Normal ist das nicht

Am Anfang der Corona-Pandemie sprach man von der Zeit nach Corona noch von "the new normal". Inzwischen lese ich das viel weniger und muss dem auch heftig widersprechen. Zum einen wissen wir im Moment nicht, wann "danach" denn bitte sein soll. Zum anderen ist das, was wir gerade leben alles andere als normal und sollte somit auch für die Zeit nach der Infektionsgefahr aus meiner Sicht keinesfalls Standard werden. Der Mensch ist seit je her ein Rudeltier und somit ein soziales Wesen. Soziale Wesen leben nicht nur von Essen und Trinken, sondern auch von Berührungen und Kommunikation untereinander. Beides ist unter Coronabedingungen eingeschränkt. Und besonders zu spüren im Schulalltag. Maske, Abstand, Händewaschen ist eine einfache Coronaregel, wenn man schnell zum Einkaufen geht. Für einen Schulalltag bedeutet dieses logistische, disziplinarische und pädagogische Herausforderung und Umstellung. Es funktioniert. Weil es so gut wie keine Alternativen gibt. Ich spreche seit Beginn des Sommers regelmäßig mit Lehrerinnen, Lehrern und Mitarbeitern von amerikanischen, britischen und deutschen Schulen in und um Kairo. Eine Kollegin aus Berlin erzählt kurz nach den Sommerferien, dass in Berlin die Schulen quasi normal gestartet hätten, alle Kinder gingen zur Schule. Man trüge Maske und achte auf Hände waschen, lüften und Abstand halten. In Kairo hatten die staatlichen Schulen bis Mitte Oktober geschlossen. Privatschulen die Vorgabe, mit Online-Learning zu beginnen. Seit Mitte September läuft der Schulalltag geteilt. Sherif, der kleine Hausmeistersohn, hat nur drei Tage pro Woche Schule. Einige Schulen haben die Klassen geteilt, andere Schulen unterrichten wochenweise abwechselnd vor Ort und online. Sherif hat keinen Online-Unterricht. Wenn er nicht in die Schule geht, hat er frei. Er besucht eine staatliche Schule Downtown in Kairo. Für Online-Unterricht fehlen oft die Voraussetzungen, und so hatte das ägyptische Bildungsministerium angekündigt, Bildungsfernsehen anzubieten. Was daraus geworden ist, weiß ich leider nicht. Unterricht in besonderer Form, wie die derzeitige Situation gerne genannt wird, fordert Lehrer und Schüler gleichermaßen heraus. Sowohl online, als auch im Klassenzimmer vor Ort. Abstand zu halten wird einfacher, wenn nur die Hälfte der Schüler anwesend ist, daher abwechselnder oder geteilter Unterricht. Die Pausenaufsichten dürfen hauen, treten, schubsen und Haare ziehen derzeit doppelt rügen. Weil nicht nur der Akt an sich zu tadeln gilt, sondern gleichzeitig auch gegen die Abstandsregel verstößt. Das "Guten Morgen" vor Unterrichtsbeginn wird ergänzt um "Maske nicht vergessen", "Abstand halten", "Hände desinfizieren", "nicht ohne Maske den Platz verlassen", "immer nur zwei gleichzeitig in den Toilettenraum", "nicht am Wasserspender drängeln" und mehr. Nicht alles auf einmal, sondern das, was gerade aktuell ist, mehrfach täglich. Musikunterricht muss ohne Musikraum, ohne Singen und ohne Blasinstrumente auskommen. Und aufgrund von Unterricht im Klassenraum aus Platzgründen meist auch ohne Instrumente und Notenlinien an der Tafel. Die bunten Boomwhackers, gestimmte Plastikröhren, sind bei jüngeren Schülerinnen und Schülern besonders beliebt. Nachdem im Klassenzimmer kein Platz ist, kann man auf den Sportplatz ausweichen. Masken auf, Hände desinfizieren. Wer kein Desinfektionsmittel hat - meins ist leer, ich hab meines vergessen - bekommt die Hände von der Lehrerin eingesprüht. Hm, das riecht lecker. Einzeln aufstehen, einzeln die Instrumente abholen, mit Abstand und leise zum Sportplatz gehen, eine Boomwhackerlänge im Kreis Abstand halten und aufstellen. Bei den Rhythmusspielen vergessen die Schülerinnen und Schüler gottlob, dass sie eine Maske tragen. Sie sind anderweitig beschäftigt. Und wir machen ein Spiel daraus. Sich einen Rhythmus ausdenken und den gemeinsam spielen, ohne zu reden. Geht mit Maske sowieso schwierig. Und wie kann man die Boomwhackers sinnvoll sortieren und das herausfinden, nur durch den Klang der Boomwhackers, ohne dabei miteinander zu sprechen? Viel zu schnell ist die Zeit um. Leise und langsam zurück in das Klassenzimmer. Einzeln eintreten, den Boomwhacker in den Eimer stellen, Hände desinfizieren, langsam zum Platz gehen. Und natürlich gilt wie immer - nicht hauen, schubsen, treten, Haare ziehen. Alle halten sich gerne an alle Regeln, denn allzu oft muss der Unterricht aufgrund des einzuhaltenden Abstands frontal erfolgen. Da ist Musikunterricht trotz Einschränkung eine willkommene Abwechslung. Schwieriger ist es an der britischen Schule, an der nicht nur akademisch, sondern auch praktisch Musik unterrichtet wird. In sogenannten Streicherklassen, Pianoklassen, Bläserklassen