7. August statt, so reiste man erst am 27. Juli an und hatte eine gute Woche Zeit für das Training vor Ort. Ich war ein bisschen enttäuscht, denn ich dachte, alle Athletinnen und Athleten seien immer während der kompletten Spiele vor Ort. Von der Schlussfeier erwähnt Amina vor allem, dass es super heiß war und sie dennoch offiziell gekleidet mit Jacke erscheinen musste. Der Moment, als die Flagge von Frankreich übernommen wurde für die Olympischen Spiele in Paris in 2024, der sei sehr bewegend gewesen. Die Frage, was das emotionale Highlight für Amina war, beantwortet sie damit, dass das vor Ort sein bei den olympischen Ringen, der erste Eindruck vom Wettbewerbspool und die Bewertung des eigenen Teams die Momente mit den meisten Gefühlen waren. Das tollste Erlebnis kann sie mir gar nicht beantworten. Sie schwärmt so davon, in Tokio gewesen zu sein, alles wäre spannend und toll gewesen. Nur zu heiß war es. Die Temperatur ist sie ja aus Kairo gewohnt, nicht aber die hohe Luftfeuchtigkeit. Dabei zu sein und Ägypten zu repräsentieren war wichtig Wichtig war ihr aber, dass sie eine derjenigen war, die das Land Ägypten repräsentierten und dass sie sehr viele Athletinnen und Athleten aus verschiedenen Disziplinen und Ländern treffen konnte. Damit das Annähern leichter fiel, hatten alle Sportler und Sportlerinnen Pins mit Länderflagge, also Anstecknadeln, bekommen, die sie mit anderen Ländern tauschen konnten. Aus Italien, Spanien, Argentinien und vielen weiteren Ländern hat Amina Pins erhalten und überraschte eine deutsche Sportlerin mit ihren guten Deutschkenntnissen und dass sie in Kairo eine deutsche Schule besucht. Amina war begeistert, was alles angeboten wurde. Sie bekamen von den Freiwilligen viele Sachen geschenkt und sogar einen Friseur für die Teilnehmerinnen gab es. Ziel für das ägyptische Team war es, besser als die Australierinnen abzuschneiden Ich bin neugierig, mit welchen Erwartungen eine junge Frau für Ägypten zu den Olympischen Spielen reist. Amina nennt mir zwei Ziele, die sie erreichen wollten. Sie wollten ihre eigene Bewertung, die im Durchschnitt bei 70 von 100 Punkten lag, auf 80 verbessern und zudem das australische Team schlagen. Beides ist ihnen gelungen. Das ägyptische Artistic-Swimming-Team wurde mit 80 von 100 Punkten bewertet, eine neue Bestleistung für Ägypten, und das Team landete auf Platz 8 vor Australien auf Platz 9. Eine großartige Leistung. Die Rückkehr nach Kairo war sehr emotional Sie kamen am 12. August zurück und wurden mit Blumen von Familie und Freunden am Flughafen empfangen. Auf die Frage, wie es denn nun mit ihrem Sport, mit dem sie mit 16 bereits olympisches Niveau erreicht hat, weiter ginge, antwortet sie überlegt. Sie hat mit sieben Jahren angefangen zu trainieren und macht den Sport jetzt seit neun Jahren. Sie komme jetzt in die 11. Klasse und macht in zwei Jahren in Kairo ihr deutsches Abitur. Sie will unbedingt auch weiter trainieren, und hofft, dass es neben dem Abitur zu schaffen sei. Ein Jahr nach dem Abitur finden die Olympischen Spiele in Paris statt, und da wäre sie gerne wieder dabei. Ob die Schule sie unterstützt hätte, frage ich sie abschließend. Ich dachte daran, dass sie eventuell für Trainings frei bekommen hätte oder ähnliches. Überrascht bin ich, als sie mir antwortet, dass das Arbeiten und Lernen in Gruppen, das sie an der Schule kennen gelernt hat, ihr beim Training im neuen Team sehr geholfen hätte. Rückblickend auf die letzten Wochen und Monate betont Amina immer wieder, dass alles super spontan und kurzfristig war, aber dass es immer ihr Traum gewesen sei, in Olympia dabei sein zu dürfen, und jetzt habe sie die Chance einfach genutzt. Sie schwärmt, dass sie das Erlebnis niemals vergessen würde und dass der Sport bei Olympia in Tokio vor Ort selbst frei von allem Stress gewesen sei nach all dem anstrengenden Training. Ägypten zu repräsentieren wäre mit ein Grund gewesen, so hart zu trainieren und gut abzuschneiden. Von den anderen ägyptischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern hat sie einige Handballer, Fussballer und Gymnastik-Teilnehmerinnen in Tokio getroffen. Ihre Pläne für die Zukunft nach dem Abitur und neben Olympia? Niemals Medizin aber Architektur oder Innenarchitektur, daran wäre sie interessiert. Klavier spielt sie auch immer noch, aber aufgrund des Olympia-Trainings nicht mehr so regelmäßig. Über das Gespräch mit Amina habe ich mich unglaublich gefreut. Es zeigt so deutlich, dass im Schulalltag mit mehreren hundert Schülern pro Woche für den oder die Einzelne|n oft nur wenig Zeit bleibt. Dabei hat jeder und jede sicherlich seine eigene Geschichte und Erfolge. Amina gratuliere ich an dieser Stelle nicht nur für ihre kurzfristige olympische Qualifikation, sondern auch für ihren Mut, ihre Chance spontan zu nutzen. Für Paris drücke ich ihr die Daumen. Und wenn ich sie dann im Fernsehen beim Wettbewerb sehe, werde ich mit ein bisschen Wehmut und Stolz an meine ehemalige kleine Schülerin mit den quirligen braunen Locken zurückdenken - damals, im Musical in der fünften Klasse. Alle Fotos (c) Amina ElFeky

"Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen"

"Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen"

