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Barrierefreiheit - Worüber reden wir eigentlich?

Aktualisiert: 26. Juni

Eine Rampe zu einem Bus ist ausgelegt.

Wer sich nicht mit dem Thema beschäftigt, dem fallen zum Stichwort Barrierefreiheit vor allem Rollstuhlfahrer und Rampen oder vielleicht noch akustische Signale an Ampeln ein. Das hat damit zu tun, dass uns Rollstuhlrampen oder akustische Signale regelmäßig im Alltag begegnen, Menschen mit Behinderungen und Einschränkungen oft aber nicht Teil unseres Umfeldes sind. Daher sind uns auch Barrieren, mit denen sich Menschen mit Behinderungen auseinandersetzen müssen, oft auch fremd. Dabei ist das Thema Barrierefreiheit wesentlich vielfältiger, als es auf den ersten Blick anmutet. Damit ich als Verbraucherjournalistin qualitative Ratgeber schreiben oder Texte unter dem Aspekt Barrierefreiheit erstellen kann, möchte ich, um meinen eigenen Ansprüchen zu genügen, Expertin in dem Thema werden. Daher bereite ich mich gerade auf die Prüfung als „Zertifizierte Fachkraft für Kernkompetenzen der Barrierefreiheit" des IAAP (International Association of Accessibility Professionals) vor.


Geprüft werden

  1. Behinderungen, Herausforderungen und Assistive Technologien

  2. Barrierefreiheit und Universal Design

  3. Normen, Gesetze und Managementstrategien


Um Behinderungen zu verstehen, werden diese in Modellen klassifiziert.


Mithilfe der theoretischen Modelle wird versucht, Behinderungen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und besser zu verstehen.


Nachstehend eine Tabelle mit einer Übersicht der wichtigsten Modelle mit ihren Stärken und Schwächen:

Modell

Beschreibung

Stärken

Schwächen

Medizinisches Modell

Betrachtet Behinderung als ein Problem des Individuums, das durch medizinische Interventionen behandelt und geheilt werden sollte.

Fokus auf Behandlung und Verbesserung der Lebensqualität durch medizinische Fortschritte.

Reduziert Behinderung auf ein persönliches Problem, ignoriert gesellschaftliche und umweltbedingte Barrieren.

Soziales Modell

Sieht Behinderung als Ergebnis der Interaktion zwischen Menschen mit Beeinträchtigungen und gesellschaftlichen Barrieren.

Betont die Notwendigkeit, gesellschaftliche Barrieren zu beseitigen, um Inklusion zu fördern.

Kann die Bedeutung individueller medizinischer Bedürfnisse und Behandlungen unterbewerten.

Biopsychosoziales Modell

Kombination aus medizinischem und sozialem Modell, berücksichtigt biologische, psychologische und soziale Faktoren.

Ganzheitlicher Ansatz, der die Komplexität von Behinderung und deren Auswirkungen auf das Leben eines Menschen anerkennt.

Kann in der Praxis schwierig umzusetzen sein, da er eine umfassende Bewertung und Intervention erfordert.

Kulturelles Modell

Untersucht, wie kulturelle Normen und Werte die Wahrnehmung und das Verständnis von Behinderung beeinflussen.

Erhöht das Bewusstsein für die kulturellen Aspekte und deren Einfluss auf die Wahrnehmung von Behinderung.

Kann die praktischen Aspekte der Barrierefreiheit und direkte Interventionen vernachlässigen.

Rechtliches Modell

Fokus auf die Rechte von Menschen mit Behinderungen und wie Gesetze und Richtlinien sie schützen und ihre Teilhabe fördern sollen.

Schützt und fördert die Rechte durch gesetzliche Vorgaben, unterstützt systematische Veränderungen.

Umsetzung kann von der gesetzlichen Durchsetzung und politischen Willen abhängen.

