• @Nika

"Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen"

Aktualisiert: Juli 10

„Überall ist Abschied“ war die Antwort eines Bekannten, als ich ihn fragte, ob er denn zur Verabschiedung seiner Kolleginnen und Kollegen ginge. Dem wolle er sich nicht aussetzen, war der Hintergrund seiner Aussage.

Zum Schuljahresende wird nicht nur den Zurückbleibenden immer bewusst, dass die Zeit in Kairo endlich ist. Aus Deutschland entsandte Lehrer bleiben 3, manchmal 6 Jahre, selten 8. Im Bewusstsein des anstehenden Abschieds bleiben viele Kontakte oberflächlich, so dass das Ende der Bekanntschaft nicht allzu sehr schmerzt. Seit Jahren merke ich an, dass die Unbeständigkeit des sozialen Umfelds mit das Schwierigste in Kairo sei. Da sind Freundschaften, die bereits seit Jahren halten oder auch in räumlicher Trennung fortgesetzt werden, selten und kostbar. Zum Schuljahresende kann man sich auf den alljährlichen bevorstehenden Abschied vorbereiten. Aber ich erinnere mich an mehr als schmerzliche Erfahrungen im Frühjahr 2020. Beginnende Coronazeit. Ich war frisch am Auge operiert und sowieso in einer schwierigen Situation. Corona war schwer einzuschätzen, und die aus Deutschland entsandten Lehrkräfte hatten die Genehmigung, das Land zu verlassen. Von einem Tag auf den anderen waren Kolleginnen und Kollegen, Vorgesetzte und Freunde weg. Ich erinnere mich an eine E-Mail, die ich einem damaligen Bekannten schrieb. Ausnahmsweise war sie einmal kurz: „Ich trau mich gar nicht zu fragen - bleibst Du?“ Er blieb. Aber von denen, die gingen, habe ich 90 % bis heute nicht wieder gesehen und mit denen, die zurück kamen, ist es anders geworden. Was sollte ich auch mit Leuten reden, die ihre Flüge so gelegt hatten, dass sie alle Zuschläge noch kassieren konnten, ansonsten aber zur Online-Zeit irgendwo am Meer oder in ihrem Häuschen zuhause saßen. Sie waren von einem Tag auf den anderen sehr weit weg - und das nicht nur räumlich. Zu einigen wenigen besteht dank Internet immer noch Kontakt, aber auch das ist anders. Und selbst, wenn alle noch einmal zusammen kämen, blieben Plätze frei. Noch vor Corona ist ein Schüler verstorben, kurz vor den diesjährigen Sommerferien ein liebenswerter Kollege, und wenn im Herbst die Chorproben wieder beginnen, fehlt unser Korrepetitor. Wir werden ihm unsere erste Aufführung des Mozart Requiems widmen. Eine Art, mit der Situation umzugehen.

Für die Emotionen ist es unerheblich, ob es sich bei einem Verlust um den Tod, eine Trennung oder einen sonstigen Verlust handelt. Emotionaler als auch nachgewiesen körperlicher Schmerz und Trauer sind je nach Person lediglich unterschiedlich intensiv. Als mir beim Aireal-Joga das Thema „Loslassen“ begegnete, fiel mir die zu Schuljahresende getroffene Aussage meines Bekannten wieder ein. Ich habe mich in den letzten Tagen auf das Thema Vergänglichkeit eingelassen, und bin dem Leben ein Stück näher gekommen.