u. a. lernen die Schüler neben Notenlesen und Musikgeschichte zusätzlich, ein Instrument zu spielen. Blasinstrumente und Singen ist in Schulen derzeit landesweit verboten. Auch das morgendliche Biladi, der Fahnengruß mit Nationalhymne, wird im Klassenzimmer vom Band angehört. Schmunzeln muss ich, wenn Einige dennoch aus Gewohnheit leise mitsingen. Schüler an britischen Schulen machen regelmäßige Examen nach Erreichen bestimmter musikalischer Level. Diese müssen auch in Corona eingehalten werden. Der Trompetenlehrer erzählt, er bereite online die notwendigen Übungen vor. Die Kinder üben das dann zuhause eigenständig und nehmen davon ein Video auf. Im Klassenzimmer hat jeder ein Tablet mit dabei. Schulstandard. Die Kinder müssen dem Trompetenlehrer vorspielen. Live geht das nicht, sondern sie spielen dann vom Platz aus das zuhause aufgenommene Video ab, und der Lehrer gibt Tipps zur Verbesserung. Es auf der Trompete vorspielen, wie es besser geht, darf auch er in der Schule nicht. Er sammelt die wichtigsten Dinge und macht daraus dann ein Video, das die Kinder dann wiederum online erhalten. Orchesterproben und Klassenmusizieren findet draußen mit ausreichend Abstand statt. Beispielhaft am Musikunterricht dargestellt, wird deutlich, dass das nur Notlösungen sein können, die Zeit, Disziplin und Geduld erfordern. Jeder andere Fachlehrer kennt für sein Fach spezifische, weitere Geschichten. Doch damit nicht genug. Präsenzunterricht ist derzeit nur das halbe Spiel. Die andere Schulhälfte hat Online-Unterricht. Einige Schulen streamen den Unterricht live mit. Andere beschulen nachmittags zusätzlich oder geben Aufgaben, oder es findet reiner Online-Unterricht statt. Google School, Microsoft Teams und Zoom sind die hierfür bekanntesten Plattformen, jede mit eigenen Vor- und Nachteilen, die sich aber mit wachsender Erfahrung zunehmend angleichen. Unabhängig vom jeweiligen System, sind die Schülerinnen und Schüler gefühlt sehr weit weg. Der ursprüngliche Begriff "Distance Learning" kommt nicht von ungefähr. Einige Kinder begrüßen es, auf lange Schulwege verzichten zu können. Und einigen tut der Online-Unterricht gut. Denn Online ist es manchmal etwas einfacher, auf individuelle Lerntempi einzugehen. Wer langsamer vom Whiteboard - anstatt Tafel - abschreibt, kann in Ruhe nachlernen, weil der Screenshot in das virtuelle Klassenzimmer eingestellt wird. Wer immer als erstes fertig ist, bekommt ein Experten-Online-Rätsel. Notenhefte werden fotografiert und gescannt und hochgeladen, so dass jedes einzelne Kind persönliches Feedback bekommen kann. Allerdings fängt da das Dilemma schon an. Das Feedback im Klassenzimmer kann beim Abschreiben der Tafel sofort erfolgen und korrigiert werden. In der Grundschule und beginnenden Gymnasium wird umgehend kontrolliert und Fehler sofort beseitigt. Online kann dieses erst nach dem Hochladen der Unterlagen erfolgen. Das bedeutet, der Schüler oder die Schülerin hat bereits einmal falsch etwas abgeschrieben und eingeübt. Und muss zur Korrektur einen erneuten Lernprozess beginnen. Anstrengend für Lehrende und Lernende gleichermaßen. Die Idee, die Schülerinnen und Schüler säßen alle pünktlich und brav von Stunde zu Stunde begeistert vor dem digitalen Gerät, musste schnell aufgegeben werden. Wer gerne den Unterricht stört, kann das auch online. Andere "muten", also das Mikrofon Mitlernender stumm zu schalten, war anfangs ein beliebtes Spiel. Inzwischen lässt sich das technisch ausschalten. Genauso, wie unkontrolliertes Reinrufen, von dem man noch nicht einmal weiß, wer gerade spricht. Das Internet ist meist bei denjenigen schlecht, die sowieso immer schon zu spät kamen. Die anderen schicken dann nämlich im Chat schnell eine Nachricht und Entschuldigung vom Handy. Dass der Bruder gerade den Computer braucht und die Schwester Unterricht am Handy macht, dass es im Hintergrund gerade laut ist weil weitere Geschwister im Zimmer Unterricht haben oder herumturnen, dass Eltern neben ihren Kindern sitzen und vorsagen oder regelmäßig den Unterricht kontrollieren, dass man neben dem Unterricht zu Mittag isst oder sich nach dem Einloggen wieder ins Bett legt, Netflix guckt, chattet oder Computer spielt und den Hund füttert - das alles ist sehr kreativ und aus Schülersicht auch nur allzu verständlich. Besser ist es geworden, als die ersten Klassenarbeiten geschrieben wurden. Aber neuer Standard wird das alles hoffentlich nicht. Wie es nach den Weihnachtsferien und im neuen Schulhalbjahr weiter gehen wird, ist noch ungewiss. Ab Februar werde ich das dann jedoch nur noch über Erzählungen mitverfolgen können und mich zukünftig auf meine journalistischen Herausforderungen konzentrieren.

© 2020 Monika Bremer