Herausforderung westliche Großstadt

Nach viereinhalb Jahren das erste Mal wieder in München. Wohnen in neuer Umgebung. Schwabing anstatt Au. Dank meiner Freunde in München ist die Stadt bald wieder vertraut. Allerdings wundere ich mich doch über einige Dinge, die ich so nicht erwartet hätte. Im Supermarkt ist es proppenvoll. Ich witzele noch, dass die Schlange möglicherweise nur deswegen so lang sei, weil man ja Corona-Abstände einhalten müsse. Und freue mich dennoch über Mettwurst und sonstige Schweinereien. Bezahlt wird ob der langen Schlange dann an einer Selbstbedienungskasse, und ich schmunzle. Wir müssen alles selbst scannen und einpacken. Ich kann mich kaum daran erinnern, wann ich in Kairo mal selbst etwas eingepackt habe. Auf Mon-Cheri muss ich verzichten, lerne ich, denn da ist Alkohol drin und das darf man wegen Altersbegrenzung nur an einer echten Kasse kaufen. Beim Spaziergang mit dem Nachbarshund muss das Häufchen eingesammelt werden. Die Ägypter würden sich kaputt lachen. Dafür ist die Luft klar und frisch. Autos können an Elektroladestationen am Strassenrand aufgeladen werden, und als ich nicht aufpasse, werde ich beinahe von einem Elektroroller angefahren. Diese Roller stehen immer wieder am Strassenrand, und ich werde neugierig. Allerdings ist meine deutsche Telefonkarte im Zweithandy und nicht im Smartphone, somit bin ich immer, wenn ich unterwegs bin, offline. Dass das unpraktisch ist, merke ich schnell. Mal schnell auf Google Maps nachschauen, wo es lang geht, den Fahrplan für den MVV aufrufen, oder sich per QR-Code-Scan obligatorisch für den Restaurantbesuch registrieren, all das geht am schnellsten online. Offline geht manchmal auch, aber es dauert. Nach dem Weg zu fragen, ist je nach Stadtviertel auch schwierig. Ich wundere mich über die Vielzahl der ausländischen Mitbürger und höre vor allem osteuropäische Sprachen oder arabisch, welches ich oft verstehe. In Tram und S-Bahn schätze ich ungefähr ein Drittel aller Fahrgäste auf ausländischen Hintergrund. Viel mehr wundert mich jedoch die angespannte Situation aufgrund von Corona und das schlechte Benehmen auf der Strasse. Da habe ich den Ägyptern wohl unrecht getan, als ich dachte, auf die Strasse spucken, lauthals öffentlich telefonieren und YouTube-Videos ohne Kopfhörer hören wäre typisch für ein Land mit niedrigem Bildungsstand. Und ich gebe zu, ich bin etwas entsetzt. Auch von der Unfreundlichkeit vieler Menschen. Und selbst in München werde ich auf der Strasse bei helllichtem Tage angequatscht mit einem Kommentar, wie er auch in Kairo vorkommen könnte. Von einem Mann, der vom Aussehen her auch in Kairo zuhause sein könnte. Ich finde das bitter, denn ich spreche hier von Schwabing und nicht von einem Sozialviertel. Auf dem Kreisverwaltungsreferat bin ich die einzige Deutsche, deutsch wird es dann aber bei der Bearbeitung auf dem Amt, und ich gehe unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Vertraut ist München dann vor allem beim Treffen mit Freunden in Restaurants und Kneipen und in der Natur. Dann macht München wieder Spass. Seit Tagen liebäugele ich mit den Elektrorollern. Inzwischen bin ich auch mit dem Smartphone online und lade mir die Voi-App herunter. Ein bisschen komisch komme ich mir schon vor, aber ich bin mutig und entscheide, dass ich den Elektroroller unbedingt ausprobieren möchte. Schließlich bin ich Motorradfahrerin und da wird das schon nicht so schlimm werden. In München stehen sogenannte E-Scooter von fünf Anbietern zur Verfügung: Voi, Dott, Tier, Lime und Bird. Tier gehört zu den Münchner Verkehrsbetrieben, Lime zu Uber. Allerdings ist Uber in München gar nicht Uber. Sie haben keine eigenen Fahrer. Uber darf nicht als Taxiunternehmen fungieren, sie sind offiziell ein Mietwagenunternehmen. Daher dürfen die Autos nicht am Strassenrand auf Fahrgäste warten und müssen nach jeder Fahrt an den Unternehmensstandort zurück. Nachdem das so nicht funktioniert, tritt Uber ausschliesslich als Fahrvermittler auf und übernimmt zudem die Abrechnung mit ihrem Subunternehmen. Die Lima-Elektroroller