Grüne Flossen und Geistertaucher

Ein bisschen unheimlich klang das zwar schon, was Hesham mir auf der Fahrt nach Dahab im Bus erzählte, aber zugegebener Maßen hatte das mit Geistern natürlich nichts zu tun. Vielmehr geht es um umweltbewusstes Tauchen, Müll in den Meeren und Aktionen der Scuba Seekers in Dahab. Nachdem ich beim Clean-Up-Day im letzten Sommer in Alexandria bereits dabei war, wollte ich das Thema aufgreifen, bekam den Kontakt zu den Scuba Seekers und durfte den wöchentlichen Clean-Up-Dive begleiten. Leider ging das noch nicht unter Wasser, der Taucharzt muss erst sein ok geben, aber ich bin ja auch noch eine Weile hier. Kyle Power stellt mir freundlicherweise sein Unterwasser-Video zur Verfügung, so dass ich dann doch einen entsprechenden Einblick in die Müllsammelaktion unter Wasser geben kann. So wirklich aufgeregt war ich für letzten Montag eigentlich nicht, denn ich dachte, ach, was wird das schon anderes sein, als Müll sammeln anstatt am Strand dann eben im Meer. Ich wurde positiv überrascht. In verlorenen Fischernetzen sterben noch immer Fische Gegen halb neun treffe ich mich mit Kristen Sarra, die bei den Scuba Seekers in Dahab die Clean-Up-Dives verantwortet. Die Überraschung ist groß, denn wir kennen uns von Begegnungen aus dem letzten Sommer. Während Kristen noch einige Vorbereitungen trifft, lerne ich Kim kennen. Kim und Sameh leiten die Tauchbasis und Kim erzählt, wie es zu den geheimnisvollen Ghostidives kam. In Asien wurde ihr beim Wrack-Tauchen das erste Mal bewusst, welchen Schaden verlorene Fischernetze im Meer immer noch anrichten können. Sie erzählt, dass sich ein etwa 6 m breites Netz im alten Wrack verfangen hatte und in der Strömung wehte und dabei immer noch Fische in diesem Netz hingen blieben. Sie versuchten, die armen Tiere zu befreien, aber viel ausrichten konnten sie bei dem Tauchgang nicht. Mitte 2019 schlossen sich Sameh und Kim den Ghost-Dives an. Seit 2007 gibt es diese weltweite Initiative, die in Kooperation mit Umweltorganisationen vorrangig Fischernetze aus dem Wasser birgt. Vorsitzender und Gründer ist der Niederländer Pascal van Erp. Sameh erzählt, dass Pascal im April eventuell noch nach Dahab kommen wird. Sameh Sokar ist Koordinator der Ghost-Dives in Ägypten. Während die baltische See beispielsweise voll mit alten Fischernetzen sei, hätten sie rund um Dahab nur ungefähr 10 Netze gefunden. Einige alte Ankerleinen seien noch zu bergen und vor allem Reifen. Nördlich von Dahab, bei Assala, hätten um die 50 Autoreifen im Meer gelegen, 35 haben sie bereits heraufgeholt. Ursprünglich dachte man, in Autoreifen könne neues Leben entstehen, quasi als Spielplatz für Fische, der irgendwann mit Korallen überwachsen wäre. Und tatsächlich ist dieses auch bei vielen Autoreifen passiert. Inzwischen weiss man aber, dass Autoreifen nach und nach giftige Stoffe abgeben, die der Umwelt schaden können. Die bereits bewachsenen und belebten Reifen auf dem Meeresgrund lässt man aber wo sie sind. 2 Ankerleinen, 2 große Traktorreifen und 15 Autoreifen stehen noch auf dem Projektplan der Taucher in Dahab, die als technische Taucher zertifiziert sein müssen. Ein Freizeitsportler darf als Fortgeschrittener nur bis zu 30 Metern tief tauchen, doch das reicht oft nicht aus. Dennoch kann man sich den Aktionen als Helfer anschließen, es werden immer helfende Hände auf den begleitenden Booten und unter Wasser benötigt. Die schweren Traktorreifen bekommt man auch nur geborgen, wenn