Das Thema Verlust und Tod ist nicht neu


Bereits in der ersten Lektion meines Philosophiestudiums trat die Frage „Warum philosophieren wir?“ auf. Und die Antwort ist, neben

  • Folge der Instinktreduktion

  • Wille zur Aufklärung

  • Sinnfrage

  • Zweifel

  • Staunen

eben auch das Todesbewusstsein. Es heisst in den Lernunterlagen unter anderem: „Wären die Menschen unsterblich, sie lebten unbekümmert „vor sich hin“ und ihr Leben verliefe ungefährdet. Wäre das Leben unendlich, erschiene es selbstverständlich und deshalb auch weniger kostbar. … Damit ist der Zusammenhang von Leben und Tod deutlich: Weil der Tod gerade den Sinn des Lebens in Frage stellt, wird das Leben selbst fragwürdig. Oder mit anderen Worten: Mit der Frage nach dem Sinn des Todes ist die Frage nach dem Sinn des Lebens schlechthin gestellt.“ Schopenhauer (1788 - 1860) stellte daher bereits fest: „Der Tod ist der Genius der Philosophie.“ Als Erklärung wird dazu folgende Aussage geliefert: „Der Tod drängt und zwingt den Menschen dazu, über das Leben nachzudenken. Der Tod beunruhigt, es gilt also Antworten zu finden, darauf, wie sowohl mit der Tatsache des Todes als auch mit dem Leben umzugehen sei. Diese Antworten wiederum kann der Mensch nicht aus den Naturwissenschaften beziehen, sondern diese Antworten können Ergebnis seines (des Menschens) Philosophierens sein.“

Auf den Seiten der EKD (Evangelischen Kirche Deutschlands) finden sich zum Thema Tod sowohl Bibelzitate aus dem Alten als auch aus dem Neuen Testament. Der erste Tote der Bibelgeschichte ist Adam und Evas Sohn Abel. Es geht damals zunächst vor allem darum, möglichst lange zu leben und nicht zu vergessen, dass wir sterben müssen.


„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen.“ (Psalm 90,12)


Auch die Bibel spricht davon, dass der Tod das Leben wertvoller mache. Weiter heisst es auf den Seiten der EKD: „Verändert der Tod das Leben im guten Sinne? Ja – vorausgesetzt, man verdrängt ihn nicht. Man solle stets an das „uralte Gesetz“ denken, „dass wir alle sterben müssen“, empfiehlt Jesus Sirach. Wer diesen Gedanken verinnerlicht, lebt angstfreier. „Wer bist du denn, dass du dich vor Menschen gefürchtet hast, die doch sterben, und vor Menschenkindern, die wie Gras vergehen?“ Statt sich auf den eigenen Tod zu konzentrieren, sollte der Mensch das Leben genießen und nutzen, so wie es der Psalmist lobt.“

Allerdings gibt die Bibel dann zum Genießen des Lebens gleich wieder Beschränkungen mit auf den Weg. Genießen ja, aber nur ein bisschen. Aus der Ungewissheit, den Todeszeitpunkt nicht zu kennen, solle Gelassenheit und keine Unwissenheit entstehen. „Wer diese (Gelassenheit) nicht aufbringt, wer meint, es am Ende noch mal richtig krachen lassen zu müssen, frei nach dem Motto: „Lasst uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot!“ – der lebt in Sünde, mahnt der Prophet Jesaja.“, so die EKD. Warum das denn bitte Sünde sein soll, wird nicht weiter erläutert.


Mit dem ewigen Leben wird uns die Chance auf ein freies Leben im Jetzt genommen

Im Neuen Testament steht die Erlösung und der Sieg über den Tod im Vordergrund, indem Jesus auferstanden sei und Gläubigen das ewige Leben verspricht. Mir drängt sich der Gedanke auf, ob das nicht nur der Versuch sein könne, mit dem Tod besser umzugehen und sich zu trösten. So, wie sich bei mir oft der Eindruck aufdrängt, der Glaube würde benutzt, um Menschen, denen es jetzt nicht gut geht, zu vertrösten, dass irgendwann alles besser würde, wenn sie nur schön brav wären - plakativ ausgedrückt. So könnte die Geschichte vom ewigen Leben eine Fortsetzung dessen sein. Bist Du brav, lebst Du weiter, bist Du es nicht, kommt die Ungewissheit, der Tod als Strafe. Für die Herrscher dieser Welt doch eine praktische Sache. Die Angst und Ungewissheit der Menschen nutzen, um sie weiterhin schlecht behandeln zu können, denn später, da wird alles besser. Was immer das „alles“ für den Einzelnen auch sei.

