• @Nika

Die Einsamkeit eines Königs

Aktualisiert: 11. Feb.

Letztes Jahr im Oktober hatte ich im Rahmen des DCAFs (Downtown Contemporary Art Festivals) in Kairo die Gelegenheit, eine Probe von „Memories of a Lord“ zu besuchen und den französischen Tänzer und Choreographen Olivier Dubois zu sprechen. Olivier Dubois wurde 2011 vom "Dance Europe Magazin" unter die 25 weltbesten Tänzer gewählt. Mit modernem Tanz und radikalen Choreographien machte er sich einen Namen nicht nur in Frankreich.

Ich bereitete mich gewissenhaft auf das Interview vor


Vor Ort musste ich dann feststellen, dass ich sowohl von Olivier Dubois als auch von dem Stück, basierend auf der Beschreibung des DCAF, völlig andere Vorstellungen hatte und meine Interviewfragen ziemlich schnell hinfällig wurden. Unter einem französischen Balletttänzer stellte ich mir eine imposante, hochgewachsene, dunkelhaarige etwas majestätische Persönlichkeit vor. Mädchenträume. Stattdessen traf ich mit Olivier einen etwas untersetzten aber vor Kraft und Energie strotzenden Mann mit viel Humor und einer ganz klaren Vorstellung von dem, was er tut und warum. Obwohl wir während des Gesprächs viel lachten, kamen wir auf interessante Themen zu sprechen. Das Stück „Memories of a Lord“ hat Olivier im Jahr 2015 entwickelt und wurde von einem Solisten und in Kairo mit 35 männlichen Amateurtänzern realisiert. Olivier wohnt nicht nur regelmäßig in Paris und Rom, sondern seit 15 Jahren auch auf Zamalek in Kairo. Für das Casting hatten sich über 100 Tänzer gemeldet, von denen Olivier 35 auswählte, der jüngste war 19. Die Arbeit mit Amateuren war Olivier wichtig, weil die Tänzer alle eine Chance darin sähen und positive Energie und Willenskraft mitbrächten, die sich auch auf der Bühne ausdrückten. Die Probe begann mit Ausdauer- und Krafttraining, und erst während der Aufführung wurde klar, warum. „Memories of a Lord“ sei kein schönes, sondern ein finsteres Stück, betonte Olivier. Es ginge um einen Tyrannen, um Terror, um Barbarei und deren Bekämpfung. Und um die Einsamkeit eines Königs. In drei Akten. Mir fiel auf, dass nur Männer in dem Stück mitwirkten und alle mit freiem Oberkörper. Einige Szenen verlangten sehr viel körperliche Nähe und ich sprach Olivier darauf an. Er musste lachen. Ja, die Angst sei groß gewesen, dass man sich hätte ganz ausziehen müssen. Ich schaute ihn verwundert an und stellte fest, dass ich bei meinen Recherchen auf Oliviers Blockbuster, wie er seine „Tragédie" gerne nennt, in Ägypten ohne VPN gar nicht gestoßen war.


Das Stück "Tragédie" wird von 18 nackten Tänzern umgesetzt und erscheint auf YouTube nur, wenn man dem Computer mit einem VPN vorgaukelt, man sei beispielsweise in Deutschland. Ich hatte zwar „Revolution“ aus dem Jahr 2009 gefunden und war von der Intensität beeindruckt, von „Tragédie“ erfuhr ich erst im Falaki-Theater bei den Proben. Ich fragte Olivier, was wir denn von „Memories of a Lord“ erwarten dürfen und an wen sich sein Stück denn richte. Olivier war fast entsetzt über meine Frage und schon waren wir bei dem Thema, das mich seit Oktober beschäftigt. „Für wen hat denn Picasso gemalt?“ fragte Olivier mich etwas entrüstet und betonte dann sehr deutlich, er mache Kunst. Auf die Frage, wie er denn Unterhaltung von Kunst unterscheide war die Antwort: „Gute Unterhaltung weckt Emotionen, Kunst wirft Fragen auf". Auch in einer eher starren Gesellschaft wie der in Ägypten sei die Erreichbarkeit von Kunst durchaus gegeben. Olivier erzählte beispielsweise von einem Flashmob vor einigen Jahren in Alexandria, bei dem sie über 1.000 Menschen erreicht hätten. Und "Memories of a Lord" wurde in einer Sondervorstellung extra für Family & Friends der beteiligten Tänzer gezeigt.

Dass das aber mit der Kunst und dem daraus resultierenden Fragen stellen in Ägypten doch nicht unbedingt weit verbreitet ist, zeigen unter anderem die Zahlen des DCAFs aus 2021. Das DCAF ist stolz auf insgesamt 3.800 Besucher aus allen Veranstaltungen in knapp einem Monat. Von etwa 20 Millionen Einwohnern in Kairo. Zwar habe ich selbst keinen Fernsehanschluss, hatte aber unlängst in den sozialen Medien gelesen, dass im ägyptischen Fernsehen vor allem Filme und Sendungen gezeigt würden, welche die gewünschte Moral und das Leben als Familie in Ägypten abbilden. Wie viel Widerstand es gibt, wenn es anders kommt, wurde Ende Januar deutlich. Karim El Gohary griff in einem TAZ- Artikel einen sogenannten Skandal auf, der durch die arabische Neuverfilmung von „Perfect Strangers“ entstand. In einer Szene zieht eine Frau ihren Slip aus und verlässt ohne das Wäschestück das Haus. Zum Entsetzen konservativer Ägypter, die daraufhin sogar den Verbot von Netflix in Ägypten forderten.

