Männlich, weiblich, Taucher

Sprache ist ein emotionales Thema. Nicht nur in Deutschland wird das "gendern" in den und durch die öffentlichen Medien heftig und mit viel Leidenschaft diskutiert. Je mehr ich darüber recherchierte, desto mehr stellte ich fest, wie kompliziert das Thema eigentlich ist, und wie gespalten die Meinungen darüber sind. Ich sah mir zur Recherche Dokumentationen an und sprach mit Männern und Frauen, deutschen und ägyptischen, zu diesem Thema. In den letzten Tagen liefen mir zwei Facebook-Meldungen über den Bildschirm, die unter anderem Auslöser dafür waren, das Thema aufzugreifen. Eine befreundete Musikerin fragte öffentlich, warum denn eine Veranstaltung in Kairo, eine Fotoausstellung, nur auf Englisch beworben würde, ob man damit eine Selektion der Zielgruppe bereits über die Sprache vornähme. Um Besucherqualität zu garantieren, denn Englisch setze einen gewissen Bildungsstandard voraus. Diese Frage konnte in der Diskussion nicht geklärt werden, aber es war deutlich zu spüren, dass Sprache eben nicht nur ein Mittel zur Kommunikation, sondern auch zur Selektion und zur Identifizierung ist. Als Genderwahnsinn nahm ein ehemaliger Kollege einen Text wahr, in dem der Verfasser zum Thema Biber diese im Text als "BiberInnen" bezeichnete. Das klingt auf den ersten Blick lustig, zeigt aber, was dabei herauskommt, wenn man nicht verstanden hat, worum es bei dem Thema "gendern" überhaupt geht. Es geht um Gleichberechtigung der Geschlechter und um Wahrnehmung des sogenannten dritten Geschlechts Meine ursprüngliche Meinung war ganz eindeutig. Mich nervt es. Und das ist auch immer noch so, wenn ich sehe, wie mit dem Gender-Sternchen oder ähnlichen Hilfsmitteln vor allem gender-neutral gesprochen wird. Dass nicht nur mir das so geht, bestätigt eine Presseerklärung der ZDF-Doku "plan b". Sie sind, unter anderem aufgrund des zahlreichen negativen Feedbacks, beim Schreiben wieder von der Sternchen-Variante abgerückt und zeigen Alternativen auf. Mit der gender-neutralen Schreib-, und aus meiner Perspektive leider, auch Sprechweise, sollen alle Geschlechter gleichermaßen adressiert werden. Folgende Varianten werden dabei akzeptiert: Da gibt es das Gender-Sternchen und das Gender-Gap, als Doppelpunkt oder Unterstrich, beispielsweise "Journalist*innen", "Journalist:innen" oder "Journalist_innen". Ebenso ist das sogenannte Binnen-I geläufig, indem das mittlere "i" als Großbuchstabe geschrieben wird, "JournalistInnen". Der Schrägstrich ist nur noch dann genderneutral, wenn er die weibliche Form ohne Bindestrich anhängt, also "Journalist/innen". Ich selbst verwendete gelegentlich in einem Fließtext, in dem das Ausschreiben beider Geschlechterformen, also "die Journalistinnen und Journalisten" im Lesefluss gestört hätte, den Doppelpunkt. Ich fand, der sah einfach am besten aus. Allerdings habe ich zum einen Schelte aus dem Verlagslektorat dafür bekommen, zum anderen finde ich, zerhackstückt es die deutsche Sprache. Es stört meinen Lesefluss und mein Sprachempfinden. Jetzt können Genderbefürworter argumentieren, dass ich mich daran gewöhnen und mein Sprachempfinden umtrainieren könne. Allerdings beschäftige ich mich täglich mit Sprache, und irgendetwas in mir weigert sich. Unter anderem deshalb, weil es mit den Substantiven nicht getan ist. Zum einen werden die allgeschlechtlichen Wörter aus meiner Sicht unkorrekt. Beispiel: Kund*innen. Es gibt Kunden und Kundinnen, es gibt aber keine "Kund". Mit Gender-Sternchen oder -Gap ist das Wort meines Erachtens einfach falsch. Die einzig annähernd richtige Schreibweise wäre Kunden/innen, aber so ganz korrekt ist auch das nicht. In der ZEIT las ich über "Gästinnen" in der Philharmonie. Man hatte das Genderzeichen vergessen. Jetzt käme ich mir da aber als Mann blöd vor, denn so sieht es aus, als wären nur weibliche Zuhörer im Konzert gewesen. Ferner las ich von "Pat*innen" und es dauerte einen Moment, bis mein Gehirn begriff, dass