Durchgefallen

Ein Begriff, der bislang in Kairo, zumindest im Zusammenhang mit einer Führerscheinprüfung, unbekannt war. Jedenfalls in meinem Bekanntenkreis. In den letzten Tagen begegnete ich jedoch zwei Personen, die, trotz des langjährigen Führerscheins in Deutschland, die Fahrprüfung in Kairo nicht bestanden hatten. Bei meinem ägyptischen Bekannten war die erste Reaktion ein schallendes Gelächter, bei allen anderen Personen ein ungläubiges Hochziehen der Augenbrauen. Mit dem Einverständnis der betroffenen Personen mache ich mich auf die Suche, wie man denn in Kairo einen Führerschein bekommt und spreche dazu mit etlichen Personen, ägyptischen und deutschen, einige derzeit noch in Kairo, eine andere zurück in Deutschland. In Downtown kann man alles kaufen Das war immer die Aussage kurz nach der Revolution Ende Januar 2011. Angeblich gab es in Downtown düstere Stübchen, wo illegal alle möglichen Ausweise und auch Führerscheine gedruckt und verkauft wurden. Das Stübchen gesehen oder jemanden getroffen, der dieses geheimnisvolle Stübchen kennt, habe ich nicht. Ich wohne mitten in Downtown und weiss von nichts. Was aber nicht viel aussagt, denn mir als Ausländerin würde man das bestimmt nicht als erstes verraten. Aber auch die ägyptischen Bekannten, die ich frage, wissen von nichts. Würde ich dieses Stübchen jedoch auftun, hätten sie etliche Bestellungen für mich. Mein ägyptischer Bekannter hat seinen Führerschein gemacht. Wie? Er sei hingegangen und hätte die Prüfung gemacht. Theorie sei ganz einfach gewesen. Er hätte in einem Raum gesessen mit weiteren Führerschein-Kanditaten. Dann wären Fragen gestellt worden zu Verkehrsregeln. Hätte jemand die richtige Antwort gewusst, hätte die Frage als bestanden gegolten für alle Anwesenden. Bei seiner Fahrprüfung musste er einmal vorwärts und einmal rückwärts um zwei Pylonen herum fahren, fertig. Fahren gelernt hatte er von einem Freund und seinem Vater. Das ist in Ägypten so üblich. Die meisten lernen Auto fahren vom Freund, vom Cousin oder vom Vater. Allerdings muss das nicht so sein. Auch in Kairo gibt es Fahrschulen Auf der Seite, die auch auf Englisch verfügbar ist und sich deutlich an weibliche Klientel richtet, weil sie mit weiblichen Fahrlehrerinnen werben, werden verschiedene Pakete angeboten. Für fortgeschrittene Fahrer, also diejenigen, die mit Vater und Cousin schon geübt haben, gibt es ein 6-Stunden Paket für 1.350,-- ägyptische Pfund, knapp 70,-- Euro. Man muss das ägyptische Pfund im Inland im Verhältnis jedoch zueinander sehen wie den Euro in Deutschland. In Deutschland entspräche der Preis im Inlandsverhältnis somit 1.350,-- Euro. Das können sich in Ägypten viele nicht leisten, so dass der Cousin weiterhin herhalten muss. Für das Geld bekommt man die besagten 6 Fahrstunden mit den Lernschwerpunkten Wiederholung von Grundlagen in der Fahrpraxis Fahren auf Hauptstraßen Einparken Wechsel der Geschwindigkeiten Verwendung der Autospiegel 8 Fahrstunden sind etwas teurer, 1.800,-- LE (ägyptische Pfund), und man bekommt dafür beigebracht, wie man im Auto Sitze und Spiegel einstellt, wie man die Spiegel und die Blinker beim Fahrspurwechsel verwendet, wie man einen U-Turn macht und auf einem großen Platz und auf Hauptstraßen fährt und wie man parkt. Diejenigen, die den Verkehr in Kairo kennen oder gar selbst fahren, werden jetzt schmunzeln und mir zustimmen, dass 99 % aller Fahrenden in Kairo diesen Kurs offensichtlich nicht besucht haben. Blinken beim Fahrspurwechsel und ein Blick in den Spiegel hätte ja mit Rücksicht zu tun. Damit kommt man aber anscheinend im Verkehr in Kairo nicht vorwärts. Einfach fahren wo Platz ist und im Zweifelsfalls laut schimpfen ist zwar nicht Lerneinheit einer Fahrschule, aber Praxis. Wer 10 Fahrstunden bucht, kann noch nicht fahren. Denn als Ergänzung zum 