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Ein Ü-belisk in Tanis

Halb sieben ist für ein Wochenende wirklich früh, doch unser Ziel Tanis liegt im Nildelta beim Städtchen San Al-Hagar, 119 km von Kairo entfernt. Die Straßen im Großraum Kairo sind gut ausgebaut, aber die sandigen Landstraßen winden sich durch die kleinen Bauerndörfer. Mit unserem Minibus erregen wir Aufsehen, denn wir haben lautstarke Begleitung. Wir durchqueren mehrere Regierungsbezirke und erhalten Polizeieskorte in jedem Bezirk, die sich mit ihren Polizeisirenen lautstark bemerkbar macht. Einige Kollegen finden es ganz cool. So ganz ist uns auch nicht klar, warum wir diese Begleitung benötigen, und auch Dalal, unsere Reiseleiterin, weiß nicht wirklich Antwort. Sie erzählt über das Anbaugebiet im Nildelta. Im Moment werden am Straßenrand vor allem Kartoffeln, Mandarinen und Erdnüsse verkauft. Der Regierungsbezirk Al-Sharqqiya sei aber nicht nur bekannt für Landwirtschaft, sondern auch für erstklassige Pferdezucht. So gegen zehn erreichen wir San Al-Hagar. Eine Weile fahren wir bereits an der Mauer der Ausgrabungsstätte entlang, passieren noch einen kleinen Viehmarkt und fahren dann den Hügel hinauf. Von dort blickt man auf das Städtchen, dessen goldene Moscheekuppel prächtig in der Sonne blinkt. Daneben das weite Ausgrabungsfeld, auf dem erstmalig 1860 Ausgrabungen stattfanden, ragen vereinzelt Säulen 'gen Himmel, die von Ferne zwar zu sehen, jedoch nicht zu erkennen sind. Vier Tempel sollen hier einmal gestanden haben, im Zentrum ein Tempel von König Amun. Die goldene Totenmaske von ihm soll im ägyptischen Museum zu besichtigen sein, erzählt uns Dalal. Der erste Weg führt uns über die dunkle, noch regenfeuchte Erde zu unterirdischen Grabkammern. Viele Herrscher der 21. und der 22. Dynastie haben hier ihre Ruhestätte gefunden, und es wurden einige noch ungeöffnete Gräber mit allen Grabbeigaben entdeckt. Tanis kann nicht mit so prunkvollen Tempeln und Gräbern aufweisen wie beispielsweise Luxor. Aber die Ausgrabungen stehen hier auch noch am Anfang, und die Rekonstruktion hat erst begonnen. Dort, wo man die Fundstücke entdeckt, werden sie erstmal liegen gelassen, nach und nach sortiert und dann rekonstruiert. Wir lachen, als Dalal uns eine Reihe von Obelisk-Fragmenten zeigt. Eine Schulter, ein Bein, ein Stück vom Kopf. Wie ein riesiges 3D-Puzzle sieht es aus, und über den Kommentar "ein Übelisk", "zum Selberbauen" muss ich schmunzeln. Dalal beginnt mit uns den Rundgang über das Feld und erzählt über Tempel, Könige, Bauweisen und den angeblichen Macho, König Ramses II. "Eine Tempelanlage ist das Haus des Gottes und besteht immer aus Stein - Kalkstein, Sandstein, Granit, Basalt. Niemand wohnt in dem Tempel, vielmehr birgt der allerheiligste Raum die Statue des entsprechenden Gottes. Die Menschen glaubten, dass die Seele des Gottes durch die Statue in den heiligen Raum kommt. Der allerheiligste Raum wird als erstes gebaut und es führt immer ein gerader Weg nach draußen. Diese Achse soll einen Sonnenstrahl darstellen - irgendwie geht es meist immer um Götter und die Sonne. Entlang der Achse werden Nebenräume errichtet und abschließend der Eingang, der von zwei Pylonen eingefasst ist. Dieses sind Obelisken und Statuen von Königen Ägyptens. Zum Schutz des Tempels wird um ihn herum eine Mauser aus ungebrannte Ziegeln errichtet, ohne großartige Befestigung. Nachdem der Tempel einem Gott und keinem König gehört, kann jeder König kommen und in dem Tempel regieren. Natürlich möchte jeder König seine Spuren hinterlassen und eine Erinnerung an sich selbst hinterlassen. Damit der Bereich um den Tempel herum erweitert werden konnte, durfte die Tempelmauer nur in leichter Bauweise errichtet werden. Entlang der Mauer standen zudem die kleinen Häuser der Priester und der Handwerker, die beispielsweise den Schmuck für den König herstellten. Auf dem Gelände befindet sich zudem der zweitgrößte heilige See zur Reinigung für die Priester, der größte See gehört zum Karnak-Tempel. Das Waschen vor dem Gebet kennen die Muslime bis heute. Gebete und Gottesdienste gab es im Tempel in Tanis drei Mal täglich, vor Sonnenaufgang, mittags und bei Sonnenuntergang." Tanis wurde erst bekannt in der 21. Dynastie. Ramses II. war der dritte König in der 19. Dynastie im neuen Reich, 1.300 Jahre vor Christus, und Dalal kommt etwas in Rage, als sie von ihm erzählt. "Ramses hat Ägypten 77 Jahre regiert. Der war doch verrückt und ein Mafiosi und ein Romeo. Überall hat er Tempel gebaut, insgesamt wurden bislang 19 Tempel-Anlagen von ihm gefunden. Wo er nicht selbst gebaut hat, hat er seinen Namen in Form einer Kartusche hinterlassen. Außerdem hatte er viele Frauen. Seine Hauptfrau war Nefertari (Nafret-Ari). "nafret" ist ein weibliches Adjektiv für "schön", ein "ari" angehängt die Steigerungsform, das Superlativ, also "die Allerschönste". Ramses stammt aus einer kleinen Stadt, 30 km entfernt von Tanis, "Berramisu", dem heutigen Qantir. Ramses hat in Tanis zwar seinen Namen hinterlassen, und es finden sich auch Statuen von ihm, gearbeitet hat er in Tanis jedoch nie. Seine Statue entspricht der Idealvorstellung von einem Menschen. Die ägyptische Kunst hat immer Idealvorstellungen hervorgebracht und kein Abbild der Realität. Zudem ging man davon aus, dass man entsprechend des Abbildes wiedergeboren würde. Daher wurde auch beispielsweise immer darauf geachtet, dass zum Beispiel alle Finger der Hand zu sehen sind, auch, wenn man dafür zwei linke Hände darstellen musste". Während ich das gerade so schreibe, überlege ich bei dem Gedanken an den ein oder anderen ägyptischen Handwerker, ob einige davon bereits wiedergeboren sind, aber das wäre ja gemein, so etwas zu denken. Dalal hat unzählige Informationen und Geschichten für uns. Über Respekt und Kunst, über Kartuschen und Namen und wie man Granit für die Säulen aus dem Boden gewonnen hat. Wir besuchen den Platz der allerheiligsten Halle mit den bereits errichteten Obelisken, schauen uns den heiligen See an und einen alten Brunnen, der aber als Nilometer gedient hat. Bei schönstem Sonnenschein machen wir uns gegen Mittag dann wieder auf den Weg zu unserem Bus und fahren weiter nach Tell Basta, einer weiteren Ausgrabungsstätte in Al-Sharqiyya. In dem 2017 fertiggestellten Museum erregen wir einiges an Aufsehen, denn wir sind seit langem die ersten ausländischen Gäste, wenn gar wegen Corona überhaupt die ersten Gäste seit langem. Entsprechend möchte man mit uns Fotos machen und mit uns werben. Etwas mürrisch willigen wir dann ein. Im Museum bestaunen wir Schmuck, Katzenfiguren und kleine Särge. Im Außenbereich liegen viele Ausgrabungsstücke nummeriert an ihrer Fundstelle und sollen demnächst zum Tempel rekonstruiert werden. Nur die Merit-Statue, die Tochter Ramses II., blickt erhaben über das Areal und die Stadt im Hintergrund. Der Brunnen, aus dem Maria, die Mutter Jesu, auf ihrer Reise durch Ägypten getrunken haben soll, wurde bereits gemauert und liegt inmitten der Fundstücke. Man will wohl den Weg, den die Heilige Familie durch Ägypten gegangen ist, wieder ausbauen. Auch Tanis ist heiliges Land. Moses soll dort gewesen sein und der Platz wird im Alten Testament erwähnt. Unsere Kollegen kannten Tanis natürlich aus dem Film "Indiana Jones", der dort die Bundeslade findet. In Ägypten führt so vieles immer und immer wieder auf die Heilige Schrift zurück. Wir fahren nach einem üppigen ägyptischen Essen mit Polizeisirene zurück nach Kairo. Die Polizisten verabschieden sich am Rand von Kairo, wo wir vom alten Ägypten über das landwirtschaftliche Ägypten zurück in die Stadt gelangen. Ein lohnenswerter und spannender Tag, fernab vom nervigen Massentourismus, liegt hinter uns.

Artischocken - und nun?

Bereits vor etlichen Jahren hatte meine damalige Mitbewohnerin Artischocken gekocht und mir dann berichtet, dass sie die Blätter "gezuzelt" hätte. Bis heute konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, was sie damit meinte. Eine Kollegin erzählte dann dieser Tage ebenfalls vom Artischocken-Zuzeln mit Senfsauce, und ich wurde endgültig neugierig. Artischocken, die auf arabisch "artishuk" heißen, kosten bei meinem Gemüsemann in Downtown pro Stück 4 ägyptische Pfund, das sind 20 - 25 Eurocent. Importiert können die nicht sein. Und tatsächlich werden Artischocken auch in Ägypten angebaut. Es findet sich nur wenig darüber, aber das Stichwort Damietta fällt, so dass auch die Artischocken wahrscheinlich im fruchtbaren Nildelta zuhause sind. Artischocken sind kultivierte Disteln, und genauso hübsch blühen sie auch. Ich erkundige mich weiter, wie das denn mit den Artischocken so geht und muss schmunzeln, als mir ein ehemaliger Kollege sinngemäß erzählt: "Erst stelle ich sie zur Deko in eine Vase, dann lutsche ich die Blätter mit Pfeffer und Salz, und dann esse ich den unteren Rest." Ok, das klingt merkwürdig und ähnlich wie das, was alle anderen auch erzählen, nur das mit der Deko war mir neu. Allerdings war das dann auch der unspektakulärste Part zum Thema Artischocken. Im Internet lese ich von Rezepten mit Kapern und Weisswein, aber für Kapern müsste ich bis nach Zamalek oder Dokki fahren, Wein ist mir zu schade. Ich überlege mir eine Würzmayonnaise als Dip mit "gebna beda", dem cremigen Feta-Käse, Kardamom und Knoblauch und für die Artischockenherzen ein Dressing mit Granatapfelsirup und Zimt. Beides hat mich total begeistert! Die restliche Mayonnaise kann mit Joghurt verlängert zu Pellkartoffeln gegessen werden, das Dressing ist super für jeden Salat. Die Blätter der Artischocken sollen um etwa ein Drittel gekürzt werden. Ich benutze dazu meine Küchenschere und bin glücklich, dass es besser klappt, als mein Eigenversuch mit einer Haarschneidemaschine. Man kann ganz gut erkennen, wo die Blattspitze aufhört. Angeblich kann man den Stengel mitkochen. Ich finde, er sieht nicht so lecker aus und schneide ihn so ab, dass ungefähr ein halber Zentimeter an der Artischocke bleibt. Den Rest vom Stiel werfe ich weg. Frische gestutzt kommen die Artischocken in einen großen Topf mit Salzwasser. In sprudelndem Wasser koche ich das Gemüse eine gute halbe Stunde. Ich piekse mit einer Gabel in den Stielansatz, und wenn dieser weich ist, dann ist das Gemüse gar. Jetzt kommt der spannende Teil und endlich löst sich das Rätsel. Ich gieße das Wasser ab, was wahrscheinlich ein Fehler ist. Artischocken sind gesund und sollen gegen Bluthochdruck, Hepatitis-C und hohen Cholesterinspiegel helfen. Wahrscheinlich kann man aus dem Artischockensud eine gesunde Brühe oder etwas Heilendes herstellen, aber dazu habe ich keine Lust. Ich zupfe vorsichtig von außen nach innen die Blätter ab und stelle fest, dass an jedem Blatt ein bisschen Artischockenfleisch mit hängen bleibt. Und dieses Stückchen Fleisch wird mit dem Blatt in den Dip gegeben und dann vom Blatt "gezuzelt". Die inneren Blätter sind dann zunehmend zarter, so, dass fast das halbe Blatt mit gegessen werden kann. Also das ist definitiv Slow-Food und eine wunderbare Vorspeise für ein geselliges Dinner mit Freunden. Das Artischockenherz, das, was im Inneren der Blätter übrig bleibt, kann als Salat mit Dressing gegessen werden. Ich bin beeindruckt und frage mich, wer wohl als Erstes auf diese Idee gekommen ist. Zutaten für die Gewürzmayonnaise als Dip 50 ml Öl, z.B. Sesam- oder Rapsöl 1 Ei 1 kleiner Becher Naturjoghurt 1-2 EL Gebna Beda (cremiger Fetakäse) 1 kleine Knoblauchzehe 3 Kapseln Kardamom 2 TL Senf __ Salz Pfeffer Koriander zum Abschmecken Zutaten für das Granatapfel-Zimt-Dressing 2 EL Olivenöl 2 EL Granatapfelsirup 8 EL Wasser 1 kleine oder 1/2 rote Zwiebel 1 kleine Scheibe Ingwer eine Prise bis max. 1/2 TL Zimt __ Salz Pfeffer zum Abschmecken Für die Gewürzmayonnaise das Öl, das Ei und den Joghurt glatt rühren. Die Kardamom-Kapseln öffnen und die Samen in die Mayonnaise geben, die Knoblauchzehe schälen und durch die Knoblauchpresse drücken. Vorsichtig den Fetakäse unterheben und alles cremig rühren. Wenn der Käse direkt aus dem Kühlschrank kommt und fester ist, kann das ein wenig dauern. Nicht aufgeben und rühren, bis keine Klümpchen mehr übrig sind. Den Senf hinzufügen und mit Pfeffer, Salz und Koriander abschmecken und nochmals kräftig durchrühren. Der Dip sollte eine cremige Konsistenz haben und nicht flüssig sein. Olivenöl, Granatapfelsirup und Wasser für das Dressing schaumig schlagen. Die Zwiebel sehr fein würfeln und dazu geben. Den Ingwer habe ich geschält und auch durch die Knoblauchpresse gequetscht. Mit Zimt, Salz und Pfeffer abschmecken. Guten Appetit.