Ökonomisches Modell

Analysiert die wirtschaftlichen Auswirkungen von Behinderung auf Individuen und die Gesellschaft.

Betont die ökonomischen Vorteile von Inklusion und Barrierefreiheit, fördert wirtschaftliche Argumente.

Kann menschliche und soziale Aspekte der Behinderung und Inklusion unterbewerten.

Das medizinische und soziale Modell sowie das biopsychosoziale Modell als Kombination der beiden erstgenannten haben für Lösungen in der Barrierefreiheit eine besonders hohe Bedeutung. Werden medizinische Aspekte verstanden, lassen sich, vor allem, wenn eine Heilung nicht möglich ist, körperlich bedingte Barrieren reduzieren. Das soziale Modell stärkt die Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben. Das rechtliche Modell bildet entsprechend die rechtliche Grundlage, um Menschen mit Behinderungen zu schützen. Im kulturellen Modell wird dann abgebildet, ob das auch gelingt und die Menschen in einer Kultur einen gleichberechtigten Stellenwert genießen. Ihr Stellenwert in der Arbeitswelt fließt in das ökonomische Modell mit ein.

Eine dunkelhäutige männliche Hand liest mit den Fingern in Brailleschrift.

Das moralische Modell ist veraltet.


Beim moralischen Modell handelt es sich um eine historische Variante. Es betrachtete Behinderungen als Folge von moralischem oder spirituellem Versagen, göttlicher Bestrafung oder dämonischer Besessenheit. Personen mit Behinderungen wurden oft als Sünder oder spirituell unzureichend stigmatisiert und ausgegrenzt. Moderne Ansätze lehnen diese diskriminierenden Ansichten ab.


Die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung von Menschen mit Beeinträchtigungen sind wesentlich jünger, als man annehmen könnte. Der Artikel drei im Grundgesetz wurde erst am 15. November 1994, also vor etwa dreißig Jahren, zugunsten von Menschen mit Behinderung ergänzt. In Artikel 3 Absatz 3 heißt es seitdem

Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Und um die Aufnahme dieser Ergänzung wurde im Vorfeld lange gestritten und zahlreiche Diskussionen und Unterschriftenaktionen waren dafür notwendig. Ein Zeichen dafür, dass diese Gleichbehandlung lange keine Selbstverständlichkeit war. Das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG), das Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen beseitigen und gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sowie eine selbstbestimmte Lebensführung gewährleisten soll, gibt es sogar erst seit 2002. Das Gesetz verpflichtet öffentliche Stellen, Barrieren abzubauen und Kommunikation sowie Zugänglichkeit barrierefrei zu gestalten.

In §1 heißt es dort unter anderem

Ziel dieses Gesetzes ist es, die Benachteiligung von Menschen mit Behinderungen zu beseitigen und zu verhindern sowie ihre gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu gewährleisten und ihnen eine selbstbestimmte Lebensführung zu ermöglichen. Dabei wird ihren besonderen Bedürfnissen Rechnung getragen.

Um Barrierefreiheit gewährleisten zu können, müssen die Herausforderungen und Barrieren der jeweiligen Behinderung oder Erkrankung bekannt sein.


Beeinträchtigungen beziehen sich nicht nur auf körperliche Einschränkungen. Behinderungen lassen sich beispielsweise wie folgt beschreiben:


  • Körperliche Behinderungen: Diese betreffen die körperliche Beweglichkeit und Funktionalität. Beispiele sind Lähmungen, Amputationen, Rückenmarksverletzungen, Muskelerkrankungen oder chronische Krankheiten wie Multiple Sklerose.

  • Sensorische Behinderungen: Diese beeinträchtigen die Sinneswahrnehmung. Dazu gehören Sehbehinderungen (wie Blindheit oder Sehbehinderungen), Hörbehinderungen (wie Taubheit oder Hörverlust) und andere sensorische Einschränkungen.