8-Stunden-Paket kommt das Starten des Motors und sowie vorwärts und rückwärts fahren sowie anhalten zum Lerninhalt dazu. Das 12-Stunden-Paket kostet dann regulär 2.640,-- LE und ergänzt das 10-Stunden-Paket, das 2.000,-- LE kostet, um die Vorbereitung zur Fahrprüfung und Hilfe, um den Führerschein zu erhalten. So heißt es auf deren Internetseite. Was unter "Hilfe, um den Führerschein zu erhalten" gemeint ist, wird nicht näher ausgeführt. Wer positiv denkt, denkt an intensiven Fahrunterricht sowie Vorbereitung auf die Theorieprüfung. Wer seinen Führerschein schon gemacht hat, hat eventuell etwas anderes im Hinterkopf. Wer Pylonen bei der Prüfung umfährt, fällt durch Eine meiner beiden Bekannten fährt seit Jahren mit einem internationalen Führerschein in Kairo, der jetzt abgelaufen ist, eine andere Bekannte hat sich neu ein Auto gekauft und möchte dazu den ägyptischen Führerschein machen. Eine ehemalige Kollegin ist ebenfalls zur Fahrprüfung angetreten, hat aber bestanden. Als ich 2012 auf das ägyptische Kreisverwaltungsreferat, die Mogamma, musste, um mein Visum zu verlängern, ging ich dort alleine hin. Ich war die einzige Ausländerin, die bei NokiaSiemens arbeitete und ich hatte mich mit allem alleine durchgewurstelt. Da und da musst Du hin, Du brauchst Fotos und Fotokopien vom Pass und dann gehst Du hin und fragst wo Du das alles ist. Also ging ich zur Mogamma, fragte, damals noch mehr mit Händen und Füßen als heute, wo ich hin muss, und machte das. Den Service, den es an allen ausländischen Schulen gibt, nämlich dass Lehrerinnen und Lehrer bei administrativen Angelegenheiten einen ägyptischen Kollegen an die Seite gestellt bekommen, den hatte ich auch erst in 2013 an meiner ersten deutschen Schule in Kairo kennengelernt. Seitdem war ich auch nicht mehr alleine auf einem Amt. So war es dann auch selbstverständlich, dass alle Nicht-Ägypter, die sich an der Fahrprüfung versuchten, eine ägyptische Begleitung an ihrer Seite hatten. Für Giza, also auf der westlichen Nilseite, ist die "Murur", die Zulassungsstelle für Kraftfahrzeuge und Führerscheinstelle nach Sheikh Zayed außerhalb der Stadt gezogen. Es soll dort alles neu und schick sein und es gäbe einen Platz, auf dem man die praktische Fahrprüfung ablegen müsse. Mit je 2 Pylonen werden drei Tore aufgebaut, durch die man einmal vorwärts und einmal rückwärts fehlerfrei durchfahren muss. Mit einem Auto der Kraftfahrzeugstelle, die jetzt alle neu sein sollen. Fährt man einen Pöller um oder setzt man zurück, um zu korrigieren, ist man durchgefallen, wie beide Bekannten erfahren mussten. Bei der einen Bekannten waren mit ihr noch 8 weitere Kandidaten am Start, vier davon ebenfalls durchgefallen. Dass man durchfällt, wenn man die Pöller umfährt, ist verständlich. Aber die Frage, die sich alle stellten, war eine ganz andere. Warum mussten sie überhaupt fahren? Ein junger Mann, inzwischen auch wieder in Deutschland, machte hier auch seinen ägyptischen Führerschein und berichtete auch, dass er um zwei Pylone fahren musste, einmal vorwärts und einmal rückwärts. Allerdings mit seinem eigenen Auto. Von drei Törchen hatte er nicht erzählt. Hinsichtlich der Theorie wurde er nur gefragt, ob er denn lesen könne, und damit war das Thema Theorie dann erledigt. Eine ehemalige Kollegin berichtet mir ausführlich, wie sie den Führerschein in Kairo gemacht hatte. Damals war die Zulassungsstelle noch in Dokki, direkt bei ihr um die Ecke. Sie erzählt mir halbwegs belustigt, dass sie des öfteren auf der Straße den armen Kandidaten bei der Führerscheinprüfung zugesehen hätten. Eine medizinische Untersuchung gehört mit zur Führerscheinprüfung Auch sie war mit mehreren damaligen Kolleginnen und Kollegen in männlicher ägyptischer Begleitung zur Zulassungsstelle gefahren. Die sogenannte ärztliche Untersuchung ähnelte mehr