Hottentotten und Liebesmond

Bedingt durch eine Unwucht "spricht" der Ventilator, das Vokabular ist abhängig von der Geschwindigkeitsstufe und des Dämmerzustands beim Einschlafen oder Aufwachen. "Hottentotten" sagt er, "Hottentotten, Hottentotten, Hottentotten". Als ich wach bin, wundere ich mich. "Hier geht es zu wie bei den Hottentotten" fällt mir ein und auch, dass es hier aussehen könnte "wie bei den Hottentotten". Eine spärliche aber doch bekannte Redewendung aus Kindertagen. Ich frage mich, woher meine Mutter weiß, wie es bei den Hottentotten zugeht, und wie es dort aussieht. Als Hottentotten werden in Süd- und Westafrika die Menschen des Khoikhoi-Volkes benannt. Laut Wikipedia stammt diese Bezeichnung aus der Zeit der Buren in Südafrika, aus der Zeit der Kolonialisierung. Die Bezeichnung Hottentotten ist diskriminierend gemeint und soll entstanden sein, weil die Sprache der Khoikhoi Knacklaute enthält, die als Stottern aufgefasst wurden. Und das Wort Hottentotten soll von dem niederländischen Wort "hottentot" kommen, was soviel wie "stottern" bedeuten soll. Auf niederländisch aber heißt "stottern" laut Google-Übersetzung "stotteren" und auf Africaans "stutter". Dennoch hat sich "Hottentotte" als diskriminierende Bezeichnung der Khoikhoi in Süd- und West-Afrika und als Redewendung durchgesetzt. "Hier sieht es aus wie bei den Hottentotten" beschreibt somit einen Zustand der Unzufriedenheit und impliziert die Aufforderung, diesen zu ändern. Bis zum nächsten Vollmond gerieten die Hottentotten erstmal wieder in Vergessenheit. Als wir jedoch begeistert dem aufgehenden Vollmond am Strand zusahen, meinte Tauchlehrer Mahmoud strahlend "Laila-Majnoun-Ammar" und nickt mir zu. Ich verstand "Ammar" als Übersetzung von "Mond", aber nicht, was Laila damit zu tun hätte. Wieder einmal sprachliche Grenzen erreicht. Diesmal aber lag es nicht am Vokabular, sondern am kulturellen Hintergrundwissen. Vor einiger Zeit sprach ich mit einer ägyptischen Kollegin über das Lernen von Fremdsprachen. Mir kommt gelegentlich in den Sinn, wie merkwürdig die deutsche Sprache für die ägyptischen Kinder sein muss. Wie bitte erklärt man das Wort "Käsemauke" einem ägyptischen Schüler? Ok, man kann es als "Stinkefuß" übersetzen, aber merkwürdig muss es dennoch klingen. Andersherum aber geht es genauso. Redewendungen wörtlich übersetzt ergeben meistens Quatsch, aber dazu muss man erst einmal verstehen, dass es sich um eine Redewendung handelt. "Du kommst von hinter der Kuh". Das ist die wörtliche Übersetzung der ersten ägyptischen Redewendung, die ich lernte: "Enta gay min warra al gamouza". Natürlich meint man damit "Du bist ein Bauerntrampel" und nicht die Berufsbezeichnung des Landwirtes. Ägypter hören das nicht gerne, weil es auch als Schimpfwort für Bauer benutzt wird. Redewendungen und Sprichwörter verwenden gerne die Bildsprache, um eine Nachricht zu transportieren und dadurch deutlicher zu machen. Hier einige Beispiele aus dem Arabischen: يد واحدة ماتسقفش. (iid waHda matsa''afš.) wörtlich: Eine Hand kann nicht klatschen. Bedeutung: Man schafft eine Sache nur gemeinsam. على قد لحافك مد رجليك
.(3ala 'add liHaafak midd regleik.) wörtlich: Strecke Deine Füße soweit Deine Bettdecke reicht.
Gemeint: Lebe nicht über Deine Verhältnisse. يا واخد القرد على ماله يروح المال ويقعد القرد على حاله
. (ya waaxod il-'ird 3ala maalu yiruuH il-maal yi'3od il-'ird 3ala Haalu) . wörtlich: Wenn Du einen Affen wegen des Geldes heiratest, verschwindet das Geld, aber der Affe wird bleiben. Was damit gemeint ist, muss man, glaube ich, nicht deutlicher beschreiben. Merken kann ich mir das alles schlecht, denn Arabisch ist eine schwere Sprache und hat wenig Bezug zum Deutschen. Ein kurzes Sprichwort aber kenne ich dennoch: Il-Haraka Baraka, Bewegung ist ein Segen, ähnlich zu der deutschen Redewendung "sich regen bringt Segen" und das Gegenteil von "Sport ist Mord". Manches ist ähnlich, vieles fremd. Der Laila-Majnoun-Mond aber hat mit Vokabeln nichts zu tun, sondern mit der dahinter stehenden arabischen Bedouinen-Liebeslegende von Laila und ihrem Geliebten Qays, entstanden im 7. Jahrhundert in Saudi-Arabien. Laila Majnoun würde auf Ägyptisch Laila Ma-g-noun ausgesprochen und heißt frei übersetzt "Verrückt nach Laila". Qays war ein Poet, der unsterblich in Laila verliebt war, sie aber nicht heiraten durfte und daher sein Leben lang in der Wüste wandelte und Gedichte für Laila schrieb. "Laila wa Majnun" wird auch als "Romeo und Julia"- Geschichte des Ostens bezeichnet. Laila starb und Qays wurde verrückt. Man fand ihn tot im Jahr 688 in der Nähe von Lailas Grab, auf einem Stein waren seine letzten drei Gedichte eingeritzt. So die Legende, die von mehreren Schriftstellern als Grundlage verwendet wurde. Das bekannteste Werk ist "Khamza" des persischen Dichters Nizame Ende des 12. Jahrhunderts. Rudolf Gelpke, ein Schweizer Islamwissenschaftler, war der Erste, der die Geschichte im Jahr 1963 ins Deutsche übersetzte.

© 2020 Monika Bremer