• @Nika

Frühlingsgefühle dank Bike-Doctor


Im Kindergartenalter erste Fahrversuche im Schrebergartengelände (c) Papa

"Fahrradfahren verlernt man nicht", heißt es im Volksmund. Da bin ich aber froh, denn obwohl ich - siehe Beweisfoto - schon sehr lange Fahrrad fahren kann, habe ich es einige Monate nicht getan. Umso glücklicher war ich dann heute morgen, als ich über den Tahrirplatz und über den Nil an der Kairoer Oper entlang zum Schwimmen radeln konnte. Eigentlich etwas ganz Normales, aber in Ägypten keine Selbstverständlichkeit. Wenn überhaupt Fahrradfahren in Ägypten Tradition hat, dann bei den Männern. Meistens in den frühen Morgenstunden mit einer Palette Brot auf dem Kopf oder mit einem Karren, um Wertstoffe einzusammeln. Früher nannte man das in Deutschland Lumpensammler. Das Fahrrad als alternatives Transportmittel hat sich - auch in den neuen Compounds rund um Kairo - immer noch nicht durchgesetzt. Wenn man in Kairo Fahrrad fährt, dann ist das gleichzusetzen mit Sport.


Der "Bike Doctor" war sehr erfolgreicher Radrennfahrer in Ägypten

Auch in Kairo bin ich seit 2013 mit dem Fahrrad unterwegs.

Ich kam gestern mit meinem "Bike Doctor", Sherif Yhiya, ins Gespräch. Über eine Kollegengattin hatte ich von ihm gehört und gelesen und jetzt, wo es in Kairo endlich wieder schön warm wird, wollte ich auch mein leider eingestaubtes Fahrrad wieder nutzen. Hier in Downtown bei mir um die Ecke gibt es die sogenannte Fahrradstraße, die "Shara Roushdy Basha", in der sich ein Fahrradladen neben den anderen reiht. Wenn ich meine Internetgebühr bezahlen gehe, komme ich jedes Mal daran vorbei, und jedes Mal überlegte ich, ob ich mir einfach irgendeinen Laden aussuche und dort hin gehe. Verschiedene Kolleg:innen berichteten über verschiedene Erfahrungen, und wenn die ehemaligen Kolleg:innen Abi-Klausuren korrigieren müssen, kommen sie sowieso zu nichts. Leider reichen meine Sprachkenntnisse nicht für fahrradtechnisches Fachvokabular. Ich bin ja schon froh, wenn ich auf Deutsch Bremsen, Gangschaltung, Kette und andere Details fehlerfrei beschreiben kann. Wie soll ich denn da einem ägyptischen Handwerker erklären, er möge meine Gangschaltung reparieren, mal den Fahrradschlauch überprüfen, warum ich immer viel Luft verliere und zudem die Kette entrosten und ölen. Und das auch noch alles, ohne mich über das Ohr zu hauen. Eine Freundin meinte sofort spontan, als ich ihr davon erzählte: "Och ne, das kann mein Fahrradladen aber nicht." Luft aufpumpen kann ich auch alleine, und ich habe sogar Fahrradkettenöl im Haus. Also war es Zeit für den "Bike Doctor". Per WhatsApp hatte ich Kontakt aufgenommen und stellte erfreut fest, dass er fließend Englisch spricht. Pünktlich war er zum vereinbarten Termin da und hatte zu meiner Verwunderung Reinigungsmittel, allerlei Werkzeug und eine Fahrradmontierstange dabei, so dass er damit das Fahrrad für die Arbeit im Stehen aufbocken konnte. In unserem kleinen Innenhof war er gut eine Stunde beschäftigt, bis mein Fahrrad wie neu erstrahlte. Alles erledigt und eventuell bekommt das Fahrrad noch eine Fahrradgarage gegen Wind und Sand. Vorsichtig fragte ich an, ob er kurz Zeit hätte, sich mit mir zu unterhalten. Ich wollte ihn gerne fragen, woher er denn seine Kenntnisse habe und wie sein Geschäft so läuft und wie er die Radfahrsituation in Ägypten einschätzt.


Sherif erzählte mir, dass er 6-facher Radrennmeister von Ägypten war. Er fuhr zunächst für das "National Team of Egypt", für das er sich seiner Zeit bewerben und etliche Tests bestehen musste. Woher er seine Fachkenntnisse hat, war danach eine hinfällige Frage. Ich war neugierig, und das geplante kurze Gespräch endete als einstündiges gemeinsames Kaffeetrinken. Professionellen Radsport gibt es derzeit in Ägypten nicht.