  • Kognitive oder geistige Behinderungen: Diese betreffen die kognitive Funktion und intellektuelle Fähigkeiten. Hierzu gehören Entwicklungsstörungen, geistige Behinderungen, Autismus-Spektrum-Störungen, Lernschwierigkeiten und andere kognitive Einschränkungen.

  • Psychische oder psychische Behinderungen: Diese beeinflussen die psychische Gesundheit und das emotionale Wohlbefinden. Beispiele sind Depressionen, Angststörungen, bipolare Störungen und andere psychische Erkrankungen.

  • Chronische Krankheiten und unsichtbare Behinderungen: Diese können eine Vielzahl von physischen oder psychischen Gesundheitszuständen umfassen, die dauerhaft oder langfristig sind und das tägliche Leben beeinträchtigen können, wie z.B. Diabetes, chronische Schmerzen, Fibromyalgie, chronisches Müdigkeitssyndrom und andere.


Ein blonder Junge mit Behinderung lacht und spielt mit bunten Klötzen.

In einkommensschwachen Ländern wie Indien leben oft besonders viele Menschen mit Behinderungen aufgrund begrenzten Zugangs zu Gesundheitsversorgung, Sicherheitsstandards, und sozioökonomischen Determinanten. In Indien leben schätzungsweise über 70 Millionen Menschen mit Behinderungen, was deutlich höher ist als in Deutschland, wo etwa 10 Millionen Menschen mit Behinderungen leben. Diese Unterschiede spiegeln die Herausforderungen wider, denen Menschen in unterschiedlichen sozioökonomischen Kontexten gegenüberstehen, wenn es um den Zugang zu Unterstützung und Chancengleichheit geht.


Barrierefreiheit benötigen aber nicht nur Menschen mit Behinderungen, sondern auch


  • Ältere Menschen: Mit zunehmendem Alter nehmen Mobilitäts- und Sinnesbeeinträchtigungen zu, wodurch viele ältere Menschen auf barrierefreie Umgebungen angewiesen sind.

  • Menschen mit vorübergehenden Einschränkungen: Dies umfasst Menschen, die vorübergehend eine Verletzung oder Krankheit haben, die ihre Mobilität oder Wahrnehmung beeinträchtigt.

  • Eltern mit kleinen Kindern: Barrierefreiheit spielt auch eine Rolle für Eltern mit Kinderwagen oder kleinen Kindern, die Zugang zu öffentlichen Räumen benötigen.

  • Menschen mit Lernschwierigkeiten: Dies umfasst Menschen, die Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben oder Verstehen haben und barrierefreie Kommunikationsformen benötigen.


Die einfachste Form der Barrierefreiheit ist das Universelle Design.

Ein blondes Mädchen im Kindergartenalter trägt ein Hörgerät.

Das Universelle Design ist ein Gestaltungsansatz, der darauf abzielt, Produkte, Umgebungen und Dienstleistungen so zu entwickeln, dass sie von einer breiten Vielfalt von Menschen genutzt werden können, unabhängig von ihren Fähigkeiten oder Einschränkungen. Es strebt an, Barrieren von vornherein zu vermeiden, indem es die Vielfalt menschlicher Bedürfnisse und Vorlieben berücksichtigt. Universell gestaltete Lösungen sind einfach zu bedienen, intuitiv verständlich und erfordern minimalen körperlichen Aufwand. Sie bieten verschiedene Möglichkeiten der Informationsvermittlung und sind tolerant gegenüber unbeabsichtigten Fehlern. Das Ziel ist eine inklusive Umgebung, die für alle Menschen gleichermaßen zugänglich und nutzbar ist.


Zum Thema barrierefrei lernen gilt das sogenannte „Universal Design for Learning". Drei wesentliche Regeln bestimmen, dass den Lernenden mehrere Beschäftigungsmittel, mehrere Darstellungsmittel und mehrere Handlungs- und Ausdruckmittel zur Verfügung gestellt werden.