„Überall ist Abschied“ war die Antwort eines Bekannten, als ich ihn fragte, ob er denn zur Verabschiedung seiner Kolleginnen und Kollegen ginge. Dem wolle er sich nicht aussetzen, war der Hintergrund seiner Aussage. Zum Schuljahresende wird nicht nur den Zurückbleibenden immer bewusst, dass die Zeit in Kairo endlich ist. Aus Deutschland entsandte Lehrer bleiben 3, manchmal 6 Jahre, selten 8. Im Bewusstsein des anstehenden Abschieds bleiben viele Kontakte oberflächlich, so dass das Ende der Bekanntschaft nicht allzu sehr schmerzt. Seit Jahren merke ich an, dass die Unbeständigkeit des sozialen Umfelds mit das Schwierigste in Kairo sei. Da sind Freundschaften, die bereits seit Jahren halten oder auch in räumlicher Trennung fortgesetzt werden, selten und kostbar. Zum Schuljahresende kann man sich auf den alljährlichen bevorstehenden Abschied vorbereiten. Aber ich erinnere mich an mehr als schmerzliche Erfahrungen im Frühjahr 2020. Beginnende Coronazeit. Ich war frisch am Auge operiert und sowieso in einer schwierigen Situation. Corona war schwer einzuschätzen, und die aus Deutschland entsandten Lehrkräfte hatten die Genehmigung, das Land zu verlassen. Von einem Tag auf den anderen waren Kolleginnen und Kollegen, Vorgesetzte und Freunde weg. Ich erinnere mich an eine E-Mail, die ich einem damaligen Bekannten schrieb. Ausnahmsweise war sie einmal kurz: „Ich trau mich gar nicht zu fragen - bleibst Du?“ Er blieb. Aber von denen, die gingen, habe ich 90 % bis heute nicht wieder gesehen und mit denen, die zurück kamen, ist es anders geworden. Was sollte ich auch mit Leuten reden, die ihre Flüge so gelegt hatten, dass sie alle Zuschläge noch kassieren konnten, ansonsten aber zur Online-Zeit irgendwo am Meer oder in ihrem Häuschen zuhause saßen. Sie waren von einem Tag auf den anderen sehr weit weg - und das nicht nur räumlich. Zu einigen wenigen besteht dank Internet immer noch Kontakt, aber auch das ist anders. Und selbst, wenn alle noch einmal zusammen kämen, blieben Plätze frei. Noch vor Corona ist ein Schüler verstorben, kurz vor den diesjährigen Sommerferien ein liebenswerter Kollege, und wenn im Herbst die Chorproben wieder beginnen, fehlt unser Korrepetitor. Wir werden ihm unsere erste Aufführung des Mozart Requiems widmen. Eine Art, mit der Situation umzugehen. Für die Emotionen ist es unerheblich, ob es sich bei einem Verlust um den Tod, eine Trennung oder einen sonstigen Verlust handelt. Emotionaler als auch nachgewiesen körperlicher Schmerz und Trauer sind je nach Person lediglich unterschiedlich intensiv. Als mir beim Aireal-Joga das Thema „Loslassen“ begegnete, fiel mir die zu Schuljahresende getroffene Aussage meines Bekannten wieder ein. Ich habe mich in den letzten Tagen auf das Thema Vergänglichkeit eingelassen, und bin dem Leben ein Stück näher gekommen. Das Thema Verlust und Tod ist nicht neu Bereits in der ersten Lektion meines Philosophiestudiums trat die Frage „Warum philosophieren wir?“ auf. Und die Antwort ist, neben Folge der Instinktreduktion Wille zur Aufklärung Sinnfrage Zweifel Staunen eben auch das Todesbewusstsein. Es heisst in den Lernunterlagen unter anderem: „Wären die Menschen unsterblich, sie lebten unbekümmert „vor sich hin“ und ihr Leben verliefe ungefährdet. Wäre das Leben unendlich, erschiene es selbstverständlich und deshalb auch weniger kostbar. … Damit ist der Zusammenhang von Leben und Tod deutlich: Weil der Tod gerade den Sinn des Lebens in Frage stellt, wird das Leben selbst fragwürdig. Oder mit anderen Worten: Mit der Frage nach dem Sinn des Todes ist die Frage nach dem Sinn des Lebens schlechthin gestellt.“ Schopenhauer (1788 - 1860) stellte daher bereits fest: „Der Tod ist der Genius der Philosophie.“ Als Erklärung wird dazu folgende Aussage geliefert: „Der Tod drängt und zwingt den Menschen dazu, über das Leben nachzudenken. Der Tod beunruhigt, es gilt also Antworten zu finden, darauf, wie sowohl mit der Tatsache des Todes als auch mit dem Leben umzugehen sei. Diese Antworten wiederum kann der Mensch nicht aus den Naturwissenschaften beziehen, sondern diese Antworten können Ergebnis seines (des Menschens) Philosophierens sein.“ Auf den Seiten der EKD (Evangelischen Kirche Deutschlands) finden sich zum Thema Tod sowohl Bibelzitate aus dem Alten als auch aus dem Neuen Testament. Der erste Tote der Bibelgeschichte ist Adam und Evas Sohn Abel. Es geht damals zunächst vor allem darum, möglichst lange zu leben und nicht zu vergessen, dass wir sterben müssen. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen.“ (Psalm 90,12) Auch die Bibel spricht davon, dass der Tod das Leben wertvoller mache. Weiter heisst es auf den Seiten der EKD: „Verändert der Tod das Leben im guten Sinne? Ja – vorausgesetzt, man verdrängt ihn nicht. Man solle stets an das „uralte Gesetz“ denken, „dass wir alle sterben müssen“, empfiehlt Jesus Sirach. Wer diesen Gedanken verinnerlicht, lebt angstfreier. „Wer bist du denn, dass du dich vor Menschen gefürchtet hast, die doch sterben, und vor Menschenkindern, die wie Gras vergehen?“ Statt sich auf den eigenen Tod zu konzentrieren, sollte der Mensch das Leben genießen und nutzen, so wie es der Psalmist lobt.“ Allerdings gibt die Bibel dann zum Genießen des Lebens gleich wieder Beschränkungen mit auf den Weg. Genießen ja, aber nur ein bisschen. Aus der Ungewissheit, den Todeszeitpunkt nicht zu kennen, solle Gelassenheit und keine Unwissenheit entstehen. „Wer diese (Gelassenheit) nicht aufbringt, wer meint, es am Ende noch mal richtig krachen lassen zu müssen, frei nach dem Motto: „Lasst uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot!“ – der lebt in Sünde, mahnt der Prophet Jesaja.“, so die EKD. Warum das denn bitte Sünde sein soll, wird nicht weiter erläutert. Mit dem ewigen Leben wird uns die Chance auf ein freies Leben im Jetzt genommen Im Neuen Testament steht die Erlösung und der Sieg über den Tod im Vordergrund, indem Jesus auferstanden sei und Gläubigen das ewige Leben verspricht. Mir drängt sich der Gedanke auf, ob das nicht nur der Versuch sein könne, mit dem Tod besser umzugehen und sich zu trösten. So, wie sich bei mir oft der Eindruck aufdrängt, der Glaube würde benutzt, um Menschen, denen es jetzt nicht gut geht, zu vertrösten, dass irgendwann alles besser würde, wenn sie nur schön brav wären - plakativ ausgedrückt. So könnte die Geschichte vom ewigen Leben eine Fortsetzung dessen sein. Bist Du brav, lebst Du weiter, bist Du es nicht, kommt die Ungewissheit, der Tod als Strafe. Für die Herrscher dieser Welt doch eine praktische Sache. Die Angst und Ungewissheit der Menschen nutzen, um sie weiterhin schlecht behandeln zu können, denn später, da wird alles besser. Was immer das „alles“ für den Einzelnen auch sei. Letztendlich betrügt uns das Christentum dann aber um das in der Philosophie angedachte freie Leben im Jetzt. Nur, wer ohne Angst lebt, könne frei und glücklich leben. Wenn es das ewige Leben gibt, muss ich mich zwar vor dem Tod nicht mehr fürchten, begebe mich aber in einen Dauerstress, damit ich bloß nicht in der Hölle lande. Wege zum Glück Das Zitat Epikurs, 300 Jahre bereits vor Christus, mutet auf den ersten Blick auch an, dass man den Tod ignorieren könne. In „Wege zum Glück“ schreibt Epikur: „Das schauerlichste Übel, der Tod, hat also keine Bedeutung für uns; denn für die einen ist er nicht da, die anderen sind für ihn nicht da.