Paten und Patinnen gemeint waren. Das Wort "Pat" gibt es genausowenig wie das Wort "Kund", nur, dass wir bei Kund*innen bereits daran gewöhnt sind. Im Plural, wenn wir mehrere Personen meinen, gibt es nur einen bestimmten Artikel für Plural, nämlich "die". Es heißt "die Journalisten", "die Journalistinnen". Im Singular jedoch sind die Artikel unterschiedlich. Spreche ich also von einer unbekannten Person und weiss nicht, ob diese männlich oder weiblich ist und möchte das gendern, dann wird es kompliziert. Ich möchte sagen: "Zu meinem Interview treffe ich dann auf einen Journalisten oder eine Journalistin". Will ich das gendern, dann muss ich den unbestimmten Artikel mitgendern, beispielsweise "eine/n Journalist/in". Nachdem insbesondere im Sprachgebrauch das Gender-Sternchen oder -Gap durch eine kurze Pause oder Hüsterchen mitgesprochen wird - also "Journalist"hust"innen", oder "Journalist"luftschnapp"innen" - stört es nicht mehr nur das Lese-, sondern auch das Hörempfinden. Alternativen sind beispielsweise die Benennung beider Geschlechter, also "die Journalisten und Journalistinnen", oder die Verwendung geschlechtsneutraler Nomen oder substantivierter Adjektive als Personenbezeichnung, "die Berichtenden", "die Schreibenden", "die Studierenden", "die Lesenden". Als weitere Alternative zeigt "plan b" unter anderem die Beschreibung mit Adjektiven auf, beispielsweise "fachkundiger Rat", anstatt das Wort "Fachmann" zu verwenden. Ebenso funktioniert ein Sachbezug, "liebes Kollegium", anstatt "liebe Lehrerinnen und Lehrer". Die E-Mail-Anrede "liebe Alle" hat sich inzwischen auch durchgesetzt, da kann man wenigstens nichts falsch machen. Es geht nämlich nicht nur um die Gleichbehandlung von männlichen und weiblichen Personen, sondern auch um die Einbeziehung derjenigen Personen, die sich nicht binär geschlechtlich identifizieren können. Das sind zum einen Personen, die vom Geschlecht her entweder männlich oder weiblich geboren wurden, sich jedoch im falschen Körper fühlen. Dann gibt es Personen, die beide Geschlechter in sich vereinen. Dazu muss man wissen, dass das Geschlecht zum einen über die Chromosomen definiert wird und sich zum anderen in der Körperlichkeit durch Geschlechtsorgane zeigt. Jetzt gibt es Menschen, die weibliche, also XX-Chromosomen, besitzen, bei denen sich jedoch männliche Geschlechtsteile entwickelt oder mit entwickelt haben. Ebenso gibt es Menschen mit männlichen, also XY-Chromosomen, bei denen sich auch weibliche Geschlechtsorgane gebildet haben. Das Ärzteblatt nennt in 2019 für Deutschland ungefähr 250 betroffene Personen, die beiderlei Geschlecht in sich tragen. Mit dem Gender-Sternchen und dem Gender-Gap sollen sowohl im Schreib-, als auch im Sprachgebrauch diese Menschen mit einbezogen werden. Die Geschlechtsbezeichnung für diesen Personenkreis lautet "divers". Was dabei heraus kommt, wenn man seine Internetseite von einem Robot oder Sprachcomputer oder auch von einer etwas suboptimal informierten Person übersetzen lässt, zeigt das Beispiel einer Internetseite. Ein Benutzer konnte dort bei Geschlecht auswählen zwischen "männlich", "weiblich" oder "Taucher". "Divers" im Englischen heißt auf Deutsch "Taucher" im Plural. Soviel dann dazu. Gleichberechtigung ja, Gendersprache eher nein In zahlreichen öffentlich-rechtlichen Dokumentationen kamen Menschen zum Thema Gerndergleichheit in der Sprache zu Wort. Die Meinungen der interviewten Personen unterschieden sich im Wesentlichen nicht von den Meinungen derjenigen, mit denen ich sprach. Das sind natürlich keine repräsentativen Aussagen, ich finde sie jedoch sehr interessant, denn ich traf niemanden, der mir gesagt hat "ja, finde ich super". Einig sind sich die Menschen im Wesentlichen, dass sie Gleichberechtigung wichtig finden. Den Ausdruck der Gleichberechtigung in der Sprache durch Gender-Sternchen und Gender-Gap befürworten jedoch nur Wenige. Dafür wurden vor allem zwei Gründe genannt. Die