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Jasmin lernt nicht schwimmen

Jasmin lernt nicht schwimmen

Wer Gelegenheit hatte, mein freitags-Magazin zu lesen, der konnte bereits Jasmin kennenlernen. Die kleine Tochter unseres Hausmeisters. Sie geht in die dritte Klasse, wohnt mit ihrer Familie in den Angestelltenzimmern auf dem Dach unseres Hauses, einem ehemaligen britischen Hotel, und geht auf eine öffentliche, ägyptische Schule. Im Sommer fährt sie mit den Eltern zur Familie nach Assuan in den Süden des Landes. Stolz zeigte sie mir Fotos auf Papas Handy, auf denen sie in einem Boot sitzt und auf und im Nil spielt. Es stellte sich aber schnell heraus, dass weder Jasmin noch ihre älteren Schwestern oder ihre Mutter schwimmen können. Auch schaukeln oder turnen sind Dinge, die ihr fremd sind. Aber sie liebt Ballett, so wie die meisten kleinen Mädchen. Aber auch Ballettstunden kennt sie nicht. Mit ihrem neuen, pinken Badeanzug gehen wir in das Kinderbecken im Sportclub. Ins tiefe Wasser kann sie natürlich nicht. Ich spreche mit meinen Nachbarn, welche Möglichkeiten es gäbe, dass Jasmin schwimmen lernen kann. Meine Nachbarn haben einen Sohn, der etwas älter ist als Jasmin. Er hat im Nachbarclub, im Jugendclub auf Zamalek, schwimmen gelernt. Dort spielt er auch Fußball. Während der Gezira-Club der wohlhabenden Bevölkerung und ausländischen Mitgliedern vorbehalten ist und das über die Mitgliedspreise entsprechend gesteuert wird, steht der sogenannte Jugendclub einer breiteren Bevölkerungsschicht zur Verfügung. Mit einem Eintritt von 25,– ägyptischen Pfund, derzeit etwa 50 Cent, gibt es viele, die sich das doch ab und zu leisten können. Der Jugendclub ist vielleicht nicht ganz so schick wie der Gezira-Club, aber im Prinzip tun die Menschen in beiden Clubs das gleiche. Sie treiben Sport, sie treffen sich zum Smalltalk oder zum Kaffee und die Eltern fiebern mit, wenn ihre Kinder ein Turnier haben oder sich erstmals auf die Rollschuhbahn trauen. Der Platz des Gezira-Clubs wird größtenteils vom Golfplatz belegt, sodass Schwimmen, Tennis, Reiten, Turnen und Golf dort die vorrangigen Sportarten sind. Das Sportangebot im Jugendclub ist größer, denn einen Golfplatz gibt es dort nicht. Dafür aber eine Hockeymannschaft und ein Rehazentrum. Mein Nachbarjunge erklärt mir: „Da (im Rehazentrum) kannst Du trainieren wenn Dein Bein ab oder kaputt ist." Das Fußballtraining kostet mit zwei Trainings pro Woche monatlich 355,– Pfund, etwas mehr als 7,– Euro derzeit. Das Monatsticket für den Vater, um den Sohn jeweils zu begleiten, nochmal 205,– Pfund, etwa 4 Euro. In diesem Club hat mein Nachbarsjunge auch schwimmen gelernt und wir haben die Idee, dass Jasmin dort auch schwimmen lernen könne. Als ich ein Fußball-Match mit meinen Nachbarn mit anschaue, erkundigen wir uns im Schwimmbad. Kein Problem - vier Wochen Schwimmkurs, zwei Mal wöchentlich, kosten 350,– Pfund, 7,– Euro, das Ticket für eine Begleitperson 205,– Pfund. Jasmin würde gerne schwimmen lernen, und ich denke, ihr wäre egal, in welchem Club. Ich bitte meinen Nachbarn, Jasmins Vater anzurufen und ihm unsere Idee zu erklären. So von ägyptischem Vater zu ägyptischen Vater. Allerdings werden wir enttäuscht, denn Jasmin darf nicht schwimmen lernen. Es gäbe keine Begleitperson für Jasmin, weil die ältere Schwester jetzt in einem Shop arbeiten würde und außerdem möchte die Mutter es nicht. Für Jasmin tut mir das sehr leid, aber als Ausländerin darf ich mich da nicht einmischen. Allerdings ist auch mein Nachbar etwas frustriert. Er drückt aus, was sich auch in zahlreichen offiziellen Studien, unter Soziologen und in der Forschung bestätigt wurde - für die Entwicklung von Jasmin und ihren sozialen Aufstieg - immerhin möchte sie Muhandissa, Ingenieurin, werden - reichen gute Noten in der Schule nicht aus. Im Club, so mein Nachbar, könnte sie neue Freunde finden und sich in neuem sozialem Umfeld bewegen, neue Wörter und Begriffe lernen und Barrieren ihres eigenen sozialen Umfelds überwinden. Der Soziologe Pierre Bourdieu unterscheidet beispielsweise den Habitus der Notwendigkeit vom Habitus der Distinktion. Auf den Seiten der Bundeszentrale für politische Bildung erklärt Aladin El-Mafaalani, Professor für Soziologie, was damit gemeint ist: In prekären Lebensverhältnissen aufzuwachsen bedeutet zugespitzt, dauerhaft mit vielfältigen Knappheiten umgehen zu müssen, sowohl in Bezug auf materielle als auch immaterielle Ressourcen und Bedürfnisse: Mangel an Geld und Besitz, aber womöglich auch an sozialen Beziehungen, Fürsorge, Handlungsoptionen, Entwicklungsimpulsen und sozialer Anerkennung stellen die Betroffenen tagtäglich vor Herausforderungen, die sie oft nur situativ, also kurzfristig bewältigen können. Dabei müssen sie mit den wenigen vorhandenen Ressourcen möglichst viele Bedürfnisse befriedigen. Das kann nur gelingen, wenn sie abwägen, ob eine Handlung unmittelbar nutzenstiftend beziehungsweise auch notwendig ist. Kurzfristigkeit und Nutzenorientierung sind typische Merkmale dieses Handlungsmusters, das als Management von extremer Knappheit (El-Mafaalani 2014) oder – mit dem Soziologen Pierre Bourdieu (1987) gesprochen – als Habitus der Notwendigkeit bezeichnet werden kann. Der Habitus der Distinktion (Erhabenheit) wird von El-Mafaalani als „Mangement des Überflusses" bezeichnet. Kurz zusammengefasst: Wer sich nicht mit Alltagssorgen beschäftigen muss, kann langfristig denken und aus einer Fülle von Alternativen entscheiden. Zudem zeigt El-Mafaalani auf, was getan werden muss, um sich sozial weiter zu entwickeln: Die Änderung des Habitus. Dazu ist persönliche Entwicklung ebenso notwendig wie das sich Distanzieren von der sozialen Herkunft und das Wagnis, sich sozial zunächst im Ungewissen zu bewegen, weil die nächste soziale Stufe noch nicht erreicht wurde. Zur persönlichen Entwicklung und dem Distanzieren der sozialen Herkunft gehört eben auch, Barrieren zu überwinden und Neues zu lernen. Zu den Selbstverständlichkeiten einer höheren sozialen Schicht zählen dann beispielsweise Grundkenntnisse in Kunst und Musik oder auch Schwimmen mit dazu. Während El-Mafaalani im Wesentlichen auf das deutsche Bildungssystem und die Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen aus verschiedenen sozialen Herkünften eingeht, fühle ich mich an den Alltag in Ägypten erinnert. Tagtäglich ist hier zu beobachten, dass die meisten Menschen vorrangig damit beschäftigt sind, ihren Alltag zu meistern. Mit einer hohen Jugendarbeitslosigkeit, einer irren Inflation, einem Währungsverfall, einer prekären wirtschaftlichen Lage und einem niedrigen Bildungsniveau. Für Schwimmen, Kunst und Kultur haben viele einfach keine Kraft mehr. Auch dann nicht, wenn Veranstaltungen kostenlos sind oder der Schwimmkurs ein Geschenk zum Eid-Fest wäre. Für Jasmin bedeutet das nicht nur, dass sie sich im Pool derzeit immer noch nicht über Wasser halten kann. Es bedeutet auch, dass sie diese soziale Barriere weiterhin alleine meistern muss. Ein weiteres Hindernis wird, neben ihrer persönlichen Entwicklung, die Distanzierung ihrer sozialen Herkunft sein. Familie und soziales Umfeld haben hier in Ägypten einen noch viel höheren Stellenwert als in Deutschland. Und dass Jasmin kein Einzelfall ist, bestätigt eine Geschichte, die mir meine Freundin erzählte. In Sakkara, am Stadtrand Kairos, gab es in einem Dorf ein kluges Mädchen, das sehr gute Noten hatte. Die Schule empfahl, das Mädchen möge das Abitur machen und dann studieren. Nicht die Eltern, sondern die gesamte Dorfgemeinschaft hat sich jedoch dagegen entschieden und dafür gesorgt, dass das Mädchen zügig heiratet. Wenn Traditionen und Gewohnheiten nicht durch Überzeugung verändert werden, dann können sie nur dann durch neue ersetzt werden, wenn die alten Bräuche aussterben. Für Jasmin bedeutet das, dass sie so viel kennenlernen und lernen sollte wie möglich. Auch, wenn sie selbst nicht schwimmen lernen darf und vielleicht auch nicht studieren wird. Wenn sie selbst einmal Kinder hat, wird sie sich dann aber vielleicht daran erinnern, dass sie gerne schwimmen gelernt hätte und es ihren eigenen Kindern dann ermöglichen. Daher nehme ich sie gerne ab und zu weiterhin mit in den Club, gehe mit ihr in den Pool, lasse sie etwas Tennis spielen und wir gönnen uns einen Burger und ein Eis. Schade finde ich es aber trotzdem. Und stehe kopfschüttelnd und ratlos davor, wenn Schülerinnen und Schüler, denen die Eltern eine bessere Bildung dank Privatschule ermöglichen, nichts anderes im Sinn haben, als den ganzen Tag zu schreien, zu toben und zu lärmen anstatt ihre Chancen zu nutzen. Traurig ist, dass die Eltern dieser Kinder nicht verstanden haben, dass sie ihren Kindern damit viele soziale Barrieren erhalten und offene Türen nicht erkannt werden. Geld zu haben darf nämlich nicht mit sozialem Aufstieg verwechselt werden. Jasmins Vater ist kein armer Mann. Aber wie wichtig beispielsweise Schwimmen für Jasmin wäre, kann ich ihm leider nicht vermitteln.