“ Lapidar übersetzt - leben wir, haben wir mit dem Tod erstmal nichts zu tun, sind wir tot, wissen wir es eh nicht mehr. Interpretiert wird Epikur jedoch so: Nicht zu leben ist nichts Schlechtes, also ist es auch nicht schlimm und wir müssen keine Angst vor dem nicht leben, dem Tod, haben. Ohne Angst leben wir besser, und die Begrenztheit des Lebens sei eine Aufforderung, die Zeit, wie lange sie für jeden Einzelnen auch sein mag, bestmöglich zu nutzen. Also das Todesbewusstsein dann doch wieder ein Gewinn für das Leben? Das Einzige, was wir über den Tod wissen, ist, dass eine Veränderung ansteht. Und Veränderungen machen den meisten Menschen Angst. Viele bleiben lieber in einer unglücklichen Beziehung, weil etwas Neues ungewiss ist. Man bleibt lieber in dem bestehenden Job, weil es vertraut ist, anstatt einen neuen Schritt zu wagen. Religion ist eine tolle Entschuldigung, wenn man nicht fähig oder nicht willens ist, eigene Entscheidungen zu treffen. Mit einem „inshaallah“ - wenn Gott will (oder auch nicht ) - oder einem „es ist eben Gottes Wille“ lässt sich die Verantwortung wunderbar abgeben. Es gibt unzählige Literatur, die uns dazu ermutigt, das zu tun im Leben, was uns wirklich Freude macht und nicht das, was man von uns erwartet oder wofür man sich in der Vergangenheit entschieden hat. Ein mir bekanntes Buch ist „Der Weg des Künstlers“ von Julie Cameron, das ich sehr inspirierend finde. In puncto Lebenskonzept haben wir die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen und Veränderungen anzustreben. In puncto Tod leider nicht. Na ja, so ganz stimmt das nicht, wir könnten unseren und den Tod unserer Mitmenschen vorverlegen. Klingt aber nicht erstrebenswert und ist zudem verboten. Die Unfähigkeit zu trauern Ich bin Kind einer Generation, die laut Alexander und Margarete Mitscherlich nie gelernt hat, Gefühle zuzulassen und sich damit auseinander zu setzen. „Die Unfähigkeit zu trauern“ heißt ihr Buch aus dem Jahr 1967, in dem sie sehr deutlich veranschaulichen, wie die Wertentwicklung, gesellschaftliche Haltung und Ethik in den Nachkriegsjahren ausgesehen hat. Ein Auseinandersetzen mit den erlittenen Verlusten, mit eventueller Schuld und was das mit den Menschen gemacht hat, dafür war kein Raum. Zunächst war man damit beschäftigt, sich um das eigene Überleben zu kümmern und satt zu werden. Im Laufe der Jahre und des neuen Wirtschaftswachstums hätte man sich hinter einer Tugendhaftigkeit wie zu Zeiten des deutschen Reichs und hinter der Industrialisierung emotional verkrochen. Man hielt sich gesellschaftlich wie auch beispielsweise im Bildungssystem an konservative Strukturen und Werte, wie sie vor beiden Kriegen aktuell waren. Bewerten kann ich diese Aussagen nicht, aber sie erscheinen mir plausibel. Möglicherweise aber wäre diese Generation an der Last und Schuld emotional zerbrochen und gescheitert. Ich kann mich aber erinnern, dass man uns Kindern zwar erzählt hatte, der Opa sei aus dem Krieg nicht zurück gekommen. Aber erst als ich dann erwachsen wurde, wurde mir bewusst, wie schlimm das für eine junge Frau in und nach dem Krieg auch emotional gewesen sein musste, also für meine Oma, wenn der Mann nicht mehr nach Hause kommt, niemand weiß, ob er noch lebt und sie alleine mit zwei kleinen Kindern dasteht. Und was hat das mit den Kindern gemacht? Darüber gesprochen wurde nie. Zahlreiche Theorien besagen, dass sich solche Belastungen auch auf weitere Generationen auswirken und auch wir jetzt und unsere Kinder noch diese emotionale Last mit uns herumtragen. Fest steht jedoch, dass, auch, wenn es nicht ausgesprochen wurde, die Kriegs- und Nachkriegsjahre emotional eine Herausforderung waren. Nachdem Verdrängen und die Konzentration auf etwas Neues die kollektive und anerkannte Lösung dafür war, hat bei vielen keine aktive Verarbeitung der Themen stattgefunden. Werden diese Menschen heute mit einer emotionalen Extremsituation konfrontiert, beispielsweise durch den Verlust eines geliebten Menschen, dann brechen oft alte und unterbewusste Wunden auf, die ohne Hilfe eines Psychologen nicht geheilt werden können. Dann liegt es an jedem Einzelnen, sich der Situation zu stellen, oder sich in den nächsten Verdrängungsprozess zu begeben. Wir müssen menschliche Identitäten wie Zelte bauen Wer glaubt, die jetzige und folgenden Generationen hätten weniger Herausforderungen, der irrt, zumindest wenn es nach Yuval Noah Harari geht. Bereits im Dezember 2018 wurde im Philosophie-Magazin ein Interview mit dem israelischen Denker veröffentlicht, in dem er eine düstere Zukunft prognostiziert. Seine These „Wir müssen menschliche Identitäten wie Zelte bauen“ (anstatt wie bislang feste Häuser), die auch Titel des Artikels ist, stützt sich auf die fortschreitende Zerstörung der Natur und der sich weiter ausbreitenden Digitalisierung und technischen Entwicklung. Ein fest verwurzelter Mensch, der sein Leben lang bleibt, wer er ist und was er tut, gehöre der Vergangenheit an. Vielmehr müssten wir uns darauf einrichten, dass sich unser Leben alle 10 bis 20 Jahre ändere, wir unsere Zelte abbrechen und woanders wieder aufbauen. Und hier setzt dann der gegenteilige Prozess ein. Nicht nur Verlust oder Tod schafft Veränderung, sondern auch Veränderung wie ein neuer Wohnort, eine neue Arbeitsstelle, eine geänderte soziale Position schafft Verluste. Und damit gilt es, zukünftig umgehen zu können. Gut ein Jahr später kam Corona auf, und ein Teil der Prognosen hat sich dadurch bereits eingestellt. Die Arbeitswelt hat sich verändert, und das Lernen und die Schule musste neu erfunden werden. Arbeitsplätze wurden nach Hause verlegt, das Familienleben geriet oft an seine Grenzen und alte Gewohnheiten mussten neuen Prozessen weichen. "Ich bin Vergänglichkeitsexpertin" Wie es die Synchronizität des Leben so will, hatte ich die Gelegenheit, Anfang dieser Woche Haia Bauderer, eigentlich Heidrun Bauderer, hier in Dahab zu treffen. Ich hatte ihren Kontakt von