Beausoleil, what else

Eines der ersten Dinge, die ich regelmäßig bei Ankunft in München mache, ist Schweinsbraten essen. Und besonders erfreut bin ich, wenn ich obenauf noch ein Extrastück Kruste bekomme. Wurst und Fleischwaren und deren Zubereitung ist keine ägyptische Stärke. Das traditionelle Essen besteht aus Reis, Gemüse und Huhn. Mit zum Teil intensiven Gewürzen wir Kardamom, Koriander, Oregano, Rosmarin. Dazu gibt es Huhn, und traditionell wird von einer großen Tafel aus verschiedenen Schalen gegessen, das Essen wird dabei mit dem Brot aufgenommen. Eier, Foul, Koshary und Falafal sowie Salat mit Tomaten, Gurken, Zwiebel und Koriander gehört neben Mashi, mit gewürztem Reis gefüllte Auberginen oder Zucchini, ebenso zum ägyptischen Speiseplan. Mit der amerikanischen Sandwich-Kultur ist auch die Unart aufgekommen, alles ins Brot zu packen. Zudem wird viel frittiert. Foul im Brot, Pommes im Brot, Rührei im Brot, Shawerma im Brot. Wobei unter Brot das ägyptische dünne Fladenbrot zu verstehen ist oder lätschige kleine Weissbrotstangen. Selbst das sogenannte deutsche Brot, das hier angeboten wird, hat lediglich die Form und Farbe von deutschen Broten, die Konsistenz ist weit von entfernt von dem, was wir schätzen. Und selbstverstândlich gibt es Fast Food aller amerikanischen Marken sowie Chips und Aufgussnudeln. Man isst auf der Strasse oder bestellt Essen oder isst im Kreis von Familie und Freunden. Allerdings findet man die Tischkultur, wie wir sie in Deutschland kennen, in Ägypten selten. So vermisse ich mehrgänge kulinarische Experimente mit einem Aperitif und Digestif, mit einem passenden Wein zur Suppe, zum Pastagang, zur Hauptspeise und zum Dessert. Ein Sorbet zur Geschmacksneutralisierung zwischen Fisch- und Fleichgängen, und ich erinnere mich wehmütig an die Fensterbänke mit den Flaschenreihen nach einer Koch- und Dinnernacht mit Freunden. Noch heute tut mit der Hummer leid, dessen Kopf schon halb gegart war, der Schwanz aber noch zuckte, weil ich mich nicht traute, ihn lebendig in das kochende Wasser zu lassen. Ich entscheide, keinen "Müll" mehr zu essen, sondern, auch wenn es schnell gehen muss, qualitatives Essen zu mir zu nehmen. Es gibt so viele frische Sachen in Ägypten, dass es doch auch ohne Schweinefleisch möglich sein müsste, hochwertig und außerhalb des Reis-Huhn-Gemüsestandards und Schulmüslis zu kochen. Ich kombiniere deutsche Kochkunst mit Kräutern und frischen Früchten. Heraus kommt ein grüner Salat mit Ziegenkäse, Granatapfelkernen und frischen Mangostreifen in Honig-Balsamico-Dressing. In München gibt es sogenannte Gemüsekisten, die wöchentlich mit regionalen Zutaten und dazu passenden Rezepten bis an die Haustür geliefert werden. So ein Konzept könnte ich mir auch für Kairo gut vorstellen. Preiswertige, gesunde und pfiffige Gerichte mit Zutaten aus der Region. Ich probiere gedünstete Karotten in Knoblauch-Zimt-Honig-Sud an griechischem Joghurt und bin begeistert. Es geht also auch in Kairo. Nur das Einkaufen der exakt benötigten Zutaten erweist sich manchmal als langwierig in einem Land, in dem gelegentlich sogar Zucker knapp wird. Als ich das erste Mal mit einem Kollegen im "Crimson" in Zamalek einkehre, wähle ich Muscheln, und dazu gibt es einen Weißwein. Einen "Beausoleil". Im Restaurant bekommt man im Wesentlichen gehobene ägyptisch-libanesische Gerichte, amerikanische Burger und Speisen bekannt aus dem Mittelmeer-Raum. Und natürlich Pizza und Pasta. Über die Muscheln freue ich mich als Abwechslung und bin positiv überrascht vom fruchtigen Geschmack des weißen "Beausoleil". Bislang kannte ich die ägyptischen Weine als Tafelweine oder Mittelklasseweine. Diejenigen, die man im Drinkies-Store erhält oder in koptischen Alkoholbüdchen. Weine zu importieren ist laut ägyptischem Gesetz nicht erlaubt. Daher bekommt man ausserhalb des Duty-Free-Shops auch