Frühlingsgefühle

Frühlingsgefühle

Das Jahr hat turbulent gestartet. Mit zwei kühlen aber interessanten Monaten in München bzw. Deutschland und einem kläglichen Versuch, doch eventuell wieder in Kairo als Lehrerin zu arbeiten. Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass ich mit ganzem Herzen Journalistin bin und keine Lehrerin. Und auch, dass ich mutig genug bin, Dinge, die nicht passen, gehen zu lassen. So kann ich heute völlig entspannt in Kairo im Club in der Sonne mit meinem Laptop sitzen und meine Projekte verfolgen und neugierig sein, was als nächstes kommt. Das ist ein gutes und befreiendes Gefühl. In München, wo Mieten und Lebenshaltung natürlich nochmal ganz anders aussehen als hier in Kairo, dachte ich, ich müsse unbedingt den nächsten sicheren Job annehmen und dachte, Musik- und Grundschullehrerin an einer deutschen Schule in Kairo sei eine sinnvolle und gute Alternative. Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass diese Pasch-Schule nicht wirklich deutsch, sondern sehr ägyptisch war und ich mich überhaupt nicht wohl fühlte. Zudem habe ich das Schreiben so sehr vermisst. Erst dachte ich, dass ich nebenbei noch schreiben könne. Doch neben der Tatsache dass Schule früh beginnt und anstrengend ist, lassen einen die Themen auch den ganzen Tag nicht los. Schule rund um die Uhr. Von dem Moment an, von dem ich meine Sachen gepackt und die Schule verlassen hatte, fühlte ich mich wieder frei und erleichtert. Mit Menschen in Kontakt zu treten, auch beruflich, war plötzlich nicht nur einfach, sondern machte auch Spaß. Und die Welt um mich herum war wieder fröhlich und positiv und das Glas ist wieder halb voll. Die Ideen, worüber ich als nächstes schreiben könnte, sprudeln nur so, und auf meine persönlichen Ostergrüße hin bekomme ich positives Feedback und neue Motivation. Sehr neugierig bin ich, ob ich tatsächlich mit der FPA (Foreign Press Association Egypt) in den Jemen auf eine Pressereise gehen werde. Das wäre natürlich ein absolutes Highlight in diesem Frühjahr. Außerdem freue ich mich auf das Projekt "Journalismus macht Schule" an zwei Deutschen Auslandsschulen hier in Kairo sowie auf den Wacken Metal Battle am 3. Mai in Jeddah in Saudi Arabien. Noch ist Kairo etwas träge - bis Mitte April ist noch Ramadan und das Wetter ist noch wechselhaft. Wolken und Wind wechseln sich ab. Ich aber bin schon in Frühlingslaune und lasse es mir gut gehen.

#freitags Magazin | Special Edition

#freitags Magazin | Special Edition

Best of der #freitags Kolumne aus 2020 – 2023 jetzt im neuen # freitags Magazin Kairo zu Coronazeiten sowie das Beste aus Kultur und Gesellschaft Inklusive des neuen Beitrags „Krise Krieg Kultur" aus Februar 2024 Von persönlichen Gegebenheiten zu einem besseren Verständnis Ägyptens und des Nahen Ostens. 48 Seiten in Farbe mit vielen Fotos. Jetzt bestellen und als pdf herunterladen (auf das Bild klicken) oder diesem -> Link folgen: Hier ist eine Online-Vorschau:

Krise • Krieg • Kultur

Krise • Krieg • Kultur

Ägypten zwischen Kulturherbst und Konfliktbewältigung Seit Juli 2023 fällt in Ägypten täglich der Strom aus, in Downtown Kairo nachmittags zur besten Arbeits- und Tageszeit von 15 – 16 Uhr. Weil der Stromausfall nicht immer pünktlich startet, mal zehn Minuten vor oder nach drei, wird der Betrieb elektrischer Geräte oft unerwartet unterbrochen.    Eines Tages passierte es, dass ich vom lossprudelnden Wasserkocher aus dem Mittagsschlaf geweckt wurde. Es war mir nicht gelungen, das Teewasser rechtzeitig vor dem Stromausfall zu erhitzen. Nachdem der Strom wieder da war, sprangen auch alle elektrischen Geräte wieder an, und der Wasserkocher tat seinen Dienst. So, dachte ich im Moment des Aufwachens, muss es bei Dornröschen gewesen sein. Plötzlich erwacht alles aus der Starre und geht seinen gewohnten Gang. Seitdem nennt mich mein Kollege und Nachbar liebevoll Stromröschen.   Was wie ein Märchen anmutet, ist eine der vielen bitteren Wahrheiten, mit denen die Ägypter seit vielen Monaten konfrontiert werden. Der Nahost-Konflikt trifft Ägypten in einer desolaten Lage, und seitdem hat sich die Situation noch verschärft. Er wird jedoch politisch geschickt genutzt, um von den eigenen Problemen des Landes abzulenken. Jetzt im #freitags Magazin lesen (auf die Vorschau klicken)

Herausforderung Winter-Gemüsekiste

Herausforderung Winter-Gemüsekiste

München im Winter bietet nach mehr als zehn Jahren Kairo zahlreiche Herausforderungen: Handschuhe, Strumpfhosen, Schnee, Ladenöffnungszeiten, Feiertage und mehr. Die bisherigen Deutschland-Aufenthalte haben sich eher nach Tourismus angefühlt. Diesmal ist es anders. Ich schaue mir München an, um herauszufinden, ob ich hier zukünftig wieder - zumindest teilweise - leben und arbeiten möchte. Und in den letzten zehn Jahren hat sich viel verändert. Dennoch bietet München einen Luxus, den ich zukünftig auch nicht mehr missen möchte. Ich schlendere durch die Stadt und die Kaufhäuser und denke an Kairo. Wie auch in der Vergangenheit auch schießt mir immer wieder ein Gedanke durch den Kopf: „Wenn Ihr wüsstet, was Ihr alles nicht habt." Ob man das alles benötigt, sei dahingestellt. Aber ich kann mir hier selbst aussuchen, ob ich davon etwas haben möchte oder nicht. Und bin nicht darauf angewiesen, zu nehmen, was ich bekomme. Zum Thema Ernährung habe ich mich für das sogenannte „Clean Eating" entschieden. Essen ohne Konservierungsstoffe, ohne Weißmehl und raffinierten Zucker und möglichst keine verarbeiteten Lebensmittel - und wenn, dann Bio. Käse zum Beispiel. Das ist aufwendig, schmeckt aber und tut hoffentlich der Figur und der Gesundheit gut. Im Gespräch mit meiner Mitbewohnerin haben wir uns dann für eine wöchentliche Gemüsekiste entschieden. Die Idee hat mir schon immer gefallen, und ich frage mich, warum ich die in Kairo nicht bekomme. Bio und regional sollte sie sein und ausreichend für zwei Personen. Gesagt, getan, online bestellt und bezahlt, und heute kam die Obst- und Gemüsekiste an. In der Winter-Gemüsekiste sind viele Knollen und Wurzeln Und sie ist tatsächlich sehr regional und sehr winterlich. Als einziges Obst gibt es Äpfel. Klar, Bananen sind in München nicht regional. Viele Knollen in allen möglichen Farben. Gelbe Beete - noch nie gehört. Schwarzer Rettich. Hokkaidokürbis, puh, den kenne ich. Chicorée auch, Sellerie, Kartoffeln, Weißkohl und Karotten auch. So, und nun? Da stehen wir nun mit vielen Knollen und haben den Gedanken, dass sich so die Menschen vor der Globalisierung im Winter ernährt haben. Heute gab es - noch vor der Lieferung der Gemüsekiste - eine Karotten-Ingwer-Kokos-Suppe. Es hindert uns ja niemand daran, Gewürze und weitere Zutaten im Super- oder Biomarkt ergänzend zu erstehen. Also, Kartoffeln und Karotten werden gegessen, die Äpfel sowieso. Äpfel gehören zwischendurch zum Tag dazu und kommen auch ins Müsli. Gelbe Beete sollen so schmecken wie Rote Beete - ok, dann lieber nicht. Sellerie kommt in die Kohlsuppe. Ach, das wird eine spannende Woche. Für Gemüsekisten-Anfänger wie mich gibt es ein Begleitheft Das Begleitheft informiert nicht nur über das saisonale Obst und Gemüse das zur Verfügung steht. Zudem gibt es Rezepte und Lagerungstipps, damit sich alles möglichst auch die ganze Woche hält. Aber was bitte macht man nun mit Schwarzem Rettich? Man kann ihn zur Brotzeit dazu essen, nur gibt es ja derzeit für mich keine Wurst. Aus Schwarzem Rettich kann man aber auch Salat machen. Mit Joghurtsauce, Zwiebeln und Gewürzen, etwas Süße wie Honig und Orangensaft. Und das war richtig lecker. Empfohlen wird dazu eine Scheibe Bauernbrot mit dick Butter darauf. Das war leider nicht im Haus. Ich bin neugierig, was wir aus der Gemüsekiste alles zaubern werden und wie die Kiste in der nächsten Woche bestückt sein wird.

Oh! Marzipan!

Oh! Marzipan!