einem guten Bekannten erhalten und hatte bezüglich Haia irgendetwas mit Kamelen im Hinterkopf. Ich war dann doch neugierig, wen ich da treffen solle und dabei stellte sich heraus, dass Haia Verlust- und Trauerbegleiterin ist und seit über 15 Jahren in Dahab lebt. Ach, dachte ich, schau einer an. Wir sprechen uns gegenseitig aufs Band und sie kann mit ihrem Dialekt ihre schwäbische Heimat nicht verleugnen. In meiner Fantasie entstand ein Bild einer Trainerin, wie ich sie aus Seminaren und Weiterbildungen aus der Industrie kannte. Eine blonde Menopausenfrisur und weite, knallig einfarbige Hemdblusen und Hosen, die ihre Körperfülle, welche die meine bei weitem überschreitet, bedecken. Immer sehr geschäftig und belehrend. Wie einen doch die Vergangenheit einholen und vor allem täuschen kann, dachte ich mir später. Ich mache mich also gegen Abend zu Fuß auf den Weg und schaue bei Google-Maps, auf welche der sandigen Straßen, mit denen man die gepflasterte Straße durch Assala verlässt, ich abbiegen muss. Bereits von weitem erkenne ich die mehr als üppig blühende und die Grundstücksmauer überragende Bougainville vom Foto wieder. Tatsächlich steht die kleine Holztür mich erwartend bereits offen. Neugierig trete ich ein in einen verwinkelter Garten, dessen über 100 Jahre alten Dattelpalmen sich zu einem Schatten spendenden Dach neigen. Haia sitzt völlig entspannt an ihrem Gartentisch und ich geselle mich dazu. Sie hat ein verschmitztes Lächeln, lange grau-braune Haare und eine sportlich schlanke Figur. Sie erinnert mich spontan an eine ehemalige Freundin in München. Das Gespräch beginnt mit den üblichen Geschichten, z. B. wie ich nach Kairo gekommen sei, doch bald lassen wir davon ab. Irgendwie langweilt das. Haia erzählt freigiebig, wie sie diesen Platz vor 15 Jahren mit ihrem Lebenspartner nach und nach aufgebaut hatte. Entstanden ist ein Grundstück, auf dem keine der Dattelpalmen gefällt wurde und sich die verschiedenen Refugien, kleine Häuser im Beduinenstil, wohlwollend einfügen. Alles ist aus Stein und Holz gebaut, und der Ort hat eine unglaublich positive Energie. Im Schatten dieses Anwesens erzählt sie dann im Laufe des frühen Abends auch, wie sie dort im letzten Sommer von ihrem an Krebs erkrankten Lebensgefährten Abschied nehmen musste. Als Trauerbegleiterin bietet sie Menschen, die einen Verlust erlitten haben, Raum und Zeit. Mit denjenigen, die das Gefühl haben, sie müssten in der neuen Situation etwas tun, die begleitet sie auch im Alltag, geht mit ihnen zum Beispiel tauchen. Sie ist da und muss dabei auch das Vertrauen gewinnen und die Erwartung der Menschen erfüllen können, dass Sie den zur Verfügung stehenden Raum auch halten kann und die Situation für Sie eine erträgliche bleibt. Dazu, so sagt sie, sei es besonders wichtig, sich selbst gut zu kennen. Mit den Kamelen geht sie als eine Art Trauerreise drei Nächte mit ihren Kundinnen und Kunden gerne in die Wüste. Wer sich gegen seine Gefühle wehrt, sie nicht zulässt und mit Aktionen überschattet, der käme in der Wüste zur Ruhe, und spätestens in der dritten Nacht könne niemand der Stille, der Unendlichkeit des Himmels und der Weite der Wüste widerstehen und bräche emotional auf. Ihre eigene Geschichte hat sie mit dem Schreiben eines Buches verarbeitet. „Lust auf Käsekuchen - Vergänglichkeit lebt im Moment“ ist der Titel. Ursprünglich ist Haia nämlich Konditorin und ihr Käsekuchen scheint eine ganz besondere Rolle in ihrem Leben zu spielen. Sie selbst bezeichnet sich auch als Vergänglichkeitsexpertin, ist jedoch ausgebildete Diplom-Sozialpädagogin, Trauer- und Verlustcoach und Wüstenbegleiterin aus tiefstem Herzen. So stellt sie sich am Anfang ihres Buches selbst vor. Es ist längst dunkel und einige Mückenstiche habe ich abbekommen, während Haia von Australien, Namibia und Schottland erzählte. Dankbar und beeindruckt mache ich mich langsam wieder auf den Nachhauseweg. Haias Ratschlag, wie Frieden mit dem Leben und vor allem auch mit dem Tod zu finden sei, gleicht den Aussagen der Philosophen. Frieden schließen mit der Vergänglichkeit und ein bewusstes Leben im Jetzt leben. Nur durch die Vergänglichkeit seien wir in der Lage, ein intensives Leben mit Emotionen zu führen. Licht und Liebe Das bedeutet für jeden, der sich darauf einlassen möchte, sich seiner Gefühle in verschiedenen Situationen ganz bewusst zu werden und die Endlichkeit, aber auch Verluste im Leben zu akzeptieren. Die Schwierigkeit besteht für viele darin, die eigenen Gefühle überhaupt wieder zu spüren und diese nicht hinter Stress im Büro und Alltagssorgen zu verbergen oder verstecken zu wollen. Die Ägypter haben es da gelegentlich ein bisschen einfacher. Emotionen zu zeigen, das ist für viele kein Problem und gesellschaftlich akzeptiert. Klatschen, wenn Musik gespielt wird, sich lauthals streiten oder schreien und heulen, alles kein Problem. Den Weg zu sich selbst kann jeder auch nur für sich selbst gehen. Dahab ist für mich immer wieder ein dafür geeigneter Ort, der viele Begegnungen ermöglicht und Raum für mich, aber auch für mich in Gemeinschaft mit anderen bietet. Viele Emotionen verknüpfe ich auch mit Musik, und so war ich gestern auf einem Weltmusik-Festival auf einem Rooftop über den Dächern Dahabs mit Blick auf die untergehende Sonne hinter den Bergen des Sinai und zur anderen Seite mit Blick auf das Meer. Die Stimmung war völlig entspannt und ich habe mich gefreut, Safy (Mostafa Rashad) wieder einmal spielen zu hören. Der Moderator sprach sehr persönlich über Dahab als einen Ort voller Spiritualität, Frieden und Liebe. Er betonte, dass wir hier fernab von den Sorgen um Corona den Abend genießen können und drückte dafür seine Dankbarkeit aus. Er trug ein Gedicht über das Leben vor - We are all a beautifull mess -, das beschreibt, dass wir lernen, immer besser als das Gegenüber sein zu müssen, dass Emotionen im Leben nachrangig seien, dass uns aber das Streben nach einem schönen Körper, der uns über gefälschte Fotos als Vorbild vorgegaukelt wird, wichtig sei. Niemand aber würde uns lehren wie wir lieben und niemand hätte uns gesagt, wie wir mit einem Verlust umgehen können. Ich war somit an diesem Abend in Gemeinschaft mit Menschen, die sich mit ähnlichen Gedanken wie ich beschäftigen. Hier ein kurzer Moment mit Hisham und Mariam auf dem Festival: In dem Film „Eat, Pray, Love“ heisst es, wenn man jemanden vermisse, möge man wohlwollend an ihn denken und ihm Licht und Liebe schicken. Wenn ich dann heute Abend mit Beduinen und Bekannten in der Wüste sitze und Tee trinke und die Unendlichkeit des Sternenhimmels betrachte, werde ich eventuell von dem Sternenlicht ein wenig auf die Reise schicken.