einer Befragung über Bauch und Augen durch einen Beamten, als einer ärztlichen Untersuchung. Letztendlich wurde sehr schnell jedoch die körperliche Fahrtauglichkeit bescheinigt. Nicht nur mein ägyptischer Bekannter, auch zahlreiche Kollegen, ägyptisch und nicht ägyptisch, berichteten von der Theorieprüfung immer das Gleiche. Die Fragen wurden kollektiv gestellt und kollektiv beantwortet. Als meine ehemalige Kollegin diesbezüglich nun nach ihren Arabischkenntnissen gefragt wurde und sie diese durch Vorlesen bestätigen konnte, stand nicht nur ihr, sondern der ganzen Gruppe eine schriftliche Theorieprüfung ins Haus. Die Begleitperson muss wohl ziemlich schockiert gewesen sein und wusste, dass die anderen mit diesen Arabischkenntnissen nicht mithalten konnten. Die Begleitperson setzte nun alle Hebel in Bewegung, damit die Gruppe der deutschen Führerscheinanwärter zur Prüfung nicht antreten musste. Die praktische Prüfung wäre gewesen, einmal vorwärts zu fahren und einmal rückwärts plus eine Kurve um eine Pylone herum. Meine ehemalige Kollegin war ein bisschen enttäuscht, dass sie lediglich 600,-- LE, gut 30,-- Euro bezahlen musste und dann den Führerschein erhielt - dank der Beziehungen und des Verhandlungsgeschicks und dem Bargeld der ägyptischen Begleitung. Mit Wörterbuch hätte sie sich ganz gerne auf das Abenteuer Führerscheinprüfung eingelassen, und vor dem vorwärts und rückwärts fahren hatte sie auch keine Sorge. In der deutschen Community entstanden Gerüchte, man könne den Führerschein einfach kaufen Grundsätzlich werden Geschichten im Gespräch ja nie so weiter gegeben, wie sie passiert sind. Entweder wird etwas weggelassen oder hinzu gedichtet. Die Geschichte mit dem Tenor "wir mussten gar keine Prüfung machen sondern nur Geld bezahlen" verbreitete sich schnell. Irgendwie hatte nach kurzer Zeit jeder von irgendjemandem davon gehört. Dass das so nicht die Regel ist und das Bemühen der Begleitperson vor allem darum ging, nicht arabisch sprechenden Kollegen eine schriftliche arabische Prüfung zu ersparen, das wurde in dieser Ausführlichkeit nicht deutlich. Manifestiert hatte sich nur der Gedanke, man könne in Kairo den Führerschein kaufen. Möglicherweise mag das auch Praxis gewesen sein. Ich kenne bislang aber nur Menschen aller möglichen Nationalitäten, die zumindest einmal vorwärts und rückwärts und um die Ecke fahren mussten. Eine Begleitperson ist jedoch sicherlich hilfreich, wenn es um Verständigung geht und auch, wenn es darum geht, einmal ein Auge zu zu drücken. In der neuen "Murur" fährt man jetzt also mit neuen Autos vorwärts und rückwärts durch drei Törchen. Die Theorie meines ägyptischen Bekannten lautet dahingehend, dass er vermutet, dass sie vermehrt Leute durchfallen lassen, damit mehr Leute in die der Zulassungsstelle angegliederten Fahrschule gehen. In Anbetracht der Verkehrssituation in Kairo sicherlich eine gute Idee. Angesichts der finanziellen Situation vieler Ägypter wird aber wohl der Cousin weiterhin der beliebteste Fahrlehrer bleiben. Es ist zu befürchten, dass die Lerninhalte "Verwendung von Blinkern und Spiegel" sowie "sicheres Wechseln der Fahrspur" in den privaten Lerneinheiten fehlen werden. Wohl, weil auch der Cousin das Fahren von Vater oder Cousin und die wiederum das Fahren von Vater oder Cousin erlernt haben. So, wie alles, was man in Ägypten nicht studieren kann, von Generation zu Generation weiter gegeben wird. Allerdings macht es oft den Anschein, dass so, wie bei dem Spiel "Stille Post", auf diesem Weg etliches an Information und Wissen verloren geht. Im Verkehr reduziert sich das Wissen um sicheres Fahren inzwischen somit auf eine praktische Prüfung, die mit vorwärts und rückwärts fahren bestanden werden kann. Wenn man nicht das Hütchen umfährt.

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