Eine quasi-Ausgangssperre bleibt

Kairo nach Corona-Beschränkungen Auf der Ring-Road in Kairo ist Wochenendverkehr gegen Abend. Mehr als in den Wochen und Monaten zuvor, denn die gröbsten Ausgangsbeschränkungen sind aufgehoben seit dem 27. Juni 2020. Die Geschäfte dürfen öffnen bis 21 Uhr, Cafes, Restaurants und Clubs wieder bis 22 Uhr. Mit 25% Kapazität unter Berücksichtigung von Hygienevorschriften, der Maskenpflicht und den Abstandsgeboten. Shisha ist verboten. Für viele bedeuten die Lockerungen „Hurra, Corona ist vorbei“, andere sind doppelt besorgt ob der nun zu erwartenden Unbedarftheit in der Bevölkerung. Anhand der getragenen Masken lässt sich eventuell eine Einschätzung über die Haltung einfangen. Geschätzt ein Drittel trägt die Masken vorschriftsmäßig, ein Drittel hat irgendwie eine Maske dabei, bei der Hitze meistens unter dem Kinn, ein Drittel völlig unbedarft ohne Mundschutz. Aus dem Auto heraus neugierige Blicke. Es fallen Sätze wie „Guck mal, tatsächlich, die haben auf“, wenn Cafés am Nil beleuchtet sind. Ungläubiges Staunen und Erleichterung nach sozialer Dürre. Eine nicht repräsentative Umfrage auf Facebook mit im Durchschnitt 46-Jährigen hat ergeben, dass die Bildungsschicht der sich derzeit in Kairo Aufhaltenden die letzten drei Monate mehr oder weniger zuhause verbracht hat. Als Tätigkeiten tagsüber wurde vorwiegend Home-Office und Home-Schooling angegeben, während der Ausgangssperre waren Medien besonders beliebt. Netflix, Soziale Medien, Fernsehen. Freunde treffen fiel fast ganz aus, stattdessen ein wenig Bewegung, Zeit mit der Familie, Weiterbildung und Hobbies wie Musik oder Zeichnen. Auch SchülerInnen versuchten, der Situation etwas Positives abzugewinnen und gaben sich Tipps, wie man sich neben E-Learning und Hausaufgaben zuhause die Zeit vertreiben könne. Ein geregelter Tagesablauf mit Arbeit oder Schule, Aktivität, Hobbies und Lesen anstatt ein Dasein als Couchpotato war für Erwachsene, Kinder und Jugendliche gleichermaßen in den Wochen seit dem 15. März eine Herausforderung. Auch in Kairo. Ein bisschen fühlt es sich dann doch noch wie Ausgangssperre an. Am Nil entlang bis nach Imbaba zum Schweizer Club sah man jetzt auch nach 20 Uhr eine lebendige Stadt. Beim genauen Hinsehen sind aber die Straßencafés weiträumiger aufgebaut, nicht alle Stühle sind trotz des milden Sommerwetters besetzt. Viele Menschen mit Masken. Im Schweizer Clubs besteht auch Maskenpflicht, die Tische im Garten stehen weit auseinander, vier sind belegt. Zum Bier gibt es Plastikbecher, Essen auf Plastiktellern mit Plastikbesteck. Aus Hygienegründen. Für diejenigen, die essen, aber auch für diejenigen, die ansonsten hinterher abspülen müssten. Alles noch etwas verhalten. Auf der Nilbrücke Kasr Al Nil dann nach 22 Uhr übermütiges Treiben. Keine Ausgangssperre mehr. Junge Paare machen Fotos, Freunde treffen sich, Autos parken unerlaubterweise am Straßenrand, und alle wollen in der Sommerbrise einen Blick auf den nächtlichen Nil erhaschen. Die Stimmung ist fröhlich. Downtown ist zur gleichen Zeit fast menschenleer. Ein bisschen Verkehr und hier und da noch ein offener Kiosk. Wenn Geschäfte und Cafés geschlossen sind, fühlt es sich dann dennoch ein bisschen wie Ausgangssperre an, so in den dunklen fast menschenleeren Straßen. Der Alltag in Downtown hat sich im Vergleich zu den letzten Wochen nicht geändert. Die Bawabs, die Hausmeister, saßen vor und während Corona vor den schweren Altbautüren, und da sitzen sie jetzt immer noch. Die alten Männer müssen weiterhin auf ihre Shisha verzichten, den Wasserkocher und ihre Plastikstühle können sie jetzt aber wieder zuhause lassen, Kaffee gibt es wieder im „Ahwa“, den Straßencafés. Vor den Banken und Telekomläden warten Kunden mit einer Nummer in der Hand in der Wärme bis sie drinnen bedient werden, beim Konditor "Al-Abd" trägt jeder Maske, und jeder Kunde bekommt Hand-Desinfektion, die Jungs vom Parfümladen springen seit Wochen ohne Mundschutz auf jeden Vorbeieilenden zu mit „very good price - buy one get one free“. Corona? Was ist das. Das Gesundheitsministerium veröffentlicht täglich die offiziellen Zahlen und bemüht sich in den Medien um Aufklärung und gibt Hinweise zu Sicherheitsmaßnahmen. Es ist schwer zu beurteilen, ob das Nichtbeachten aus Not, aus Ignoranz oder fehlendem Verständnis erfolgt. Die offiziellen Zahlen liegen heute bei über 65.000 Gesamtinfizierten in Ägypten. Neu haben sich 1.265 Menschen angesteckt, verstorben sind seit gestern 81 Menschen von insgesamt 2.789 Corona-Todesfällen. Wer keine Symptome hat und keine Kontaktperson ist, wird wahrscheinlich nicht im System erfasst. Es bleibt eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Ab 1. Juli soll der internationale Flugverkehr von und nach Ägypten wieder starten. Derzeit sind noch nicht alle Flugverbindungen buchbar, und auch die Anzahl der Flüge ist beschränkt. Ägypten wurde unter anderem vom Robert-Koch-Institut als Risikoland eingestuft, so dass offiziell bei Einreise nach Deutschland eine zweiwöchige Quarantäne notwendig wäre. Alternativ nach vier Tagen ein Corona-Test. Per Stand heute kein schöner Start in einen eventuellen Sommerurlaub in Deutschland. Zumal auch die Rückreise wahrscheinlich, aber nicht wirklich hundertprozentig gesichert ist. Doch wie immer kann sich in Kairo das Leben innerhalb von wenigen Augenblicken völlig ändern. Dank Corona nun eine Erfahrung, die nicht mehr nur auf Kairo beschränkt ist.

© 2020 Monika Bremer