Ein halbes Leben lang Jungseniorin

Wählt man bei der Erstellung von Zielgruppen vorgegebene Altersgruppen aus, dann lauten diese in der Regel 18 - 29 oder auch 18 - 49, je nach Produkt. Menschen, die man erreichen will, die älter als 65 sind, werden schlichtweg als "+", z.B. 65+ bezeichnet. 18- gibt es hingegen beispielsweise nicht. Um die Kernzielgruppen herum haben sich altersbedingt Kinder- und Jugendmarketing sowie Seniorenmarketing etabliert. Im Marketing kommt es vor, dass Menschen ab vierzig Jahren als Jungsenioren bezeichnet werden. Meine Eltern sind beide um die achtzig. Gehe ich davon aus, dass ich ähnliche Gene habe und genauso alt werden darf, dann bin ich marketingtechnisch ein halbes Leben lang Jungseniorin und einen Lebensabschnitt davon dann irgendwann auch ohne "jung". Jetzt bin ich also alt. Aus Marketingsicht bin ich nun also alt, und das schon eine ganze Weile. Und für den Arbeitsmarkt in Deutschland angeblich uninteressant. Tatsächlich finden sich hinreichend Berichte in namhaften Medien über qualifizierte Manager, die im Alter von über fünfzig tatsächlich auch keine Festanstellung mehr gefunden hätten. HR-Manager bestätigen, dass es vorkäme, dass Bewerbungen von Menschen über fünfzig ohne weitere Ansicht auf dem "nein"-Stapel landen. Offiziell ist das laut Gleichstellungsgesetz in Deutschland verboten. In Deutschland soll das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) unter anderem auch Arbeitnehmer vor Benachteiligungen schützen, die sie aufgrund ihrer Rasse oder ethnischen Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, ihrer sexuellen Identität, aber auch wegen ihres Alters ausgesetzt sein könnten. Eine solche Benachteiligung kann dabei gemäß § 3 AGG unmittelbar oder auch mittelbar erfolgen. Zudem sind Stellenausschreibungen in Deutschland auch sehr gender-neutral, und insbesondere Behörden und öffentliche Einrichtungen weisen immer öfter darauf hin, dass beeinträchtigte Menschen und Frauen bei gleicher Qualifikation bevorzugt würden. Verbeamtet werden kann man aber meines Wissens auch nur bis vierzig. Bereits Stellenausschreibungen, die davon sprechen, der Bewerber (und natürlich auch die Bewerberin) würde in einem jungen Team arbeiten, werden bezichtigt, gegen das Gleichstellungsgesetz zu verstossen. Denn ein nicht mehr junger Bewerber würde dadurch nicht angesprochen und somit diskriminiert. In Ägypten hätte man zumindest vor einigen Jahren darüber noch laut gelacht. Facebook erinnerte mich vor ein paar Tagen daran, wie ich mich lautstark aufgeregt hatte über eine Stellenausschreibung in Kairo, die ganz klar definierte: Bewerber müssen männlich und maximal 27 Jahre alt sein. In Deutschland auch vor einigen Jahren einfach undenkbar. Bei meinen Recherchen wollte ich Geschichten von Frauen erzählen, denen Altersdiskriminierung widerfahren ist. Möglichst aus Kairo. Und ich frage in einer Gruppe mit mehreren tausend Frauen. Und bekomme keine einzige Geschichte. Weil es so gut wie keine Geschichten gibt. Zum einen ist Ägypten ein sehr junges Land. Das Durchschnittsalter bewegt sich im Laufe der Jahre laut Statista zwischen zwanzig und dreißig Jahren. Zum anderen sind in Ägypten die gesellschaftlichen Rollen weitestgehend definiert. Die kollektivistisch geprägte Gesellschaft gibt Rollen und Werte vor, und es braucht viel Stärke und finanzielle sowie emotionale Unabhängigkeit, um aus den vorgegebenen Rollen auszubrechen. Ein fehlendes Sozialsystem mit beispielsweise Arbeitslosen- und Sozialhilfegeld, verhindert oft die Selbständigkeit und die Suche nach einem eigenen Lebensentwurf. Wenn die Familie der Schlüssel für unter anderem soziale