Durchgefallen

Durchgefallen

Ein Begriff, der bislang in Kairo, zumindest im Zusammenhang mit einer Führerscheinprüfung, unbekannt war. Jedenfalls in meinem Bekanntenkreis. In den letzten Tagen begegnete ich jedoch zwei Personen, die, trotz des langjährigen Führerscheins in Deutschland, die Fahrprüfung in Kairo nicht bestanden hatten. Bei meinem ägyptischen Bekannten war die erste Reaktion ein schallendes Gelächter, bei allen anderen Personen ein ungläubiges Hochziehen der Augenbrauen. Mit dem Einverständnis der betroffenen Personen mache ich mich auf die Suche, wie man denn in Kairo einen Führerschein bekommt und spreche dazu mit etlichen Personen, ägyptischen und deutschen, einige derzeit noch in Kairo, eine andere zurück in Deutschland. In Downtown kann man alles kaufen Das war immer die Aussage kurz nach der Revolution Ende Januar 2011. Angeblich gab es in Downtown düstere Stübchen, wo illegal alle möglichen Ausweise und auch Führerscheine gedruckt und verkauft wurden. Das Stübchen gesehen oder jemanden getroffen, der dieses geheimnisvolle Stübchen kennt, habe ich nicht. Ich wohne mitten in Downtown und weiss von nichts. Was aber nicht viel aussagt, denn mir als Ausländerin würde man das bestimmt nicht als erstes verraten. Aber auch die ägyptischen Bekannten, die ich frage, wissen von nichts. Würde ich dieses Stübchen jedoch auftun, hätten sie etliche Bestellungen für mich. Mein ägyptischer Bekannter hat seinen Führerschein gemacht. Wie? Er sei hingegangen und hätte die Prüfung gemacht. Theorie sei ganz einfach gewesen. Er hätte in einem Raum gesessen mit weiteren Führerschein-Kanditaten. Dann wären Fragen gestellt worden zu Verkehrsregeln. Hätte jemand die richtige Antwort gewusst, hätte die Frage als bestanden gegolten für alle Anwesenden. Bei seiner Fahrprüfung musste er einmal vorwärts und einmal rückwärts um zwei Pylonen herum fahren, fertig. Fahren gelernt hatte er von einem Freund und seinem Vater. Das ist in Ägypten so üblich. Die meisten lernen Auto fahren vom Freund, vom Cousin oder vom Vater. Allerdings muss das nicht so sein. Auch in Kairo gibt es Fahrschulen Auf der Seite, die auch auf Englisch verfügbar ist und sich deutlich an weibliche Klientel richtet, weil sie mit weiblichen Fahrlehrerinnen werben, werden verschiedene Pakete angeboten. Für fortgeschrittene Fahrer, also diejenigen, die mit Vater und Cousin schon geübt haben, gibt es ein 6-Stunden Paket für 1.350,-- ägyptische Pfund, knapp 70,-- Euro. Man muss das ägyptische Pfund im Inland im Verhältnis jedoch zueinander sehen wie den Euro in Deutschland. In Deutschland entspräche der Preis im Inlandsverhältnis somit 1.350,-- Euro. Das können sich in Ägypten viele nicht leisten, so dass der Cousin weiterhin herhalten muss. Für das Geld bekommt man die besagten 6 Fahrstunden mit den Lernschwerpunkten Wiederholung von Grundlagen in der Fahrpraxis Fahren auf Hauptstraßen Einparken Wechsel der Geschwindigkeiten Verwendung der Autospiegel 8 Fahrstunden sind etwas teurer, 1.800,-- LE (ägyptische Pfund), und man bekommt dafür beigebracht, wie man im Auto Sitze und Spiegel einstellt, wie man die Spiegel und die Blinker beim Fahrspurwechsel verwendet, wie man einen U-Turn macht und auf einem großen Platz und auf Hauptstraßen fährt und wie man parkt. Diejenigen, die den Verkehr in Kairo kennen oder gar selbst fahren, werden jetzt schmunzeln und mir zustimmen, dass 99 % aller Fahrenden in Kairo diesen Kurs offensichtlich nicht besucht haben. Blinken beim Fahrspurwechsel und ein Blick in den Spiegel hätte ja mit Rücksicht zu tun. Damit kommt man aber anscheinend im Verkehr in Kairo nicht vorwärts. Einfach fahren wo Platz ist und im Zweifelsfalls laut schimpfen ist zwar nicht Lerneinheit einer Fahrschule, aber Praxis. Wer 10 Fahrstunden bucht, kann noch nicht fahren. Denn als Ergänzung zum 8-Stunden-Paket kommt das Starten des Motors und sowie vorwärts und rückwärts fahren sowie anhalten zum Lerninhalt dazu. Das 12-Stunden-Paket kostet dann regulär 2.640,-- LE und ergänzt das 10-Stunden-Paket, das 2.000,-- LE kostet, um die Vorbereitung zur Fahrprüfung und Hilfe, um den Führerschein zu erhalten. So heißt es auf deren Internetseite. Was unter "Hilfe, um den Führerschein zu erhalten" gemeint ist, wird nicht näher ausgeführt. Wer positiv denkt, denkt an intensiven Fahrunterricht sowie Vorbereitung auf die Theorieprüfung. Wer seinen Führerschein schon gemacht hat, hat eventuell etwas anderes im Hinterkopf. Wer Pylonen bei der Prüfung umfährt, fällt durch Eine meiner beiden Bekannten fährt seit Jahren mit einem internationalen Führerschein in Kairo, der jetzt abgelaufen ist, eine andere Bekannte hat sich neu ein Auto gekauft und möchte dazu den ägyptischen Führerschein machen. Eine ehemalige Kollegin ist ebenfalls zur Fahrprüfung angetreten, hat aber bestanden. Als ich 2012 auf das ägyptische Kreisverwaltungsreferat, die Mogamma, musste, um mein Visum zu verlängern, ging ich dort alleine hin. Ich war die einzige Ausländerin, die bei NokiaSiemens arbeitete und ich hatte mich mit allem alleine durchgewurstelt. Da und da musst Du hin, Du brauchst Fotos und Fotokopien vom Pass und dann gehst Du hin und fragst wo Du das alles ist. Also ging ich zur Mogamma, fragte, damals noch mehr mit Händen und Füßen als heute, wo ich hin muss, und machte das. Den Service, den es an allen ausländischen Schulen gibt, nämlich dass Lehrerinnen und Lehrer bei administrativen Angelegenheiten einen ägyptischen Kollegen an die Seite gestellt bekommen, den hatte ich auch erst in 2013 an meiner ersten deutschen Schule in Kairo kennengelernt. Seitdem war ich auch nicht mehr alleine auf einem Amt. So war es dann auch selbstverständlich, dass alle Nicht-Ägypter, die sich an der Fahrprüfung versuchten, eine ägyptische Begleitung an ihrer Seite hatten. Für Giza, also auf der westlichen Nilseite, ist die "Murur", die Zulassungsstelle für Kraftfahrzeuge und Führerscheinstelle nach Sheikh Zayed außerhalb der Stadt gezogen. Es soll dort alles neu und schick sein und es gäbe einen Platz, auf dem man die praktische Fahrprüfung ablegen müsse. Mit je 2 Pylonen werden drei Tore aufgebaut, durch die man einmal vorwärts und einmal rückwärts fehlerfrei durchfahren muss. Mit einem Auto der Kraftfahrzeugstelle, die jetzt alle neu sein sollen. Fährt man einen Pöller um oder setzt man zurück, um zu korrigieren, ist man durchgefallen, wie beide Bekannten erfahren mussten. Bei der einen Bekannten waren mit ihr noch 8 weitere Kandidaten am Start, vier davon ebenfalls durchgefallen. Dass man durchfällt, wenn man die Pöller umfährt, ist verständlich. Aber die Frage, die sich alle stellten, war eine ganz andere. Warum mussten sie überhaupt fahren? Ein junger Mann, inzwischen auch wieder in Deutschland, machte hier auch seinen ägyptischen Führerschein und berichtete auch, dass er um zwei Pylone fahren musste, einmal vorwärts und einmal rückwärts. Allerdings mit seinem eigenen Auto. Von drei Törchen hatte er nicht erzählt. Hinsichtlich der Theorie wurde er nur gefragt, ob er denn lesen könne, und damit war das Thema Theorie dann erledigt. Eine ehemalige Kollegin berichtet mir ausführlich, wie sie den Führerschein in Kairo gemacht hatte. Damals war die Zulassungsstelle noch in Dokki, direkt bei ihr um die Ecke. Sie erzählt mir halbwegs belustigt, dass sie des öfteren auf der Straße den armen Kandidaten bei der Führerscheinprüfung zugesehen hätten. Eine medizinische Untersuchung gehört mit zur Führerscheinprüfung Auch sie war mit mehreren damaligen Kolleginnen und Kollegen in männlicher ägyptischer Begleitung zur Zulassungsstelle gefahren. Die sogenannte ärztliche Untersuchung ähnelte mehr einer Befragung über Bauch und Augen durch einen Beamten, als einer ärztlichen Untersuchung. Letztendlich wurde sehr schnell jedoch die körperliche Fahrtauglichkeit bescheinigt. Nicht nur mein ägyptischer Bekannter, auch zahlreiche Kollegen, ägyptisch und nicht ägyptisch, berichteten von der Theorieprüfung immer das Gleiche. Die Fragen wurden kollektiv gestellt und kollektiv beantwortet. Als meine ehemalige Kollegin diesbezüglich nun nach ihren Arabischkenntnissen gefragt wurde und sie diese durch Vorlesen bestätigen konnte, stand nicht nur ihr, sondern der ganzen Gruppe eine schriftliche Theorieprüfung ins Haus. Die Begleitperson muss wohl ziemlich schockiert gewesen sein und wusste, dass die anderen mit diesen Arabischkenntnissen nicht mithalten konnten. Die Begleitperson setzte nun alle Hebel in Bewegung, damit die Gruppe der deutschen Führerscheinanwärter zur Prüfung nicht antreten musste. Die praktische Prüfung wäre gewesen, einmal vorwärts zu fahren und einmal rückwärts plus eine Kurve um eine Pylone herum. Meine ehemalige Kollegin war ein bisschen enttäuscht, dass sie lediglich 600,-- LE, gut 30,-- Euro bezahlen musste und dann den Führerschein erhielt - dank der Beziehungen und des Verhandlungsgeschicks und dem Bargeld der ägyptischen Begleitung. Mit Wörterbuch hätte sie sich ganz gerne auf das Abenteuer Führerscheinprüfung eingelassen, und vor dem vorwärts und rückwärts fahren hatte sie auch keine Sorge. In der deutschen Community entstanden Gerüchte, man könne den Führerschein einfach kaufen Grundsätzlich werden Geschichten im Gespräch ja nie so weiter gegeben, wie sie passiert sind. Entweder wird etwas weggelassen oder hinzu gedichtet. Die Geschichte mit dem Tenor "wir mussten gar keine Prüfung machen sondern nur Geld bezahlen" verbreitete sich schnell. Irgendwie hatte nach kurzer Zeit jeder von irgendjemandem davon gehört. Dass das so nicht die Regel ist und das Bemühen der Begleitperson vor allem darum ging, nicht arabisch sprechenden Kollegen eine schriftliche arabische Prüfung zu ersparen, das wurde in dieser Ausführlichkeit nicht deutlich. Manifestiert hatte sich nur der Gedanke, man könne in Kairo den Führerschein kaufen. Möglicherweise mag das auch Praxis gewesen sein. Ich kenne bislang aber nur Menschen aller möglichen Nationalitäten, die zumindest einmal vorwärts und rückwärts und um die Ecke fahren mussten. Eine Begleitperson ist jedoch sicherlich hilfreich, wenn es um Verständigung geht und auch, wenn es darum geht, einmal ein Auge zu zu drücken. In der neuen "Murur" fährt man jetzt also mit neuen Autos vorwärts und rückwärts durch drei Törchen. Die Theorie meines ägyptischen Bekannten lautet dahingehend, dass er vermutet, dass sie vermehrt Leute durchfallen lassen, damit mehr Leute in die der Zulassungsstelle angegliederten Fahrschule gehen. In Anbetracht der Verkehrssituation in Kairo sicherlich eine gute Idee. Angesichts der finanziellen Situation vieler Ägypter wird aber wohl der Cousin weiterhin der beliebteste Fahrlehrer bleiben. Es ist zu befürchten, dass die Lerninhalte "Verwendung von Blinkern und Spiegel" sowie "sicheres Wechseln der Fahrspur" in den privaten Lerneinheiten fehlen werden. Wohl, weil auch der Cousin das Fahren von Vater oder Cousin und die wiederum das Fahren von Vater oder Cousin erlernt haben. So, wie alles, was man in Ägypten nicht studieren kann, von Generation zu Generation weiter gegeben wird. Allerdings macht es oft den Anschein, dass so, wie bei dem Spiel "Stille Post", auf diesem Weg etliches an Information und Wissen verloren geht. Im Verkehr reduziert sich das Wissen um sicheres Fahren inzwischen somit auf eine praktische Prüfung, die mit vorwärts und rückwärts fahren bestanden werden kann. Wenn man nicht das Hütchen umfährt.