München meint es gut mit mir und heißt mich mit klarem Wetter, blauem Himmel und Sonnenschein willkommen. Der Flug hatte, wie üblich, Verspätung. Der Egyptair-Flug MS787 war in den letzten zehn Jahren, wenn ich damit flog, nicht einmal pünktlich. Wenn man weiß, dass man ein Flugzeug noch ent- und wieder beladen und außerdem reinigen muss - kann man das nicht rechtzeitig mit einplanen? Und die Lounges in Kairo sind, verglichen mit deutschen Flughafen-Lounges, ein Witz. Mini-Buffet, kalt, Plastikgeschirr und Plastikbecher. Und wie üblich überall Lärm. Im Flugzeug hatte ich aber einen sehr angenehmen und interessanten Sitznachbarn, und wir sind gut gelandet. Beim Anflug auf München ist mir als erstes aufgefallen, wie viele Dächer mit Solarpanels ausgestattet sind. Und das in einem nicht immer von Sonne verwöhnten Land. Tja, denke ich und an die Stromausfälle in Kairo. Man liest ja regelmäßig in den Medien über die Unfähigkeit der Deutschen Bahn. Und als wären wir im schlechten Film - als wir ankamen fuhr der Terminal-Zug nicht. Wir konnten auch nicht den Bahnsteig wechseln, denn wir waren in dem Mittelteil gefangen zwischen den Gleisen. Nur mit Mitarbeiter-Karte hätten wir auf einen anderen Bahnsteig gelangen können. Man schickte uns mit dem Aufzug hinauf. Und dann mit dem Aufzug wieder hinunter. "Das geht ja gut los", dachte ich. Irgendwann kam dann der Terminal-Zug, und das Gepäck war sowieso noch nicht da. Eigentlich sollte Priority-Gepäck doch auch als erstes ausgeladen werden, dem war aber nicht so. Die S-Bahn hatte, wer hätte es anders erwartet, Verspätung, und in den Zug, der dann kam, durften wir nicht einsteigen. Ich bin aber gut in meinem München-Zuhause angekommen und musste mich erstmal bewegen. Also bin ich durch die kalte Winterluft eine Runde gegangen, Friseurtermin vereinbaren und zum Supermarkt. Es war verhältnismäßig voll, klar Freitagabend vor den Feiertagen zum Jahreswechsel, aber es ging noch. Dinkelbrötchen und Vollkornbrötchen gekauft, vier Stück für fast vier Euro, Dinkelbrot fast fünf Euro. Und eine Flasche Radler. Und Lätta und Käseaufschnitt. Die Preise sind schon heftig, und ich schaue genau, was ich mir leiste. Aber dank der hauseigenen Marke kann man dann doch noch halbwegs günstig einkaufen. Und bekommt dafür auch Qualität. Obst und Gemüse ist wesentlich teurer als in Kairo, aber dafür ist nichts zermatscht, angedetscht oder schon halb welk. Dafür kostet ein Kilo Tomaten oder Zucchini über drei Euro. Die Preise für Avocados oder Mangos habe ich mri gar nicht erst angesehen. Die Auswahl ist selbst in einem normalen Supermarkt immens, auch im Vergleich zu den guten Supermarktketten Seoudi und Metro in Kairo. Besonders fällt mir auf, dass es viele vegane und glutenfreie Lebensmittel gibt sowie Bio- und Vollkornprodukte und Alternativen zu Weizen mit beispielsweise Hafer- oder Dinkelnudeln. Und eine riesige Auswahl an Getränken, auch mit Alkohol. Von all dem können wir in Kairo nur träumen, wenngleich die großen Supermarktketten wie Spinneys alles bieten, was zum Leben notwendig ist. Bio, Vollkorn, vegan, glutenfrei dann aber eher nicht. Ist das ein Luxusproblem? Mir geht es besser, wenn ich anstatt Weizen Dinkel oder Hafer esse und genieße es. Geärgert habe ich mich aber über den sogenannten Naturjoghurt von Weihenstephan. Als Verbraucherjournalistin schaue ich bei den meisten Lebensmitteln, was drin ist. Und im Naturjoghurt ist Zucker. 6,6 g auf 100 g Joghurt. Und das finde ich schon fast frech. Denn Natur ist der Joghurt damit ja nicht mehr. Aber gut. Den habe ich dann stehen gelassen. Ich schlendere so durch die Gänge und entdecke einen Stand mit Sonderangeboten. Weihnachtsschokoladen, reduziert um 50 %. Neben mir steht eine Dame und schaut sich ebenfalls das Angebot an, während ich völlig verzückt ausrufe "Oooohhhhh! Marzipan!!!". Ich weiß nicht, wie viele Jahre es her ist, dass ich Marzipan gegessen habe, und ich hatte auch Marzipan gar nicht mehr aktuell in Erinnerung. Die Frau neben mir schaut mich an und ich lache und entschuldige mich. Und erkläre, ich würde nicht in Deutschland wohnen und hätte so lange kein Marzipan gegessen. Die Dame war sehr freundlich und meinte, mir wäre die Freude anzumerken und um mich herum wäre ein Strahlen entstanden. Na dann. Beim heutigen Einkauf in den Arcaden in Pasing habe ich mich über so viele Luxusgeschäfte gefreut. Ein Laden für Tee und Papier oder Delikatessen als Geschenke und für belgische Schokolade. Besonders angenehm aber war es, alles in Ruhe anschauen zu können, ohne, wie in Kairo üblich, auf Schritt und Tritt verfolgt zu werden. Mir ist ebenfalls positiv aufgefallen, dass ich mich auf das verlassen kann, was angeschrieben steht. Wenn beim Juwelier Christ geschrieben steht, der Schmuck sei 925er Silber, dann weiß ich, dass dem auch so ist. Die Preise sind fix, aber ich weiß auch genau, was ich dafür bekomme. Das ganze Einkaufen war sehr entspannt, denn ich musste keine Sorge vor Scammern oder Abzocke haben. Im Douglas gab es Markenparfüm. Und zwar Originale. Kein Original-Fake. Es wurde dann Armani. Ohne Gepansche. Ich muss in Kairo auf nichts verzichten, was ich zum Leben benötige. Aber ich verzichte dort auf Auswahl, auf Qualität und auf entspanntes Bummeln. Deutschland ist nicht Lala-Land, und in München bekommt man nichts geschenkt. Aber ich genieße den Luxus, frei wählen und mich frei bewegen zu können in dem Sinne, dass hier nicht immer unterschwellig das Gefühl mitschwingt, betrogen oder ausgenutzt zu werden. Ich weiß, dass das in Kairo erstens etwas Kulturelles und zudem der Not der Menschen und der wirtschaftlichen Situation geschuldet ist. Aber es ist anstrengend, wesentlich anstrengender als hier.

Petition gegen Rechts

Petition gegen Rechts

Ich glaube an die Synchronizität des Lebens. Wer nicht weiß, was das ist, Julie Cameron "Der Weg des Künstlers" lesen. Was wir in die Welt senden, kommt zu uns zurück. Wie es in den Wald hineinschallt... den Spruch kennt jeder seit seiner Kindheit. Gestern erst hatte ich mir gewünscht, in 2024 möge wieder mehr Menschlichkeit herrschen, und siehe da, heute konnte ich dafür etwas tun. Ich habe die Ägypter, vor allem in den Jahren des arabischen Frühlings, lange beneidet. Dass sie etwas haben, wofür sie kämpfen können. Wofür sie auf die Straße gehen. Ich durfte da offiziell nicht mit, aber selbstverständlich waren wir Ausländer*innen auch dabei wann immer es möglich war. Und so eine Masse entwickelt schone eine eigene Dynamik, was es ja eben auch gefährlich macht. Nur waren die ägyptischen Revolutionen und Demonstrationen nicht meine. Solidarisch und eher ein Abenteuer im damals noch sehr fremden Land. Aber dafür sind sie eigentlich ja nicht da. Und zugegebenermaßen kann ich das eigentlich überhaupt nicht leiden. Charity-Tourismus zum Beispiel. In ein Entwicklungsland fahren und sich Kinderheime angucken. Ist das ein Zoo oder was? Ich rede nicht davon, dass sich jemand für Kinderheime engagiert und dort Spenden abgibt, sich mit den Kindern beschäftigt oder ähnlich. Als ich drei Monate in Brasilien war und für das Kinderdorf Tangua in der Nähe von Rio gearbeitet habe, da wurden mir die anderen Projekte auch vorgestellt. Aber nicht, um neugierig zu sein, sondern zu erfahren, welchen Umfang und welche Art das Sozialprojekt hat, dessen Teil ich für einige Zeit sein durfte. Nachdem hier in Kairo ein Auf-die-Straße gehen, sei es aus Solidarität zu den Menschen mit denen ich hier lebe oder um wirklich für oder gegen etwas zu stehen, derzeit eher unklug wäre, hatte ich immer das Gefühl, mir sind die Hände gebunden. Außer zu schreiben. Aber auch das lassen sie mich hier ja nicht so, wie ich das manchmal gerne möchte. Nach zehn Jahren ohne Lebensmittelpunkt in Deutschland wundere ich mich inzwischen in Deutschland über etliches. Erschreckend finde ich die Entwicklung, aus Protest rechts zu wählen. Wer die Demokratie nicht zu schätzen weiß, der kann gerne eine Zeit lang in Ägypten leben, wo ein Großteil der Bevölkerung - berechtigter- oder unberechtigterweise - Sorge hat, für seine Rechte einzustehen. Proteste gegen Stromausfall? Steigende Preise? Arbeitslosigkeit? Fehlende soziale Unterstützung? Überfüllte Schulen? Das Land nur auf dem Luftweg verlassen zu können und dafür ein Visum zu benötigen? Witze über Polizei oder Politik machen? Besser nicht. Stabilität und Ruhe im Land hat - wahrscheinlich aus Sicht derer, die das durchsetzen, auch berechtigt - oberste Priorität. Neben all den derzeit wirtschaftlichen Herausforderungen auch noch soziale Unruhe, ich weiß nicht, ob das dem Land helfen würde und wie Ägypten dann damit umgehen sollte. Klingt ein bißchen wie Chaos, und das hatten wir hier ja auch schon. Also zusammengefasst. Ich bin absolut gegen eine rechte Regierung und gegen diejenigen, welche diese ermöglichen wollen und können. Und die Demokratie und Meinungsfreiheit gefährden. Herr Wilders in den Niederlanden hat ja bereits verkündet, dass Budgets für Kunst und Kultur gestrichen und Muslime und Moscheen verboten werden sollen. Für den Fall, dass er regieren wird. Und der Fremdenhass, den die AfD in Deutschland schürt, finde ich auch unerträglich. Ja, Deutschland hat viele Probleme durch einen hohen Migrationsanteil. Aber meiner Meinung nach lässt sich dieser nur durch Kommunikation und Bildung lösen. Mit jedem Menschen, der beispielsweise aus einem orientalisch und/oder patriarchisch geprägten Land nach Deutschland kommt, tritt ein Kulturschock ein. Die Menschen hier leben anders, denken anders, lieben und streiten anders, haben andere Werte und einen anderen Tagesrhythmus. Vor allem, bei denjenigen Menschen mit niedrigem Bildungsstand, werden die dadurch entstehenden Probleme des Heimatlandes nach Deutschland mit immigriert. Das zeigt sich in Deutschland dann in Schulen, in der Gesellschaft, in der Politik. Denn die Menschen mit niedrigem Bildungsniveau wissen von Deutschland oft nicht mehr, als das, was sie auf TikTok sehen. Dem aber mit Hass zu begegnen und dadurch auch radikale Ansichten auf beiden Seiten zu forcieren, finde ich falsch. Während ich das so schreibe, denke ich, dass es in Deutschland für mich doch einiges zu tun, zu recherchieren und zu schreiben gibt, vor allem mit meinen zehn Jahren Erfahrung hier aus Kairo. Nachdem ich derzeit gegen Rechts aber nicht auf die Straße gehen kann, noch bin ich ja in Kairo, habe ich heute eine Petition unterschrieben. Und zwar Wehrhafte Demokratie: Höcke stoppen! Es haben bereits über 235.000 Menschen laut WeAct, der Petitionsplattform von Campact, unterzeichnet. Ich habe das beispielsweise mit einer E-Mail-Adresse über iCloud gemacht, die für solche Zwecke eine anonymisierte Mailadresse generiert. Für alle diejenigen, die nicht möchten, dass ihre bekannte E-Mail-Adresse in einer Petitionsliste steht. Mit mehr als 235.000 Unterschriften liegt diese Petition damit höher als die erfolgreichste Online-Petition des Jahres 2022. Jetzt kommt doch die Journalistin in mir wieder durch. Laut Statista war im Jahr 2022 mit 206.667 Unterschriften die Online-Petition "Gesundheitsreform für eine bessere Pflege zum Schutz der Pflegebedürftigen" die erfolgreichste. Die Petition gegen Herrn Höcke möchte 300.000 Unterschriften erreichen und fordert auf Stoppen Sie den Faschisten Björn Höcke:  Veranlassen Sie, dass die Bundesregierung beim Bundesverfassungsgericht einen Antrag auf Grundrechtsverwirkung nach Artikel 18 GG stellt. Was damit genau gemeint ist, wird auf der Petitionsseite inklusive Quellenangaben erläutert. Zusammengefasst soll, weil Herr Höcke nachweislich die Demokratie in Deutschland gefährdet, erreicht werden, dass Herr Höcke weder wählen noch gewählt werden darf. Im nächsten Jahr sind Landtagswahlen in Thüringen, und es gilt zu verhindern, dass Herr Höcke diese mit der AfD gewinnt. Nach der Abgabe meiner Online-Stimme erreichte mich folgende E-Mail der Initiatorin mit der Bitte, diese per Mail weiterzuleiten. Stattdessen veröffentliche ich diese gerne hier: Liebe Freund*innen, ich habe gerade die Petition 'Wehrhafte Demokratie: Höcke stoppen!' auf WeAct unterschrieben und würde mich sehr freuen, wenn ihr auch mitmacht. Je mehr Menschen die Petition unterstützen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie Erfolg hat. Hier könnt ihr mehr erfahren und unterzeichnen: https://weact.campact.de/petitions/wehrhafte-demokratie-hocke-stoppen?share=654a9d82-3612-4781-b1cb-41a1bdd813cf&source=copy_email&utm_medium=recommendation&utm_source=copy_email Vielen Dank! Monika