Ein Hokkaido als Gastgeschenk.

Ich bekomme Besuch und als Gastgeschenk einen Kürbis. Einen Hokkaido, der etwas Besonderes sei. Hokkaido ist die zweitgrößte Insel Japans. Von dort stammt ursprünglich der gleichnamige Kürbis, der inzwischen auch in Deutschland sehr beliebt ist. Er wiegt im Durchschnitt ein bis zwei Kilo, und die Schale wird beim Kochen weich und kann mit verzehrt werden. Hätte ich das vorab gelesen, hätte ich mir das mühsame Schälen sparen können. Man merkt gleich, dass ich Kürbis unerprobt bin. Im Bekanntenkreis frage ich nach Erfahrungen und Tipps. Nudelsauce wäre eine gute Idee oder auch als Suppe. Mit Orange würzen ist ein Tipp, den ich erhalte, als wir auf einem Ausflug kiloweise Mandarinen einkaufen. Ich entscheide mich letztendlich für eine Hokkaido-Suppe mit Ingwer, Rosmarin und arabischen Gewürzen. Mit der Kokosmilch oder den Kokosflocken, wenn man keine Kokosmilch findet, sollte man nach meinem Empfinden lieber etwas sparsam umgehen, sonst übertönt Kokos den feinen Kürbisgeschmack. Orange als zusätzliches Aroma hat mich nicht überzeugt. Frisches Rosmarin und Ingwer hat mein Gemüsestand frisch geliefert bekommen, Kokosflocken oder Kokosmilch gibt es in größeren Supermärkten mit internationalen Produkten. Meine Kokosflocken gehören eigentlich in mein Müsli und sind von El-Abd in Downtown. In meinem lokalen Supermarkt gab es Kokosmilch nicht, dafür hatten sie Sahne. Ich ziehe Schlagsahne der sogenannten Sahne zum Kochen vor, dann kann ich den Rest noch für die frischen Erdbeeren zum Nachtisch verwenden. Zutaten für die Suppe aus einem Hokkaido-Kürbis (2 Personen) 1 Hokkaido-Kürbis 2 gekochte Kartoffeln 1 mittelgroße Zwiebel 1 Knoblauchzehe 2 EL Kokosflocken oder Kokosmilch frischer Rosmarin frischer Ingwer 4-5 Kardamom-Samen 3 EL Sahne 2 EL Öl zum Anbraten __ Salz Pfeffer Koriander Kurkuma
zum Würzen nach Belieben Zwiebel, Knoblauch, Rosmarin und ein etwa 2 x 2 cm großes Stück Ingwer fein hacken. Die Kardamom-Samen hacken und die Schale entfernen. Alles vorsichtig in Öl anschwitzen und das feine Aroma, das durch die Küche zieht, genießen. Den Kürbis in zwei Hälften zerteilen und mit einem Esslöffel die Kerne ausheben. Danach den Kürbis - mit Schale - in Würfel schneiden. Zu den Gewürzen in den Topf und so viel Wasser hinzu geben, dass der Kürbis gut bedeckt ist. Nachdem das Wasser in Kairo recht chlorhaltig ist, verwende ich zum Kochen Mineralwasser. Kokosflocken oder Kokosmilch können sofort mitgekocht werden, alternativ kommen sie beim pürieren dazu. Gekochte Kartoffeln pellen und in Würfel schneiden. Nach etwa 7 - 10 Minuten die Kartoffeln dem Kürbis beigeben. Mit ungefähr 1/4 Liter Wasser auffüllen und nochmal aufkochen lassen, bis der Kürbis weich ist. Dann den Topf vom Herd nehmen und alles mit einem Zauberstab pürieren. Mit Salz, Pfeffer, Kurkuma und Koriander vorsichtig abschmecken. Wer mag, seiht die Suppe in einem Sieb ab, ich mag es, gelegentlich auf Kardamom oder Rosmarin zu beißen. Die Suppe in einer Suppenschüssel anrichten und mit flüssiger Schlagsahne garnieren. Guten Appetit!

Produktnutten: Fotografie zwischen Kunst und Kommerz.

Es ist viele Jahre her, dass ich erstmals einen Fotografen traf, der sich für seinen Beruf schämte. Er fotografierte Türklinken für Kataloge - ja, damals gab es erst wenig Internet. Das war die erste sogenannte Produktnutte, der ich begegnete. Der Begriff lief mir erneut vor kurzem in einem Fernsehfilm über den Weg. Der Fotograf in dem Film schoss Produktfotos für Werbung und bezeichnete sich selbst als Produktnutte, was nicht als Kompliment gemeint war. Der Begriff bringt etwas Entwürdigendes, Herablassendes und Beschämendes mit sich. Demzufolge scheint Künstler:in etwas Erstrebenswertes, für Werbung und Auftraggeber zu arbeiten, etwas Beschämendes zu sein. Ich habe das Glück, mit den Fotografinnen Diana Dau und Sally Mire über ihre Arbeit sprechen zu dürfen, und ihre Sicht darauf könnte unterschiedlicher nicht sein. 35.500 Fotograf:innen gibt es laut Statista per Stand Ende 2019 in Deutschland. In Deutschland ist Fotograf:in ein anerkannter Ausbildungsberuf, der drei Jahre dauert. Er gilt als „Duale Ausbildung im Handwerk“ und wird im Ausbildungsbetrieb und an der Berufsschule gelehrt. Die Bundesagentur für Arbeit beschreibt die Arbeit als Fotograf:in wie folgt: „ Fotografen und Fotografinnen erstellen je nach Schwerpunkt Porträt-, Produkt-, Industrie- und Architektur- oder wissenschaftliche Fotos. Darüber hinaus werden Fotografien auch im Film und in der Videotechnik eingesetzt. …“ Sie arbeiten in einem Fotostudio oder für Verlage. Von „Ein Fotograf ist ein Künstler“ steht da nichts. Anders ist das im Libanon und auch in Ägypten. Ausbildungsberufe gibt es in diesen Ländern nicht. Wer einen Beruf erlernen will, macht das nach dem Prinzip „Ich übe so lange, bis ich es kann und schau es mir vom Vater ab“, oder muss studieren. Sally Mire beispielsweise hat an der ALBA studiert, der Libanesischen Hochschule für Schöne Künste. Der Ausbildungsschwerpunkt von Sally ist Grafikdesign und Werbung, von Diana Grafikdesign und Fashion. Diana Dau - p.ro.duct.shots Auf Diana, eine junge Fotografin, stoße ich in Instagram, denn ihre Seite dort heißt „p.ro.duct.shots“. Genau das, wonach ich suche. Diana hat lange in London gearbeitet und möchte demnächst nach Berlin ziehen. Wegen Corona ist das zur Zeit jedoch nicht möglich, und so telefoniert sie mit mir aus Cluj-Napoca in Rumänien. Sie bewirbt sich selbst als Grafikdesignerin, Art Direktorin und Fotografin, jeweils mit Fashion-Background. Ihre Definition von Kunst und Marketing für Fotograf:innen ist ganz klar. Kunst ist der Ausdruck des eigenen Ichs, im Marketing steht das Produkt im Vordergrund. Es muss im Fokus des Bildes stehen, und alles im Bild konzentriere sich darauf, das Produkt gut aussehen zu lassen. „Geld ist nicht sehr künstlerisch“, sagt sie lachend. Aber es dauert, bis die eigene Kunst anerkannt würde und Menschen bereit seien, dafür Geld auszugeben. Diana sieht keinen Widerspruch zwischen Kunst und Marketing. E-Commcerce-Shootings findet sie langweilig, denn da käme es ausschließlich darauf an, technisch korrekte Bilder abzuliefern. Sie vergleicht das mit dem Schreiben. Grammatikalisch richtig bedeutet nicht automatisch, dass es sich gut liest. Genauso sei das bei den Fotos. Sie liebt es, ihre eigenen Ideen und künstlerischen Fähigkeiten auch in Produktfotos mit einzubringen; eine andere Perspektive mit einem anderen Winkel, Licht und Farben beispielsweise. Zudem lernt sie dabei die Kunden und den Markt kennen, was wiederum ein Spiegel von den Menschen und der Gesellschaft sei. Diese Kenntnisse seien für Künstler wichtig, betont sie. Wie könne man als Künstler sonst neue Perspektiven aufgreifen, wenn man mit den Menschen und der Gesellschaft nicht in Kontakt ist. Dass sich heute jeder als Fotograf:in bezeichnen und in den Sozialen Medien auch darstellen kann, sieht Diana nicht als Problem. Jeder müsse an einem Punkt irgendwie beginnen, relevant sei letztendlich das Ergebnis, und das sei das, was zählt. Photoshop ist für sie ein Tool, keine Bedrohung für die Fotografie. Sie vergleicht es mit einem Werkzeug wie z.B. ein Stift für eine:n Journalist:in. Wenn damit Blödsinn geschrieben würde, sei das nicht die Schuld des Stiftes. Ihr Umfeld zeigt sich positiv gegenüber ihrer Arbeit. Es sei mit ausschlaggebend für ihre jetzige Tätigkeit gewesen, denn sie habe dadurch Motivation erfahren, sich nicht ausschließlich um Kunst, sondern auch um ihren Lebensunterhalt zu kümmern. Es war eher ein innerer Konflikt, bis sie sich entschied, dass sie nicht länger arm sein möchte. Heute liebt sie ihren Beruf, und auch ich habe das Gefühl, mit einer selbstbewussten und zufriedenen jungen Frau gesprochen zu haben. (c) Diana Dau
Facebook: https://www.facebook.com/dianaspacedau/ | Instagram: dianadau Sally Mire - Sally Mire Photography Sally Mire kenne ich persönlich und traf sie in Beirut und in Wacken. Im Lockdown in Beirut spricht sie mit mir per Messenger. Sowohl ihr Umfeld als auch sie selbst sieht sich ganz klar als Künstlerin - als Sängerin und Fotografin. Besonders stolz ist sie auf ihr Fotoshooting mit der Band „Black Sabbath“ und die Präsentation dieser Fotos in der Black-Sabbath-Ausstellung in Birmingham. Sie unterscheidet ganz klar zwischen „Fine-Art“-Fotograf:innen und kommerziellen Fotograf:innen. Sie kennt den Ausdruck „Slave of the Market“, wie es auf Englisch heißt, auch, bevorzugt aber, von unterschiedlichen Berufskategorien zu sprechen. Kommerzielle Fotograf:innen seien aber definitiv keine Künstler:innen. Deren Aufgabe wäre es, Produkte technisch ins rechte Licht zu setzen. "I would never burn my passion for a piece of paper." Für sie selbst kommt diese Aufgabe nur in besonderen Notfällen in Frage. Sie habe das Gefühl, dafür mit ihren Händen und ihren technischen Fähigkeiten zu arbeiten, jedoch nicht mit ihrer Seele. Dabei sei sie voll Gefühl und Leidenschaft und wolle das auch in ihrer Arbeit erleben. In ihre Projekte tauche sie ganz ein und entwickelt Ideen, und sie muss die Projekte unbedingt mögen. „Für einige Menschen steht der finanzielle Aspekt im Vordergrund. Mir reicht es, wenn ich von meinen Projekten und meiner Leidenschaft leben kann. Und wenn das nicht möglich ist, dann arbeite ich lieber ganz etwas anderes, beispielsweise in einem Büro“. Wortwörtlich fügt sie hinzu: „I would never burn my passion for a piece of paper“. Und wenn immer es möglich ist, lehnt sie rein finanzielle Projekte - sie nennt diese „money-shootings“ - ab. Einige Kunden würden gezielt nach künstlerischen Produktfotograf:innen suchen, doch diese Kunden seien leider selten. Das Gespräch mit Sally ist mit mehr Emotionen verbunden, als das Gespräch mit Diana. Bei Sally ist ein bisschen Kampfgeist für ihre Projekte und ihre Leidenschaft zu spüren, und auch sie tritt sehr selbstbewusst und auch ein bisschen stolz auf. (c) Sally Mire Facebook: https://www.facebook.com/Sallymirephotography | Instagram: sally.mire Wahrscheinlich ist das, was die jungen Fotografinnen machen, für jede Einzelne genau das Richtige. Und eigentlich wissen wir, dass es darauf ankommen sollte. Künstler:in hin oder her.