man sie mit Luftkissen an die Oberfläche befördern kann. Clean-up-Dives sind bei den Scuba-Seekers immer montags Kurz nach den ersten Ghost-Dives in Ägypten begannen dann im Herbst 2019 auch die ersten Clean-Up-Dives bei den Scuba Seekers. Positiv überrascht bin ich, als Kristen mir ihre Dokumentation zeigt. Jeder Clean-Up-Tauchgang wird dokumentiert. Wie viele Taucher, wie viele Minuten und vor allem, wie viele und welche Art von Müll sie aus dem Meer holen. Gesammelt wird vor allem Plastik. Lebensmittelverpackungen, Flaschendeckel und Flaschendeckelsiegel, aber auch Dinge, von denen man eigentlich denkt, sie seien umweltverträglich. Beispielsweise sind sogenannte Pappbecher, die wegen Corona überall verwendet werden, gar nicht aus Pappe, sondern kunststoffbeschichtet. Im Meer lösen sich die Becher nicht auf, sondern landen auf dem Meeresboden. Dahab sollte eigentlich plastikfrei sein. Im letzten Mai bekam man in den Kiosken und Märkten einfache Gewebetaschen, anstatt Plastikbesteck und Styropor gab es Holzbesteck und Pappteller. Inzwischen hält sich kaum noch jemand daran und bekommt, wenn man nicht, so wie ich, mit einem Rucksack zum einkaufen geht und dabei belächelt wird, Plastiktüten. Diese und auch Chipstüten beispielsweise und alles was leicht ist, wird selten beim Müllsammeln unter Wasser gefunden. Der Wind weht alles über das Meer und Plastiktüten bleiben beispielsweise in der Bucht von Laguna hängen. In 2021 gab es bereits 8 Clean-Up-Dives mit Kristen und insgesamt 43 Tauchern mit 429 Tauchminuten. 4.798 Müllteile wurden gesammelt. Im Unterschied zu 2020 findet man derzeit so gut wie keine Mundstück-Sicherheitsriegel von Shisha-Schläuchen, denn Shisha ist wegen Corona in Ägypten verboten. Ansonsten hat sich nicht viel verändert, und Kristen erzählt, dass die Müllsammlerei manchmal ganz schön frustrierend sein kann. Vor allem, weil es zum einen am staatlichen Müllmanagement mangelt und bei den Leuten das Umweltbewusstsein einfach fehlt. Allerdings gibt es auch Hoffnung. Tauchzentren sollen in Ägypten standardmäßig umweltbewusst und nachhaltig arbeiten Die internationale Organisation "Green Fins" - grüne Flossen - erarbeitet einheitliche Richtlinien für das Tauchen und Schnorcheln, um die Korallenriffe und die Unterwasserwelt zu schützen. Dabei werden mitmachende Tauchzentren nicht nur alle 6 Monate überprüft und zertifiziert, sondern auch ausgebildet. Wohin mit alten Batterien und wie wird das Motoröl der Kompressoren für die Tauchflaschen entsorgt? Die Tauchzentren bekommen Checklisten, was sie verbessern können und ein halbes Jahr Zeit, das umzusetzen. Scuba Seekers waren in Dahab die ersten bei "Green Fins", H2O folgte. Lina, die Verantwortliche der "Green Fins" in Ägypten, arbeitet, so erzählt Kristen, für das Wassersport-Ministerium. Wenn auffällt, dass es keine Möglichkeit gibt, Batterien außer im Hausmüll fachgerecht zu entsorgen, dann kann sich die Regierung nicht mehr herausreden, sie hätten davon nichts gewusst. So ist man voller Hoffnung, dass das Müllmanagement für Dahab weiter verbessert werden wird. Kristen ist Archäologin und ihre Kollegin, Christina, Meeresbiologin. Gemeinsam geben sie Schulungen über das, was im Wasser lebt und beim Tauchen zu sehen ist. Einfach zu sagen, wirf den Müll nicht ins Meer, führe zu nichts, lerne ich. Wenn den Menschen jedoch bewusst wird, dass im Meer eine ganz eigene, schützenswerte Welt existiert, dann, so ist die Hoffnung, wird man