Letztendlich betrügt uns das Christentum dann aber um das in der Philosophie angedachte freie Leben im Jetzt. Nur, wer ohne Angst lebt, könne frei und glücklich leben. Wenn es das ewige Leben gibt, muss ich mich zwar vor dem Tod nicht mehr fürchten, begebe mich aber in einen Dauerstress, damit ich bloß nicht in der Hölle lande.

Wege zum Glück


Das Zitat Epikurs, 300 Jahre bereits vor Christus, mutet auf den ersten Blick auch an, dass man den Tod ignorieren könne. In „Wege zum Glück“ schreibt Epikur: „Das schauerlichste Übel, der Tod, hat also keine Bedeutung für uns; denn für die einen ist er nicht da, die anderen sind für ihn nicht da.“ Lapidar übersetzt - leben wir, haben wir mit dem Tod erstmal nichts zu tun, sind wir tot, wissen wir es eh nicht mehr. Interpretiert wird Epikur jedoch so: Nicht zu leben ist nichts Schlechtes, also ist es auch nicht schlimm und wir müssen keine Angst vor dem nicht leben, dem Tod, haben. Ohne Angst leben wir besser, und die Begrenztheit des Lebens sei eine Aufforderung, die Zeit, wie lange sie für jeden Einzelnen auch sein mag, bestmöglich zu nutzen. Also das Todesbewusstsein dann doch wieder ein Gewinn für das Leben?

Das Einzige, was wir über den Tod wissen, ist, dass eine Veränderung ansteht. Und Veränderungen machen den meisten Menschen Angst. Viele bleiben lieber in einer unglücklichen Beziehung, weil etwas Neues ungewiss ist. Man bleibt lieber in dem bestehenden Job, weil es vertraut ist, anstatt einen neuen Schritt zu wagen. Religion ist eine tolle Entschuldigung, wenn man nicht fähig oder nicht willens ist, eigene Entscheidungen zu treffen. Mit einem „inshaallah“ - wenn Gott will (oder auch nicht ) - oder einem „es ist eben Gottes Wille“ lässt sich die Verantwortung wunderbar abgeben.

Es gibt unzählige Literatur, die uns dazu ermutigt, das zu tun im Leben, was uns wirklich Freude macht und nicht das, was man von uns erwartet oder wofür man sich in der Vergangenheit entschieden hat. Ein mir bekanntes Buch ist „Der Weg des Künstlers“ von Julie Cameron, das ich sehr inspirierend finde. In puncto Lebenskonzept haben wir die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen und Veränderungen anzustreben. In puncto Tod leider nicht. Na ja, so ganz stimmt das nicht, wir könnten unseren und den Tod unserer Mitmenschen vorverlegen. Klingt aber nicht erstrebenswert und ist zudem verboten.

Die Unfähigkeit zu trauern


Ich bin Kind einer Generation, die laut Alexander und Margarete Mitscherlich nie gelernt hat, Gefühle zuzulassen und sich damit auseinander zu setzen. „Die Unfähigkeit zu trauern“ heißt ihr Buch aus dem Jahr 1967, in dem sie sehr deutlich veranschaulichen, wie die Wertentwicklung, gesellschaftliche Haltung und Ethik in den Nachkriegsjahren ausgesehen hat. Ein Auseinandersetzen mit den erlittenen Verlusten, mit eventueller Schuld und was das mit den Menschen gemacht hat, dafür war kein Raum. Zunächst war man damit beschäftigt, sich um das eigene Überleben zu kümmern und satt zu werden. Im Laufe der Jahre und des neuen Wirtschaftswachstums hätte man sich hinter einer Tugendhaftigkeit wie zu Zeiten des deutschen Reichs und hinter der Industrialisierung emotional verkrochen. Man hielt sich gesellschaftlich wie auch beispielsweise im Bildungssystem an konservative Strukturen und Werte, wie sie vor beiden Kriegen aktuell waren.


