Geld ausgeben schwer gemacht

Kurz vor Schulbeginn wurde bekannt, dass ausländische Schulen in Ägypten Corona bedingt am 1. September starten dürfen und das ausschließlich als Unterricht in besonderer Form, also online. Mein treuer Laptop ist inzwischen über 11 Jahre alt, der Akku funktioniert nicht mehr, Bluetooth kennt er nicht und von Leichtigkeit keine Spur. Ich liebäugle schon lange mit einem Apfellaptop, doch aus zwei Gründen konnte ich mich bislang nicht dafür entscheiden. Zum einen sind Apfelprodukte wirklich richtig teuer, zum anderen bekomme ich in Kairo keine Geräte mit deutscher Tastatur. Die Tastatur ist englisch, das Y und das Z sind nach deutscher Betrachtung vertauscht. Zudem sind Sonderzeichen wie [, ], <, > u.a. an anderer Position, die ich jedoch für die html-Programmierung in Wordpress benötige und somit eine neue Schreibroutine notwendig wird. An eine unterschiedliche Tastenbelegung kann man sich im Laufe der Zeit gewöhnen, Sorgen aber machten mir die Umlaute. Ich schreibe fast ausschließlich auf Deutsch und englische Tastaturen kennen kein ä, ö, ü. Apple wäre aber nicht Apple, wenn es dafür keine Lösung gäbe. Ganz daran gewöhnt habe ich mich noch nicht, aber wie zu erkennen ist, funktioniert es. Man drückt auf dem Buchstaben, mit dem ein Umlaut gewünscht ist, die Taste etwas länger, und schon erscheint eine Auswahl mit französischen Akzenten und Umlauten. Dass ich heute meine Kolumne auf einem Apple-Laptop schreiben kann, daran wagte ich am Montagnachmittag dann irgendwann nicht mehr zu glauben. Am späten Nachmittag entschied ich mich, in Downtown nach einem neuen Tragecomputer Ausschau zu halten. Ich suchte Online nach entsprechenden offiziellen Apple-Shops. Das ist in Downtown ein bisschen gemein, denn es gibt auch eine Fashion-Marke namens Apple. Der erste Apple-Store war ein typischer Telefonladen, der wohl auch Ladekabel und ähnliches Zubehör für iPhones im Angebot hatte. Keine Spur von Computern. Computer in Downtown und alles an Zubehör kauft man jedoch sowieso im Bustan-Shopping-Center. Dass es dort keinen reinen Apple-Store gibt, hatte ich schon längst herausgefunden. Dennoch meinte ich mich zu erinnern, in all dem Gewusel von Shop an Shop mit fast ausschließlich männlicher Kundschaft einen Laden mit MacBooks im Schaufenster gesehen zu haben. Zielsicher steuerte ich darauf zu. Keine Kontrolle, ich die Einzige mit Maske. Im unteren Geschoss tatsächlich MacBooks im Schaufenster. Trau ich mich oder trau ich mich nicht? Ich traute mich. Ein kleines mit Technik vollgestopftes Büdchen, laut diskutierende Männer die alle unterschiedliche Ersatzteile und Kabel über einen Mini-Tresen reichten. Mein Anblick war aufgrund meiner Maske und meiner Weiblichkeit ungewöhnlich, so dass die Diskussionen verstummten und man mir bereitwillig den Laden überließ. Ein junger Mann blickte mich freundlich an, und ich machte ihm mit meinem Strassenarabisch klar, dass ich mich für ein MacBook interessiere. Bereitwillig öffnete er verschiedene Laptops und zeigte mir jeweils die Systemdaten. Ein bisschen kenne ich mich aus und fragte nach verschiedenen Prozessortypen, RAM-Größen und Modellen. Das schien ihn beeindruckt zu haben, denn er war sehr geduldig und zeigte mir Modell für Modell. Mein Herz hüpfte, als ich erfuhr, dass die meisten Modelle generalüberholt sind und ein halbes Jahr Garantie haben. Somit verringerte sich für mich das Risiko eines Fehlkaufs in einem Downtownbüdchen mit einem teuren MacBook, das eventuell sogar ein Fake sein könnte. Ich war beruhigt und entschied mich für ein MacBook Air von 2017. Nachdem ich vorrangig online arbeite und nicht mit Grafik, sollte die Leistung locker ausreichen, bekam ich erklärt. Ich dachte, der spannendste Teil des Tages wäre geschafft. Ich ahnte nicht, dass mein Abenteuer jetzt erst beginnen sollte. Ich fragte höflich, ob ich mit Kreditkarte bezahlen könne. Meine ägyptische Bank hatte um die Zeit schon zu. Täglich kann ich mit meiner ägyptischen Debitkarte 7.000 Pfund, ca. 365 Euro am Geldautomaten abheben und nochmal für die gleiche Summe mit der Karte im Geschäft bezahlen. Das Limit meiner deutschen Kreditkarte ist wesentlich höher. Und damit fing der kreative Teil des Tages an. Mein freundlicher Verkäufer musste zunächst den Ladeninhaber anrufen, ob es in Ordnung sei, wenn ich