Alles drehe sich immer nur um Fußball, erzählt Sherif. Es fehle an Sponsoren und oft auch an Disziplin und Loyalität in den jeweiligen Radsportteams. Als Amateursport bzw. semiprofessionell sei der Radrennsport jedoch beliebt, und es gäbe einige Teams. Trainiert wird natürlich nicht in der Stadt, sondern auf den Highways. Besonders frequentiert ist die Sokhna-Road, die vor allem Freitagmorgens voll mit Radfahrern sei. Sherif ist auch zuversichtlich, dass es in den nächsten 5 bis 10 Jahren wieder professionelle Teams in Ägypten geben wird. Derzeit seien es ungefähr 60 Radsportler:innen, die ernsthaft trainieren. Bis zum Jahr 2017, bis er seine Karriere als aktiver Radfahrer beendete, hatte Sherif sein eigenes Radsportteam, "The Nitrous Cycling Team", das auf Facebook zwar noch zu finden aber nicht mehr aktiv sei. Tatsächlich stöbere ich interessiert auf der Seite und bekomme die Angaben von Sherif bestätigt. Das Nitrous-Team 2016 auf der Sokhna-Road beim Training, wie ich finde, sehr beeindruckend:

Schulen sollten das Fahrradfahren unterstützen


Natürlich interessiert mich auch die Fahrradfahrsituation in Ägypten für normale Leute wie mich. Sherif sieht derzeit einen Höhepunkt des Radfahrens in Ägypten, das sich in den letzten sieben Jahren entwickelt habe. In den Jahren nach der 2011-Revolution hätten private Gruppen angefangen, sich freitags zum Fahrradfahren zu treffen, vorrangig in Maadi und in Zamalek. Inzwischen könne man freitags irgendwo auf die Straße gehen und sich einer Radfahrgruppe anschließen, es gäbe unzählige. Und zwar zum einen sogenannte Sportgruppen und zum anderen die Charity-Gruppen, die ein konkretes Ziel haben und beispielsweise Ramadanboxen oder ähnliches verteilen. Tatsächlich sehe ich heute morgen um kurz nach sieben mehrere Gruppen junger Leute, Frauen wie Männer, die sich auf das Radfahren vorbereiten. Die

Sherif wirft einen prüfenden Blick auf mein überholungsbedürftiges Fahrrad.

Fahrräder werden auf kleinen Transportern gebracht und den Fahrwilligen ausgeliehen. Die Teilnehmer bekommen knallgelbe Sicherheitswesten und werden von den Guides an den Kreuzungen über die Straße begleitet. Hat mich ein wenig an die Blade-Nights in München erinnert. Schmunzeln musste ich über einen Pickup mit Rädern, deren Sättel mit roten Flauschbezügen überzogen waren. Dabei fiel mir dann auch wieder ein, was Sherif mir erzählt hatte. In den Compounds gäbe es inzwischen auch Fahrradwege, aber die Leute wüssten gar nicht, was das soll und würden dort dann parken. Seine Nachbarn zu einer Fahrradtour zu bewegen, sei fast unmöglich. Was das denn solle und außerdem sei das doch bestimmt unbequem auf den Sätteln. Sherifs drei Kinder, zwischen 3 und 15 Jahren alt, können zwar Radfahren, aber selbstverständlich sei es noch lange nicht. Ich frage, was denn in Ägypten passieren müsse, damit Kinder wie selbstverständlich wie wir früher mit dem Fahrrad zur Schule führen. Dabei denke ich an die nationalen Schulen, nicht an internationale Schulen, die oft 'zig Kilometer entfernt sind. Dass der Verkehr gefährlich ist, klar, keine Frage. Aber je selbstverständlicher Radfahren wäre, umso selbstverständlicher wären auch Fahrradfahrer im Verkehr. Sherif nennt zwei weitere Gründe. Fahrräder seien zum einen

Radfahren in Dahab ist so normal wie in Europa auch.

für wirtschaftlich schwache Leute unerschwinglich. Ich erinnere mich jedoch an einen Laden im Baladi in Dokki, der alte Fahrräder aufbereitet und bestimmt für die gebrauchten Räder keine Foreigner-Preise verlangt. Zum anderen müsse jeder, so Sherif, an der Schule Angst haben, dass man ihn zum einen auslache und zum anderen die Fahrräder an der Schule keinen Platz hätten. Er fände es eine gute Idee, wenn die Schulen Fahrradständer und einen sicheren Platz zur Verfügung stellten, damit die Räder sicher und vor allem auch willkommen seien. Ich schlage ihm ein Crowdfunding-Projekt vor, und Sherif überlegt, einen seiner ehemaligen Lehrer auf so ein Projekt anzusprechen. Vor allem auf dem Land, das vom Verkehr noch nicht so gebeutelt ist, könnten solche Projekte erfolgreich sein. Die Vorbildfunktion würde sich dann auch auf die Städte auswirken, überlegt Sherif, denn in der Stadt wolle man sich ungern ansehen, dass man auf dem Land etwas besser könne. Und sei es nur Fahrradfahren.


Während beispielsweise in Dahab Fahrräder zum normalen Straßenbild gehören, wird es trotz freitäglicher Aktivitäten in Kairo sicherlich bis dahin noch ein weiter Weg. Mein Fahrrad ist natürlich super geworden, und für nächsten Freitag bin ich mit einem Kollegen zum Radfahren verabredet. Sollte das nicht klappen, schau ich mal, ob ich eine Gruppe finde, die mich mitradeln lässt.