auch von Land aus damit zukünftig achtsamer umgehen. Solange aber aus den Cafés von unbedarften oder auch unwilligen Gästen der Müll vom Tisch direkt ins Meer geworden wird, muss er auch wieder heraufgeholt werden. Und nach all den vielen Informationen geht es dann auch endlich los mit Vorbereitungen und Briefing. Überall zischt es aus den Beatmungsapparaten und es riecht nach nassem Gummi. Beim Briefing erfahren wir, was beim Müll sammeln unter Wasser wichtig ist. Jeder Taucher und eine Taucherin bekommen feinmaschige Netze, in denen Zigarettenkippen drinnen bleiben, Wasser aber abfließen kann. Auf keinen Fall soll der Meeresboden aufgewirbelt werden, weil dort Tiere leben. Von daher ist vorsichtiges und langsames Tauchen angesagt. Anfänger dürften sich mit dem Ausbalancieren unter Wasser und dem gleichzeitigen Sammeln etwas schwer tun. Gesucht wird vor allem nach Plastik und Zigarrettenresten. Tabakreste zu fressen bekommt den meisten Meeresbewohnern nicht, und je kleiner der Müll ist, desto eher wird er von Tieren verschluckt. Glasscherben soll man lieber liegen lassen, und wenn man Plastik findet, das für jemanden unter Wasser ein neues Zuhause wurde, dann nimmt man ihm das auch nicht wieder weg. Es wird noch kurz die Tauchrichtung und -tiefe erklärt, und dann werden Teams gebildet. Immer ein erfahrener Taucher mit einem weniger erfahrenen. Die Teams, die fertig sind, stapfen in ihrer Tauchermontur los Richtung Brücke, unter der der Einstieg in das Riff ist. Insgesamt sind es 10 Taucherinnen und Taucher, 3 Ägypter, 3 Deutsche, 1 Jordanier, 1 Kanadier, 1 Amerikaner und 1 Engländer, also ein internationales Team. Die Clean-Up-Dives sind kostenlos, lediglich, wenn man sich Equipment leihen muss, muss dafür eine Gebühr bezahlt werden. Insbesondere in Corona-Zeiten kann sich nicht jedes Tauchzentrum leisten, kostenlose Clean-Up-Dives durchzuführen. Für diejenigen Taucher:innen, die als Weltenbummler unterwegs und meistens knapp bei Kasse sind, sind Clean-Up-Dives eine gute Gelegenheit für kostenlose Tauchgänge. Ausgenutzt würde das jedoch nicht, bekomme ich bestätigt. Nach gut einer Stunde sind alle wieder da, und was sie mitgebracht haben, ist wirklich eklig. Als ich Kristen vom Clean-Up-Day in Alexandria berichtete fragte ich auch, was sie denn in Dahab mit dem gesammelten Müll machen. Die Ghost-Diving-Reifen werden im Activity-Haus in Dahab recycelt, den Müll aus dem Meer kann man nur noch wegwerfen in der Hoffnung, dass er nicht erneut im Meer landet. Abgesehen davon, dass alles durchweicht ist, können sich auch Bakterien in dem Müll unter Wasser angesammelt haben, erfahre ich. Jeder muss seinen eigenen Beutel sortieren. Getrennt wird nach Textilien, Essensverpackungen, Flaschen und Dosen, Flaschenversiegelungen, Zigarettenkippen, Glas und Restmüll. Wie viele Teile am 5.4. gesucht wurden, die Zahlen liegen mir noch nicht vor. Aber die Videodokumentation von Kyle Power zeigt eindrucksvoll, wie das Müllsammeln am Riff und auf der Seegraswiese unter Wasser aussieht und wie sortiert wird. Wer nächsten Montag dabei sein möchte, kann sich über Facebook oder über die Internetseite bei den Scuba Seekers melden. In der nächsten Zeit wird es leider keine Montage geben, an denen die freiwilligen Helfer unter Wasser mit leeren Händen zurückkommen. (c) Kyle Power | Facebook, Instagram: @discoverlifethroughmyeyes Scuba Seekers Dahab: www.scubaseekers.com

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