Szenario "Endgame Corona" in Ägypten

Ägypten hat den Vorteil, dass bereits Ende Januar - wenn es nicht gerade Unwetterwarnung gibt - die Temperaturen in der Mittagssonne um die 25 Grad betragen. Eine Dokumentation im ZDF erklärte, man habe Coronaviren in eine speichelähnliche Lösung gemischt und für zwei Wochen verwahrt. Einmal bei einer Temperatur von 4 Grad und einmal bei einer Temperatur von 22 Grad. Nach zwei Wochen waren noch fast alle Viren, die bei 4 Grad gelagert waren, vorhanden. In der Lösung, die bei 22 Grad verwahrt wurde, waren fast alle Viren verschwunden. Auch ich hoffe, dass das warme Wetter einen positiven Einfluss auf das Virus haben wird und es mit der Sonne verschwindet. Das mag naiv gedacht sein, und die Realität sieht derzeit auch anders aus. Einen Lockdown gibt es derzeit in Kairo nicht. Aber es gibt Maskenpflicht und das Gebot der Abstandshaltung wie überall auf der Welt. Seit dem 3. Januar wurden die Maßnahmen verschärft. Auskunft darüber geben neben dem ägyptischen Gesundheitsministerium beispielsweise auch die Botschaften in Kairo und die Aussenhandelskammer (AHK). Nachstehend einige Beispiele: „Indoor“ und in Taxis bzw. in öffentlichen Verkehrsmitteln gilt eine Maskenpflicht. 50 ägyptische Pfund (EGP) (ca. 2,50 Euro) beträgt die Strafe, wenn keine Maske getragen wird. Hochzeiten, Beerdigungen, Festivals und andere Massenveranstaltungen sind verboten. Schulen sind bis zum 20. Februar geschlossen, und der Unterricht findet online statt. Halbjahresferien gibt es vom 16. Januar bis zum 20. Februar für staatliche Schulen, also ohne jeglichen Unterricht. Für Universitäten wurde eine E-Learning-Plattform eingerichtet, die ab dem Sommersemester für alle Universitäten Pflicht sein wird. Lebensmittelläden dürfen immer öffnen, andere Läden von morgens um 7h bis abends um 22h, im Sommer bis 23h. Ok, für Kairo ist das fast wie ein Lockdown. Restaurants und Cafés dürfen mit 50% Kapazität bis Mitternacht geöffnet haben, im Sommer bis nachts um 1h. Sommer ist definiert von Ende April bis Ende September. Shisha ist zu meinem Leidwesen verboten. Wer als Café- oder Restaurantbesitzer gegen die 50%-Kapazitäts-Regel verstößt, muss mit einer Strafe von 4.000 EGP rechnen (ca. 200 Euro). Die Reisevorschriften wurden verschärft. Schon lange gilt, dass man ohne negativen PCR-Test nicht nach Ägypten einreisen darf. Ausgenommen hiervon seien jedoch Sharm-El-Sheikh und Hurghada als Ferienziele. Man könne bei Einreise dort vor Ort einen Test machen und müsse bis zum Erhalt des Testergebnisses in Quarantäne. Wenn man also derzeit nicht gerade reisen oder heiraten möchte, könnte der Alltag relativ normal in Kairo gelebt werden. Mit Maske und entsprechendem Abstand zu fremden Menschen. Eigentlich. Im Vergleich zu letztem Frühjahr tragen vom Gefühl her in diesen Tagen wesentlich mehr Menschen eine Maske. Dennoch sehe ich mich tagtäglich Situationen ausgeliefert, in denen es räumlich eng ist und erstmal keine Maske getragen wird. Zum Alltag gehören derzeit wiederkehrende Diskussionen. Jeden Taxifahrer frage ich seit Jahren „mumkin...?“ und das Ziel meiner Fahrt, beispielsweise nach „Dokki“ (also ob ich mit ihm nach Dokki fahren kann). Antwortet er mit „ja“ oder winkt mich ins Taxi, kommt die nächste Frage: „Funktioniert der Tachometer?" Hinzugekommen ist seit Wochen nun die Frage: „Mumkin kemama?“ was soviel bedeutet wie „Hast Du eine Maske und bist Du auch willig diese ordnungsgemäß zu tragen?“. Nachdem drei Fragen mit „ja“ beantwortet wurden, steige ich ein und fahre ausschließlich mit offenem Fenster. Wenn ich dann den Taxifahrer oft noch bitte, sein Gedudel im Radio leiser zu machen, dann bekomme ich sehr häufig grummelige Kommentare. Ich bin für ihn anstrengend. So gut es sich organisieren lässt, vermeide ich seit langem Innenräume mit vielen Menschen oder trage dort die FFP2-Maske. An meinem Obststand trägt der Verkäufer auch keine Maske, aber das ist wenigstens draußen. Er stellt meine abgewogenen Waren in seinen Kartoffelkorb, und so kann ich weitestgehend Abstand halten. In dem kleinen Kiosk bei uns im Haus, wo es ausser frischen Sachen irgendwie alles gibt, von Toilettenpapier über Käse, Nutella und Getränken, Milch, Nudeln und Reis, da ist es oft voll und eng. Drei Brüder betreiben den Kiosk. Ayman trägt immer Maske wenn er mich sieht, Mohammed nie. Den dritten sehe ich kaum. Die Jungs, die im Kiosk aushelfen, die tragen auch keine Maske, haben aber täglich Kontakt zu sehr vielen Menschen auf engem Raum. Komme ich in den Kiosk und sehe Ali, 14 Jahre, ohne Maske, frage ich ihn, warum er keine trägt. Er grinst und setzt sich die Maske auf. Kommen Gäste ohne Maske in den Kiosk und ich bezahle gerade, sagt Ayman ihnen, sie mögen warten bis ich weg sei. Mohamed hingegen lacht mich immer aus und macht Witze. Inzwischen aber betrete ich den Kiosk nicht mehr, wenn Mohamed ohne Maske da und es voll ist. Er kommt dann zu mir raus, bringt mir was ich möchte, und ich zahle bei ihm. Die US-Botschaft beschreibt auf ihrer ägyptischen Internetseite, dass die Kapazitäten der intensivmedizinischen Versorgung in Ägypten zu 90% ausgelastet seien. Wirklich lustig finde ich das dann eigentlich nicht mehr. Aber wie soll ich mich da verständlich machen? Zum einen ist mein Arabisch nicht gut genug für medizinische Ausdrücke. Und diejenigen, denen ich mich verständlich machen kann, verstehen es oft trotzdem nicht. Viele Menschen sind nur einige Jahre zur Schule gegangen, das Bildungsniveau ist niedrig. Laut Statista lag im Jahr 2017 die durchschnittliche Analphabetenrate bei 71,17 %. Wie soll man da Corona erklären - ein Virus das man nicht sieht und ohne Symptome ansteckend ist? Wie Corona enden könnte, erklärt Mai Thi Nguyen-Kim in einer ARD-Sendung. Wie das mit der Herdenimmunität und den Impfungen funktioniert, wie das alles berechnet wird und wie aus einer Pandemie eine Endemie werden kann, ist Inhalt der Sendung. Ziel wäre eine Endemie, in der Corona quasi heimisch wird, beschreibt Mai, so, wie eine Erkältung oder eine Grippe. Risikopatienten wären durch Impfung geschützt, diejenigen die sich anstecken haben keine schlimmeren Symptome als bei einer Erkältung, und eine Coronaimpfung würde für Kinder im Kindergartenalter automatisch mit angeboten. Das Video hat auf YouTube inzwischen über 1,8 Millionen Klick. Für mich sehr nachvollziehbar, denn die Erklärung kommt verständlich, sachlich und ohne erhobenen Zeigefinger. Ein Virenträger kann 3 bis 4 weitere Personen anstecken. Die Infektionszahlen sinken erst dann, wenn ein Virenträger weniger als einen Menschen ansteckt. Dieses wird erreicht durch eine sogenannte Herdenimmunität, die für das Coronavirus weit über 50% der Gesamtbevölkerung liegen muss. Man könnte dieses auch erreichen, wenn alle diejenigen, die infiziert sind, sich auskurieren und zuhause bleiben und niemanden mehr anstecken. Leider gibt es auch Corona ohne Symptome, und entweder müssten alle getestet werden oder alle zuhause bleiben. Dann wäre Corona quasi weg. Das mit der Herdenimmunität kostet Zeit. Das mit dem„alle bleiben zuhause bis niemand mehr jemanden anstecken kann“ ist unrealistisch. Außerdem muss es dann nur eine einzige Person geben, die übersehen wurde, dann geht alles wieder von vorne los. Mit Impfungen werden diejenigen zuerst geschützt, bei denen Corona einen schweren Verlauf nehmen kann oder die einer besonders hohen Ansteckungsgefahr ausgesetzt sind. So weit, so gut. Aber wie funktioniert das in Ägypten? Ägypten hatte am 3. Februar offiziell 512 neu positiv geteste Personen und 53 Todesfälle. Gezählt werden offiziell die Coronafälle der staatlichen Krankenhäuser. Private Tests, private Krankenhäuser und Militärkrankenhäuser werden nicht mitgezählt. Und diejenigen, die infiziert sind aber sich nicht testen lassen, auch nicht. Somit geben die Zahlen eine Tendenz an. Anfang Januar waren es täglich noch über 1.000 neu positiv getestete Personen. Ich wollte wissen, wie viele Menschen sich an das Tragen der Masken halten und wie viele nicht. Ich habe Momentaufnahmen gemacht ohne Anspruch darauf, repräsentativ zu sein. Ich zählte und beobachtete im Taxi, im Kiosk, im Café, von meinem Fenster aus, bei den Essenständen auf der Straße. Ich kam zu dem Ergebnis, dass sich das ziemlich genau drittelt. Ein Drittel aller in etwa trug die Maske vorschriftsmäßig, ein Drittel hatte die Maske unter dem Kinn, ein Drittel hatte keine Maske sichtbar bei sich. Die meisten Beobachtungen dabei waren Menschen draußen. Ohne Sortierung nach Geschlecht oder Alter. Einfach so, wie sie mir begegneten. Die Verkehrspolizei überprüft Taxis und zum Teil öffentliche Verkehrsmittel. Weitere Kontrollen konnte ich bislang nicht beobachten. Basierend auf der Erklärung der ARD-Sendung fürchte ich, dass das, was Ägypten gerade macht, rechnerisch die schlechteste aller Lösungen ist. Aber vielleicht die einzig mögliche. Nachdem der Großteil der Ägypter nach meinen Zufallsbeobachtungen keine Maske trägt und nicht immer ausreichend Abstand einhält, überträgt sich das Virus in diesem Personenkreis immer weiter. Am einfachsten wäre es, niemand trüge eine Maske und alle steckten sich irgendwie an und eine Herdenimmunität würde schnell erreicht. Leider hätte das dann viele Kranke, auch schwer Erkrankte und auch viele Todesfälle zur Folge. Eine Lösung, die man niemandem mit gutem Gewissen vorschlagen kann und will. Nur Theorie. Die andere Lösung, alle bleiben jetzt einige Wochen zuhause bis die Ansteckungsgefahr drastisch reduziert ist, ist genauso unwahrscheinlich und wirtschaftlich undenkbar. Muss es demnach in Ägypten genauso funktionieren wie in Deutschland? In Deutschland bleiben - bedingt durch den Lockdown - derzeit viele Menschen zuhause. Diejenigen, die das Haus verlassen, halten sich weitestgehend an Abstandsregeln und tragen Maske. Die Impfungen haben begonnen. So sollte es zumindest sein. Am 11. Januar berichtete Egypt Today darüber, dass das ägyptische Gesundheitsministerium eine Seite einrichten werde, auf der man sich online für die Corona-Impfung registrieren könne. Egypt Independent berichtete am 10. Januar, die Seite sei live gegangen. Am 25. Januar sollten gemäß Berichterstattung diverser Medien die Impfungen bei medizinischem Personal in Ägypten begonnen haben. Ich finde die Seite http://mohpegypt.com, kann aber nirgendwo einen Link zur Dateneingabe finden. Es heißt dort übersetzt „Registrieren Sie sich bald“. Ein Corona-PCR-Test bei einer privaten Ärztin oder Arzt kostet ungefähr 1.500 - 2.000 EGP, ca. 75 - 100 Euro. Das Durchschnittseinkommen Ägyptens lag laut Statista pro Kopf bei ca. 2.600 US-Dollar (2017). Die Zahlen von 2018 der Seite Länderdateninfo sprechen von 200 Euro monatlich oder 2.400 Euro jährlich als Durchschnittseinkommen. In den staatlichen Krankenhäusern zahlt man nichts für die Behandlung, die Kapazitäten und Mittel sind jedoch begrenzt. Wie hoch die Kosten für die Impfung in Ägypten sein werden, oder ob diese kostenlos für die Ägypter erfolgen wird, konnte ich nicht herausfinden. Meine Befürchtung ist, dass nur für ca. 1/3 der Bevölkerung die Corona-Lösung aussehen wird wie in Deutschland. Sie halten Abstand, sie tragen Masken, sie lassen sich impfen. Sollten sich die wirtschaftlich Schwächeren keine Impfung leisten können und sie eventuell dann noch zu der von mir beobachteten Gruppe „Menschen ohne Maske“ gehören, dann wird für diese Gruppe die Herdenimmunität die Lösung sein müssen. Mit allen traurigen Eventualitäten und der Zeit, die es dauern wird. In diesem Fall würde es dann noch lange eine Maskenpflicht und Verzicht auf Shisha geben. Die Maskenpflicht noch strenger zu kontrollieren, wäre eine andere Möglichkeit, stößt aber auf organisatorische Grenzen und oft auf Unverständnis. Anfang Januar hatte die ägyptische Regierung angekündigt, zumindest die notwendige Quarantäne von positiv Getesteten schärfer zu kontrollieren. Das Bewusstsein ist vorhanden. Eine völlig pragmatische Lösung wäre, Corona für beendet zu erklären. Wenn es wieder wärmer wird und erste Impfungen vorgenommen wurden und möglich sind. Eine Lösung, die einige Ägypter:innen aus meinem Bekanntenkreis durchaus für möglich halten. Auch das liefe letztendlich für Ungeimpfte und Maskenlose dann auf Herdenimmunität hinaus. "Hanshouf" sagen die Ägypter voller Gottvertrauen - wir werden sehen. Mir wäre meine naive Lösung am liebsten: Das Virus verschwindet mit der zunehmenden Wärme.