Hippies mit Krankenversicherung

Hippies mit Krankenversicherung

Nicht jeder, der Homeoffice macht, ist ein digitaler Nomade, und nicht jeder digitale Nomade ein Hippie. Wer Homeoffice macht, kann trotzdem unfrei sein Bedingt durch Corona hat die Arbeit von Zuhause im Jahr 2020 laut Statista um 82 % zugenommen. Allerdings sind nicht alle diese Menschen digitale Nomaden. Manche machen nur schlichtweg ihre Arbeit derzeit von zuhause aus. Auch würden wir diejenigen, die sich an freien Tagen in einem schicken Hotel einmieten und sich dorthin Arbeit mitnehmen, nicht als digitale Nomaden bezeichnen. Der Grund ist ganz einfach. Digitale Nomaden sind frei, zu leben und zu arbeiten, wo sie möchten. Wer derzeit angestellt im Home-Office arbeitet, kann nach Corona jederzeit wieder verpflichtet werden, ins Büro oder in die Schule zurück zu kehren. Die Entscheidung liegt somit beim Arbeitgeber und nicht bei der Person selbst. Er oder sie hat also mit Hippie oder digitalen Nomaden nichts zu tun. Hippies wollen frei leben ohne gesellschaftliche Zwänge Sie tun das in Kommunen, in liberalen Städten, an Stränden und auf Festivals und wo immer es ihnen gefällt. Sie leben wie und mit wem sie möchten, tragen Kleidung die ihnen gefällt und befreien sich weitestgehend von gesellschaftlichen Normen. Dennoch kommen auch die meisten Hippies nicht ohne Geld aus. In Dahab trifft man sie als Schmuckhersteller und -verkäufer, Verkäufer von Reispudding oder Kuchen, Kaffeezubereiter, Musiker, Yogalehrer und Reikimaster. Sie leben am Strand oder in AirBnB-Wohnungen und haben eine wildromantische Aura, die auf ein beneidenswertes Leben schließen lässt. In Gesprächen erfahre ich, dass auch Hippies Sorgen haben. Einige von ihnen leben nicht am Strand, weil es cool ist, sondern weil sie kaum Geld haben. Von Krankenkasse oder Ersparnissen ganz zu schweigen. Sie sind zufrieden mit dem einfachen Leben, haben aber auch Ängste, wenn es um die Zukunft geht. Andere verdienen wiederum ganz gut und können von ihrem Einkommen leben und sehen das Hippie-Sein vor allem als innere Haltung. Diese ist bei vielen digitalen Nomaden auch zu finden. Digitale Nomaden sind häufig Hippies mit Krankenversicherung. Wenn sie feste Auftraggeber oder gar einen festen Arbeitgeber haben, dann können digitale Nomaden zwar arbeiten wo sie möchten, befinden sich jedoch in einem mehr oder weniger geregelten Arbeitsleben. Die meisten von ihnen sind im IT-Bereich tätig. Das ermöglicht ihnen ein weitestgehend gesichertes Einkommen, das wiederum eine Krankenversicherung und einen angenehmen Lebensstandard ermöglicht, vor allem, wenn der Arbeitsplatz ihrer Wahl im Vergleich zu Deutschland kostengünstig ist. Weltweit ist daher Südostasien sehr beliebt, in Europa ist es Zypern. Ein halbwegs gesichertes Einkommen bringt auch Verpflichtungen mit sich Wer deutscher Staatsbürger ist und für einen deutschen Arbeitgeber tätig ist, egal von wo aus, hat auch in Deutschland noch Verpflichtungen. Und die sind teilweise ganz schön kompliziert. Da ist es dann manchmal nicht mehr weit her mit einem Hippie-Feeling. Arbeit, die in oder für Deutschland geleistet und vor allem dort verwertet wird, muss auch in Deutschland besteuert werden. Wer in Deutschland gemeldet bleibt, ist sozialversicherungspflichtig. Wer länger pro Jahr als 183 Tage im Ausland lebt, darf eigentlich nicht in Deutschland gemeldet sein, es sei denn... Und diese "es sei denn" - Regelungen sind das, was es kompliziert macht. Da hilft dann nur ein kompetenter Steuerberater und sehr viel Recherche und der Austausch mit Gleichgesinnten. In Facebook gibt es unzählige Digital-Nomaden-Gruppen, deutsch und international. Viele Deutsche wollen für ihren Arbeitgeber mit Familie mal für zwei Jahre ins Ausland. Das sind dann aber Expats und keine Digitalnomaden. Andere sind völlig unbedarft und wollen nur irgendwas tun, was ihnen das Leben am Strand ermöglicht. Reisen zum Teil ohne Aufträge oder Ausbildung und ohne genaue Vorstellung und schreiben dann E-Books oder unseriöse Internetinhalte, um zu überleben. Krankenkassen haben noch immer kein Modell geschaffen, mit dem sich Digitalnomaden versichern können um nach ihrer Rückkehr in Deutschland wieder gesetzlich krankenversichert zu werden. So ein Modell sei für die kleine Zielgruppe derzeit nicht interessant, heisst es aus zahlreichen Online-Quellen. Die deutsche gesetzliche Krankenversicherung gilt aber nur in Europa. Nichts mit Südostasien. Mit deutscher Nationalität steht man im Zweifelsfall mit einem Bein immer noch mental in Deutschland und muss sich um Steuererklärung und Sozialabgaben kümmern. Die Vorteile eines geregelten Einkommens überwiegen aber den administrativen Sorgen, und so ist es ein angenehmes Gefühl, tagsüber mit dem Laptop mit allen anderen, die ähnlich leben, im Café zu sitzen und zu schreiben und dann entscheiden zu können, ob man den Abend am Strand oder auf dem Rooftop verbringen möchte. Außerdem wird Arbeit für deutsche Auftraggeber auch nach deutschen Konditionen bezahlt. Auf internationalen Arbeitsplattformen konkurriert man immer mit Indern und anderen Arbeitswilligen aus Niedriglohnländern, die auch für 4 - 5 Euro brutto pro Stunde arbeiten. Dafür bekommt man keine journalistische Qualität, wenn es ums Schreiben geht, aber die ist für viele sogenannte Content-Anbieter, die oft wirklich unseriös sind, auch nicht notwendig. Wenn der Arbeitsauftrag lautet, irgendwelche Bildtitel zu finden, die dazu führen, dass der Artikel angeklickt wird, egal ob der Text zum Bild passt und das Bild lizenziert ist, dann braucht es dazu keinerlei Ausbildung. Ich bin dankbar, dass ich auf solche Angebote derzeit nicht angewiesen bin. Ebenso muss ich mich nicht im Internet oder in den sozialen Medien prostituieren und Reiseblogs erstellen oder filmen, wie ich Produkte auswickle und damit Follower generieren. Ich glaube, wenn es mal so weit käme, dass ich mich so von den sozialen Medien abhängig machen würde und mit aller Macht meine Inhalte verkaufen müsste, dann würde ich lieber wieder als Musiklehrerin an einer Schule, als Sekretärin in einem Betrieb oder im Kundenservice einer Bank arbeiten. Von Twitter habe ich mich inzwischen sogar wieder abgemeldet. Ich habe derzeit nichts zu sagen, was man unbedingt auf Twitter lesen müsste. Als freiberufliche Journalistin bin ich eigentlich kein digitaler Nomade Ich habe ja meinen Wohnsitz in Kairo, von dem aus ich in die Welt starte. Wenn die Welt mich denn mal wieder lässt. Ich bin freiberuflich und arbeite Remote. Ich habe noch nie so perfekt funktionierende Digitalprozesse gesehen, wie bei meinem jetzigen Hauptauftraggeber. Die zu schreibenden Artikel kommen in Auftragspaketen mit einer Deadline. Diese sind mit Arbeitsaufträgen verbunden, die im Jira-System von Atlassian verbunden sind. In Jira weise ich mir den Artikel, den ich schreiben möchte, zu und sage dem System "Start Work". Mein Briefing, also was in dem Artikel alles enthalten sein muss, ist im Arbeitsauftrag verlinkt. Bin ich mit dem Schreiben fertig, erkläre ich das auch dem System und sage "Ready for Lektorat". Die Lektoren bekommen dann eine Nachricht, dass dieser Artikel von mir erstellt wurden und lektorieren ihn. Passt alles, veröffentlicht das Lektorat den Artikel, gibt es etwas zu korrigieren meinerseits, beispielsweise weil ich ein Bild vergessen habe, dann landet der Arbeitsauftrag als "In work over" wieder in meiner To-Do-Liste mit entsprechendem Kommentar. Ich erledige die Korrekturen, sage "Work over fertig", dann wird es nochmal im Lektorat angesehen und veröffentlicht. Kommuniziert wird über Slack oder per E-Mail. Schulungen für das neue Backend gab es per Zoom. Nachdem ich in meiner Banklehre noch Faxe versenden musste, bin ich davon absolut begeistert. Andere Auftraggeber können da nicht mithalten. Bei einem weiteren Auftraggeber, auch in Berlin, geht alles über E-Mail und mit Worddokumenten. Ein anderer Anbieter hat ein eigenes Backend, in dem die Order, also die Aufträge, einsehbar sind und man sich Aufträge schnappen kann. So professionell wie Jira und Atlassian ist es aber lange nicht. Auch in Kairo möchte ich nicht jeden Tag alleine zuhause arbeiten Für das Jahr 2020 hat Statista die Anzahl der Coworking-Arbeitsplätze auf 26.000 weltweit geschätzt. Dort treffen sich Freiberufler oder digitale Nomaden oder Leute, die keine Lust auf Home-Office alleine haben, um sich ein Büro zu teilen. In Downtown gibt es ein Coworking-Space in der Talaat-Harb-Straße und ein weiteres im Greek Campus. Aufgrund von Corona verzichte ich jedoch, derzeit in geschlossenen Räumen mit anderen zu arbeiten. Allerdings liebe ich das Greek Campus sehr und will, wenn es die Situation im Herbst erlaubt, mich der Gemeinschaft dort zum gelegentlichen miteinander arbeiten anschließen. Als Journalistin bin ich immer auch auf neue Erlebnisse, Gespräche und Begegnungen angewiesen, und die finde ich nicht in meiner Home-Office-Loggia. So mache ich mich in Downtown auf die Suche nach einem geeigneten Café, ähnlich wie in Dahab, wo ich Gleichgesinnte treffe, die ähnlich arbeiten wie ich. Das ist nicht ganz einfach. Zum einen ist Ramadan und vieles hat geschlossen. Zum anderen möchte ich mich nicht mit Corona anstecken. Dann darf es nicht zu heiß sein, im Moment sind in Kairo tagsüber um die 40 Grad. Es braucht stabiles WLAN und, für mich ganz wichtig, Tische in Schreibtischhöhe. An so Kleinigkeiten merke ich, dass ich oft wesentlich älter bin, als die vielen jungen Leute, die in Cafés oder am Strand mit dem Laptop auf den Knien schreiben. Nach meiner Augenoperation muss ich verhältnismäßig nah am Laptop sitzen, sonst seh ich nichts. Dann darf es nicht zu laut sein. In Dahab haben wir einige nette Locations gemieden, weil sie den ganzen Tag nervige Musik dudeln. Und es darf nicht zu teuer sein und erst recht keine Minimum-Charge erheben. Noch vor Dahab war ich gerne in der Orangette in Zamalek, da ist es mir draußen aber im Moment zu heiß, das wird wieder eine Option wenn es kühler wird. In Downtown finde ich das Eish-wa-Malh super. Ich sitze zwar drinnen, allerdings sind die Fenster weit geöffnet. Es gibt eine Klimaanlage und auch Ventilatoren. Ich bin nicht die Einzige mit Laptop, einige gesellen sich auch einfach mit einem Buch dazu. Der Kaffee ist bezahlbar, das Personal freundlich. Im Eish-wa-Malh erfahre ich ein urbanes Leben, wie ich mir das moderne Stadtleben vorstelle. Ob ich dabei Hippie oder Nomade oder einfach freie Journalistin bin, ist mir eigentlich egal. Für mich ist es derzeit gut, wie es ist. Und dafür bin ich dankbar.