Sicherheit ist, sollte man es sich damit nicht verscherzen. Oder sich zumindest bewusst sein, dass man zukünftig gegebenenfalls auf dieses Netzwerk verzichten muss. Laut CAPMAS sind nur rund 25% aller Erwerbstätigen in Ägypten weiblich, die Hälfte davon in der Landwirtschaft tätig. Der Arbeitsmarkt wird somit von den Männern dominiert, und den Frauen wird die klassische Rolle der Mutter und Hausfrau zuteil. Und dieses Lebenskonzept wird dann, unter anderem auch aus oben genannten Gründen, nicht hinterfragt. Altersdiskriminierung auf dem Arbeitsmarkt ist somit so gut wie kein Thema. Wer mit fünfzig, egal ob männlich oder weiblich, arbeitet, hat seine Position gefestigt. Im Beruf und in der Gesellschaft und in der Familie. Expats, also in Ägypten lebende Ausländer, haben entweder durch die Heirat mit einem Ägypter den ägyptischen Lebensentwurf adaptiert oder eine Position in Schule oder ausländischer Firma mit entsprechendem Stellenwert. Auch die Gesellschaft in Ägypten erlebt Wandel. Bei meinen Recherchen in diesen Tagen konnte ich in LinkedIn keine Position für Ägypten finden, die Alters- und Geschlechtervorgaben bestimmten. Vielmehr wurde inzwischen die notwendige Berufserfahrung angegeben. Junge, gut qualifizierte Frauen sind auch in Ägypten heutzutage berufstätig, etliche davon haben im Ausland studiert und eine neue Perspektive erfahren. Der Zulauf zu internationalen Schulen, die ein internationales Studium ermöglichen, ist ungebrochen. Wer sich für seinen eigenen Lebensentwurf, egal in welchem Land, entscheidet, wird die Erfahrung machen, dass das nicht immer einfach und oft sehr anstrengend ist. Auch mein Lebenslauf ist kein Standard-Lebenslauf, und ich war immer darauf angewiesen, Vorgesetzte zu treffen, die mein Potential erkannten und förderten. Ob ich jetzt ein paar Jahre älter oder jünger bin, spielt meines Erachtens dabei nur bedingt eine Rolle. Mein Lebenslauf fällt bei jedem Standard-Screening durch, alleine schon mangels Studium, Bachelor oder Master. Bei der Überarbeitung meines Lebenslaufs in ein modernes Design hatte ich kurzzeitig überlegt, meinen Familienstand sowie mein Foto weg zu lassen. Bis mir auffiel, dass das absoluter Quatsch ist. Wenn ich schreibe "Abitur 1987" kann jeder nachrechnen, wie alt ich in etwa bin. Natürlich bin ich mit fünfzig nicht mehr so biegsam wie mit Mitte zwanzig. Ich bin nicht mehr so formbar und lasse mir nicht mehr alles gefallen. Ich arbeite auch nicht für 5 Euro pro Stunde oder gar als Praktikantin. Ich bringe meine Berufs- und Lebenserfahrung und meine durchgehende Weiterbildung und -entwicklung mit. Ja, es gibt Jobs, die ich mit fünfzig nicht machen kann. Ganz schrecklich finde ich beispielsweise das Format "PUR" vom Bayerischen Rundfunk mit gewollt jugendlicher Sprache. Ich empfinde das auch für Jugendliche als Verdummung und unangemessen. Ich will auch nicht Influencerin sein oder Youtuberin. Es wäre mir super peinlich, mich selbst zu filmen und Leuten halbscharige Erklärungen abzugeben, beispielsweise wie sie einen tollen Liebhaber finden. Oder zu filmen, wie ich Produkte auswickele und teste. Es mag sein, dass ich dafür zu alt bin. Letztendlich aber passt irgendwas immer nicht, wenn man es nicht wirklich will oder wenn es nicht sein soll. Frauen zwischen 25 und 40 werden oft nicht eingestellt, weil die Familienplanung dazwischen kommen könnte. Wichtig ist aus meiner Sicht vielmehr, nicht stehen zu bleiben. Neugierig zu sein, zu lernen und seinen Weg zu suchen. Und mit ein bisschen Glück zu finden. Ich stelle gerade fest, dass man als sogenannte Jungseniorin ziemlich cool und glücklich sein kann.

© 2020 Monika Bremer