Gender-Sprache mit Sternchen oder Gap oder in welcher Form auch immer, hat sich nicht entwickelt, sondern wurde aus politischen Gründen der Sprache aufgezwängt. Daher wird die Sprache zwanghaft missbraucht, um ein Ungleichgewicht der Gesellschaft auszugleichen. Die Sprache soll die Vielfalt der Gesellschaft in eine Homogenität zwängen, die der Gesellschaft jedoch in dieser Form nicht entspricht. Ich bin mir beispielsweise sicher, dass viele Menschen gar nicht wissen, dass mit dem Sternchen oder der Sprechpause auch das dritte Geschlecht mit angesprochen werden soll. Zum Zweiten werden die Genderausdrücke, wenn überhaupt, nur von einer Elite-Blase der Gesellschaft mit entsprechender Ausbildung verwendet. Kritiker merken häufig an, dass dadurch die Gesellschaft eher geteilt, als geeint wird. Im Alltag ist dieser Sprachgebrauch fremd. Niemand spricht davon, "zum/r Bäcker"hust"in" zu gehen. Die Leute gehen zum Metzger, zum Bäcker, zum Arzt. Zumal auch "zum" dann in "zum/r" geändert werden müsste. Das ist sprachlich unpraktikabel. Verwendet wird im Sprachgebrauch das sogenannte generische Maskulinum. Der Arzt ist hier nicht als Person, sondern als Beruf oder Gattung gemeint, und es gehören auch die weiblichen oder sonstgeschlechtlichen Personen dazu. Im Arabischen gibt es die Bezeichnung der Gattungen ebenfalls. "El Samak" ist die Gattung Fisch wenn man gefragt wird, ob man Fleisch oder Fisch gegessen habe. Der eine spezifische Fisch, der Hering, ist dann "El Samaka", ja ich hatte einen Fisch, einen Hering. Gendern wäre in der ägytischen Sprache schon möglich. Man könnte ein Gender-Dings einbauen und die weibliche Form, die oft durch ein angehängtes "a" gebildet wird, dahinter schreiben. Hilfreich ist, dass der ägyptische Artikel auch immer "el" lautet. Beispiel: "El Mudaris", der Lehrer. "El Mudarisa", die Lehrerin. Gegendert hieße es dann "el mudaris*a". Als ich meinen ägyptischen Bekannten und in Ägypten lebende Leute darauf ansprach, wurde ich für verrückt erklärt. Auf die Frage, ob man sich das zukünftig vorstellen könne, hieß es "Auf gar keinen Fall!" und war etwas entsetzt, wie ich denn auf diese Idee kommen könne. Im Ägyptischen wird für alle das männliche Plural verwendet, "und damit meinen wir alle, auch weibliche Personen", war die Antwort. Diskussion beendet. Das mag zum einen mit der Gesellschaftsform, als auch mit der Religion zu tun haben. Die Religion definiert ganz klar ein männliches und ein weibliches Geschlecht. Alles andere wird als Fehler der Natur betrachtet. Ich weiss von einem ehemaligen Biologie-Kollegen, dass deutsche Biologiebücher, in denen das Kapitel Homosexualität behandelt wird, an deutschen Schulen in Ägypten wieder eingesammelt und die entsprechenden Seiten zugeklebt werden. Die meisten Leute hier werden nicht bestreiten, dass es Homosexualität gibt, in der Gesellschaft gewünscht ist es nicht. Über die Rolle der ägyptischen Frauen zu sprechen in einem Land, in dem Beschneidung zwar verboten ist, auf dem Land aber trotz aller Warnungen wohl immer noch praktiziert wird, ist ein Kapitel für sich. Ein Gendersternchen wird es wohl in Ägypten in naher Zukunft nicht geben. Interessant fand ich auch die Diskussion darüber, ob es sprachlich überhaupt sinnvoll ist, die "Taucher" mit einem Sternchen oder Hüsterchen überhaupt in dieser Form sprachlich zu berücksichtigen. Damit werden alle Personen, die sich - aus welchem Grund auch immer - als nicht eindeutig männlich oder weiblich sehen, in einen Topf geworfen und einer Gesellschaftsgruppe zugeordnet, zu der sie eventuell gar nicht gehören wollen oder sich dort gar nicht sehen. Auffällig in zahlreichen Interviews war auch, dass betroffene Personen der nicht binären Geschlechtergruppe, sich sehr ein Gesehen werden in der Gesellschaft auch durch Sprache wünschen, alle nicht Betroffenen diesen Argumentationspunkt jedoch gar nicht betrachteten.

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