Jugend Musiziert 2021 in Kairo

Eigentlich sollte ich gerade in der Jury für „Jugend Musiziert“ sitzen, entweder für Kairo-Ost oder für Kairo-West. Denn heute, am Freitag, den 29. Januar 2021 findet an den deutschen Auslandsschulen in Kairo der Regionalwettbewerb für Jugend Musiziert statt. Der diesjährige Wettbewerb kann Corona bedingt nur unter erschwerten Voraussetzungen stattfinden. Dennoch ist es möglich, den rund 20 Kindern und Jugendlichen das Vorspiel im Regionalwettbewerb zu ermöglichen. Mit meiner Juryteilnahme hat es sich anders ergeben, so dass anstatt einer Kolumne aus der Jugend-Musiziert-Jury heraus eine kleine Reportage zum Thema entstanden ist. „Jugend Musiziert“ (JuMu) findet in Deutschland seit dem Jahr 1964 statt. Neben allen 16 Bundesländern sind die internationalen Regionen „Nord-/Osteuropa“, „Spanien/Portugal“ sowie „Östlicher Mittelmeerraum“ vertreten. Die Wettbewerbe werden von deutschen Musikschulen oder deutschen Auslandsschulen organisiert. Unterstützt wird „Jugend Musiziert“ durch den Bund und private Förderer. Auf der Internetseite von „Jugend Musiziert“ www.jugend-musiziert.org ist zu lesen, dass der Wettbewerb „einer der gesamtstaatlich geförderten Schüler- und Jugendwettbewerbe (ist). Er ist im Kinder- und Jugendplan der Bundesregierung verankert und von der Kultusministerkonferenz anerkannt. Damit gehört „Jugend Musiziert" zu den Einrichtungen, für die die Länder und der Bund am 14.9.1984 eine gemeinsame Erklärung zur Förderung bundesweiter Wettbewerbe im Bildungswesen abgegeben haben. Bund, Länder, Gebietskörperschaften, Kommunen und Fachverbände laden gemeinschaftlich zur Teilnahme ein.“ Kinder und Jugendliche, die in Deutschland wohnen oder eine deutsche Auslandsschule besuchen, können bis zu einem Alter von 21 Jahren teilnehmen und treten in entsprechenden Altersgruppen an. Allerdings dürfen sie noch keine musikalische Berufsausbildung begonnen haben. Für jedes Jahr werden vom JuMu-Beirat mit Mitgliedern aus Musikschulen, Medien und der Musikwirtschaft wechselnde Wettbewerbskategorien für die Ausschreibung definiert, sowohl für Soloinstrumente mit und ohne Begleitung und für Ensembles. Im Laufe der Jahre sind immer wieder neue Kategorien hinzugekommen. So sind Musical und Popgesang bei den Jugendlichen besonders beliebt. Erstmalig in diesem Jahr findet das sogenannte JuMu-Open statt. Eigenen Kompositionen, moderner Musik lebender Komponisten, Kreativem und Innovativem soll dadurch ein Raum auch bei „Jugend Musiziert“ gegeben werden, so der Gedanke von Professor Ulrich Rademacher als JuMu-Vorsitzender. Der Anmeldeschluss ist jährlich am 15. November. Trotz Corona verzeichnet Deutschland die Anmeldung von 15.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, insgesamt haben in allen Jahren über eine Million Kinder und Jugendliche teilgenommen. Nachdem der Bundeswettbewerb im Jahr 2020 ausfallen musste, ist der 58. Bundeswettbewerb in 2021 bereits in Planung, trotz erschwerten Bedingungen und aktuellem Lockdown. Die Jugend-Musiziert-Verantwortlichen begründen dieses wie folgt: „Den Verantwortlichen für den Bundeswettbewerb 2021, der ja vom 20 bis 27. Mai in der Hansestadt Bremen und Bremerhaven stattfinden soll, ist bewusst, unter welchem Druck Musikpädagog*innen derzeit bei der Vorbereitung ihrer Schüler*innen stehen. Die Verschiebung der landesweiten Wettbewerbe in den März sollen allen Akteur*innen wertvolle zusätzliche Zeit für die Vorbereitung verschaffen. Denn gemeinsames Üben ist angesichts der sehr eingeschränkten Möglichkeiten für Präsenzunterricht – besonders für Ensembles – aktuell nur schwierig zu organisieren, weil Musikschulen geschlossen sind und Menschen verschiedener Haushalte sich nicht treffen dürfen. Es sind die Erfahrungen und das Know-How vieler pragmatisch denkender Menschen, die dennoch einen Wettbewerb „Jugend Musiziert 2021“ möglich machen wollen, den es in dieser Form noch nie gegeben hat. Ihre Zuversicht, ihre Entschlossenheit beziehen sie aus dem Wissen um all die Kinder und Jugendlichen und ihre Lehrkräfte, für die der Wettbewerb „Jugend Musiziert" ein fester Termin im Jahresverlauf ist und ein Ziel, auf das sie hinarbeiten. Auch, wenn diese Vorbereitung derzeit durch den Lockdown extrem erschwert wird.“ Wie wichtig „Jugend Musiziert“ als Motivation und Ziel für junge Menschen sein kann, bestätigen auch Farida Abdelhady und Farida Tamer, ehemalige Schülerinnen der ESK (Europaschule Kairo) und der DSB (Deutsche Schule der Boromäerinnen) in Kairo. Farida Abdelhady studiert heute Klavier an der Folkwang-Schule in Essen. Doch ihr Weg dorthin war nicht einfach. Sie erzählt, dass sie in Kairo zunächst Klavierunterricht hatte bei einem Klavierlehrer, der den Unterricht auch nur quasi hobbymäßig gemacht hätte. Als sie es dennoch in die zweite Runde zum Landeswettbewerb geschafft hatte und Mitstreiterinnen und Mitstreiter aus anderen Ländern treffen konnte, beispielsweise aus der Türkei und aus Italien, da wurden ihr die Augen geöffnet. Sie erlebte Musik plötzlich auf einem ganz anderen Niveau, als sie es aus Kairo gewohnt war, berichtet sie. Zurück in Kairo hatte sie sich eine neue Klavierlehrerin gesucht, mit der sie anfing, an ihrer Technik und an der Musik zu arbeiten. „Jugend Musiziert“ war alljährlich nicht nur Highlight, sondern auch Motivation. Sie hat es dann auch bis zum Bundeswettbewerb in Deutschland geschafft. Zwar war ihr bewusst, dass „Jugend Musiziert“ ein Wettbewerb sei, die Atmosphäre sei jedoch eher unterstützend als giftig gewesen. Auch nach ihrer Teilnahme an JuMu hätte sie von den ehemaligen Juroren weiterhin Unterstützung erfahren, beispielsweise hätte man ihr weiterführende Workshops empfohlen. Trotz ihrer Erfolge bei „Jugend Musiziert“ musste Farida Rückschläge hinnehmen. Durch vier Aufnahmeprüfungen für ein Musikstudium sei sie gefallen, erzählt sie. Sie entschied sich daraufhin, nach Deutschland zu ziehen, Musikwissenschaft zu studieren und Unterricht zu nehmen, der sie für die Aufnahmeprüfung für ihr Musikstudium qualifizieren sollte. Dass sie heute Klavier in Deutschland studieren kann, ist ihrer Zielstrebigkeit, ihrem Fleiß und ihrem Ehrgeiz zuzuschreiben. „Jugend Musiziert“ hat sie jedoch wesentlich auf ihrem Weg dorthin begleitet. Kairo, unterteilt in West und Ost, gehört neben Alexandria, Athen, Israel/Palästina, Istanbul, Mailand, Rom und Thessaloniki zur internationalen Region „Östlicher Mittelmeerraum“ mit Lorenzo Rüdiger (Rom) als Vorsitzenden. Meine ehemalige Kollegin, Birgit Härling-Schwarz, erinnert sich, dass es „Jugend Musiziert“ in dieser Region seit 1987 gibt, im nächsten Jahr stünde das 35-jährige Jubiläum an. Genua sei im Laufe der Jahre irgendwann ausgestiegen, erzählt sie, Talita Kumi und Jerusalem seien dazu gekommen. An den deutschen Auslandsschulen sei die Aufgabe hinsichtlich Jugend Musiziert eine ganz andere, als in Deutschland. Als Schulmusiker habe man in Deutschland mit JuMu so gut wie nichts zu tun, außer eventuell Talente aufzuspüren, die Umsetzung von JuMu in Deutschland läge in der Hand der Musikschulen. Eine Jugend-Musiziert-Schule im Ausland steht finanziell und organisatorisch in der Pflicht. In Kairo sind das in Kairo-Ost die Europaschule (ESK) und die Deutsche Schule der Boromäerinnen (DSB), in Kairo-West die Deutsche Evangelische Oberschule (DEO). Schülerinnen und Schüler der Beverly-Hills-Schule dürfen als Gäste am Regionalwettbewerb der DEO teilnehmen, jedoch sind weder die Beverly-Hills-Schule noch die Rahn-Schulen in Kairo offizielle Jugend-Musiziert-Schulen. Die Herausforderung für die den Regionalwettbewerb ausrichtende Schule geht weit über die organisatorischen Aufgaben hinaus, insbesondere in Ägypten. Birgit beschreibt „… Auf jeden Fall in Ägypten hat man die Diskrepanz zwischen oft unzureichenden Instrumentallehrern und begabten und motivierten Schülern auszugleichen. Das heißt, man muss Aufgaben des Instrumentallehrers übernehmen, also Stücke, die zum Schüler und zur Ausschreibung passen, auswählen, das Üben begleiten, Ensembles zusammenstellen und proben. Ganz wichtig: Man muss die Schüler motivieren, ihnen aber auch deutlich machen, wie hoch die Messlatte liegen kann. Dazu gehört auch, dem einen oder anderen zu sagen, wann etwas nicht präsentabel ist. Die Lehrkraft muss wissen, wo es hingeht. Also nicht - Hauptsache wir machen was, egal was. Und das ist somit viel mehr Verantwortung, als lediglich eine Veranstaltung zur Außenwirkung einer deutschen Auslandsschule.“ Wenn sich die Mühe dann auszahlt und die jungen Musikerinnen und Musiker die nächste Runde, den Landeswettbewerb, oder gar das Finale im Bundeswettbewerb in Deutschland erreichen, dann bleiben auch für die Schulen und Lehrkräfte positive Momente in Erinnerung. Birgit beispielsweise schwärmt: „So habe ich in besonderer Erinnerung die Brüder Nour und Abu Bakr Shawky, die im Duo an zwei Klavieren bis zum Bundeswettbewerb gekommen sind. Abu Bakr (übrigens der Regisseur von dem Film „Yomeddine“) war im gleichen Wettbewerb in Klavier Solo Bundespreisträger und Nour als Liedbegleiter. Ich durfte die Beiden 1999 zum Bundeswettbewerb nach Köln begleiten“. Noch heute hält Birgit Kontakt zu den Brüdern und hat Nour im letzten Sommer in Deutschland getroffen. Der Landeswettbewerb im Ausland ist interkulturelle Begegnung. Während Landeswettbewerb in Deutschland lediglich „die nächste Runde“ bedeutet, so bringen die internationalen Regionen auch interkulturelle Begegnungen mit sich. Spannend sowohl für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, als auch für die begleitenden Lehrkräfte. Die DEO hat im Jahr 2000 und im Jahr 2016 für die Region „Östlicher Mittelmeerraum“ den Landeswettbewerb ausgerichtet. Von dem Spirit, der im Jahr 2000 zum Landeswettbewerb an der DEO herrschte, ist Birgit bis heute begeistert: „Grundsätzlich war JuMu eine Herzensangelegenheit der ganzen Schule. Viele Kollegen haben sich engagiert (zum Flughafen fahren, Gastfamilien, Fahrdienst, Freizeit organisieren u.a.). Bei der Eröffnungsfeier und dem Abschluss waren alle Kollegen da, es war ein ganz anderer Geist an der DEO“. Dass das Thema Musik und auch „Jugend Musiziert“ im Laufe der folgenden Jahre an Bedeutung verloren hat, ist bis heute deutlich zu spüren. Neuntklässler Omar, im Jahr 2019 erfolgreicher Bundespreisträger im Popgesang, erzählt mir, dass er oft von Gleichaltrigen gefragt würde, warum er denn sänge. Das würde oft als uncool angesehen, beispielsweise im Vergleich zu Sport, der im Land einen wesentlich höheren Stellenwert erfährt. Bildungspolitische und gesellschaftliche Entwicklung der letzten zwanzig Jahre zu betrachten und in Relation zu Kunst/Kultur und Sport zu stellen, wäre sicherlich ein ausführliches und spannendes Thema. In meinem ersten Jahr an der DEO fand der Landeswettbewerb dort statt unter der organisatorischen Leitung von Benno Grupp und Jürgen Schober. Ich konnte mich noch einbringen als Jurymitglied und Organisatorin des Ausflugs der 100 Gäste an die Pyramiden. Ausserdem erinnere ich mich neben allen Konzerten gerne an den Workshop mit Fathy Salama. Ein Landeswettbewerb besteht immer aus einem Eröffnungskonzert, den die gastgebende Schule gestaltet. Es folgen Tage der Wertungsspiele mit Juryarbeit und Beratung der Teilnehmenden, die darauffolgenden Tage geben Raum für diverse Workshops und einen Abschlusstag mit Ausflug und Preisverleihung. Krönender Abschluss ist jeweils das Preisträgerkonzert am letzten Abend. Im Landeswettbewerb in Athen in 2019, als ich als Musiklehrerin mit in der Jury war und Sarah, Farida und Omar auf diversen Bühnen stehen sah, da ging mir das Herz auf. Alle hatten ihre ersten musikalischen Gehversuche mit mir in diversen Konzerten in der Schule unternommen, mit Soloparts im Weihnachtsmusical, im Noah-Musical oder im Sommerkonzert mit Songs aus „Die Kinder des Monsieur Mathieu“. Die Schülerinnen und Schüler bekommen ein anderes Gesicht, wenn man sie in Konzerten, hinter der Bühne, auf Ausflügen und bei Preisverleihungen erleben darf. Ein besonderer Bonus für Musiklehrerinnen und -lehrer. Musiklehrer sind manchmal Talent-Scouts. Auch Farida Tamer wurde an der DSB durch ihren damaligen Musiklehrer, Dirk Boysen, ermutigt, sich bei „Jugend Musiziert“ zu beteiligen. Farida erzählt ausführlich von ihren vielen und vor allem auch erfolgreichen Erlebnissen bei und mit „Jugend Musiziert“, die ihre nun beginnende Karriere als Sängerin mit gestaltet haben. Sie war 16, als sie 2016 das erste Mal teilgenommen hat. Sie war von ihrem ersten Jahr ein klein wenig enttäuscht. Zum einen hat sie, wie sie heute schmunzelnd erzählt, „nur“ einen zweiten Preis beim Landeswettbewerb erzielt. Außerdem sei der Landeswettbewerb dann in Kairo gewesen, und sie wäre viel lieber auch nach Rom oder in die Türkei geflogen. Seit 2016 hat sie jedes Jahr den Landeswettbewerb in verschiedenen Kategorien mit Gesang erreicht, Highlight war dann das Jahr 2019. Im Bundeswettbewerb in Halle/Saale wurde sie Bundespreisträgerin eines ersten Platzes in der Kategorie „Klassik Ensemble“ mit 25 von 25 Punkten. Auch in diesem Jahr ist Farida wieder mit dabei und wartet heute gespannt auf ihre Wertung Bevor sie bei „Jugend Musiziert“ mitgemacht hatte, kannte sie nichts von klassischer Musik, erzählt Farida. Sie hatte lediglich an Schulwettbewerben teilgenommen. „Jugend Musiziert“ half ihr, sie selbst zu werden und sich selbst musikalisch zu finden, gibt sie offen zu. Sie wurde motiviert, sich eine Gesangslehrerin zu suchen. Inzwischen ist sie Ensemble-Mitglied bei „Fabrica“ unter Leitung der bekannten Opernsängern Neveen Allouba, von der Farida unter anderem unterrichtet wurde. Farida blickt heute, unter anderem mit „Fabrica“, bereits auf über 200 nationale und internationale Konzerte zurück, beispielsweise auf dem „Internationalen Filmfestival El Gouna“ und in der Oper in Kairo. Neben der Klassik hat sie inzwischen auch den Jazz für sich entdeckt und erste Konzerte in Kairo gegeben. Für junge Leute birgt ihr Erfahrungsschatz aus „Jugend Musiziert“ einige Tipps: Jährlich an „Jugend Musiziert“ teilzunehmen, sei eine enorme Motivation für das eigene Üben und die Vorbereitung, denn es gäbe ein Ziel, auf das man hin arbeite. Wichtig wäre, sich nicht entmutigen zu lassen. Die Beratung der Jurymitglieder nach den Wertungsspielen seien wichtige Hinweise und Übetipps. Auch sie habe die Wettbewerbe niemals als besonders konkurrierend, sondern eher als fördernden Austausch und Motivation erlebt. Zudem rate sie Jedem, sich auf die Musik unterschiedlicher Kulturen einzulassen, miteinander zu musizieren und voneinander zu lernen und natürlich möglichst viele Freundschaften zu schließen. Am 29.01.2021 finden die Regionalwettbewerbe in Kairo unter Coronabedingungen statt. Farida wartet heute gemeinsam mit allen weiteren Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Regionalwettbewerbe in Kairo Ost und West auf ihre Wertung. Der letzte Regionalwettbewerb in Kairo konnte Anfang 2020 stattfinden, ebenso wie das Preisträgerkonzert aller deutschen Schulen in Kairo, organisiert von der Musikfachschaft der DEO unter Leitung von Birgit Härling-Schwarz. Danach war erstmal Schluss mit Musik, denn es kam Corona. Der Landes- und Bundeswettbewerb 2020 konnte nicht stattfinden. In diesem Jahr finden in Kairo die Wettbewerbe online statt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben ihre Beiträge zuvor per Video aufgezeichnet und per USB-Stick oder online über YouTube/Vimeo eingereicht. Heute sitzen die Musiklehrerinnen und Musiklehrer der jeweiligen Schulen online oder unter Berücksichtigung der Hygienevorschriften zusammen und bewerten als Jury die Beiträge, die sie gemeinsam ansehen. Die Juryrichtlinien sind die gleichen geblieben, wurden aber um Richtlinien bei Durchführung von Online-Wertungen ergänzt. Bewertet wird mit einem Punktesystem, von teilgenommen über den dritten, zweiten und ersten Preis bis hin zu einem ersten Preis mit Weiterleitung zum Landeswettbewerb. Lorenzo Rüdiger, Landesvorsitzender der Region Östlicher Mittelmeerraum, betonte, dass man wohlwollend bewerten wolle unter Coronabedingungen. Das gemeinsame Üben sei erschwert und über Dinge, die man in zwei Monaten bis zum Landeswettbewerb beheben könne, dürfe man im Regionalwettbewerb ein wenig hinweg sehen. So sehen die offiziellen Richtlinien beispielsweise vor, dass eine Toleranzgrenze von 20% gewährt wird bezüglich zu präsentierender Spielzeit. Wenn regulär in der Altersgruppe und Kategorie 15 Minuten Spielzeit Pflicht seien, so sind in diesem Jahr 12 Minuten auch ok. 3 Minuten ist vor allem bei den Jüngeren oft ein ganzes Musikstück oder ein Satz aus einer Sonate oder Konzert. Die deutsche Schule in Rom hatte ihren Regionalwettbewerb bereits am 20. Januar. Auch anders als in den Jahren zuvor, aber präsent. Die Mitwirkenden durften live vorspielen, jedoch war kein Publikum anwesend. Der Landeswettbewerb wird - wie eigentlich schon für das letzte Jahr geplant - in diesem Jahr von der deutschen Schule in Rom ausgerichtet. Der Termin ist der 18. bis 24. März. Wie immer der Wettbewerb dann auch aussehen wird - für den heutigen Regionalwettbewerb wünsche ich viel Erfolg und drücke die Daumen, dass ich möglichst viele Nachrichten erhalte „Hurra, weitergeleitet zum Landeswettbewerb“.