2023 kompakt - Regen und Lichtblicke

2023 kompakt - Regen und Lichtblicke

Die Koffer sind fast gepackt, und in zwei Tagen geht es auf nach München. Kairo hat es in den letzten Monaten nicht gut mit mir gemeint. Ok. Nicht nur gut. Und nicht nur nicht mit mir. Regelmäßige Stromausfälle mitten am Tag waren in der Hitze nicht nur anstrengend, sie stehlen einem auch wertvolle Arbeits- und Lebenszeit. Die wirtschaftliche Lage mit dem Verfall der Währung und den Preissteigerungen macht etwas mit den Menschen, und die Stimmung in Downtown Kairo hat sich merklich geändert. Die Menschen sind gereizter, und das sonst allgegenwärtige ma3lesh war nicht mehr ganz so präsent. Der Nahostkonflikt seit Anfang Oktober hat die Situation nochmal verschärft, aber es gibt seitdem wenigstens ein altes neues Feindbild, auf das man eigene Emotionen und Aggressionen abladen kann. Entsprechende Wut liegt überall in der Luft. Inzwischen wurde gewählt, und unterschwellig ist die Situation spannungsgeladen, denn man erwartet einen neuen Währungsverfall und neue Preissteigerungen. Ob Kairo ruhig bleiben wird in den nächsten Wochen und Monaten, werde ich immer mal wieder gefragt. Ich weiß es nicht. Die erste Jahreshälfte war geprägt von Regen, und es kommt mir so vor, als ob das gesamte Jahr irgendwie ins Wasser gefallen sei. Mental und wettertechnisch. München und Ostern verregnet, Tel-Aviv-Flug verweigert, neue Narbe im Gesicht, Wacken in Modder. Und dennoch. Es geht mir gut, und ich habe keinen objektiven Grund zur Klage. Vielmehr ist es die Grundstimmung, auch um mich herum, die mir immer wieder mal das Gefühl gibt, es sei Regenwetter in jeder Hinsicht. Dabei gab es auch Lichtblicke und trotz Regen zahlreiche positive Momente in 2023. Und die gilt es, in Erinnerung zu behalten. Mir ist aufgefallen, dass die Lichtblickmomente oft mit Musik und Kunst zu tun hatten und zudem mit den Menschen, denen ich begegnet durfte. Für 2024, das ich mit Freunden in München beginnen werde, bin ich motiviert. Ich habe neue Projekte auf der Agenda und freue mich auf neue Begegnungen. Und hoffe darauf, dass sich die Konflikte beruhigen und die Menschen wieder etwas menschlicher werden und das dann in diesem Leben auch wieder etwas zählt. Hier einige Lichtblicke aus 2023:

Vorleben und die Klappe halten

Vorleben und die Klappe halten

Taschenbuch, 300 Seiten Juni 2019 Family & Friends Edition​ Stellen Sie sich vor, wir kennen uns schon eine Weile. Beispielsweise, weil wir gemeinsam im Orchester ge­spielt haben oder Kollegen waren. Und als mein Weg mich nach Kairo geführt hat, wollten wir in Kontakt blei­ben. Seit gut sieben Jahren erzähle ich in meinem Blog von meinen Erlebnissen in Kairo. Ich recherchiere nicht, ich analysiere wenig, ich denke nach und erzähle. Ich erzähle das, was ich in den jeweili­gen Momenten in Kairo erlebt habe und vor allem, was es mit mir macht. Mit mir, und manchmal auch mit den Menschen um mich herum. Tauchen Sie ein in die faszinierende Welt Kairos. Bei -> epubli  sowie bei -> Amazon , Hugendubel u.a. und per ISBN bestellbar in jedem BuchladenISBN: 9783748555780​​ weitere Informationen und aktuelle QR-Codes des Buches hier: Buch