Wenn die Handpan Arabisch spricht

Wenn die Handpan Arabisch spricht

Manchmal passt im Leben einfach alles zusammen. Es gibt Themen, die schreibe ich, weil sie auf der To-Do-Liste stehen. Und dann gibt es Themen, die mich eine Weile begleiten, weil sie gerade genau zu mir und den Momenten im Leben passen. So erging es mir in dieser Woche mit dem Thema zur Handpan. Wer hat's erfunden? Die Schweizer... Ich lasse die Tage an mir vorüber ziehen. Meine Bildschirmzeit habe ich gegen Spaziergänge am Meer eingetauscht. Meine Artikel schreibe ich unter anderem im Co-Working-Space, das offiziell eigentlich ein Restaurant ist, tagsüber aber als Co-Working-Platz benutzt wird. Ich treffe nicht nur Menschen, die etwas ähnliches tun wie ich, sondern auch Menschen, die so sind und etwas haben, von dem ich gerne ein bisschen mehr hätte. Ich bin in der glücklichen Lage, einen Jogalehrer gefunden zu haben, bei dem jeder Tag anders sein darf und die Dinge um uns herum und wir selbst wahrgenommen, aber nicht bewertet werden. Während ich beim Schreiben sitze und die wenigen vorbeigehenden Menschen beobachte, kommt ein Mann vorbei, der für mich die Freiheit verkörperte. Er hatte lange blonde Haare, einen langen blonden Bart, lief barfuß in Sandalen und war mit einer Shorts bekleidet. Der kräftige Wind zerzauste sein Haar und er unterhielt sich mit seinem Bekannten, der mit seinen langen Schritten kaum mithalten konnte. Dieser Unbekannte war auf sich und das Gespräch konzentriert und ließ sich weder vom Wind irritieren noch interessierte ihn, was rechts und links von ihm in dem Moment passierte. Er war bei sich und dem Gespräch und in diesem Moment dachte ich "so müsste es eigentlich immer sein". Jeder lebt wie er möchte, zieht an was er will, tut was er will und mit wem er will und geht seiner Wege, und alles ist friedlich. Als Regeln gibt es die zehn Gebote und gut ist. Dass das so nicht funktioniert, ist mir schon klar, aber die gesellschaftlichen, religiösen und politischen Zwänge vermisse ich im Moment nicht. Ich fange an, mich über alternative Lebensformen zu informieren, und in diesem Flow landet das Thema Handpan auf meinem Tisch. Im Jahr 2000 wurde von den Schweizern Felix Rohner und Sabine Schärer in Bern ein neues Instrument erfunden: Das Hang. Die Nachfrage nach dem Instrument wurde so groß, dass auch andere Instrumentenbauer das Hang nachbauten. Allerdings ist Hang eine Marke. Die Instrumentengruppe heißt Handpan. Und diese wiederum gilt es zu unterscheiden von einer Hang-Drum und von einer Steel-Drum. Eine Steel-Drum ist vor allem aus der Karibik bekannt. In einen Kessel werden Klangfelder eingehämmert, die mit der Hand oder mit Sticks bespielt werden. Eine Handpan entspricht mehr oder weniger einer umgedrehten Steelpan. Und ein Hang ist die Mutter aller Handpans von der Firma PANArt. Abgeleitet von der Steelpan besteht die Handpan aus zwei Schalen aus Stahl, die am Rand zu einem Instrument zusammen gefügt werden. Es erinnert ein bißchen an einen Wok mit Deckel. In die obere Hälfte werden die sogenannten Klangfelder eingehämmert. Ganz oben findet sich der Bass als tiefster Instrumententon, der von den Musikern als "Ding" bezeichnet wird. Die Klangfelder entsprechen einer Skala mit Tönen, die aus einer bestimmten Tonart entnommen sind. Meistens sind es Molltonarten. D-Moll ist besonders beliebt oder D-Amara als keltische Molltonart. Man kann mit diesen Handpans jedoch weder chromatisch noch komplette Tonleitern spielen. Die Handpan wird mit dem Daumen, dem Daumenballen, den Fingern oder der Hand gespielt. Zwar gehört dieses moderne Instrument zu den Percussioninstrumenten, ist jedoch keine Trommel. Man spielt mit der Handpan Melodien, die vor allem bei Joga und Meditation beliebt sind. Aber damit ist die Vielfalt des Instruments noch lange nicht ausgereizt. Inzwischen findet sich die Handpan auch als Remix in der Elektro- und Dance-Musik wieder und passt, wie ich finde, auch da ganz gut hinein. Lässt man sich eine Handpan individuell anfertigen, dann kann man übrigens die Töne der Klangfelder selbst bestimmen. Für so ein Instrument zahlt man aber auch einige tausend Euro. Günstiger ist eine sogenannte Hang-Drum, die auf Deutsch Stahlzungentrommel heißt. Die Oberfläche der oberen Schale umfasst auch die Klangfelder, allerdings sind diese als Zungen in das Metall geschnitten. Sie können maschinell gefertigt werden und sind daher um einiges günstiger. Allerdings erreichen sie bei Weitem nicht die Klangqualität einer Handpan und werden häufig mit Schlägeln gespielt. Eine Handpan kann mit anderen Handpans gemeinsam spielen, und ich entdecke ein großartiges Duo, Hang Massive, im Internet. Möchte man mit einer anderen Instrumentenart zusammen spielen, dann muss sich das andere Instrument stimmen lassen, denn eine Handpan kann man nicht stimmen. Handpan und Klavier wird daher meistens schwierig. Ich poste von Hang Massive ein Video in Facebook und erhalte viele Herzchen dafür von einer Freundin aus Alexandria, die ich jedoch auch aus Dahab kenne. Sie fragt mich, ob ich das schon mal probiert hätte, und leider muss ich das verneinen. Auf meine Nachfrage, wo ich denn eine Handpan in Ägypten finden könne, erhalte ich die frustrierende Nachricht "gar nicht". Nachdem ich das nicht so recht glauben möchte, mache ich mich auf die Suche. Sherif Elmoghazy ist ägyptischer Handpan-Spieler Leider muss ich feststellen, dass meine Bekannte Recht behalten sollte, aber ich treffe auf Sherif Elmoghazy. Nachdem er derzeit in Australien lebt, habe ich zumindest die Möglichkeit, über Facebook mit ihm zu sprechen. Er bestätigt, was ich nach einigen Recherchen vermutet habe. Man kann - außer über Amazon - keine Handpan in und aus Ägypten bekommen. Ein wenig wundert mich das, denn Handwerkskunst hat in Ägypten Tradition, auch wenn viele Chinakopien den Markt immer noch erobern. Ägyptische Lampen werden beispielsweise mit filigranen Mustern aus Metall geschnitten und gehämmert, und die großen runde Tischplatten aus Messing mit gehämmerten Motiven sind wahre Handwerkskunst. Da müsse es doch auch möglich sein, dass Ägypter Handpans hämmern, überlege ich. Sherifs Haltung dazu ist ganz deutlich. Handwerklich könne das grundsätzlich schon in Ägypten hergestellt werden. Allerdings dauere es Jahre, bis jemand Meister darin wäre, die Instrumente so zu hämmern, dass sie wirklich astrein gestimmt sind. Kommerzielle Handpans aus Bali oder die Billigdinger aus Amazon, die würden lediglich wie Handpans aussehen, aber nicht so klingen. Wolle jemand in Ägypten Handpans herstellen, so könne er das nur von jemandem lernen, der bereits manuell hochwertige Instrumente herstellt und auch stimmen könne. Ich frage Sherif, ob eine Handpan überhaupt zu Ägypten passen würde, zu den Menschen, der Kultur und ihrer Musik. Nachdem er mir erzählt, dass Handpan-Musik sehr facettenreich sei und vor allem in Entspannungs- und Meditationsmusik ihren Platz gefunde habe, beginnt er von sich zu schildern. Er spiele mit der Handpan sogar westliche Musik oder Rockmusik. Aber es wäre auch möglich, Handpans mit einer arabischen Skala, der Hijaz zu bekommen. Damit klinge die Handpan wie ein Nomadeninstrument. Er selbst habe viel experimentiert. Er sei zu 110% Ägypter, auch, wenn er gerade in Australien lebe. Er habe ägyptische Rhythmen und Melodien im Blut. Er spielt Handpan seit 2012, und nachdem das Instrument damals noch neu war, und ihn niemand unterrichten konnte, hat er sich selbst auf die Entdeckungsreise gemacht. Inzwischen, so sei er sicher, ist es ihm gelungen, eine Handpan Arabisch sprechen zu lassen. Auch mit Sufi-Musik hat er die Handpan kombiniert und schickt mir zwei Videos seiner Handpan-Performances. Dass Sherif zehn Jahre in Dahab gelebt hat, ist nur noch das i-Tüpfelchen, das die Begegnung mit dem Thema Handpan und Sherif perfekt macht.