Wie man sich in Kairo beschwert

Dass Downtown Kairo meistens kein idyllisches Plätzchen ist, das war mir von vorne herein bewusst. In Abdeen, mitten im Leben zwischen Geschäften und Cafés habe ich Ruhe dann, wenn ich die Fenster schließe oder nach Ladenschluss, den es in Coronazeiten jetzt gibt. Möchte ich das Summen der Stadt wahrnehmen mit dem Lachen der Shopbesitzer, dem Murmeln in den Cafés, dem Straßenverkehr und dem Koran, der irgendwo immer spielt, dann öffne ich die Fenster. In einer lauen Sommernacht ist das schön, vor allem in meiner kleinen Loggia. Möchte ich Ruhe haben, dann schließe ich die Fenster, die gottlob doppelverglast und weitestgehend staub- und schalldicht sind. Alles änderte sich vor einigen Monaten. Direkt unter meinem Fenster in einer Passage eröffnete ein neues Büdchen. Ein Verkaufsstand vorrangig für Sonnenbrillen. Es gibt zwei Männer, die sich die Betreuung des Ladens teilen - ein jüngerer vielleicht Mitte dreißig und ein älterer, nicht unweit vom Rentenalter sofern ich das einschätzen kann. Tagtäglich öffnet der ältere der Beiden gegen 10 Uhr morgens das Büdchen und sitzt dann dort oft stundenlang, immer mit Maske. Der jüngere der Beiden versucht, vorbeigehende Passanten an der belebten Talaat-Harb-Straße auf das Büdchen in der Passage aufmerksam zu machen, meistens leider ohne Maske. Ob zur Unterhaltung oder als Marketinginstrument, das konnte ich nicht feststellen. Aber tagtäglich wurde oft zehn Stunden am Stück über Lautsprecher aus dem Büdchen heraus Musik gespielt. In einer Partylautstärke, die ich selbst bei geschlossenen Fenstern nicht ignorieren konnte. Online-Unterricht oder Konzentration auf das Schreiben war mir unmöglich. Es hat auch nichts geholfen, selbst das Radio oder den Fernseher anzudrehen, die ägyptische Partymusik war stete Begleitung. Drei Mal sprach ich persönlich mit dem jüngeren Shopbesitzer, zwei Mal rief ich vom Fenster hinunter, man möge die Lautstärke leiser stellen. Verständnis bei dem etwas älteren Herrn, ein hämisches Grinsen bei dem jüngeren. Nachdem ich der Lautstärke nicht entfliehen kann, suchte ich nach einer Lösung. Ich weiß, dass mir jemand vor etlicher Zeit, als ich eine Wohnung direkt neben drei Moscheen hatte, mal gesagt hat, man könne sich über Lärmbelästigung beschweren. Ein Lärmschutzgesetz regelt das Vorgehen bei Lärmbelästigung Als erstes musste ich recherchieren, ob der Büdchenbetreiber möglicherweise so laut Musik spielen könne, wie er wolle. Dem ist überhaupt nicht so. Aus dem Jahr 1994 gibt es ein Umweltgesetz Nr. 4, das Grundlage für ein 5-Jahres-Plan (2007 bis 2012) war, um den Lärmpegel in Kairo zu reduzieren. Dass das kein einfaches Unterfangen ist, kann auf der Internetseite der Umweltbehörde von Ägypten in einem Dokument nachgelesen werden. Beteiligt waren die folgenden Ministerien: - Ministerium für Stadtentwicklung und Gebäude - Innenministerium - Ministerium für zivile Luftfahrt - Ministerium für Religion - Ministerium für Bildung - Ministerium für Tourismus - Ministerium für Außenhandel und Industrie - Ministerium für Gesundheit und Bevölkerung - Ministerium für Transportwesen sowie das - Ministerium für Kommunikation und Informationstechnologie Für jedes Ministerium werden eine Art To-Do-Liste aufgeführt, was als Beitrag zur Lärmreduzierung zu tun sei. Beispielsweise müsse das Ministerium für Religion darauf achten, dass Lautsprecher von Moscheen nur eingeschränkt eingesetzt werden dürfen. Ferne wurde ein Netzwerk mit 30 Lärmpegel-Messstationen in Kairo installiert. Über die Ergebnisse der Messungen im Freien und in Gebäuden wird in diesem Dokument zumindest keine Auskunft gegeben. Allerdings wird deutlich, dass man sich des Themas bewusst ist. Für mein Thema ist auch nicht das Umweltgesetz Nr. 4 maßgeblich, sondern Gesetz Nr. 45/1949, das natürlich immer wieder aktualisiert wird. Bei Gesetz Nummer 45 handelt es sich um ein Lärmschutzgesetz mit folgender Zielsetzung gemäß der International Resources Group: Schutz der Umwelt vor Lärm; Regelung der Installation und Verwendung der Lautsprecher Das war genau das, was ich gesucht hatte. Und fand tatsächlich die Regelung, dass Shopbesitzer für die Verwendung von Lautsprechern eine Lizenz benötigen. Andernfalls sei eine Strafzahlung zwischen 100 und 300 EGP (derzeit zirka 5 und 15 Euro) fällig. Zudem wird der Lautsprecher konfisziert. Bei Wiederholung kann die Strafzahlung verdoppelt und der Shop für sieben Tage von der Regierung geschlossen werden. Die Frage war, ob und wie ich von diesem Recht Gebrauch machen konnte. Auf der Internetseite des ägyptischen Umweltministeriums wurde ich fündig. Im Jahr 2018 berichteten mehrere Medien, unter anderem Al Ahram, darüber, dass durch den Minister des Inneren eine neue Beschwerdestelle eingeführt wurde. Es wurden zwei WhatsApp-Nummern angegeben sowie die Hotline 16528. Das Umweltministerium wolle so die Bürger ermutigen, Meldung abzugeben, beispielsweise wenn Müll wild abgeladen wird. Die Regierung würde dann dafür sorgen, dass der illegal abgeladene Müll abgeholt würde. Die ersten Beschwerden trafen vorrangig ein aus Cairo, Giza, Qalioubiya, Alexandria, Sharqiya und Daqahliya. Es wurden aber auch kritische Stimmen gehört. So berichtet Al Ahram über Mohamed Abdallah, einen Regierungsangestellten, der diese Initiative nicht besonders sinnvoll findet. Sein Argument ist, der Müll sei überall ersichtlich und offensichtlich, die Regierung müsse darüber nicht gesondert informiert werden. Ich versuchte mein Glück und wurde positiv überrascht. Als sogar an einem Freitagmorgen, an dem die Stadt eigentlich wunderbar ruhig ist, laute Partymusik in meine Wohnung drang, habe ich ein Video gemacht und damit eine WhatsApp an die angegeben WhatsApp-Nummer gesandt. Ich bekam zu meinem großen Erstaunen am gleichen Tag Antwort, ich solle meine Daten, Adresse und Passnummer angeben, dann würde man die Beschwerde verfolgen. Ich war zunächst verunsichert, erinnerte mich dann aber daran, dass alle Daten aufgrund meines Visums und zahlreicher Flugbuchungen sowieso bei den Behörden vorlagen und wagte den Schritt. Nichts passierte. Eine Woche später hakte ich nach. Ich bekam dann den Hinweis, ich solle meine Beschwerde schriftlich einreichen. Auf www.shakwa.eg. Auch das tat ich noch vor Weihnachten. Die Seite steht auf Arabisch und auf Englisch zur Verfügung und ein bisschen musste ich mich durchwühlen. Aber nach der Registrierung klappte alles wunderbar und ich verlor die Sache über die Feiertage in Deutschland aus den Augen. Eher zufällig, als ich einem Freund davon erzählte, schaute ich mal wieder in das Beschwerdeportal. Und siehe da, man war tätig geworden. Es wurde auch alles schön dokumentiert in einem pdf-Dokument mit Bildern und Tätigkeitsnachweis. Wir waren beide mehr als positiv überrascht. Ich erfuhr jedoch von meinem Bekannte, dass er gehört hätte, dass sich die ägyptische Regierung derzeit verstärkt auch um Verbraucherschutz und Verbraucherthemen kümmere. Ich finde, das ist eine sehr positive Entwicklung. Tatsächlich höre ich nur noch gelegentlich Koranverse in einer mehr als akzeptablen Lautstärke. Dagegen könne man auch nichts machen, verrät mir ein ägyptischer Freund. Und so sind beide Parteien hoffentlich zufrieden. Ich konnte bis Januar in Ruhe unterrichten und kann jetzt in meiner Loggia in Ruhe schreiben. Der Büdchenbesitzer hat Lautsprecher für seine Koranverse. Den jungen Typen finde ich nach wie vor recht unsympathisch, der ältere Herr, der so geduldig vor seinem Büdchen sitzt und brav die Maske trägt, tut mir manchmal ein bisschen leid. Ich hatte schon überlegt, ob ich ihm ein Instagram-Account einrichten und betreiben soll, um sein Büdchen ein wenig in Schwung zu bringen. Trau ich mich aber nicht. Denn ein klein wenig schlechtes Gewissen habe ich ja doch.