Die KI ist heute sehr geschwätzig

Die KI ist heute sehr geschwätzig

Nicht nur in den Medien, auch im Co-Working, in der Consoleya in Downtown Kairo, ist KI, künstliche Intelligenz, oder AI, artificial intelligence, ein Thema. Die jungen Menschen um mich herum sind häufig Programmierer, und wenn ich sie frage, was sie denn arbeiten, dann lautet die Antwort häufig: "Ich erstelle eine Schnittstelle von einer KI zu unserem Unternehmen." Auch an meiner Arbeit geht das Thema KI nicht spurlos vorbei, sodass ich heute ein wenig Licht ins Dunkel bringen möchte. Ganz praxisnah berichte ich aus meinem Alltag als Journalistin und aus dem Bereich der Content-Erstellung, die ab und zu anfällt - in Zusammenarbeit mit einer sogenannten künstlichen Intelligenz. So ganz neu ist das Thema künstliche Intelligenz eigentlich gar nicht. Wer bereits einmal versucht hat, mit einem Mobilfunkanbieter oder einem Reisevermittler zu chatten, der wird vielleicht festgestellt haben, dass der Chat nicht persönlich beantwortet wird. Solche Chatbots werden bereits seit 1960 entwickelt, wurden aber erst etwa ab dem Jahr 2010 bekannt, als Siri und Alexa in unser Leben traten. Computergestützte Anwendungen funktionieren in der Regel so, dass sie auf eine Datenbank mit Informationen zugreifen, und auf Aufforderung, entweder durch einen Sprachbefehl, einen Chat-Text oder einen Prompt, wie die Arbeitsaufforderungen bei ChatGPT heißen, die gewünschte Information ausgeben. Besonders gängig sind neben Chat-Bots unter anderem Übersetzungsprogramme im Internet oder als App. Auch ChatGPT macht im Wesentlichen nichts anderes, als auf eine Datenbank zuzugreifen und gewünschte Informationen auszugeben. Das Neue an ChatGPT sind jedoch zwei Dinge. Zum einen steht ChatGPT der Öffentlichkeit zur Verfügung und kann ohne Programmierung wie eine Suchmaschine bedient werden. Zudem kann ChatGPT Texte verfassen, die so klingen, als wären sie von Menschen geschrieben. Angeblich. Und dann kann ChatGPT Feedback aufnehmen uns sich merken, beispielsweise wenn man das Programm mit einem Daumen hoch für einen guten Text lobt oder mit Daumen runter kritisiert. Es ist auch möglich, einen Kommentar zur Qualität des Textes als Feedback zu verfassen. Der größte Sprach-Bot neben ChatGPT ist Bing Der Unterschied zwischen beiden liegt nicht nur beim Inhaber. ChatGPT ist eine OpenSource-Plattform OpenAI, Bing gehört Microsoft. Der Unterschied zwischen beiden Modellen liegt darin, dass Bing direkt auf das Internet zugreift, während ChatGPT die Oberfläche einer riesigen Datenbank ist. ChatGPT wird das aber ändern und kooperiert zukünftig mit Bing. Damit ist es dann auch möglich, mit Chat GPT aktuelle Daten zu erhalten. Bislang geht das nur über einen Umweg. Frage ich ChatGPT zu Informationen über die Krönung von Prinz Charles, dann bekomme ich folgende Antwort: Beim ChatGPT-Seminar des Deutschen Journalistenverbandes wurde zudem erwähnt, dass es bei der Datenbankpflege von OpenAI in punkto Menschenrechte nicht immer ganz ordentlich zuginge. Im Internet finden sich Berichte, unter anderem basierend auf Recherchen der Times, dass unterbezahlte Kenianer brutale Internetinhalte für ChatGPT filtern müssten. So intelligent, dass das System von alleine lernt, ist es nämlich nicht. Es kann immer nur das, was in der Datenbank vorhanden ist. Abgesehen davon, dass derzeit ChatGPT nicht auf dem aktuellen Stand der Dinge ist, kann es wahr von falsch nicht unterscheiden. Und diesen Hinweis bekommt man auch immer dann, wenn man ChatGPT öffnet. Daher kommt es dann auch vor, dass ChatGPT von einem Thema gar keine Ahnung hat oder einfach Unsinn erzählt. Neben Chatprogrammen und Sprachsteuerung wird sogenannte KI für Übersetzungstools, Bildgenerierung, Antivirusprogramme und jede Menge Spaßprogramme verwendet. Für seriös halte ich KI-Programme dann, wenn sie über eine Schnittstelle in einem Unternehmen integriert sind, zum Beispiels als Chatbot für eine Reiseagentur. Als absolute Abzocke sehe ich Bild- und Spaßprogramme im Internet oder als App an, mit denen sich zwar lustige Bildchen gestalten lassen, die aber sofort neben einer Registrierung auch einer Zahlung bedürfen. Zu meinem Entsetzen wird eine KI-Software aber oft auch schon bei der Auswahl in einem Bewerbungsverfahren verwendet. Es gibt Screening-Software, die Lebensläufe auf bestimmte Keywords untersucht, beispielsweise wie "Bachelor" oder "Diplom". Sind diese Worte im Lebenslauf nicht enthalten, dann wird er gar nicht erst von einem menschlichen Wesen gelesen. Was für eine traurige Welt. So Firmen werden zukünftig dann auf künstliche Intelligenz etliche Aufgaben übertragen, und es wird eine immer größere Herausforderung für Verbraucher*innen und Leser*innen werden, um qualitativ hochwertig informiert zu werden. Glaubt man der Werbung, dann wird unser Leben demnächst von künstlicher Intelligenz gemanagt Wenn man derzeit jedoch tagtäglich mit einer sogenannten künstlichen Intelligenz zu tun hat, dann darf daran, zumindest zum derzeitigen Stand der Dinge, kräftig gezweifelt werden. Zum einen ist ChatGPT keine Suchmaschine. Im Zweifelsfall sind die gelieferten Informationen, auch, wenn sie in einem hübschen Text verpackt sind, schlichtweg falsch. ChatGPT kann nicht zwischen wahr und falsch unterscheiden. Für das Programm sind alle Informationen Daten, und das Programm rechnet mit den vorhandenen Daten ohne Bewertung. Und dann kommt es immer auf den Befehl an, den die KI erhält, und ob sie diesen auch versteht. Dafür gibt es inzwischen einen neuen Beruf, nämlich den eines Prompt-Redakteurs. Ein Prompt-Redakteur schreibt Befehle für künstliche Intelligenzen, damit die Ergebnisse, die daraus entstehen, dann auch wirklich intelligent sind. Dass sich die Suchergebnisse wirklich immer nur auf die Inhalte der Datenbank beziehen, wurde mir dieser Tage beim Chat mit einem Robot mit Vodafone Deutschland deutlich. Ich wollte wissen, wo ich bitte die PIN zu meinen Sprachnachrichten finde, wenn ich diese aus dem Ausland abhören möchte. Also frage ich: "Wo finde ich die PIN für meine Mobilbox?" Und werde darauf hin gefragt: "Benötigen Sie die PUK für Ihre SIM-Karte?" Der Chatbot hatte meine Anfrage mit einer verlorenen SIM-PIN assoziiert und wollte mir mit der Ensperr-PIN, der PUK, weiterhelfen. Selbst mein erneutes Nachfragen nach der PIN für die Sprachnachrichten brachte immer wieder das gleiche Ergebnis. Was aber kann denn die künstliche Intelligenz nun? Sie kann zum Beispiel Texte schreiben, Texte umschreiben, Themen vorschlagen. Prima, dachte ich. Ich hatte gelernt, dass man dem ChatGPT sagen kann, es solle sich vorstellen, es sei ein Verbraucherjournalist. Ich frage also ChatGPT folgendes: Du bist Verbraucherjournalist. Schreibe eine pfiffige Einleitung für einen Ratgeber zum Thema Kinderbett. Und die Antwort, die ich bekam, lautete wie folgt: Kinderbetten - die Schlafstätten, in denen Träume entstehen und Abenteuer wahr werden! Für Eltern ist die Wahl des richtigen Kinderbetts eine Entscheidung von großer Bedeutung. Schließlich soll es nicht nur gemütlich und sicher sein, sondern auch den kleinen Entdeckern den besten Start in die Welt des Schlafens ermöglichen. Aber keine Sorge, liebe Eltern! In diesem Ratgeber werden wir gemeinsam die geheimen Welten der Kinderbetten erkunden, von bequemen Matratzen über niedliche Designs bis hin zu praktischen Funktionen, die den Alltag erleichtern. Also schnallt euch an, denn es wird eine aufregende Reise durch die magische Welt der Kinderbetten! Der Informationsgehalt dieses Textes liegt bei Null. Ich korrigiere mich und verbessere meinen Prompt: Du bist Verbraucherjournalist. Schreibe eine sachliche Einleitung für einen Ratgeber zum Thema Kinderbett. Verwende dabei wichtige