Bewerten kann ich diese Aussagen nicht, aber sie erscheinen mir plausibel. Möglicherweise aber wäre diese Generation an der Last und Schuld emotional zerbrochen und gescheitert. Ich kann mich aber erinnern, dass man uns Kindern zwar erzählt hatte, der Opa sei aus dem Krieg nicht zurück gekommen. Aber erst als ich dann erwachsen wurde, wurde mir bewusst, wie schlimm das für eine junge Frau in und nach dem Krieg auch emotional gewesen sein musste, also für meine Oma, wenn der Mann nicht mehr nach Hause kommt, niemand weiß, ob er noch lebt und sie alleine mit zwei kleinen Kindern dasteht. Und was hat das mit den Kindern gemacht? Darüber gesprochen wurde nie.

Zahlreiche Theorien besagen, dass sich solche Belastungen auch auf weitere Generationen auswirken und auch wir jetzt und unsere Kinder noch diese emotionale Last mit uns herumtragen. Fest steht jedoch, dass, auch, wenn es nicht ausgesprochen wurde, die Kriegs- und Nachkriegsjahre emotional eine Herausforderung waren. Nachdem Verdrängen und die Konzentration auf etwas Neues die kollektive und anerkannte Lösung dafür war, hat bei vielen keine aktive Verarbeitung der Themen stattgefunden. Werden diese Menschen heute mit einer emotionalen Extremsituation konfrontiert, beispielsweise durch den Verlust eines geliebten Menschen, dann brechen oft alte und unterbewusste Wunden auf, die ohne Hilfe eines Psychologen nicht geheilt werden können. Dann liegt es an jedem Einzelnen, sich der Situation zu stellen, oder sich in den nächsten Verdrängungsprozess zu begeben.

Wir müssen menschliche Identitäten wie Zelte bauen


Wer glaubt, die jetzige und folgenden Generationen hätten weniger Herausforderungen, der irrt, zumindest wenn es nach Yuval Noah Harari geht. Bereits im Dezember 2018 wurde im Philosophie-Magazin ein Interview mit dem israelischen Denker veröffentlicht, in dem er eine düstere Zukunft prognostiziert. Seine These „Wir müssen menschliche Identitäten wie Zelte bauen“ (anstatt wie bislang feste Häuser), die auch Titel des Artikels ist, stützt sich auf die fortschreitende Zerstörung der Natur und der sich weiter ausbreitenden Digitalisierung und technischen Entwicklung. Ein fest verwurzelter Mensch, der sein Leben lang bleibt, wer er ist und was er tut, gehöre der Vergangenheit an. Vielmehr müssten wir uns darauf einrichten, dass sich unser Leben alle 10 bis 20 Jahre ändere, wir unsere Zelte abbrechen und woanders wieder aufbauen. Und hier setzt dann der gegenteilige Prozess ein. Nicht nur Verlust oder Tod schafft Veränderung, sondern auch Veränderung wie ein neuer Wohnort, eine neue Arbeitsstelle, eine geänderte soziale Position schafft Verluste. Und damit gilt es, zukünftig umgehen zu können. Gut ein Jahr später kam Corona auf, und ein Teil der Prognosen hat sich dadurch bereits eingestellt. Die Arbeitswelt hat sich verändert, und das Lernen und die Schule musste neu erfunden werden. Arbeitsplätze wurden nach Hause verlegt, das Familienleben geriet oft an seine Grenzen und alte Gewohnheiten mussten neuen Prozessen weichen.