nicht in bar bezahle, sondern mit Karte. Bargeld ist in Ägypten das Hauptzahlungsmittel. Miete, Strom, Gas, Lebensmittel, alles gegen Bargeld. Die sogenannten Kreditkarten sind häufig Debitkarten, also nicht gegen Kreditlinie sondern gegen Guthaben. Für eine Kreditkarte bot mir meine Bank an, diese gegen ein Deposit auszugeben. Online-Zahlungen mit Debitkarten oder Kreditkarten funktionieren meistens nicht, mit ausländischen Kreditkarten schon gar nicht. MyFawry, ein Online-Zahlungsportal für Strom, Telefonrechnungen und Konzertkarten, hat mir gleich mein ganzes Account gesperrt, weil sie sich eines Tages - natürlich ohne Information an die Kunden - entschieden, keine ausländischen Kreditkarten mehr zu akzeptieren. Von Diskussionen mit sogenannten Supportcentern kann ich jedem nur abraten. Für Online-Zahlungen gibt es sogenannte Surfer-Cards. Das sind Karten mit einer Art Kreditkartenfunktion, jedoch nur für die Zahlung online. Die Karte muss zuvor durch die Bank-Hotline aufgeladen werden. Verständlich, dass diese Karte nur selten zum Einsatz kommt. Dabei ist das E-Commerce-Potential in Ägypten nicht zu vernachlässigen. Gut 35% der 100 Millionen Ägypter hat Internetzugang, Kosten pro Monat im Durchschnitt 12 Dollar, 61% beteiligen sich am Mobilfunk, der Technologiestandard liegt hier bei 3G und 4G. Online-Zahlungen werden durch Banken kaum oder kompliziert angeboten, so dass über 90% des E-Commerce bar bei Lieferung bezahlt wird. Hier wird meines Erachtens ein riesiges Umsatzpotential verspielt. Statistiken geben an, der ägyptische E-Commerce-Markt hätte ein Potential von 5,4 Milliarden Dollar, pro Kopf würden derzeit knapp 500 Dollar pro Jahr im E-Commerce ausgegeben. Das sind ungefähr 10% eines durchschnittlichen ägyptischen Jahresgehaltes. Für Konzertkarten und andere Online-Bestellungen gibt es auch MyFawry. Man bucht eine Konzertkarte, erhält eine sogenannte Fawry-Nummer, muss dann zu einem Kiosk gehen der Fawry-Service anbietet und bezahlt das Ticket dann in bar am Kiosk, die Bestätigung kommt per SMS und E-Mail. Von hinten durch die Brust ins Auge würden wir auf Deutsch dazu sagen. Der Shopinhaber war jedenfalls einverstanden, dass ich meine knapp 700 Euro, 13.000 Pfund, per Karte bezahle. Mit deutscher Karte, weil die ägyptische ja limitiert ist. Es zeigte sich sodann nicht nur die ägyptische Hilfsbereitschaft, sondern auch Kreativität. Der Shop selbst hatte gar kein Kartenzahlgerät, daher verschwand mein freundlicher Berater und nach einigen Minuten kam er zurück und meinte "come". Ich folgte verdutzt in einen anderen Shop um zwei Ecken und bekam erklärt, bezahlen müsse ich hier. Allerdings gaben wir nach fünf Versuchen auf. Karte zurückgewiesen da ausländisch. Mit Händen und Füßen erklärte ich, dass ich zwar noch eine ägyptische Karte hätte, die jedoch auf 7.000 Pfund begrenzt sei. Da musste ich auch nicht viel erklären, das kannten sie schon und nickten. Wir entwickelten die Idee, 7.000 Pfund am Geldautomat auf einem Flur in der Shopping-Mall abzuheben und den Restbetrag dann per ägyptischer Karte zu begleichen. Mein freundlicher Berater ging mit mir zum Geldautomat - kein Service. Etwas hilflos seufzte er und wir sprachen noch mit zwei weiteren Shopinhabern und traten einen weiteren Kartenzahlversuch in einem weiteren Laptopladen an. Erstaunlicherweise war niemand genervt oder verwundert. Wenn Dinge schwierig sind, muss man sich eben gegenseitig helfen, und darin sind Ägypter großartig. So hatten wir jede Menge Spass und ich weiss nicht, wie oft ich mir anhören durfte, wie schön Deutschland und wie toll die Autos seien. Bezahlen konnte ich nirgendwo. Ich sah mich schon am nächsten Tag vor Schulbeginn zur Bank hetzen, Geld abheben an der Kasse und wieder zum Laden laufen. Aber nicht mit freundlichen Ägyptern Downtown. Wir verließen das Einkaufszentrum und gingen von Geldautomat zu Geldautomat. Geduldig warteten wir in Schlangen und sagten bei jedem "Out of Service" - Hinweis "ma3lesh". Es dauerte eine Stunde, bis ich an vier verschiedenen Automaten mit zwei verschiedenen Karten den Betrag in bar in den Händen hielt. Noch bevor ich das erste Wort auf dem MacBook schrieb, hatte es schon eine ägyptische Geschichte und ich hoffe, noch viele gute Geschichten mit ihm schreiben zu dürfen. Das hier war die erste.

© 2020 Monika Bremer