Kaufkriterien und schreibe nicht mehr als 100 Wörter. Und siehe an, was ich dann erhalte, ist gar nicht mal so schlecht: Ein Kinderbett ist ein wichtiger Bestandteil der Kinderzimmerausstattung, der sowohl Komfort als auch Sicherheit gewährleisten sollte. Bei der Auswahl des richtigen Kinderbetts sind verschiedene Kaufkriterien zu beachten, wie zum Beispiel die Größe des Betts, die Qualität der Matratze, die Stabilität des Rahmens und die Verwendung schadstofffreier Materialien. Dieser Ratgeber bietet einen Überblick über die wichtigsten Aspekte beim Kauf eines Kinderbetts, um Eltern bei der Entscheidung zu unterstützen und ihren Kindern einen sicheren und erholsamen Schlaf zu ermöglichen. Das zeigt, wie wichtig der Mensch ist, der dem System einen Befehl gibt. Eine künstliche Intelligenz ist derzeit oft nur so intelligent wie der Mensch, der sie nutzt. Dabei ist so eine KI manchmal trotzig wie ein kleines Kind und versteht das Wort "nicht", "ohne", "keine" oder "nein" beispielsweise nicht. Beim Umschreiben von Texten sollte die KI nicht werblich sein. Heraus kamen Texte wie "die überaus hohe Leistung des Produktes XY überraschte uns, und daher empfehlen wir dieses Produkt für ich-weiß-nicht-was-Enthusiasten." Mich hat ein Rasenmäher oder eine Küchenmaschine jedenfalls noch nie überrascht. Mit solchen Texten sind die KIs dann auch nicht kompetenter, als sogenannte Content-Writer, die oft nur angelernt sind und für ein paar Cent pro Wort Texte schreiben, bei denen sich die Nackenhaare aufstellen. "Dieses Produkt bietet enorm viele Vorteile, welche wenn Sie das Produkt nutzen entstehen. In unserem Ratgeber erklären wir Ihnen warum das Produkt besser ist wie andere und Sie finden genau das Produkt für ihre Bedürfnisse". Leider ist das Internet voll mit so einem Unsinn. Enorm viele Vorteile können konkretisiert und mit Zahlen unterfüttert werden. Es heißt immer noch besser als, und für welche Bedürfnisse soll ich ein Produkt denn sonst aussuchen, wenn nicht für mich. Ich wollte die Fragen einer meiner Ratgeber umschreiben lassen. Ich fand, ich hatte zu oft das Wort "welche" verwendet: Welche Arten von diesem Produkt gibt es, auf welche Ausstattung sollte man achten, und welche Tipps gibt es zur Verwendung dieses Produktes. Das hat ChatGPT einfach nicht kapiert, und bei jeder Textumschreibung kam immer noch das Wort "welche" vor. Trotzig wie ein kleines Kind. KI kann zum Erstellen von Content genutzt werden Um zu verstehen, wozu man eine KI halbwegs sinnvoll einsetzen kann, ist es wichtig zu verstehen, was ein Content-Writer und was ein Journalist tut. Content bedeutet Inhalt, und so könnte man meinen, Content-Writer sind alle, die irgendwas ins Internet stellen. Aber Content-Writer erhalten Informationen, beispielsweise von einem Hersteller zu einem Produkt, und bereiten diese Informationen für das Internet auf. Content-Writer schreiben beispielsweise Produktzusammenfassungen, Bildbeschreibungen oder Gebrauchsanweisungen. Wenn eine Produktbeschreibung nun nicht nur auf einer Internetseite, sondern auf mehreren erscheinen soll, wäre es blöd, wenn auf jeder Internetseite zu dem Rasenmäher 123 der gleiche Text stünde. Also kann eine KI den Text ja einfach ein paar Mal umschreiben. Allerdings muss man eine KI dabei ganz schön im Auge behalten und jeden Text manuell korrigieren. Ab und zu schreibt die KI dann nämlich plötzlich auf Englisch. Oder sie schreibt unter den Text: "Dieser Text wurde ganz ohne werbliche Ausdrücke erstellt". Brav. Will aber niemand lesen. Auch sind die Keywords, die in einem Text eventuell vorkommen, für den Leser wirklich nicht interessant und sollten nicht am Ende des Textes aufgelistet werden. Sieht dann komisch aus. Der Hinweis eines Kollegen, die KI sei heute sehr geschwätzig, bezog sich dann auf die Länge eines Textes. Ein Text mit bis zu 60 Wörtern wurde mit 170 Wörtern umgeschrieben, natürlich nur mit bla bla. Hier zur Unterhaltung einige nervige KI-Formulierungen, die einfach nur gestrichen gehören: Bei unserem Vergleich ist uns aufgefallen, dass die Dosierung möglicherweise nicht für jede Person ausreichend ist. (ach was, echt jetzt?) Das hat uns überrascht. (nö, ehrlich gesagt nicht) Unsere Beobachtungen zeigen, dass dieses Produkt für bestimmte Anwender von Interesse sein könnte. (das ist genauso sinnvoll wie "enorm viele Vorteile", außerdem beobachten wir nichts) Einziger Nachteil ist... (nun kommt eine eigene Ergänzung) (schön, dass der Leser nun die Nachteile selbst einsetzen darf) Journalisten sind keine Werbeabteilung für Politiker, Firmen oder Künstler Journalisten hingegen, sowohl Verbraucherjournalisten als auch politische Korrespondenten oder Kultur- oder Reisejournalisten, recherchieren, analysieren, ordnen ein und informieren sachlich. Als Verbaucherjournalistin schaue ich mir zum Beispiel nicht ein Produkt an, sondern mehr als zehn. Ich lese Ergebnisse der Stiftung Warentest und von Öko-Test und schaue Hersteller-Videos, wie man Bohrmaschinen verwendet. Manchmal frage ich auch Menschen, die sich damit auskennen, wie zum Beispiel eine Dekupiersäge genutzt wird. Dann ordne ich das ein und gebe sachliche Informationen. Ich bewerbe niemals bestimmte Produkte. Sondern schreibe zum Beispiel: "Wenn Sie einen Garten mit einer Rasenfläche von 1.000 qm haben, dann ist ein Rasenmäher mit einer Schnittbreite von über 50 cm eine gute Wahl. Möchten Sie zudem verhindern, dass Sie mit dem Rasenmäher über das Stromkabel fahren, dann bietet sich ein akkubetriebener Rasenmäher an". Ich sage nie, nimm den Rasenmäher von Hersteller A oder Hersteller B. Ich gebe aber den Hinweis, dass der Akku im Zweifelsfall mehrere Stunden durchhalten muss, weil es sonst inklusive Akkuladezeit drei Tage dauern kann, bis man mit dem Rasenmähen fertig ist. Etwas lapidar gesagt. Auch ein politischer Korrespondent macht im Wesentlichen nichts anderes. Er recherchiert und analysiert Informationen, ordnet diese ein und informiert. Content-Writer schreiben für bestimmte Firmen oder Produkte. Journalisten aber sind nicht die Marketing-Abteilung für Politiker oder Regierungen, Firmen oder Produkte, Künstler oder Veranstaltungen. Leider sind Computerprogramme wesentlich günstiger als Mitarbeiter. Das wird dazu führen, dass im Bereich der Werbung, der Social Media und der Content-Erstellung vermehrt KI eingesetzt wird. Je nachdem, wie sich die KIs entwickeln, kann das zum einen dazu führen, dass die Texte immer gleichtöniger werden. Dass Informationen nicht auf Wahrheitsgehalt überprüft werden und es noch mehr Fake-News geben wird. Und dass diese Informationen dann wild kommentiert und diskutiert werden, ohne, dass es eine sachliche Grundlage dafür gibt. Einige KIs können aber ganz schön kreativ sein und in Sekundenschnelle Ideen entwickeln, aus denen sich etwas machen lässt. Songtexte, Themenvorschläge, Formulierungen, Aufzählungen, Tabellen, Bewerbungstexte und mehr. Und das oft gar nicht so schlecht. Qualitativen, also gut recherchierten und sorgfältig geschriebenen oder in Bild und Ton aufbereiteten Journalismus wird, meiner Meinung nach aus heutiger Sicht, die KI so schnell nicht ersetzen können. Die KI ist nicht dabei, wenn ein Konzert gespielt wird. Sie erfasst keine Emotionen, die während eines Konzertes entstehen. Eine KI kann keine Emotionen. Sie führt auch keine Interviews, bei denen es auf die feinen menschlichen Nuancen, auf ein Stirnrunzeln oder ein verschmitztes Lächeln, ankommt. Und eine KI wird unser Leben nie beherrschen, wenn wir das nicht wollen. Denn eine KI ist ein Computer, und den kann man ausschalten und sich stattdessen mit echten Menschen unterhalten oder ein Stück spazieren gehen. Die Tipps für den Spaziergang gibt dazu aber gerne Alexa, Siri oder ChatGPT.