Außergewöhnliche Umstände

Coronabedingt - und ich hasse diesen Ausdruck- bin ich die letzten Male Business-Class geflogen. Kein langes Warten und Anstehen, nicht mehr Kontakt zu Fremden als zwingend notwendig. Ausruhen und Arbeiten und Essen in einer Lounge. Ganz so hat das nicht geklappt wie in meinen Vorstellungen, aber fast. Die Business-Lounges in Kairo sind ordentlich, die Mitarbeiter freundlich, die Toiletten sauber, das Essen abgepackt. WLAN funktioniert. Schlicht und ordentlich und rund um die Uhr geöffnet. Deutsche Lounges haben begrenzte Öffnungszeiten. In München ist die Business-Lounge ist von 05.30h bis 22.00h geöffnet, die Business Lounge in Wien von morgens 05.00h bis abends 19:00h, die Lounge in Düsseldorf schließt auch um 19.00h. Im Herbst gab es in München noch Buffet mit Vor- und Nachspeise und warmer Hauptmahlzeit, dazu Wein, Bier und alkoholfreie Getränke. In Düsseldorf und Wien werden derzeit Getränke, also Wasserflaschen, Kaffee und Tee, sowie abgepackte Speisen ausgegeben. Verzehren in der Lounge darf man sie nicht, nur mitnehmen. Zumindest hat man dann am Gate etwas zu beißen. WLAN funktionierte auch überall, und es war überall sehr leer. Auf meiner Reise sprach ich mit einem Mitarbeiter von Eurowings. Er vermutete über die Weihnachtstage eine Auslastung von 10% im Vergleich zum Vorjahr. Von dem Egyptairflug in der Businessklasse war ich begeistert. Das Bordpersonal sieht etwas lustig aus mit ihren Schutzanzügen, aber das hat mich nicht gestört. Der Service war prima, und ich bekam sofort eine Wasserflasche und ein Corona-Schutzpaket in die Hand gedrückt. Mit Maske, Desinfektionsmittel u.a.. Menükarte, breite Sitze mit Relax-Funktion, Kopfhörer, Filme, alles da, das Essen gut, und ich genoss echte Gläser, Teller und Besteck. Meine Begeisterung wurde beim ersten Business-Flug mit Austrian noch übertroffen, und ich war überzeugt, dass Business fliegen genau das richtige für mich ist. Zumindest für eine Weile. Es gab nicht nur Relax-, sondern echte Liegesitze, mit denen man flach liegen und schlafen konnte. Die Sitze hatten Massagefunktion, und es gab eine breite Ablagefläche und einen gefühlt riesigen Screen für Filme und Musik. Alles sehr schick und bequem. Unter dem Gesichtspunkt Corona allerdings etwas dürftig, lediglich ein Desinfektionstuch erhielt jeder Passagier beim Eingang. Die Businessabteile waren immer recht leer, oft war ich sogar alleine im Abteil, so dass dieser Punkt hinsichtlich reduzierter Ansteckungsgefahr genau richtig war. In puncto Komfort wurde ich aber die darauffolgenden Flüge sehr enttäuscht. In kleinen Maschinen und Kurzstreckenflugzeugen, so klärte mich eine Mitarbeiterin von Austrian Airlines auf, gibt es keine ausgewiesenen Businessitze. Lediglich ein verschiebbarer Vorhang trennt Business von Economy. So könne man die Auslastung besser koordinieren und in der sogenannten Business-Class blieben die Mittelplätze immer unbesetzt. Hinsichtlich Corona sicherlich ein Vorteil, hinsichtlich Komfort nicht. Wie sehr mich das stören würde, konnte ich noch nicht ahnen. Aber am 8.1.2021 war ich sichtlich enttäuscht, bei Austrian keine komfortable Business-Class vorzufinden. Ich dachte, die Strecke Wien-Kairo sei in jedem Fall Langstrecke. Ich bekam Business-Essen und -Getränke, fühlte mich auf dem Nachtflug jedoch äußerst unbequem und quetschte mich auf die Sitzreihe zwischen Armlehnen und Anschnallgurten. Aus Hygienegründen, so die Begründung der Flugbegleiterin, gab es auch kein Kissen, lediglich eine dünne Decke. Wie froh war ich, als der Bildschirm eine Landung in Kairo in 20 Minuten versprach. Dass das Abenteuer da erst beginnen würde, konnte ich nicht ahnen. Anstatt zu landen, flogen wir Kreise. Immer wieder tauchte eine orangefarbene, dünne Mondsichel am Nachthimmel an meinem Flugzeugfenster auf. Nach einer Weile meldete sich der Kapitän. Es gäbe Nebel in Kairo mit lediglich 50 Meter Sicht. Um mit dieser Maschine, die sowieso schon so unbequem war, landen zu dürfen, benötige man 400 Meter Sicht. Es gäbe genug Benzin, um weiterhin in der Luft zu warten. Wenn das nichts bringt, würde man auf einen alternativen Flughafen ausweichen. Ich dachte dabei natürlich an Alexandria oder Hurghada. Dass ich eine gute Stunde später in Zypern landen würde, ahnte ich nicht. In Zypern konnten wir die Nachtluft schnuppern, und es roch nach Meer, Blumen und frisch gemähtem Gras. Das war aber auch das einzig Positive in dieser Nacht. Etwas unbedarft war ich davon ausgegangen, dass wir den Nebel in Kairo abwarten und dann am Morgen nach Kairo fliegen. Leider nicht. Mein einziger Mitreisender in der Business-Class arbeitet bei Swiss Air und erklärte mir einiges aus der Luftfahrt. In Alexandria und Hurghada hätte man wahrscheinlich nachts nicht landen dürfen, viele Flughäfen hätten ein Nachtlandeverbot. Der Fluggesellschaft würden die jeweiligen Ausweichflughäfen mitgeteilt, der Pilot könne da nichts entscheiden. Dass wir nicht warten und morgens nach Kairo flögen, hätte ebenfalls die Muttergesellschaft von Austrian entschieden. Und zwar ginge es hier um die Gefährdung der Flugsicherheit. Das Bordpersonal, also Piloten und Flugbegleiterinnen unterlägen den Regeln für Flugzeiten und Ruhevorschriften. Werden diese nicht eingehalten, so entspräche das einer Sicherheitsgefährdung für den Flug. Tatsächlich hat das Europäische Parlament im Jahr 2006 entsprechende Richtlinien herausgegeben. Unter anderem heißt es auf der Seite des Europäischen Parlamentes: Die maximale tägliche Flugdienstzeit (Flight Duty Period - FDP) beträgt 13 Stunden, kann allerdings um bis zu eine Stunde verlängert werden. Wenn die FDP nachts beginnt (zwischen 22.00h und 04.59h), ist die FDP auf 11 Stunden und 45 Minuten begrenzt. Etwa gegen halb acht morgens sind wir wieder in Wien gelandet. Wir wurden umgebucht auf den nächstmöglichen Flug um 13.45h. Alles schön und gut, wäre da nicht Corona. Bei der Einreise nach Ägypten gilt derzeit die Bestimmung, dass man einen negativen PCR-Test vorlegen muss, der nicht älter als 72 Stunden ist. Als Messwert gilt der Zeitpunkt des Abstriches und die Landung in Ägypten. Bei 15 Stunden Verspätung waren nun von vier Personen, unter anderem von mir, zur neuen Ankunftszeit die PCR-Tests nicht mehr gültig. Selbst, wenn man den Behörden in Ägypten von der Verspätung berichten könne, war das eigentliche Problem die Fluggesellschaft beim Abflug. Die Fluggesellschaft ist verantwortlich und müsste bei Zurückweisung in Ägypten die Passagiere wieder an den Herkunftsort, also wieder nach Wien, transportieren. Daher werden Passagiere mit einem ungültigen PCR-Test von der Airline beim Einstieg zurückgewiesen, wie aus Kollegenkreisen bekannt wurde. Es begann eine erneute Wartezeit von vier Stunden. In denen die Duty-Managerin von Austrian Airlines mit Kairo telefonierte und Lufthansa in Kairo mit den ägyptischen Behörden verhandelte. Die Business-Lounge im Transitbereich war geschlossen. Und so wartete ich vier Stunden ohne Verpflegung auf einer Holzbank im Servicebereich. Nicht wissend, ob ich mit dem nächsten Flug mitgenommen werde oder aber einen neuen PCR-Test machen müsse und solange im Flughafenhotel einquartiert werde. Man betonte, man werde die Kosten dafür selbstverständlich übernehmen, aber mir ging es nicht um die Kosten. Erleichtert stieg ich pünktlich in das nächste Flugzeug, denn die verantwortlichen Behörden konnten überzeugt werden, dass wir uns lediglich im Flugzeug und im Transitbereich aufgehalten hatten. Mein Herz hüpfte vor Freude beim Einstieg, denn diesmal war es wieder ein Langstreckenflugzeug mit Liegesitzen und Massagefunktion. Ein letztes Mal verfiel ich halb in Panik, als über Kairo das Flugzeug anfing, Runden zu fliegen. Allerdings diesmal nur wegen erhöhtem Flugverkehr. Wir waren nicht die einzigen, die in der Nacht zuvor nicht landen konnten. In Kairo selbst war alles dann kein Problem und es zahlte sich dann wieder die Business-Class aus bei der Kontrolle vom PCR-Test, Pass und Visum und bei der Gepäckausgabe. 15 Stunden und 5.000 km später als erwartet war ich dann wieder heil in Kairo. Einen Anspruch auf Schadensersatz kann ich nicht geltend machen. Obwohl zahlreiche Internetseiten versprechen, sie würden bei Flugverspätung von über drei Stunden zwischen 250 und 600 Euro Schadensersatzleistung erzielen, abhängig von der Flugstrecke in Kilometern, kann ich in diesem Fall keine Fluggastrechte geltend machen. Nebel zählt als "außergewöhnlicher Umstand", auf den die Fluggesellschaft keinen Einfluss hat, und damit verfallen meine Fluggastrechte in puncto Verspätung. Und mein Fazit zum Thema Business-Class? Unter dem Aspekt "Corona" zur Reduzierung von Kontakten, Abstand zu Mitreisenden u.a. unbedingt zu empfehlen. Oft war ich in der Business-Class alleine oder zu zweit, auch in den Lounges, sofern geöffnet, war ausreichend Platz. Hinsichtlich Komfort ist die Business-Class meines Erachtens nur für Flüge zu empfehlen, die mit einem Langstreckenflugzeug geflogen werden. Laut Auskunft von Austrian Airlines liegt die Strecke Wien-Kairo im Grenzbereich zwischen Lang- und Kurzstrecke und wird mal mit einem kleinen und mal mit einem großen Flugzeug bedient. Nach Corona werde ich sicherlich wieder auf Economy umsteigen. #reise #corona #business

Und Tschüss 2020

Doch, wenn ich die Fotos so ansehe, dann war das Jahr 2020 ganz anders als erwartet, anstrengender als erwartet, aber trotzdem schön. Corona, Augenoperation, Online-Unterricht - ok, nicht so toll. Aber ich konnte auch meine Journalistenausbildung abschließen und hatte einen schönen Sommer und arbeite jetzt als Online-Journalistin. Nach dem Motto "Finde das Gute in jeder Situation". Ich denke auch nicht, dass es das schlimmste Weihnachtsfest aller Zeiten werden wird. Anders wird es werden und niemand weiß auch, was genau 2021 bringen wird. Wir werden wieder das Beste daraus machen. Ich verabschiede mich mit meiner Kolumne für genau einen Monat und mache Jahresendferien bis zum 10. Januar. Bis dahin gibt es nochmal einen kleinen Rückblick auf 2020. Allen eine gesegnete Weihnachtszeit und einen guten Start in das Jahr 2021.