können über die Uber-App aktiviert und gemietet werden. Selbstverständlich ist geregelt, wo die Roller abgestellt werden dürfen, und wie viele Roller im Einsatz sind. Im Innenraum des Mittleren Rings dürfen die Anbieter maximal 1.000 Roller aufstellen. Maximal drei Roller dürfen an einem Standort, beispielsweise an einer U-Bahnstation, angeboten werden. Auf dem Gehweg müssen noch 1,60 m Platz für Fußgänger bleiben. Ich frage mich, woher ich wissen soll, wie viel Platz 1,60 m genau sind. Die Startgebühr kostet pro Fahrt bei jedem Anbieter 99 Cent, danach variiert die Minute zwischen 15 und 19 Cent. Das kann ganz schön teuer werden. Voi bietet daher einen Monatspass und einen Tagespass an, den Tagespass beispielsweise für 9,99 Euro. Für regelmäßige Fahrer sicherlich eine Alternative. Ein Bekannter erzählt, dass die Roller von vielen gehasst werden. Offiziell sollen sie auf den Fahrradwegen fahren. In München gibt es sogar inzwischen Fahrradstrassen, auf denen Autos zwar fahren, Fahrräder jedoch Vorrang haben. Allerdings fahren auch viele mit den Rollern auf den Gehwegen, was die Fußgänger oft nicht mögen. Auf der Strasse selbst sind sie mit ihrer limitierten Geschwindigkeit von 15 km/h jedoch eher ein Hindernis. Auf meiner App schaue ich nach, wo ich - diesmal im Westend - einen Roller finden kann. Und finde erstmal keinen, obwohl auf der App einige in fussläufiger Distanz verzeichnet sind. Ein bisschen peinlich ist mir das schon, als ich an einer Strassenecke endlich einen Scooter finde und umständlich die App öffne und den Code scanne. Dann geht es aber einfach mit "entsperren" und ich kann los fahren. Es wird zuvor noch angezeigt, wie der Batteriestand ist. Je nach Anbieter können mit voller Batterieladung 35 bis 50 Kilometer gefahren werden. Nachts werden von Mitarbeitern, die sich beispielsweise Juicer oder Hunter nennen, die Roller aufgeladen und desinfiziert. Ich klappe also den Ständer ein und erinnere mich, dass man mit zwei, drei Tritten den Roller selbst anschieben soll. Die Strasse ist gottlob menschenleer, und ich stelle mich auf die Trittfläche. Gas gebe ich nicht über den Griff wie beim Motorrad, sondern über einen Daumenhebel, gebremst wird wie beim Fahrrad. Vorsichtig probiere ich alles aus und siehe da, hurra, es klappt. Nasse Blätter, Kurven, Bordsteinkanten, alles kein Problem. Ich freue mich und lasse mir den Fahrtwind um die Ohren säuseln. Auf glatter Strasse schnurrt der Roller problemlos. Unbequem wird es auf Kopfsteinpflaster. Der Roller ist recht instabil und es ruckelt gewaltig. Gefährlich finde ich es nicht. Sobald ich den Antriebshebel loslasse, wird der Roller schnell langsam. Auf Fahrradwegen fehlt mir eine Fahrradklingel, denn ich kann mich weder langsamen Fahrradfahrern noch Kindern auf dem Weg verständlich machen ausser durch Rufen. Das ist unpraktisch. Ich fahre einige Male. Ein einziges Mal hat dabei ein Roller nicht funktioniert, ansonsten war der Umgang mit der App unkompliziert. Ich fahre mal eben zur U-Bahn, auf der Theresienwiese oder an der Isar entlang. An der Isar und auf der Theresienwiese hat es am meisten Spass gemacht. Da war kein Verkehr. Auf dem Fahrradweg im Strassenverkehr finde ich es ok, aber anstrengend. Das Tempo ist limitiert, und mit Fahrradfahrern kann ich nicht mithalten, auf dem Gehweg störe ich. Auf langer Strecke wird es unbequem und zugegeben auch ein wenig langweilig. Man steht halt rum und hat nicht viel zu tun und ist angewiesen auf gepflasterte Wege. Als Alternative zum zu Fuss gehen mal eben um die Ecke oder an der Isar entlang macht es total Spass, eine Alternative zum Fahrrad ist es aber nicht. Tier bietet auch Leih-Motorroller an. Ich muss mal herausfinden, ob sich in den Sitzen jeweils ein Helm versteckt, oder ob man einen eigenen Helm benötigt. Auf Motorroller fahren hätte ich ja auch mal wieder Lust. In Kairo oder eher in "Middle East" gibt es jetzt auch eine App für Elektroroller, die SlydApp. Ob die funktioniert und in Kairo zur Verfügung steht, kann ich von München allerdings nicht ausprobieren.

© 2020 Monika Bremer