(K)ein Reisetagebuch

(K)ein Reisetagebuch

Ich bin eingeladen als Jurorin zum Wacken Metal Battle nach Tel Aviv. Dass die verantwortliche Organisatorin des Wacken Metal Battle für Middle East, meistens wohnhaft in Kairo, als Jurorin nach Tel Aviv in Israel fliegt, das ist politisch eigentlich nicht vorgesehen. Dank meines deutschen Passes ist es dennoch möglich, und somit wollten wir das politisch eigentlich Undenkbare möglich machen und mit der Musik ein Zeichen des Friedens und der Völkerverständigung setzen. Neben all dem Vergnügen, das wir uns für die Tage in Tel Aviv versprachen. Gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen aus Israel, Schweden, Österreich/Ungarn und Kaukasien/Türkei sollte ich in dem israelischen Finale des Metal Battles über die Gewinnerband mitentscheiden. Wir wollten aber am Freitag vorher nach Jerusalem und natürlich auch an den Strand in Tel Aviv und eine gute Zeit unter Promoter-Kollegen verbringen. Im Rahmen meiner Recherche über die Stadt und auch mit der Vorfreude auf Jerusalem wurde Tel Aviv in den letzten Wochen eine Art Sehnsuchtsort. So fuhr ich dann gestern am späten Vormittag gut gelaunt mit einem Fahrer durch Kairo und freute mich, dass alles wie immer im Mai so schön blüht. Ich war froh und auch dankbar, dass ich hier leben darf und unglaublich stolz, auch nach Tel Aviv eingeladen zu sein. Strahlend saß ich im Taxi, nichtsahnend, dass ich bereits nachts wieder zurück in Kairo sein würde. Ausnahmsweise werde ich über meine Reise nach Tel Aviv einmal das schreiben, was ich sonst nie schreibe - ein Reisetagebuch Reisetagebücher und -blogs gibt es bereits haufenweise im Internet, sodass ich eigentlich der Meinung bin, dass es nicht noch einen Reiseblog benötigt. Aufgrund der besonderen Situation, nämlich als verantwortliche Organisatorin des Metal Battles in Middle East in Israel als Jurorin dabei zu sein, wollte ich jedoch nicht nur über die Reise schreiben, sondern auch einen Blick hinter die Kulissen werfen. Musikalisch, organisatorisch, menschlich. Und postete aus dem Cafe des Terminal 1 in Kairo freudig über meine geplanten Notizen. Bis ich dort im Cafe saß, war es aber schon anstrengend. Das Terminal 1 ist der alte Flughafen von Kairo und wird vorrangig für Inlandsflüge genutzt. Es ist weniger schick und irgendwie sehr leer und kalt. Mir fiel bereits bei der Ankunft auf, dass dort fast nur Ägypter anzutrafen waren. Zwei Stunden vor Abflug stand ich beim Security-Check, und dorthin hatten sich auch einige Touristen verirrt. Diese waren aber etwas verunsichert, weil der Security-Check einfach nicht geöffnet wurde und der verantwortliche Security-Officer mit seinem Smartphone beschäftigt war und nur eine Antwort kannte - lissa (noch nicht). Erst, nachdem sich einige Gäste beschwert hatten, bequemte man sich, den Security-Check in Betrieb zu nehmen. Nach dem Check-In war es aber noch nicht möglich, ans Gate zu gelangen, denn auch dieser Security-Check war geschlossen und dann erst per Aufruf für die Gäste nach Sharm-El-Sheikh zugänglich. Am Gate fiel mir auf, wie ohrenbetäubend laut es war, weil gefühlt jeder Ägypter entweder über Lautsprecher Tiktok-Videos oder Reels auf Insta oder Facebook ansah oder lauthals, natürlich auch über Lautsprecher, mit irgendjemandem telefonierte. Die wenigen Touristen waren sichtlich genervt, und ich war froh, dass es nicht nur mir so ging. Der Flug ging dann aber schnell und problemlos, und wir hatten einen großartigen Anflug auf den südlichen Sinai. Vom Flugzeug aus waren das türkisfarbene Wasser, die Riffs und die weißen Tauchbote sehr gut erkennbar. Und wieder einmal dachte ich, was für ein tolles Land das doch ist. Ich kann es nicht leiden, wenn mir jemand ungefragt zu nahe kommt In Sharm El Sheikh ging alles ruckzuck, und fünf Minuten nach der Landung stand ich bereits draußen. Ich fragte mich durch, wo ich denn zum Anschlussflug hin müsse, und nach fünf Minuten hatte ich die Abflughalle gefunden. An der Information sagte man mir, ich solle ab 17 Uhr wieder zum Check-In zurück sein. Bis dahin waren gut zwei Stunden Zeit, und ich entschied, am Strand eine Shisha zu rauchen. Vor der Abflughalle fuhr gerade ein Taxi, nach Fahrgästen Ausschau haltend, vorbei. Ich rief "Taxi", verhandelte kurz den Preis, 300 LE, viel zu teuer aber für Sharm leider inzwischen üblich, und stieg ein. Nach ein paar Metern sprang ein Mann, der vom Haupttaxistand vor der anderen Ankunftshalle kam, auf das Taxi zu. Er schrie den Fahrer an und dann schrie er mich an. Was ich für einen Preis ausgemacht hätte und er wäre hier der Chef und ich müsse ein anderes Taxi nehmen. Ich sagte zu ihm, ich wäre zufrieden und wollte in dem Taxi bleiben. Soweit so gut. Dann lief aber dieser Mensch um das Taxi herum und riss meine Autotür auf - und da bin ich richtig wütend geworden. Ich kenne das noch aus den ersten Jahren aus Kairo. Wenn man damals, so 2013/2014 zu den Pyramiden fuhr, sprangen einige Männer während der Zufahrt zum Eingang des Areals auf die Motorhaube des Taxis, um den ahnungslosen Touristen zu erzählen, das Hinauffahren wäre verboten und man müsse mir ihrer Pferdekutsche fahren. Das war natürlich Unsinn und hat viele Touristen verschreckt und eine sehr unangenehme Erinnerung an den Pryramidenbesuch hinterlassen, das Internet ist voll von solchen Berichten. Ich tat also in dieser Situation das Einzige was hilft. Ich hab ihn angeschrieben er solle weggehen. Dann bin ich ausgestiegen und hab ihn so lange angeschrien, bis die Polizei kam. Das ursprüngliche Taxi war weg, aber siehe da, ich durfte dann das nächste Taxi, das, wie viele andere auch, langsam nach Kundschaft Ausschau haltend an der Abflughalle vorbei fuhr, mitfahren. Dieser Taxifahrer brachte mich nicht nur in Strandnähe, sondern gab mir gottlob auch seine Visitenkarte. Ich rauchte eine sündhaft teure Shisha für 250 LE mit Blick auf den Strand und freute mich über diese Pause. Der besagte Taxifahrer holte mich am vereinbarten Treffpunkt um fünf wieder ab, und ich war pünktlich für die Weiterreise am Security-Check, um nach Tel Aviv aufzubrechen. Welchen Pass haben Sie? Die Security-Kontrolle verlief problemlos und schnell. Ich traf einen Mitreisenden wieder, der mit mir aus Kairo angereist war. Nach einem kurzen Hallo stellte sich heraus, dass er auch nach Tel Aviv fliegt. Wir gingen gemeinsam zu den Check-In-Schaltern. Dort wunderten wir uns, warum wir hinter Absperrbändern warten mussten. Eine junge Frau mit sehr guten Englischkenntnissen ließ immer nur zwei Personen durch, die dann eine Befragung über sich ergehen lassen mussten. Als wir dann an der Reihe waren, wurden wir als erstes gefragt, was für Pässe wir hätten und woher wir kämen. Die Dame suchte in meinem Pass nach meinem Einreisestempel. Nachdem ich regelmäßig zwischen Deutschland und Kairo hin und her fliege, war sie etwas verwirrt von den vielen Stempeln und ich fragte sie, ob sie mein Visum, meine Residenz-Karte, sehen wolle. Ob ich denn heute aus Deutschland in Sharm gelandet sei, wollte sie wissen. Ich antwortete wahrheitsgemäß, dass ich aus Kairo angereist sei. Sie nahm meinen Pass und mein Visum und meinte, wir sollten am Rand warten, der Manager müsse entscheiden, ob ich fliegen dürfe. Für meine Zufallsbekanntschaft galt das gleiche. Ich war verwirrt und verunsichert und schickte als erstes eine Nachricht an unsere Promoter-Gruppe, die auf meine Ankunft wartete. Unsere Ausweise wurden an einen Manager weiter gegeben. Die Dame sagte uns, dass man uns Bescheid gäbe, ob wir fliegen dürfen. Wenn ja, würde sie uns interviewen, wenn nicht dann leider nicht. Wir wurden an die Seite gezogen, und man reichte uns nacheinander ein Telefon. Am anderen Ende war ein Manager, der sich aber namentlich nicht vorstellte, uns aber erklärte, wir dürften diesen Flug nicht nehmen. Wir waren pünktlich am Check-In, wir hatten gültige Tickets und gültige Ausweisdokumente. Aber man verweigerte uns und noch weiteren Passagieren den Flug nach Tel Aviv. Mit der Begründung, dass das ein Charter-Flug sei, den wir nicht nehmen dürften, weil das aufgrund eines Gesetzes verboten sei. Mein Kollege in Tel Aviv hatte inzwischen versucht, das Büro von Israir in Tel Aviv zu erreichen, aufgrund eines Feiertags war da aber niemand mehr. In Sharm El Sheikh hat die Fluggesellschaft kein Büro. Wir waren also den ägyptischen Managern ausgeliefert. Der zugegebenermaßen freundliche Officer erklärte uns, wir könnten mir dem Auto nach Tel Aviv fahren - obwohl es dort gerade keinen Bus oder einen Mietwagen gab - oder mit Turkish Airlines über Istanbul fliegen. Unser Entsetzen war groß, denn finanzieren müßten wir die Flüge natürlich selbst. Es gäbe aber eine Chance, eine Ausnahme von der Aviation Security zu bekommen. Wir wurden mehr oder weniger freundlich wieder rückwärts aus dem Security-Bereich herausbegleitet und fanden uns später an einem Infobüro wieder. Dort erklärten uns gleich drei freundliche aber handlungsunfähige Männer, das wäre ein Gesetz, wir hätten Pech gehabt, dass uns weder das Reisebüro noch die Airline vorab darüber informiert hatten. Fast klang es ein wenig stolz, als sie berichteten, dass sie einen Tag vorher über 50 amerikanische Fluggäste wieder weggeschickt hätten. Was uns aufgeregt hat war die Tatsache, dass man sich weigerte, uns ein Dokument auszustellen, auf dem bestätigt wird, dass man sich in Sharm El Sheikh geweigert hatte, uns den Flug antreten zu lassen. Wir bekamen das allübliche ma3lesh zu hören und durften ein Foto vom Ausweis des Officers machen. Wir sollen sagen, er hätte gesagt, wir dürfen nicht fliegen. Und dann standen wir da. In diesem Moment fiel es mir sehr schwer, dieses Land noch schön zu finden. In diesem Moment konnten keine Strände und keine Blüten punkten, sondern es wurde mal wieder sehr deutlich, wie anstrengend in Kairo und Ägypten alles ist. Es gibt in Ägypten tatsächlich ein Gesetz bezüglich Charterflüge In den Unterlagen von Opodo, über die ich, inklusive eines sogenannten Prime-Services, gebucht hatte, gab es einen Hinweis, ich hätte eine lange Wartezeit und ich müsse mein Gepäck abholen und wieder komplett neu einchecken. Dass ich einen Charterflug gebucht hatte, war nirgendwo vermerkt. Ich bekam von Opodo einen Hinweis auf die neue Flugzeit wegen der Sommerzeitumstellung, das war es. Ich hatte im Internet noch geschaut, weil ich wissen wollte, ob ich online einchecken könne. Der auch von mir gebuchte Flug geht drei mal wöchentlich von Sharm nach Tel Aviv, im Sommer angeblich fünf mal. Ich war also davon ausgegangen, dass es sich um einen regulären Flug handelt. Ich muss dazu sagen, dass ich seit dreißig Jahren geschäftlich und privat fliege, zwischen Tokio, New York und San Jose, nach Rio, in ganz Europa, in Ägypten, nach Thailand, Abu Dhabi und Beirut. Aber sowas ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht passiert. Alle Rückflüge nach Kairo waren ausgebucht. Bei Opodo war über die App niemand zu erreichen, das Netz war schlecht, das Login klappte nicht, Telefonnummern standen nicht zur Verfügung, Chat war nicht erreichbar. Toller Prime-Service. Geistesgegenwärtig buchte ich den nächsten Bus zurück nach Kairo, rief den Taxifahrer erneut an und ließ mich zur GoBus-Station fahren. Nachts um drei war ich zurück in Kairo. Geschockt, ernüchtert, frustriert und übermüdet. Tatsächlich gibt es in Ägypten ein Gesetz der Aviation Security, das besagt, dass man aus Ägypten heraus nur dann einen Charterflug nehmen darf, wenn man auch mit einem Charterflug eingereist ist. Ist man bereits länger in Ägpyten, kann einem die Rückreise mit einem Charterflug verweigert werden. Genau das war passiert. Wäre ich gestern aus Deutschland in Sharm El Sheik gelandet, also international angereist, hätte ich nach Tel Aviv fliegen dürfen. Wäre ich mit einem Charterflug von Israir eingereist, hätte ich auch fliegen dürfen. Ich war aus München wie immer über Kairo mit einem regulären Flug eingereist und stand dann dumm und nichtsahnend da. Den Hinweis über das Charter-Gesetz kann man auch auf den Reisehinweisen der Deutschen Botschaft nachlesen. Doch um das Gesetz einzuhalten, muss man erstmal wissen, dass man angeblich einen Charterflug gebucht hat. In Israel ist derzeit Feiertag, sodass derzeit keine Informationen dazu erhältlich sind. Opodo hat meines Erachtens hier grob fahrlässig gehandelt, und ich habe bereits mein Geld zurückverlangt. Warum es dieses Gesetz gibt, habe ich bislang noch nicht recherchieren können. Auch fehlt mir noch ein Statement von Israir, warum ihre Kunden nicht informiert werden. Ich weiß nur, dass es bei Charter- und Linienflügen darum geht, wer die Verantwortung trägt. Bei Charterflügen ist für die Sicherheit der Passagiere und das Gepäck das Reisebüro verantwortlich, bei Linienflügen die Airline. Ich fühlte mich gestern total verunsichert. Erst dachte ich, es gäbe ein Problem mit meinem Ausweis. Habe ich doch einmal etwas geschrieben, was nicht erwünscht ist? Stehe ich auf irgendeiner Blacklist als Journalistin? Ich halte mich bewusst bedeckt mit meinen Veröffentlichungen und schreibe sehr dezent, aber das sind dennoch immer meine ersten Gedanken. Meine weiteren Gedanken kreisten um Bekannte von mir, die sich derzeit sorgen, ob sie das Visum für ihren Auftritt in Wacken erhalten. Das erste Mal in meinem Leben konnte ich mir halbwegs vorstellen, wie es sich anfühlen könnte, wenn ein Visum abgelehnt wird. Aus Gründen, die rechtlich vielleicht korrekt aber menschlich wenig nachvollziehbar sind. Da steht man dann da und darf nicht reisen. Was für eine Welt ist das? Und ich frage mich, ob dieses Land trotzdem noch schön ist, oder ob ich nicht doch ein neues Zuhause benötige. Tel Aviv jedenfalls ist ein Sehnsuchtsort geblieben, und ich habe heute viele Tränen vergossen bei dem Gedanken daran, dass meine Kollegen heute in Jerusalem waren. Tel Aviv steht auf meiner Bucket List, und spätestens im Herbst werde ich meinen Besuch dort nachholen. Jetzt erst recht.