"Ich bin Vergänglichkeitsexpertin"

Wie es die Synchronizität des Leben so will, hatte ich die Gelegenheit, Anfang dieser Woche Haia Bauderer, eigentlich Heidrun Bauderer, hier in Dahab zu treffen. Ich hatte ihren Kontakt von einem guten Bekannten erhalten und hatte bezüglich Haia irgendetwas mit Kamelen im Hinterkopf. Ich war dann doch neugierig, wen ich da treffen solle und dabei stellte sich heraus, dass Haia Verlust- und Trauerbegleiterin ist und seit über 15 Jahren in Dahab lebt. Ach, dachte ich, schau einer an. Wir sprechen uns gegenseitig aufs Band und sie kann mit ihrem Dialekt ihre schwäbische Heimat nicht verleugnen. In meiner Fantasie entstand ein Bild einer Trainerin, wie ich sie aus Seminaren und Weiterbildungen aus der Industrie kannte. Eine blonde Menopausenfrisur und weite, knallig einfarbige Hemdblusen und Hosen, die ihre Körperfülle, welche die meine bei weitem überschreitet, bedecken. Immer sehr geschäftig und belehrend. Wie einen doch die Vergangenheit einholen und vor allem täuschen kann, dachte ich mir später. Ich mache mich also gegen Abend zu Fuß auf den Weg und schaue bei Google-Maps, auf welche der sandigen Straßen, mit denen man die gepflasterte Straße durch Assala verlässt, ich abbiegen muss. Bereits von weitem erkenne ich die mehr als üppig blühende und die Grundstücksmauer überragende Bougainville vom Foto wieder. Tatsächlich steht die kleine Holztür mich erwartend bereits offen. Neugierig trete ich ein in einen verwinkelter Garten, dessen über 100 Jahre alten Dattelpalmen sich zu einem Schatten spendenden Dach neigen. Haia sitzt völlig entspannt an ihrem Gartentisch und ich geselle mich dazu. Sie hat ein verschmitztes Lächeln, lange grau-braune Haare und eine sportlich schlanke Figur. Sie erinnert mich spontan an eine ehemalige Freundin in München. Das Gespräch beginnt mit den üblichen Geschichten, z. B. wie ich nach Kairo gekommen sei, doch bald lassen wir davon ab. Irgendwie langweilt das. Haia erzählt freigiebig, wie sie diesen Platz vor 15 Jahren mit ihrem Lebenspartner nach und nach aufgebaut hatte. Entstanden ist ein Grundstück, auf dem keine der Dattelpalmen gefällt wurde und sich die verschiedenen Refugien, kleine Häuser im Beduinenstil, wohlwollend einfügen. Alles ist aus Stein und Holz gebaut, und der Ort hat eine unglaublich positive Energie. Im Schatten dieses Anwesens erzählt sie dann im Laufe des frühen Abends auch, wie sie dort im letzten Sommer von ihrem an Krebs erkrankten Lebensgefährten Abschied nehmen musste.

Als Trauerbegleiterin bietet sie Menschen, die einen Verlust erlitten haben, Raum und Zeit. Mit denjenigen, die das Gefühl haben, sie müssten in der neuen Situation etwas tun, die begleitet sie auch im Alltag, geht mit ihnen zum Beispiel tauchen. Sie ist da und muss dabei auch das Vertrauen gewinnen und die Erwartung der Menschen erfüllen können, dass Sie den zur Verfügung stehenden Raum auch halten kann und die Situation für Sie eine erträgliche bleibt. Dazu, so sagt sie, sei es besonders wichtig, sich selbst gut zu kennen. Mit den Kamelen geht sie als eine Art Trauerreise drei Nächte mit ihren Kundinnen und Kunden gerne in die Wüste. Wer sich gegen seine Gefühle wehrt, sie nicht zulässt und mit Aktionen überschattet, der käme in der Wüste zur Ruhe, und spätestens in der dritten Nacht könne niemand der Stille, der Unendlichkeit des Himmels und der Weite der Wüste widerstehen und bräche emotional auf.


