Kunst im Auge des Betrachters

Etwas trostlos liegt abgelegen im Halbdunkel in Downtown Kairo das ehemalige Townhouse, das unter anderem die Galerie, das Lädchen für Kunsthandwerk, den Buchladen und das bei Musikern und Künstlern beliebten Café beherbergte. Das sonst so emsige Treiben der Café-Besitzer ist einer unwirklichen Stille gewichen, nur vereinzelt stehen einige Plastikstühle mit wenigen Besuchern, und der Qualm der Shishas fehlt ganz. Corona-Zeit. Zudem gehört Townhouse jetzt einer Immobilienfirma, und übrig blieb nur ein einziges Gebäude gegenüber mit der ersten Etage mit Platz für Verkaufsfläche und Ausstellungsräume. Vor Jahren gab es hier noch einen Nubian-Shop, heute gibt es im Haus Ersatzteile für Autos und eine Café-Küche. Zwischen Garagen- und Hauswand in einer engen Gasse treffen sich unbeirrt ein paar alte Männer zum Kaffee und Tee, auch ohne Shisha. Einige abgetretene Stufen geht es hinauf bis in den ersten Stock. Ein kleines Plakat kündigt die Ausstellung "Voyeur" an, die im "Access - Art Space", wie die Location jetzt heisst, vom 4. Oktober bis zum 10. November 2020 zu sehen ist. In vier großzügigen Ausstellungsräumen zeigt Salam Yousry meist neue Werke aus 2020 in Öl und Pastellfarben sowie Zeichnungen. Die Bilder tragen Titel, weitere Informationen gibt es nicht. Salam erklärt, der Besucher möge sich selbst ein Bild machen, es läge alles im Auge des Betrachters. Auch die Titel helfen dem verunsicherten Besucher nicht. "Der Morgen danach". Nach was? Nach der ersten Nacht mit einer neuen Frau? Nach dem Weltuntergang? Nach dem Tod des Vaters? Die Antwort muss jeder selbst für sich im Bild finden. Ich assoziiere "Hals über Kopf", "Drunter und Drüber", "Salvador Dali und die Psyche", "Blick in das Innere", "Chaos", "Verwirrung" und einiges mehr bei dem Versuch, etwas Intelligentes in den Bildern zu finden. Ich bin kein Kunstkenner. Meine Gedanken kreisen wie zwei Ölgemälde, die an der Wand rotieren. Ich gehe mehrmals durch die Räume und lasse alle Eindrücke auf mich wirken. Es geht immer um Menschen. In üppigen Formen und Farben und oft unverhohlen freizügig. Eine kühle Brise weht durch das offene Fenster und trägt das Lachen der Männer aus der Gasse in die Galerie. Sind sie auch Motiv oder Inspiration für eines der Bilder? Es gibt so viel zu entdecken. Ich begrüße Evelyn Ashmallah, Salams Mutter, auch Künstlerin und ebenso Nachbarin in unserem Haus in Downtown. In Alexandria hatte ich im Frühjahr erstmals eine Gemeinschaftsausstellung von Salam, Evelyn und Bassem, dem Bruder Salams gesehen. In Verbindung mit dem Film "The Wardrobe Man" aus 2018 über einen dänischen Einsiedler von Bassem Yousry. Salam wurde 1982 in Algerien geboren und studierte Kunst an der "School of Fine Arts, Helwan University" in Kairo mit Abschluss in 2004. Er ist in der Theater- und Videoproduktion genauso zuhause wie in der Malerei. Zudem gründete er 2010 "The Choir Project". Die gemeinsame Website von Salam, Bassem und Evelyn lautet http://www.ebs-art.com,, angelehnt an Evelyn - Bassem - Salam als Künstlerfamilie. Salam ist der Jüngere der beiden Brüder. In den an die Ausstellung angrenzenden Verkaufsräumen lehnen unzählige Bilder, teils gerahmt, teils ungerahmt stapelweise an den Wänden. Einige haben einen Platz oben an der alten Mauerwand gefunden. Es gibt keine für mich erkennbare Ordnung und keinerlei Auszeichnung, weder über Künstler, noch über Preise. Moderne und native Malerei, orientalische und moderne Motive, Aktzeichnungen, Natur, Menschen. Alles bunt durcheinander. Man kann stundenlang stöbern und in eine andere Welt versinken. Ich kaufe wie üblich einige in Leder gebundene Notizbüchlein und schlendere gedankenverloren durch die trostlosen Gassen zurück in die quirligen Strassen Downtowns.

© 2020 Monika Bremer