Die Männer von Erasing Mankind

Die Männer von Erasing Mankind

"Chadi - Chaaadiiiii" rufen die noch verbleibenden Gäste im Jazzclub610 in Sheikh Zayed bei Kairo gemeinsam mit der Moderatorin. Eine lange Nacht geht zu Ende, und Chadi soll bringen, worauf alle warten: Den Namen der Gewinnerband vom Metal Battle in Middle East/Ägypten. Es ist fast zehn Jahre her, seitdem im Herbst 2013 zum ersten Mal ägyptische Bands aufgefordert waren, sich für den Bandnachwuchswettbewerb des legendären Wacken-Festivals zu bewerben. Seitdem fand der Metal Battle in Middle East fünf Mal statt - drei Mal in Ägypten, einmal im Libanon und einmal im Libanon und parallel in Dubai. Den besten Erfolg erzielte 2015 die Band Blaakyum aus Beirut. Sie erreichten im Finale in Wacken den dritten Platz. Auch in Ägypten hat man inzwischen verstanden - beim W:O:A Metal Battle geht es um was. Nämlich darum, im Finale des Metal Battle auf dem Wacken-Festival auftreten zu dürfen. Jedes Jahr reisen Gewinnerbands aus 30 Ländern und Regionen von überall aus der Welt an. Selbst in der Ukraine wird in diesem Jahr der Metal Battle stattfinden. Die Promoter, die verantwortlichen Organisatoren der weltweiten Metal Battle, sind die Juroren im Finale. Neben der eigenen Performance auf dem Festival haben die Bands die Möglichkeiten zum Networken in der Metal Battle Lounge und sind natürlich beim Festival im Publikum mit dabei, um die großen Vorbilder live zu erleben. Somit ist es kein Wunder, dass alle teilnehmenden Bands am Abend des 4. März in Kairo nervös sind. Aus sechs Bewerbungen wurden vier Bands ausgewählt, im Metal Battle teilzunehmen - Bovem und Mythos aus Alexandria, Medic und Erasing Mankind aus Kairo. Als Opening Act eröffnete die Newcomerband Catharsis mit ihrem allerersten Liveauftritt überhaupt den Abend, als Gastband performte Kato Hafez aus Alexandria. Der Abend gestaltete sich nicht nur zu einem sowieso in Ägypten seltenen Metalkonzert, sondern nach Corona, wie es im Nachhinein hieß, zu einem Revival der Metal-Szene in Ägypten. An dem Abend fand eine Art Szenetreff statt. Nicht nur Fans waren gekommen, sondern auch Vertreter zahlreicher weiterer bekannter ägyptischer Metalbands wie Scarab, Crescent, Segadoras, Wujood oder Nathyr, teilweise mit ihren Ehefrauen. Auf der Bühne stand nun pro Band ein Vertreter und nahm das Erinnerungsposter mit den Unterschriften aller Juroren in Empfang. Die Jury wurde von Chadi Ashraf geleitet, der seinerseits das erste Mal im Organisationsteam rund um die verantwortliche Promoterin für Middle East, Monika Bremer, mit dabei war. Seit 2018 zählt zum Organisationsteam ausserdem Immanuel Sulzer, der als Artist Manager die Bands sowohl im Metal Battle vor Ort in Middle East als auch in Wacken betreut und rechtzeitig auf das VIP-Campinggelände als auch Backstage auf die Bühne begleitet. Zur Jury gehörten in 2023 Chadi Ashraf, Co-Promoter in Middle East, Event- und Medienmanager Ismaeel Attallah, Frontman von Crescent, der ersten Gewinnerband in Middle East/Ägypten überhaupt Amr Hefny, Inhaber des Ganoub-Studios, Studio-Heimat zahlreicher Bands in Kairo Donia Taher, Gitarristin der Newcomer-Band Catharsis und Schlagzeugerin Asaad Nessim, Gitarrist der alteingesessenen und berühmten Band Wust el Balad Chadi überreichte an Monika endlich das kleine grüne Kästchen, das den Namen der Gewinnerband beinhaltete. Erste enttäuschte Gesichter gab es, als es hieß, die Gewinnerband sei aus Kairo. Als Monika sich zu Sayed umdrehte und ihm mitteilte "Sayed, your dream comes true, you are going to Wacken, it is Erasing Mankind", da waren die Reaktionen der Bandmitglieder ganz unterschiedliche. Bahaa, der Gitarrist der Band, stand bei der Bekanntgabe hinten im Saal bei seinen Freunden und sprang anschließend wie ein HB-Männchen durch den Jazzclub. Frontman Sayed nahm das Mikrofon und schrie hinein, wie f***ing awesome das alles und wie f***ing drunk er sei, was ihm aber niemand an dem Abend übelnahm. Tarabeshi und Karim guckten völlig verdattert und konnten noch gar nicht glauben, was da gerade passiert war. Es mag sein, dass der Abend des Metal Battle der zunächst spannendste Teil des Wettbewerbs war, der anstrengendste Teil liegt jetzt aber noch vor der Band. Jedes teilnehmende Land und jede teilnehmende Region hat im weltweiten Metal Battle seine eigenen Herausforderungen. Im muslimisch geprägten Ägypten zählt seit Jahrzehnten der latent immer mitschwingende Vorwurf des Satanismus zu den permanenten Herausforderungen. Verhaftungen und abgebrochene Konzerte konnten in den letzten 20 Jahren immer wieder beobachtet werden. In diesem Jahr erschwert die wirtschaftliche Situation Ägyptens den Metal Battle für die Bands. Konnte man im letzten Herbst einen Euro noch für etwa 20 ägyptische Pfund erwerben, so kostet der Euro mittlerweile 32 LE, auf dem Schwarzmarkt entsprechend mehr, denn US-Dollar und Euro sind in Ägypten knapp. Dazu kommt eine Inflationsrate von etwa 20 %. Daher heisst es jetzt neben Visa beantragen und üben üben üben auch zu schauen, ob sich in Deutschland weitere Auftrittsmöglichkeiten ergeben, um die anfallenden Reisekosten dadurch teilweise abdecken zu können. Eine große Hilfe ist für den Metal Battle die Wacken-Foundation, die kurzerhand entschieden hat, die lokalen Veranstaltungen vor Ort finanziell zu unterstützen und dadurch realisierbar zu machen. Weil Ägypten aufgrund der zu beantragenden Visa den Metal Battle sehr frühzeitig durchgeführt hat, übernimmt die Wacken-Foundation nun die Kosten der Reiseversicherung und der Visa. Für den Wacken-Topf mag die dreistellige Summe zu den kleineren Zuschüssen gehören, für Erasing Mankind sprechen wir von einem Monatsgehalt. Doch wer sind die Männer von Erasing Mankind? Alle vier Bandmitglieder standen dankenswerter Weise für Interviews zur Verfügung. Unter anderem wurden sie gefragt, wie sie zur Musik und zu Erasing Mankind kamen, was ihre größten Erfolge und Misserfolge aber auch ihre lustigsten Momente waren. Worauf freuen sie sich in Wacken, und was macht ihnen Sorgen? Einig sind sich alle, dass sie jeden Moment in Wacken genießen möchten und sie keinen Moment mit Erasing Mankind bereuen. Sorgen macht ihnen vor allem die instabile Währung, persönlich aber haben sie höchstens Angst vor Grippe durch nasskalten Sommerregen. Sayed Ragai - Vocalist Sayed war nicht zum ersten Mal beim Metal Battle in Ägypten dabei. Bereits 2014 trat er - beim ersten Metal Battle in Ägypten überhaupt - mit seiner damaligen Band Sinprophecy an. Diesmal, mit Erasing Mankind, wollte er seine zweite Chance nutzen. "Make it count" war seine Motivation. Denn wer weiß schon, ob es noch eine dritte Chance für die Teilnahme am Metal Battle geben wird, meinte er. Daher wurde für den diesjährigen Metal Battle täglich geübt und regelmäßig geprobt. Die Band Sinprophecy existiert seit einigen Jahren nicht mehr - einer derjenigen Momente, die Sayed besonders getroffen hat in seiner musikalischen Laufbahn, die seiner Aussage nach voll von Enttäuschungen war. Besonders hart war es für ihn im Jahr 2012. Mit Metalmusik würden sie Satanismus praktizieren lautete die Anklage, als Sayed verhaftet wurde. Er wird nachdenklich und gesteht: "In diesem Moment hatte ich das Gefühl, die Zeit bleibt stehen". Und er hatte schon befürchtet, es gäbe zukünftig keine Metalszene mehr in Ägypten. "Doch schau, wo wir heute stehen", schließt er seine Antwort ab. Seine Liebe zur Musik hat er vor allem seinem Onkel zu verdanken, der ihm in den 90er-Jahren einen Walkman aus den USA mitgebracht hat. Für alle jungen Leserinnen und Leser - ein tragbares Musikabspielgerät für Kassetten. Madonna fand er damals nicht so toll, Michael Jackson war schon besser. Am liebsten hörte er jedoch die sogenannten Cocktail-Tapes, die Best of aus allen möglichen Musikgenres. Anfang der 2000er fing er dann selbst an, Musik zu machen. Er war aber ein lausiger Schlagzeuger, musste er schmunzelnd eingestehen. Während einer Bandprobe griff er eher zufällig zum Mikrofon und stellte fest, dass er eine kraftvolle Stimme hat. Mehr als das Singen selbst liebte er als Vocalist, dass er seine eigenen Texte und somit etwas von sich selbst ausdrücken kann. Das habe ihn so motiviert, dass er mit Leib und Seele Frontman von Erasing Mankind ist, und er weiß, dass er auf der Bühne gesehen und gehört wird. Bahaa El Dahaby - Gitarrist Musik ist für Bahaa Beruf und Berufung. Mit Wacken wird für Bahaa ein Traum wahr, für den er sein tägliches Übepensum verdoppelt hat, gesteht er. Auch seine musikalische Laufbahn begann mit seinem Onkel, der selbst Musiker war und ihn regelmäßig mit zu den Proben ins Studio nahm. Bahaa durfte mit der Band seines Onkels gelegentlich singen. Es stellte sich schnell heraus, dass Singen nicht seine Berufung war, und der Onkel fragte dann vorsichtig, ob er nicht lieber ein Instrument lernen möchte. Er wollte Gitarre spielen und nahm theroretischen und praktischen Unterricht, unter anderem bei Rashad Fahim. Damals war er zwölf. Heute hat er nicht nur sein eigenes Bahaa-El-Dahaby-Quartett, sondern spielte mit namhaften Musikern aus Ägypten wie Ali Al-Hagar und zahlreichen Bands wie Veritatem Solam, Abdeen und anderen. Wer bei Bahaa Gitarrenstunden nehmen möchte, muss sich auf eine Wartezeit von drei Monaten oder länger einstellen, verrät eine befreundete Gitarristin. Ebenso wie auch Sayed erzählt Bahaa die witzige Geschichte von der Bandgründung von Erasing Mankind. Man kannte sich untereinander, machte aber in 2019 keinen Metal. In einer Bar trafen sich Sayed, Tarabeshi und Bahaa bei einem Auftritt zufällig wieder. Sayed war Entertainment Manager in der Bar, Bahaa und Tarabeshi hatten dort einen Auftritt mit einer anderen Band. Man freute sich über das Wiedersehen und verabredete sich für die kommende Woche. Man trank gemeinsam eine Flasche Whiskey, Monkey Shoulder. Die leere Flasche wird bis heute aufbewahrt. Etwas beschwipst stellten die drei fest, dass sich in der Runde gerade ein Vocalist, ein Gitarrist und ein Schlagzeuger befanden und man entschied in Whiskey-seeliger Laune, eine neue Metal-Band zu gründen, Erasing Mankind. Bahaa meinte an dem Abend zu Sayed: "Ey Man, Du bist betrunken. Ich glaube Dir erst, dass Du das wirklich ernst meinst, wenn Du morgen ausgeschlafen hast und mich um 18 Uhr anrufst." Sayed schlief aus und rief Bahaa an und Erasing Mankind war beschlossen. Karim Mounir - Bassist Der Band fehlte bei der Gründung noch ein Bassist. Wie es der Zufall so wollte, trafen sich Karim und Sayed im Vibe-Studio in Dokki, Kairo. Karim wollte ein Soloprojekt aufnehmen, Sayed seine Vocals. Beide kannten sich seit Jahren, Karim war aber eine Zeit lang aus beruflichen Gründen in Dubai. Als Sayed ihm von Erasing Mankind erzählte, war Karim ganz aus dem Häuschen und sofort mit dabei. Bei Karim wurde zuhause immer Musik gespielt, seine Eltern liebten es, Musik zu hören. Unter Freunden wurde Musik getauscht und sich darüber unterhalten. Im Alter von 11 oder 12 wollte Karim ein Instrument lernen. Weil Schlagzeug zu laut und zu teuer war, wurde es ein Bass. Seitdem spielte Karim in Bands wie Karma, Of the Mighty, Circus Monster oder Massive Scar Era. Wirklich enttäuschende Momente in seiner Karriere sieht er keine, doch er wünscht sich, dass es in Ägypten mehr Venues für Metal gäbe und echte Metal-Konzerte mit Mosh-Pits möglich wären. Darauf freut er sich in Wacken mit am meisten. Sorgen oder Bedenken hat er im Hinblick auf Wacken keine. Aber Karim ist der Organisator der Band, der sich auch um die Visa-Termine und alles Administrative kümmert. Da hofft er natürlich, dass seitens der Organisation nichts schief geht. Mostafa El Tarabishi - Schlagzeuger Mostafa ist der einzige Familienvater in der Band. Er fing im Jahr 2004 mit Schlagzeug an. Damals war er 16. Beigebracht hat er es sich selbst und spielte bereits mit den Bands Midjai und Enraged. Sein Traum ist es, mit Erasing Mankind auf Tour zu gehen und auf Festivals zu spielen. Auch für ihn ist Monkey Shoulder das Zauberwort für Erasing Mankind. Er erinnert sich aber auch noch genau an den Moment, als die Band Karim das erste Mal traf. Sie waren in einer Bar und es gab einige Stunden Stromausfall. Weil Mostafa Karim bis dahin noch nicht kannte, nahm er in den ersten Stunden der Begegnung mit Karim nur seine Stimme wahr und wusste nicht, wie Karim aussieht. Die Vorbereitungen für den Metal Battle empfand er als anstrengend, denn neben allen Proben nahm die Band auch noch neue Songs auf. Mostafa ist der Einzige, der auf die Frage, ob es Momente gibt, die er am liebsten löschen möchte, nicht mit "nein, alles ist gut" antwortet. Ihm tut diejenige Zeit leid, die er in seinem Leben nicht dazu genutzt hat, Neues zu lernen. Diese Momente würde er gerne löschen und nochmal neu und sinnvoller gestalten. Die Coronazeit hat zudem einen großen Einschnitt hinterlassen und viele Dinge verändert, die heute anders sein könnten. Bedenken für den Trip nach Wacken hat er keine, aber grundsätzlich sorgt er sich um die wirtschaftliche Situation sowie um Kriege und zukünftige Pandemien. "Make it count" Natürlich wäre es schon hilfreich, wenn es in Ägypten mehr Venues für Live-Auftritte für Metal gäbe. Doch damit in Ägypten Metal-Konzerte wie in anderen Ländern oder Regionen stattfinden könnten, müsste es viel mehr Aufklärung über Metalmusik geben, damit die Fanbase wachsen könnte. Eine größere Fangemeinde würde für die Bands nicht nur Support in ihren Konzerten bedeuten. Mehr Gäste bedeuten auch mehr Einnahmen und höhere Gagen. Zudem kaufen Fans Merchandising und Musik, um ihre Band zu unterstützen. Wäre es möglich, die großen Namen der Metal-Szene wie Nightwish, In Flames oder Opeth für Live-Auftritte nach Ägypten zu holen, dann wären diese Konzerte auch für Sponsoren interessant, und von Sponsoren könnte auch ein Metal Battle in Ägypten profitieren. Die wirtschaftliche Situation lässt derzeit davon aber nur träumen. Der Metal Battle ist daher für die ägyptische Metal-Szene aktuell das Highlight. Denn durch den Metal Battle wird Ägypten Teil der weltweiten Metal-Gemeinschaft, nicht nur, aber vor allem im Finale in Wacken. Für das nächste Jahr ist die Erweiterung des Metal Battle Middle East um Saudi Arabien und Bahrain geplant. Im Winter geht es also auf nach Riad, um mit der Deutschen Botschaft dort vor Ort zu sprechen und vom Entertainment-Ministerium die Genehmigung für einen Metal Battle einzuholen. Wie immer bleibt es spannend.

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