Und dennoch, wenn man genau hinsieht, findet sich gerade in Kairo eine Kunst- und Musikszene, die sich nicht nur als Entertainment versteht und Aspekte der Gesellschaft und des Lebens in Kairo kritisch betrachtet und hinterfragt.

Warum aber ist das Fragen stellen und das Hinterfragen so wichtig?


Antworten darauf gibt unter anderem die Dokumentation „Die Lotterie des Lebens“ von Raoul Martinez und Joshua van Praag. Sie beschäftigt sich mit dem Thema, wie man Freiheit leben kann, die letztendlich zu einer gerechteren Gesellschaft führt. Die Dokumentation geht von zwei Thesen aus. 1. Der Mensch kann nicht entscheiden, ob er geboren werden will oder nicht. 2. Der Mensch kann den Ort seiner Geburt und das Umfeld, in das er hineingeboren wird, nicht bestimmen. Beide Voraussetzungen führen dazu, dass kein Mensch in Freiheit geboren wird. Sondern vielmehr in ein Umfeld, das ihn mit Werten, Wissen und Ideologien ausstattet. Auch in der Bildung würde nur sehr selten der Mensch dazu befähigt, immer sein Bestes zu geben, sondern vielmehr dazu erzogen, ein funktionierender Teil einer bestimmten Gesellschaft zu sein. Dem Thema „Hinterfragen“ wird ein eigenes Kapitel gewidmet und George Orwell eingangs zitiert: „Das zu sehen, was direkt vor einem ist, ist ein ständiger Kampf“. Der Sprecher fährt fort: „Die oberflächliche Realität einer Gesellschaft kann trügerisch sein. Die Vertrautheit kann dazu führen, dass wir die repressiven Strukturen unserer Welt nicht sehen“. Gezeigt werden dabei Bilder von Banken, Werbung und Medien. „Je mehr uns diese Strukturen beeinflussen, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir ihre Werte und Erwartungen verinnerlichen. Unser Wissen und unsere Werte entstehen aus den Interaktionen zwischen dem kognitiven Design unseres Gehirns und unseren Erfahrungen. Da es keinen politisch neutralen Weg gibt, um Leute zu sozialisieren, tendieren die Versionen der Realität, die uns vorgesetzt werden dazu, die Ziele von denen zu verfolgen, die kontrollieren, was uns vorgesetzt wird<..> Denken zu beeinflussen bedeutet, die Gesellschaft zu formen.“


Ohne Fragen ist Fortschritt unmöglich


George Monbiot, Journalist, Autor und Umweltschützer, erläutert, dass sich viele Menschen ihrer Ideologien und Werte gar nicht bewusst seien, weil sie diese als selbstverständlich und gegeben annehmen. Ohne jedoch sich selbst und seine eigenen Ideologien zu hinterfragen, sei auch das Überprüfen einer Gesellschaft nicht möglich. „Alles beginnt damit, dass man sich selbst hinterfragt“ schließt er ab. Philosoph Daniell Dennett gibt ganz offen zu, dass es beängstigend sei, seine eigenen Werte und Ideologien in Frage zu stellen und man unter Umständen herausfinden könne, dass man mit einer Lüge gelebt habe oder ausgetrickst wurde. Es sei natürlich einfacher, an dem festzuhalten, was uns bekannt und für uns sicher ist.

Es wird im weiteren Verlauf der Dokumentation verdeutlicht, dass wir vor allem dann keine Fragen stellen, wenn wir glauben, dass wir die Antworten schon kennen. Aber Tony Benn, ehemaliger britischer Parlamentarier und Autor sagt nochmal ganz klar: „Ohne Fragen ist Fortschritt unmöglich“. Bevor sich die Dokumentation der Kreativität in diesem Zusammenhang widmet, heißt es abschließend zu dem Thema: „Die Gesellschaft gibt uns die Wege vor, die wir gehen sollen. Veränderung ist nur möglich, wenn diese Wege in Frage gestellt und Alternativen geschaffen werden“. Nicht ohne Grund ist der Kreativität der abschließende Teil der Dokumentation gewidmet. "Menschen wählen von dem aus, was sie sehen können und was zur Verfügung steht. Weil man daran gewöhnt ist, vergisst man, dass man das komplette System (bezogen wird sich hier auf den Kapitalismus) verändern könne", heißt es unter anderem.


Kunst, wie sie beispielsweise von Olivier Dubois verstanden wird, kann also, wenn sie Fragen aufwirft, dazu beitragen, dass die Menschen über ihren gewohnten Tellerrand hinaus schauen. Das muss nicht unmittelbar zu großen gesellschaftlichen Veränderungen führen. Ein Anfang ist schon gemacht, wenn das Hinterfragen der eigenen Identität und der eigenen Werte zu mehr Toleranz und einem besseren Miteinander führt. Die Einsamkeit eines Königs drückt somit nicht immer zwingend den großen Kampf gegen Terror oder einer Bedrohung von außen aus. Manchmal ist es auch der Kampf mit sich selbst, Gewohntes nicht einfach hinzunehmen, sondern unter anderem seine Werte, sein Wissen und seine Ideologien in Frage zu stellen und nach Alternativen zu suchen.


Foto, Video: Ausschnitt aus "Memories of a Lord" Okt. 2021, Falaki Theater Kairo