Der gute Nikolai

Nikolai, nicht Nikolaus! Auch, wenn Vorweihnachtszeit ist. Ich spreche von Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow, oder Rimsky-Korsakov, wie er englischsprachig geschrieben wird oder auch russisch, Никола́й Андре́евич Ри́мский-Ко́рсаков. Wir waren zum Fotoshooting auf dem Gelände der Oper Kairo und hatten eine Menge Spaß, und dabei entstand unter anderem ein Foto von mir mit einer Musiker-Skulptur. Ich erfuhr später von meinem Posaunen-kollegen, dass es sich dabei um Nikolai Rimski-Korsakow handelt. Nachdem es Kommentare gab wie "ein Guter" oder "da hast Du Dir aber den Richtigen ausgesucht", wurde ich neugierig und ging an, meinen neuen "Freund" kennenzulernen. Rimsky-Korsakov wurde am 18. März 1844 in Tichwin, Nowgorod geboren und wurde 64 Jahre alt. Er starb am 21. Juni 1908 bei St. Petersburg. Er gehörte zu der "Gruppe der Fünf" der russischen Komponisten, dazu zählten zudem Modest Mussorgsky, Cesar Cui, Alexander Borodin und Mili Balakirew. Diese Gruppe war eine Art Komponisten-Bündnis. Während sich andere russische Komponisten wie Tschaikowski oder Rubinstein musikalisch westlich orientierten, wollte die "Gruppe der Fünf" das Russische in der Musik bewahren. Basierend auf traditioneller Volksmusik und Kirchenmusik entwickelte sich die sogenannte russische Kunstmusik. Bemerkenswert hierbei die vielfältigen Rhythmen und Taktarten. Rimski-Korsakow machte sich nicht nur einen Namen als Komponist, sondern auch als Lehrer. Er unterrichtete als Professor am Konservatorium in St. Petersburg und brachte ein Lehrwerk über Orchestrierung heraus. 1922 wurde dieses erstmals ins Deutsche übersetzt. Prof. Dr. phil. Gesine Schröder, Professorin für Komposition und Tonsatz an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig, schrieb einen Vortrag über Rimski-Korsakows Lehrwerk. Spannend dabei die Betrachtung in der musikalischen Weiterentwicklung. Sie vergleicht die Orchestrierungsanleitungen Rimski-Korsakows mit den Kompositionen der 30er Jahre. Unter anderem sagt sie in "Raffiniert... oder lieber roh": "Den tiefen klangtechnischen Einsichten Rimsky-Korsakows und dem Raffinement des russischen Orchestrators konnten und wollten sich die Musiker dennoch nicht entziehen. Im Konflikt zwischen der Faszination durch seine Schrift und der neuen Klangmode zeichneten sich alsbald mehrere Lösungen ab. Besonders eine war erfolgreich: Rimsky-Korsakows ausdrückliche Empfehlungen ließen sich gegen den Strich bürsten oder auch allzu wörtlich nehmen; genau das verbürgte in den Dreißiger Jahren Expressivität." Musikalisch ist Rimski-Korsakow ein Romantiker, viele seiner Werke werden der Programmmusik zugeschrieben. Das bedeutet, die Musik beschreibt konkrete Bilder oder Begebenheiten. Besonders bekannt von Rimski-Korsakow sind der Hummelflug und die Scheherazade. Scheherazade ist die Geschichtenerzählerin aus 1001 Nacht, und mit der gleichnamigen Orchestersuite beschreibt Rimski-Korsakow in vier Sätzen vier Geschichten: Das Meer und Sindbads Schiff Die Geschichte vom Prinzen Kalender Der junge Prinz und die junge Prinzessin Feier in Bagdad. Das Meer. Das Schiff zerschellt an einer Klippe unter einem bronzenen Reiter Mit gefällt hier besonders gut die Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern bei den Salzburger Festspielen 2005 mit Valery Gergiev am Dirigentenpult. Wohl auch deshalb, weil ich selbst Orchester und Dirigent auf den Salzburger Festspielen 2000 erleben durfte, damals mit "The Firebird" von Stravinsky. [Übrigens ein Tipp für nervige Werbung in YouTube: Einmal den Cursor bis zum Ende ziehen und die letzte Minute abspielen lassen. Dann "denkt" YouTube, man habe die gesamte Werbung bereits gesehen und kann in Ruhe ohne Werbeunterbrechung von vorne das Konzert genießen. Alles andere wäre eine Schande. Da wird mit fremdem Content Millionen von Klicks und Einnahmen über Werbung erzielt. Das Original von ZDF oder ZDF-Theater ist aber leider nicht zu finden.] Zu meiner großen Freude stelle ich fest, dass nicht nur die Scheherazade mit großartigen Posaunen beginnt, sondern dass Rimski-Korsakow auch ein Posaunenkonzert geschrieben hat. Freundlicherweise in B-Dur. Ich suche nach Ton- und Videoaufnahmen und höre in verschiedene hinein und wundere mich. Entweder wird der Solist von Klavier begleitet oder aber von einem Blasorchester. Zunächst denke ich, die Blasorchester-Begleitungen wären Arrangements. Stelle dann aber fest, dass Rimski-Korsakow das Konzert tatsächlich für Posaune und Military-Band komponiert hat. Die Männer aus Rimski-Korsakows Familie standen alle im Militärdienst und Nikolai selbst war auch auf einer Kadettenschule. Ende des 18. Jahrhunderts entstanden die ersten Werke für Military-Bands, die die zukünftigen Blasorchester entscheidend beeinflussten. Sinfonische Blasmusik meint heute vorrangig klassische Arrangements, Filmmusik, Märsche und Polkas sowie für sinfonische Blasorchester komponierte Werke, meistens Programmmusik. Selbstverständlich will ich das Posaunenkonzert auch spielen und schaue mir die Noten an. Ich finde diejenigen Elemente wieder, die ich Rimski-Korsakow und der russischen Musik zuschreiben kann. Der erste Satz ist ganz gefällig. Beim Üben muss ich das Allegro-Vivace ja noch nicht so ernst nehmen. Die Auftakt-Triolen bringen beispielsweise die genannte rhythmische Abwechslung in das Stück. Beim zweiten Satz werde ich stutzig. Zum einen sind im zweiten und dritten Satz Kadenzen verzeichnet, die zwar optional sind, aber eigentlich dazu gehören. Da macht das Tonspektrum schon einen Spagat und ich muss erstmal die vielen Hilfslinien abzählen, sowohl in der Höhe als auch in der Tiefe. Der 6/8-Takt kommt nicht so unverhofft, wie die Tonart. Im ersten Satz finden sich zahlreiche Viertel-Achtel Kombinationen. Würde man die notierte Achtelpause dazwischen weglassen, wäre man bereits im 6/8-Takt. Aber wie um alles in der Welt kommt Rimski-Korsakow auf Ges-Dur mit 6 b-Vorzeichen? Ich finde keine Erklärung. Die Mollparallele zu B-Dur wäre g-Moll. Aber Ges-Dur? Zu spielen ist es ganz gut. Alle sogenannten B-Tonarten, also diejenigen, die b-Vorzeichen beinhalten, liegen auf dem Posaunenzug spielbar beieinander. Das liegt daran, dass die Naturtöne auch zu den B-Tonarten gehören. Möchte man Kreuz-Tonarten auf der Posaune spielen, so sind die notwendigen Zugbewegungen bereits ab zwei #-Vorzeichen (Kreuz, nicht Hashtag!) so weit auseinander, dass das Posaunespielen oft mehr Fitness als Musizieren ist. Der zweite Satz geht direkt ohne Pause über in den dritten Satz. Einem Zweivierteltakt mit Marschcharakter. Da kommt dann die militärische Komponente ins Spiel. An die Kadenzen habe ich mich noch nicht herangewagt. Berühmt ist die Kadenz im dritten Satz, interpretiert von Christian Lindberg. Dabei singt und spielt er gleichzeitig. Eine Technik, die ich aus dem von mir konzipierten Konzert, "Godsend Music - Gospel meets Brass and Concert Band" Oktober 2008, Lukaskirche München, her kenne. Ueli Kipfer, unser damaliger Solist, spielte mit dem Euphonium ein zweistimmiges Stück von der Empore herab. Sehr beeindruckend und berührend. Dass das auf der Posaune auch geht, wusste ich nicht und können kann ich es gleich gar nicht. Es gibt davon eine fantastische Aufnahme mit meinem Lieblingsblasorchester, dem Tokyo-Kosei-Wind-Orchester und Christian Lindberg als Solist, sowohl auf iTunes als auch auf YouTube. Allerdings gefällt mir das Zweistimmige in der Kadenz ehrlich gesagt nicht, auch, wenn es eine schwere Technik ist. Ich vermisse den klaren strahlenden majestätischen Klang der Posaune. Christian Lindberg hat übrigens eine Version für Posaune und Sinfonieorchester arrangiert. Nachdem ich selbst 25 Jahre in sinfonischen Blasorchestern gespielt habe, Posaune spiele und Musik mag, in der "was los ist", passt das Foto von Nikolai Rimski-Korsakow also nicht nur optisch. Da habe ich mir wohl den richtigen neuen "Freund" ausgesucht. Zumindest musikalisch. Denn mal abgesehen davon, dass ich ein bisschen zu jung bin, war Nikolai Rimski-Korsakow nämlich mit Nadeshda Nikolajewna Rimskaja-Korsakowa verheiratet, einer Pianistin, Komponistin, Arrangeurin und Herausgeberin. Das klingt nach einer selbständigen und talentierten Frau. Und dann passt es ja wieder.

Kein Weihnachtsbasar oder was?

Heute, am letzten Freitag im November, hätte, wie jedes Jahr, der Weihnachtsbasar an der DEO, der Deutschen Evangelischen Oberschule in Kairo, stattfinden sollen. 1977 fand der erste Weihnachtsbasar an der DEO statt, dieses Jahr, 2020, fällt er Corona bedingt aus. Jedes Jahr kamen zig tausend Besucher zum größten Weihnachtsmarkt in Kairo. Für die DEO als Begegnungsschule ist der jährliche Weihnachtsmarkt eine weitere Plattform für interkulturelle Begegnungen. Ägyptische Handwerkskunst trifft hier auf deutsche Adventskränze, Glühwein, Dominosteine und Sauerkraut. Ich war jedes Jahr bei den sogenannten Turmbläsern dabei, einem kleinen Posaunenchor, der auch in der deutschen Gemeinde in den Gottesdiensten auftrat. Jede volle Stunde tönte "Macht hoch die Tür" und "Oh Du Fröhliche" neben anderen bekannten Advents- und Weihnachtsliedern von den Gebäude verbindenden Brücken auf dem Schulgelände. Bei strahlendem Sonnenschein und oft 25 Grad kam bei mir nie so richtig Weihnachtsstimmung auf. Aber meistens ging ich mit einem Adventskranz, zwei Töpfen Sauerkraut und kleinen Geschenken nach Hause. Neben vielen freiwilligen helfenden Händen aus der deutschen Gemeinschaft in Kairo, ist es für alle Lehrerinnen und Lehrer der DEO eine Selbstverständlichkeit, bei diesem jährlichen Event dabei zu sein. Denn der Erlös des Weihnachtsbasars, beispielsweise aus den Eintrittsgeldern, kommt alljährlich rund 30 sozialen Projekten landesweit in Ägypten zugute. Auch die deutsche evangelische Kirchengemeinde ist jedes Jahr mit ihrem sogenannten Kirchenzelt mit dabei. Hier konnte man im letzten Jahr zur jeden vollen Stunde einer Weihnachtsgeschichte lauschen, die nicht nur von abwechselnd Vorlesenden aus der Schule, beispielsweise von Hanna Hartmann, Leiterin der Bücherei, vorgetragen wurden. Hier las auch der deutsche Botschafter für die Kleinen. Man mag diskutieren, ob die eine oder andere Maske jetzt besser oder schlechter vor der Ansteckung mit Coronaviren schützt. Dass Abstand zu den Mitmenschen die sicherste Methode ist, das Infektionsrisiko zu reduzieren, ist unumstritten, denke ich. Daher hat die DEO neben Konzerten, Laternenfest, Klaus-Heller-Lauf und weiteren Veranstaltungen auch den Weihnachtsbasar in diesem Jahr streichen müssen. Wer dennoch gerne für die sozialen Projekte spenden möchte, darf sich gerne an die deutsche evangelische Kirchengemeinde wenden. Meine Weihnachtsdeko beschränkt sich in diesem Jahr auf einen schönen Weihnachtsstern neben dem Kamin. Die Einkaufszentren in und um Kairo sind geöffnet, wenngleich auch mit Ladenschlusszeit, ich glaube 22.00 Uhr. Zumindest in Downtown machen, bis auf Kioske und Lebensmittelgeschäfte, alle Geschäfte um 22.00 Uhr zu. Außerdem gibt es offiziell in Downton immer noch keine Shisha. Für Kairo ist das bereits ein kleiner Lockdown. Veranstaltungen zum Thema "Christmas" finden sich in Facebook vorrangig für Shopping-Events in Einkaufszentren. Dafür häufen sich sogenannte "Virtuelle Weihnachtsmärkte". Handwerkskunst, Dekorations- und Geschenkartikel werden online auf verschiedenen Plattformen zu einem vorgegebenen Zeitrahmen angeboten, zum Teil auch versteigert. Auch hier fließen einige Erlöse in soziale Projekte. Den typischen Weihnachtsduft und kulinarische Genüsse können Online-Events jedoch nicht ersetzen. Im Swiss-Club-Cairo findet der alljährliche Weihnachtsbasar heute dann auch tatsächlich statt. Ich frage eine Chorkollegin und Mitveranstalterin, wie Ihre Überlegungen zum Thema Corona und Weihnachtsbasar waren. Zum einen sei der Weihnachtsbasar wesentlich kleiner, als beispielsweise der an der DEO, zum anderen müssen Gehälter gezahlt werden, so ihre Antwort. Sie hätten für die Weihnachtsmusik Künstler engagiert, damit auch Kulturschaffende etwas davon haben. Vor dem Hintergrund, dass im Laufe des Jahres auch der Schweizer Club schließen musste und bis heute nur mit beschränkten Kapazitäten, die Hygiene- und Abstandsregeln einhaltend, öffnen durfte, eine nur allzu verständliche Perspektive. Es sei Maskenpflicht, und ich könne gerne vorbei kommen. Angesichts der Tatsache, dass mich unsere Schulärztin wegen eines leichten Hustens vor drei Tagen vorsichtshalber nach Hause geschickt hatte, verzichte ich. Stattdessen bin ich am nächsten Wochenende auf dem Weihnachtsmarkt vom "Culture Wheel" in Zamalek anzutreffen. Ich unterstütze mit weiteren Kolleginnen Hanna Hartmann, die nicht nur die Bücherei, sondern auch das Sozialkomitee der DEO leitet. Mit Produkten aus Projekten, die sie mit ihrem Team betreut, wird sie Freitag und Samstag mit einem Stand dort vertreten sein. Maskenpflicht ist eine Selbstverständlichkeit, und es wird Zeitfenster pro Besucher geben, damit es nicht zu voll wird. Nachdem die meisten Aktivitäten in Kairo auch immer noch draußen stattfinden können, freue ich mich darauf. Und vielleicht erhasche ich dann doch noch das eine oder andere Weihnachtsgeschenk.