Grüne Flossen und Geistertaucher

Grüne Flossen und Geistertaucher

Ein bisschen unheimlich klang das zwar schon, was Hesham mir auf der Fahrt nach Dahab im Bus erzählte, aber zugegebener Maßen hatte das mit Geistern natürlich nichts zu tun. Vielmehr geht es um umweltbewusstes Tauchen, Müll in den Meeren und Aktionen der Scuba Seekers in Dahab. Nachdem ich beim Clean-Up-Day im letzten Sommer in Alexandria bereits dabei war, wollte ich das Thema aufgreifen, bekam den Kontakt zu den Scuba Seekers und durfte den wöchentlichen Clean-Up-Dive begleiten. Leider ging das noch nicht unter Wasser, der Taucharzt muss erst sein ok geben, aber ich bin ja auch noch eine Weile hier. Kyle Power stellt mir freundlicherweise sein Unterwasser-Video zur Verfügung, so dass ich dann doch einen entsprechenden Einblick in die Müllsammelaktion unter Wasser geben kann. So wirklich aufgeregt war ich für letzten Montag eigentlich nicht, denn ich dachte, ach, was wird das schon anderes sein, als Müll sammeln anstatt am Strand dann eben im Meer. Ich wurde positiv überrascht. In verlorenen Fischernetzen sterben noch immer Fische Gegen halb neun treffe ich mich mit Kristen Sarra, die bei den Scuba Seekers in Dahab die Clean-Up-Dives verantwortet. Die Überraschung ist groß, denn wir kennen uns von Begegnungen aus dem letzten Sommer. Während Kristen noch einige Vorbereitungen trifft, lerne ich Kim kennen. Kim und Sameh leiten die Tauchbasis und Kim erzählt, wie es zu den geheimnisvollen Ghostidives kam. In Asien wurde ihr beim Wrack-Tauchen das erste Mal bewusst, welchen Schaden verlorene Fischernetze im Meer immer noch anrichten können. Sie erzählt, dass sich ein etwa 6 m breites Netz im alten Wrack verfangen hatte und in der Strömung wehte und dabei immer noch Fische in diesem Netz hingen blieben. Sie versuchten, die armen Tiere zu befreien, aber viel ausrichten konnten sie bei dem Tauchgang nicht. Mitte 2019 schlossen sich Sameh und Kim den Ghost-Dives an. Seit 2007 gibt es diese weltweite Initiative, die in Kooperation mit Umweltorganisationen vorrangig Fischernetze aus dem Wasser birgt. Vorsitzender und Gründer ist der Niederländer Pascal van Erp. Sameh erzählt, dass Pascal im April eventuell noch nach Dahab kommen wird. Sameh Sokar ist Koordinator der Ghost-Dives in Ägypten. Während die baltische See beispielsweise voll mit alten Fischernetzen sei, hätten sie rund um Dahab nur ungefähr 10 Netze gefunden. Einige alte Ankerleinen seien noch zu bergen und vor allem Reifen. Nördlich von Dahab, bei Assala, hätten um die 50 Autoreifen im Meer gelegen, 35 haben sie bereits heraufgeholt. Ursprünglich dachte man, in Autoreifen könne neues Leben entstehen, quasi als Spielplatz für Fische, der irgendwann mit Korallen überwachsen wäre. Und tatsächlich ist dieses auch bei vielen Autoreifen passiert. Inzwischen weiss man aber, dass Autoreifen nach und nach giftige Stoffe abgeben, die der Umwelt schaden können. Die bereits bewachsenen und belebten Reifen auf dem Meeresgrund lässt man aber wo sie sind. 2 Ankerleinen, 2 große Traktorreifen und 15 Autoreifen stehen noch auf dem Projektplan der Taucher in Dahab, die als technische Taucher zertifiziert sein müssen. Ein Freizeitsportler darf als Fortgeschrittener nur bis zu 30 Metern tief tauchen, doch das reicht oft nicht aus. Dennoch kann man sich den Aktionen als Helfer anschließen, es werden immer helfende Hände auf den begleitenden Booten und unter Wasser benötigt. Die schweren Traktorreifen bekommt man auch nur geborgen, wenn man sie mit Luftkissen an die Oberfläche befördern kann. Clean-up-Dives sind bei den Scuba-Seekers immer montags Kurz nach den ersten Ghost-Dives in Ägypten begannen dann im Herbst 2019 auch die ersten Clean-Up-Dives bei den Scuba Seekers. Positiv überrascht bin ich, als Kristen mir ihre Dokumentation zeigt. Jeder Clean-Up-Tauchgang wird dokumentiert. Wie viele Taucher, wie viele Minuten und vor allem, wie viele und welche Art von Müll sie aus dem Meer holen. Gesammelt wird vor allem Plastik. Lebensmittelverpackungen, Flaschendeckel und Flaschendeckelsiegel, aber auch Dinge, von denen man eigentlich denkt, sie seien umweltverträglich. Beispielsweise sind sogenannte Pappbecher, die wegen Corona überall verwendet werden, gar nicht aus Pappe, sondern kunststoffbeschichtet. Im Meer lösen sich die Becher nicht auf, sondern landen auf dem Meeresboden. Dahab sollte eigentlich plastikfrei sein. Im letzten Mai bekam man in den Kiosken und Märkten einfache Gewebetaschen, anstatt Plastikbesteck und Styropor gab es Holzbesteck und Pappteller. Inzwischen hält sich kaum noch jemand daran und bekommt, wenn man nicht, so wie ich, mit einem Rucksack zum einkaufen geht und dabei belächelt wird, Plastiktüten. Diese und auch Chipstüten beispielsweise und alles was leicht ist, wird selten beim Müllsammeln unter Wasser gefunden. Der Wind weht alles über das Meer und Plastiktüten bleiben beispielsweise in der Bucht von Laguna hängen. In 2021 gab es bereits 8 Clean-Up-Dives mit Kristen und insgesamt 43 Tauchern mit 429 Tauchminuten. 4.798 Müllteile wurden gesammelt. Im Unterschied zu 2020 findet man derzeit so gut wie keine Mundstück-Sicherheitsriegel von Shisha-Schläuchen, denn Shisha ist wegen Corona in Ägypten verboten. Ansonsten hat sich nicht viel verändert, und Kristen erzählt, dass die Müllsammlerei manchmal ganz schön frustrierend sein kann. Vor allem, weil es zum einen am staatlichen Müllmanagement mangelt und bei den Leuten das Umweltbewusstsein einfach fehlt. Allerdings gibt es auch Hoffnung. Tauchzentren sollen in Ägypten standardmäßig umweltbewusst und nachhaltig arbeiten Die internationale Organisation "Green Fins" - grüne Flossen - erarbeitet einheitliche Richtlinien für das Tauchen und Schnorcheln, um die Korallenriffe und die Unterwasserwelt zu schützen. Dabei werden mitmachende Tauchzentren nicht nur alle 6 Monate überprüft und zertifiziert, sondern auch ausgebildet. Wohin mit alten Batterien und wie wird das Motoröl der Kompressoren für die Tauchflaschen entsorgt? Die Tauchzentren bekommen Checklisten, was sie verbessern können und ein halbes Jahr Zeit, das umzusetzen. Scuba Seekers waren in Dahab die ersten bei "Green Fins", H2O folgte. Lina, die Verantwortliche der "Green Fins" in Ägypten, arbeitet, so erzählt Kristen, für das Wassersport-Ministerium. Wenn auffällt, dass es keine Möglichkeit gibt, Batterien außer im Hausmüll fachgerecht zu entsorgen, dann kann sich die Regierung nicht mehr herausreden, sie hätten davon nichts gewusst. So ist man voller Hoffnung, dass das Müllmanagement für Dahab weiter verbessert werden wird. Kristen ist Archäologin und ihre Kollegin, Christina, Meeresbiologin. Gemeinsam geben sie Schulungen über das, was im Wasser lebt und beim Tauchen zu sehen ist. Einfach zu sagen, wirf den Müll nicht ins Meer, führe zu nichts, lerne ich. Wenn den Menschen jedoch bewusst wird, dass im Meer eine ganz eigene, schützenswerte Welt existiert, dann, so ist die Hoffnung, wird man auch von Land aus damit zukünftig achtsamer umgehen. Solange aber aus den Cafés von unbedarften oder auch unwilligen Gästen der Müll vom Tisch direkt ins Meer geworden wird, muss er auch wieder heraufgeholt werden. Und nach all den vielen Informationen geht es dann auch endlich los mit Vorbereitungen und Briefing. Überall zischt es aus den Beatmungsapparaten und es riecht nach nassem Gummi. Beim Briefing erfahren wir, was beim Müll sammeln unter Wasser wichtig ist. Jeder Taucher und eine Taucherin bekommen feinmaschige Netze, in denen Zigarettenkippen drinnen bleiben, Wasser aber abfließen kann. Auf keinen Fall soll der Meeresboden aufgewirbelt werden, weil dort Tiere leben. Von daher ist vorsichtiges und langsames Tauchen angesagt. Anfänger dürften sich mit dem Ausbalancieren unter Wasser und dem gleichzeitigen Sammeln etwas schwer tun. Gesucht wird vor allem nach Plastik und Zigarrettenresten. Tabakreste zu fressen bekommt den meisten Meeresbewohnern nicht, und je kleiner der Müll ist, desto eher wird er von Tieren verschluckt. Glasscherben soll man lieber liegen lassen, und wenn man Plastik findet, das für jemanden unter Wasser ein neues Zuhause wurde, dann nimmt man ihm das auch nicht wieder weg. Es wird noch kurz die Tauchrichtung und -tiefe erklärt, und dann werden Teams gebildet. Immer ein erfahrener Taucher mit einem weniger erfahrenen. Die Teams, die fertig sind, stapfen in ihrer Tauchermontur los Richtung Brücke, unter der der Einstieg in das Riff ist. Insgesamt sind es 10 Taucherinnen und Taucher, 3 Ägypter, 3 Deutsche, 1 Jordanier, 1 Kanadier, 1 Amerikaner und 1 Engländer, also ein internationales Team. Die Clean-Up-Dives sind kostenlos, lediglich, wenn man sich Equipment leihen muss, muss dafür eine Gebühr bezahlt werden. Insbesondere in Corona-Zeiten kann sich nicht jedes Tauchzentrum leisten, kostenlose Clean-Up-Dives durchzuführen. Für diejenigen Taucher:innen, die als Weltenbummler unterwegs und meistens knapp bei Kasse sind, sind Clean-Up-Dives eine gute Gelegenheit für kostenlose Tauchgänge. Ausgenutzt würde das jedoch nicht, bekomme ich bestätigt. Nach gut einer Stunde sind alle wieder da, und was sie mitgebracht haben, ist wirklich eklig. Als ich Kristen vom Clean-Up-Day in Alexandria berichtete fragte ich auch, was sie denn in Dahab mit dem gesammelten Müll machen. Die Ghost-Diving-Reifen werden im Activity-Haus in Dahab recycelt, den Müll aus dem Meer kann man nur noch wegwerfen in der Hoffnung, dass er nicht erneut im Meer landet. Abgesehen davon, dass alles durchweicht ist, können sich auch Bakterien in dem Müll unter Wasser angesammelt haben, erfahre ich. Jeder muss seinen eigenen Beutel sortieren. Getrennt wird nach Textilien, Essensverpackungen, Flaschen und Dosen, Flaschenversiegelungen, Zigarettenkippen, Glas und Restmüll. Wie viele Teile am 5.4. gesucht wurden, die Zahlen liegen mir noch nicht vor. Aber die Videodokumentation von Kyle Power zeigt eindrucksvoll, wie das Müllsammeln am Riff und auf der Seegraswiese unter Wasser aussieht und wie sortiert wird. Wer nächsten Montag dabei sein möchte, kann sich über Facebook oder über die Internetseite bei den Scuba Seekers melden. In der nächsten Zeit wird es leider keine Montage geben, an denen die freiwilligen Helfer unter Wasser mit leeren Händen zurückkommen. (c) Kyle Power | Facebook, Instagram: @discoverlifethroughmyeyes Scuba Seekers Dahab: www.scubaseekers.com