ausschließlich ägyptische Weine. Die Popularität der Weine wechselt immer mal wieder. Den roten "Omar Khayyam", den man im Land als erstes angeboten bekommt, kann man meines Erachtens nicht trinken, der taugt nur als Saucenzugabe zum Gulasch. Eine Zeit lang steht der "Grand Marquis" hoch im Kurs, sowohl weiß als auch rot ein angenehmer Mittelklassewein. Vom "Cape Bay" sagt man, er sei südafrikanisch, und er gewinnt dadurch an Beliebtheit bei denjenigen Expats, die auf ägyptische Produkte gerne verzichten möchten. Leider ist das ein Irrtum, denn auch der "Cape Bay" wird, wie die meisten Weine in Ägypten, von Gianaclis produziert. Lediglich die zugrunde liegende Rebe des "Cape Bay" ist aus Südafrika. Gianaclis gehört zur Ahram-Beverages-Gruppe, die Weinanbaugebiete finden sich im Wesentlichen im Nildelta westlich vor Alexandria. "Chateau de Grandville", "Castello die Trevi", "Cape Bay", "Grand Marquis", "Omar Khayyam", "Gianaclis 1882" und "Vermont", alles Marken der Ahram-Beverages Gruppe, zu der übrigens auch Heineken und Stella gehören. Seit 1882 wird auf Gianaclis Wein angebaut. Wesentlich jünger ist die Weinkellerei "Kouroum of the Nile" in El Gouna, etabliert in 2003 mit Samih Sawires als Hauptinvestor, Kellermeister sind Labib und Rania Kallas. Aushängeschild soll der weiße "Beausoleil" aus der Bannati-Traube sein, den ich erstmalig im "Crimson" probierte. Bei einem zweiten Crimson-Besuch mit einem Freund waren wir vom roten "Beausoleil" ebenso begeistert. Noch kräftiger der "Beausoleil" aus der Syria-Traube, den ein Bekannter aus dem Bestand seiner Eltern gerettet hat. Reinhard Rhaue widmet sich seit Jahren dem ägyptischen Wein und ist auch mit Labib und Rania befreundet. Er stellt europäische Weine neben die ägyptische Weine. Ausgezeichneten internationalen Ruf hat "Le Baron", ein im Champagnerverfahren hergestellter Wein, sowie der "Jardin du Nil". In Kairo erhältlich über den Weinladen "Cheers" aus El Gouna, der über Online-Bestellung auch in Kairo liefert, oder über ausgewählte koptische Läden. Ich bestelle den "Jardin du Nil" und bin gespannt, ob ich damit einen weiteren Wein für ein gutes Essen oder einen Abend am Kamin entdecke. Mangels Digestif soll es zukünftig auch ein guter Kaffee sein. Filterkaffee schmeckt mir nicht wirklich, Nescafé ist eine Notlösung. Den "French-Coffee-Maker" haben die Umzugsleute zerdeppert, beim türkischen Kaffee bleibt immer Prütt und er ist sehr stark. Gelegentlich ok. Ich liebäugle schon lange mit einem Kaffeevollautomaten, will aber keine 1.000 Euro dafür ausgeben. Meine Senseo-Maschine vermisse ich schmerzlich, erhalte hier aber keine Kaffe-Pads dafür. Lange habe ich ein schlechtes Gewissen bezüglich einer Nespresso-Maschine. Aber immer und immer wieder schleiche ich um die Läden und Maschinen drumherum. Es wird eine "Essenza Mini" in Grün. Und ich werde im Nespresso-Shop in Zamalek positiv überrascht. Eine sehr freundliche, junge Frau bedient mich, die sehr gut Englisch spricht. Sie berät mich gemäß meinen Anfragen und versucht nicht, mir das teuerste Modell aufzuschwatzen. Etwas hilflos stehe ich vor dem Regal mit den Kaffeekapseln. Farblich sortiert sieht der Laden mehr nach Galerie als nach Verkaufsraum aus. Ich erfahre, dass er nach Sorten und Kaffeestärken sortiert ist. Ich werde nach meinen Vorlieben gefragt und gehe mit einem Vanille-aromatisierten Baristakaffee nach Hause und mit einem Kaffee, der leicht nach Honig im Abgang schmeckt. Die Nespresso-Erfahrung erinnert mich an Degustation und ich denke, auch Kaffee ist eine Wissenschaft und Liebe für sich. Mit einer wiederverwendbaren Kapsel werde ich meinen Kaffeegenuss ergänzen und einige Sorten aus den Downtown-Kaffeeläden probieren, aus denen der Duft über die Strassen strömt. Das Leben ist zu kurz für schlechtes Essen, billigen Wein und Nescafé.

© 2020 Monika Bremer