Ihre eigene Geschichte hat sie mit dem Schreiben eines Buches verarbeitet. „Lust auf Käsekuchen - Vergänglichkeit lebt im Moment“ ist der Titel. Ursprünglich ist Haia nämlich Konditorin und ihr Käsekuchen scheint eine ganz besondere Rolle in ihrem Leben zu spielen. Sie selbst bezeichnet sich auch als Vergänglichkeitsexpertin, ist jedoch ausgebildete Diplom-Sozialpädagogin, Trauer- und Verlustcoach und Wüstenbegleiterin aus tiefstem Herzen. So stellt sie sich am Anfang ihres Buches selbst vor. Es ist längst dunkel und einige Mückenstiche habe ich abbekommen, während Haia von Australien, Namibia und Schottland erzählte. Dankbar und beeindruckt mache ich mich langsam wieder auf den Nachhauseweg. Haias Ratschlag, wie Frieden mit dem Leben und vor allem auch mit dem Tod zu finden sei, gleicht den Aussagen der Philosophen. Frieden schließen mit der Vergänglichkeit und ein bewusstes Leben im Jetzt leben. Nur durch die Vergänglichkeit seien wir in der Lage, ein intensives Leben mit Emotionen zu führen.

Licht und Liebe


Das bedeutet für jeden, der sich darauf einlassen möchte, sich seiner Gefühle in verschiedenen Situationen ganz bewusst zu werden und die Endlichkeit, aber auch Verluste im Leben zu akzeptieren. Die Schwierigkeit besteht für viele darin, die eigenen Gefühle überhaupt wieder zu spüren und diese nicht hinter Stress im Büro und Alltagssorgen zu verbergen oder verstecken zu wollen. Die Ägypter haben es da gelegentlich ein bisschen einfacher. Emotionen zu zeigen, das ist für viele kein Problem und gesellschaftlich akzeptiert. Klatschen, wenn Musik gespielt wird, sich lauthals streiten oder schreien und heulen, alles kein Problem.

Den Weg zu sich selbst kann jeder auch nur für sich selbst gehen. Dahab ist für mich immer wieder ein dafür geeigneter Ort, der viele Begegnungen ermöglicht und Raum für mich, aber auch für mich in Gemeinschaft mit anderen bietet. Viele Emotionen verknüpfe ich auch mit Musik, und so war ich gestern auf einem Weltmusik-Festival auf einem Rooftop über den Dächern Dahabs mit Blick auf die untergehende Sonne hinter den Bergen des Sinai und zur anderen Seite mit Blick auf das Meer. Die Stimmung war völlig entspannt und ich habe mich gefreut, Safy (Mostafa Rashad) wieder einmal spielen zu hören. Der Moderator sprach sehr persönlich über Dahab als einen Ort voller Spiritualität, Frieden und Liebe. Er betonte, dass wir hier fernab von den Sorgen um Corona den Abend genießen können und drückte dafür seine Dankbarkeit aus. Er trug ein Gedicht über das Leben vor - We are all a beautifull mess -, das beschreibt, dass wir lernen, immer besser als das Gegenüber sein zu müssen, dass Emotionen im Leben nachrangig seien, dass uns aber das Streben nach einem schönen Körper, der uns über gefälschte Fotos als Vorbild vorgegaukelt wird, wichtig sei. Niemand aber würde uns lehren wie wir lieben und niemand hätte uns gesagt, wie wir mit einem Verlust umgehen können. Ich war somit an diesem Abend in Gemeinschaft mit Menschen, die sich mit ähnlichen Gedanken wie ich beschäftigen.

Hier ein kurzer Moment mit Hisham und Mariam auf dem Festival:

In dem Film „Eat, Pray, Love“ heisst es, wenn man jemanden vermisse, möge man wohlwollend an ihn denken und ihm Licht und Liebe schicken. Wenn ich dann heute Abend mit Beduinen und Bekannten in der Wüste sitze und Tee trinke und die Unendlichkeit des Sternenhimmels betrachte, werde ich eventuell von dem Sternenlicht ein wenig auf die Reise schicken.