Normal ist das nicht

Am Anfang der Corona-Pandemie sprach man von der Zeit nach Corona noch von "the new normal". Inzwischen lese ich das viel weniger und muss dem auch heftig widersprechen. Zum einen wissen wir im Moment nicht, wann "danach" denn bitte sein soll. Zum anderen ist das, was wir gerade leben alles andere als normal und sollte somit auch für die Zeit nach der Infektionsgefahr aus meiner Sicht keinesfalls Standard werden. Der Mensch ist seit je her ein Rudeltier und somit ein soziales Wesen. Soziale Wesen leben nicht nur von Essen und Trinken, sondern auch von Berührungen und Kommunikation untereinander. Beides ist unter Coronabedingungen eingeschränkt. Und besonders zu spüren im Schulalltag. Maske, Abstand, Händewaschen ist eine einfache Coronaregel, wenn man schnell zum Einkaufen geht. Für einen Schulalltag bedeutet dieses logistische, disziplinarische und pädagogische Herausforderung und Umstellung. Es funktioniert. Weil es so gut wie keine Alternativen gibt. Ich spreche seit Beginn des Sommers regelmäßig mit Lehrerinnen, Lehrern und Mitarbeitern von amerikanischen, britischen und deutschen Schulen in und um Kairo. Eine Kollegin aus Berlin erzählt kurz nach den Sommerferien, dass in Berlin die Schulen quasi normal gestartet hätten, alle Kinder gingen zur Schule. Man trüge Maske und achte auf Hände waschen, lüften und Abstand halten. In Kairo hatten die staatlichen Schulen bis Mitte Oktober geschlossen. Privatschulen die Vorgabe, mit Online-Learning zu beginnen. Seit Mitte September läuft der Schulalltag geteilt. Sherif, der kleine Hausmeistersohn, hat nur drei Tage pro Woche Schule. Einige Schulen haben die Klassen geteilt, andere Schulen unterrichten wochenweise abwechselnd vor Ort und online. Sherif hat keinen Online-Unterricht. Wenn er nicht in die Schule geht, hat er frei. Er besucht eine staatliche Schule Downtown in Kairo. Für Online-Unterricht fehlen oft die Voraussetzungen, und so hatte das ägyptische Bildungsministerium angekündigt, Bildungsfernsehen anzubieten. Was daraus geworden ist, weiß ich leider nicht. Unterricht in besonderer Form, wie die derzeitige Situation gerne genannt wird, fordert Lehrer und Schüler gleichermaßen heraus. Sowohl online, als auch im Klassenzimmer vor Ort. Abstand zu halten wird einfacher, wenn nur die Hälfte der Schüler anwesend ist, daher abwechselnder oder geteilter Unterricht. Die Pausenaufsichten dürfen hauen, treten, schubsen und Haare ziehen derzeit doppelt rügen. Weil nicht nur der Akt an sich zu tadeln gilt, sondern gleichzeitig auch gegen die Abstandsregel verstößt. Das "Guten Morgen" vor Unterrichtsbeginn wird ergänzt um "Maske nicht vergessen", "Abstand halten", "Hände desinfizieren", "nicht ohne Maske den Platz verlassen", "immer nur zwei gleichzeitig in den Toilettenraum", "nicht am Wasserspender drängeln" und mehr. Nicht alles auf einmal, sondern das, was gerade aktuell ist, mehrfach täglich. Musikunterricht muss ohne Musikraum, ohne Singen und ohne Blasinstrumente auskommen. Und aufgrund von Unterricht im Klassenraum aus Platzgründen meist auch ohne Instrumente und Notenlinien an der Tafel. Die bunten Boomwhackers, gestimmte Plastikröhren, sind bei jüngeren Schülerinnen und Schülern besonders beliebt. Nachdem im Klassenzimmer kein Platz ist, kann man auf den Sportplatz ausweichen. Masken auf, Hände desinfizieren. Wer kein Desinfektionsmittel hat - meins ist leer, ich hab meines vergessen - bekommt die Hände von der Lehrerin eingesprüht. Hm, das riecht lecker. Einzeln aufstehen, einzeln die Instrumente abholen, mit Abstand und leise zum Sportplatz gehen, eine Boomwhackerlänge im Kreis Abstand halten und aufstellen. Bei den Rhythmusspielen vergessen die Schülerinnen und Schüler gottlob, dass sie eine Maske tragen. Sie sind anderweitig beschäftigt. Und wir machen ein Spiel daraus. Sich einen Rhythmus ausdenken und den gemeinsam spielen, ohne zu reden. Geht mit Maske sowieso schwierig. Und wie kann man die Boomwhackers sinnvoll sortieren und das herausfinden, nur durch den Klang der Boomwhackers, ohne dabei miteinander zu sprechen? Viel zu schnell ist die Zeit um. Leise und langsam zurück in das Klassenzimmer. Einzeln eintreten, den Boomwhacker in den Eimer stellen, Hände desinfizieren, langsam zum Platz gehen. Und natürlich gilt wie immer - nicht hauen, schubsen, treten, Haare ziehen. Alle halten sich gerne an alle Regeln, denn allzu oft muss der Unterricht aufgrund des einzuhaltenden Abstands frontal erfolgen. Da ist Musikunterricht trotz Einschränkung eine willkommene Abwechslung. Schwieriger ist es an der britischen Schule, an der nicht nur akademisch, sondern auch praktisch Musik unterrichtet wird. In sogenannten Streicherklassen, Pianoklassen, Bläserklassen u. a. lernen die Schüler neben Notenlesen und Musikgeschichte zusätzlich, ein Instrument zu spielen. Blasinstrumente und Singen ist in Schulen derzeit landesweit verboten. Auch das morgendliche Biladi, der Fahnengruß mit Nationalhymne, wird im Klassenzimmer vom Band angehört. Schmunzeln muss ich, wenn Einige dennoch aus Gewohnheit leise mitsingen. Schüler an britischen Schulen machen regelmäßige Examen nach Erreichen bestimmter musikalischer Level. Diese müssen auch in Corona eingehalten werden. Der Trompetenlehrer erzählt, er bereite online die notwendigen Übungen vor. Die Kinder üben das dann zuhause eigenständig und nehmen davon ein Video auf. Im Klassenzimmer hat jeder ein Tablet mit dabei. Schulstandard. Die Kinder müssen dem Trompetenlehrer vorspielen. Live geht das nicht, sondern sie spielen dann vom Platz aus das zuhause aufgenommene Video ab, und der Lehrer gibt Tipps zur Verbesserung. Es auf der Trompete vorspielen, wie es besser geht, darf auch er in der Schule nicht. Er sammelt die wichtigsten Dinge und macht daraus dann ein Video, das die Kinder dann wiederum online erhalten. Orchesterproben und Klassenmusizieren findet draußen mit ausreichend Abstand statt. Beispielhaft am Musikunterricht dargestellt, wird deutlich, dass das nur Notlösungen sein können, die Zeit, Disziplin und Geduld erfordern. Jeder andere Fachlehrer kennt für sein Fach spezifische, weitere Geschichten. Doch damit nicht genug. Präsenzunterricht ist derzeit nur das halbe Spiel. Die andere Schulhälfte hat Online-Unterricht. Einige Schulen streamen den Unterricht live mit. Andere beschulen nachmittags zusätzlich oder geben Aufgaben, oder es findet reiner Online-Unterricht statt. Google School, Microsoft Teams und Zoom sind die hierfür bekanntesten Plattformen, jede mit eigenen Vor- und Nachteilen, die sich aber mit wachsender Erfahrung zunehmend angleichen. Unabhängig vom jeweiligen System, sind die Schülerinnen und Schüler gefühlt sehr weit weg. Der ursprüngliche Begriff "Distance Learning" kommt nicht von ungefähr. Einige Kinder begrüßen es, auf lange Schulwege verzichten zu können. Und einigen tut der Online-Unterricht gut. Denn Online ist es manchmal etwas einfacher, auf individuelle Lerntempi einzugehen. Wer langsamer vom Whiteboard - anstatt Tafel - abschreibt, kann in Ruhe nachlernen, weil der Screenshot in das virtuelle Klassenzimmer eingestellt wird. Wer immer als erstes fertig ist, bekommt ein Experten-Online-Rätsel. Notenhefte werden fotografiert und gescannt und hochgeladen, so dass jedes einzelne Kind persönliches Feedback bekommen kann. Allerdings fängt da das Dilemma schon an. Das Feedback im Klassenzimmer kann beim Abschreiben der Tafel sofort erfolgen und korrigiert werden. In der Grundschule und beginnenden Gymnasium wird umgehend kontrolliert und Fehler sofort beseitigt. Online kann dieses erst nach dem Hochladen der Unterlagen erfolgen. Das bedeutet, der Schüler oder die Schülerin hat bereits einmal falsch etwas abgeschrieben und eingeübt. Und muss zur Korrektur einen erneuten Lernprozess beginnen. Anstrengend für Lehrende und Lernende gleichermaßen. Die Idee, die Schülerinnen und Schüler säßen alle pünktlich und brav von Stunde zu Stunde begeistert vor dem digitalen Gerät, musste schnell aufgegeben werden. Wer gerne den Unterricht stört, kann das auch online. Andere "muten", also das Mikrofon Mitlernender stumm zu schalten, war anfangs ein beliebtes Spiel. Inzwischen lässt sich das technisch ausschalten. Genauso, wie unkontrolliertes Reinrufen, von dem man noch nicht einmal weiß, wer gerade spricht. Das Internet ist meist bei denjenigen schlecht, die sowieso immer schon zu spät kamen. Die anderen schicken dann nämlich im Chat schnell eine Nachricht und Entschuldigung vom Handy. Dass der Bruder gerade den Computer braucht und die Schwester Unterricht am Handy macht, dass es im Hintergrund gerade laut ist weil weitere Geschwister im Zimmer Unterricht haben oder herumturnen, dass Eltern neben ihren Kindern sitzen und vorsagen oder regelmäßig den Unterricht kontrollieren, dass man neben dem Unterricht zu Mittag isst oder sich nach dem Einloggen wieder ins Bett legt, Netflix guckt, chattet oder Computer spielt und den Hund füttert - das alles ist sehr kreativ und aus Schülersicht auch nur allzu verständlich. Besser ist es geworden, als die ersten Klassenarbeiten geschrieben wurden. Aber neuer Standard wird das alles hoffentlich nicht. Wie es nach den Weihnachtsferien und im neuen Schulhalbjahr weiter gehen wird, ist noch ungewiss. Ab Februar werde ich das dann jedoch nur noch über Erzählungen mitverfolgen können und mich zukünftig auf meine journalistischen Herausforderungen konzentrieren.

© 2020 - 2021 Monika Bremer