Für alle Umstände, die für Menschen mit Behinderungen Herausforderungen darstellen, können barrierefreie Lösungen diese verringern und dadurch ein selbstbestimmtes Leben sowie Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglichen.


Die Lösungen sind von der Art der Beeinträchtigung abhängig. Sie werden in assistive Technologien und in Adaptionsstrategien eingeteilt.

Nachstehend einige Beispiele für Barrieren:

Beeinträchtigung

Barrieren

Mögliche Lösungen

Körperliche Behinderungen

Mangelnde Zugänglichkeit von Gebäuden und öffentlichen Verkehrsmitteln, Hindernisse im physischen Umfeld wie Treppen ohne Rampen oder Aufzüge.

Bau und Wartung barrierefreier Infrastrukturen, wie Rampen, Aufzüge, breite Türen und behindertengerechte Toiletten.

Sensorische Behinderungen

Schwierigkeiten bei der Kommunikation und Informationszugang, z.B. unzureichende Gebärdensprachdolmetscher oder fehlende Untertitelung in Videos.

Bereitstellung von Gebärdensprachdolmetschern, Untertiteln, Brailleschrift, hörbaren Ampelsignalen und anderen sensorischen Hilfsmitteln.

Kognitive und geistige Behinderungen

Herausforderungen beim Verständnis komplexer Informationen und Anweisungen, Schwierigkeiten beim Lernen und Verarbeiten von Informationen.

Bereitstellung einfacher Sprache, visueller Hilfen, unterstützender Technologien und pädagogischer Unterstützungsdienste.

Psychische Behinderungen

Stigmatisierung und Diskriminierung, unzureichender Zugang zu psychologischer Unterstützung und Therapie.

Sensibilisierungskampagnen, Zugang zu psychosozialen Diensten, Förderung eines unterstützenden und inklusiven Umfelds.

Chronische Krankheiten

Mangelnde Anerkennung und Verständnis für die unsichtbaren Auswirkungen, wie chronische Schmerzen oder Erschöpfungszustände.

Flexibilität am Arbeitsplatz, Anpassung von Arbeitszeiten und Aufgaben, Sensibilisierung für unsichtbare Gesundheitszustände.

Als Journalistin kann ich die Einfache Sprache als Adaptionsstrategie umsetzen.


Meine Aufgabe als Journalistin liegt beim Thema Barrierefreiheit nur begrenzt darin, Barrieren zu reduzieren. Im Rahmen einer Adaptionsstrategie kann ich auf Texte in Einfacher Sprache achten und Dokumente barrierefrei nach der DIN-Norm EN 301 549 gestalten. Als Kulturmanagerin habe ich ein besonderes Interesse daran, mit Einfacher Sprache die Teilhabe am kulturellen Angebot zu erhöhen.


Ich sehe es aber auch als meine Aufgabe, Aufklärung zum Thema Barrierefreiheit zu leisten. Das kann in Form von Ratgebern geschehen, in denen ich etwa über assistive Technologien berichte oder Tipps gebe zu barrierefreien Aktivitäten wie Freizeitgestaltung am Strand oder zu einem barrierefreien Sommerfest.


Meine Verantwortung liegt meines Erachtens zudem darin, über kulturelle, politische und ökonomische Entwicklungen zum Thema Leben mit Behinderung und Barrierefreiheit zu berichten.


Meine Arbeit trägt somit dazu bei, Bewusstsein zu schaffen und die Barrierefreiheit als grundlegendes Recht in der Gesellschaft zu festigen.


Quellen:

Syllabus CPACC. (2021). IAAP. Abgerufen am 25. Juni 2024, von https://www.accessibilityassociation.org/s/

Bundesamt für Justiz. Abgerufen am 25. Juni 2024 von https://www.gesetze-im-internet.de/bgg/__1.html

Bundesregierung. Grundgesetzt Artikel 3,3. Abgerufen am 25. Juni 2024, von


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